Tabu Insolvenz: Vom Millionär zu Hartz IV
“Schlittert BenQ Mobile in die Insolvenz?” Schlagzeilen! Doch eigentlich ist Insolvenz ein Tabu-Thema. Darüber spricht man im Business nicht. Und wenn jemand die Firma vor die Wand fährt, ist er in Deutschland gebrandmarkt. Und es fast gefährlich sich in die Nähe des Versagers zu begeben, weil das Negativ-Image abfärben könnte. Also besser den «Looser» meiden, ihm aus dem Weg gehen, ignorieren. Insolvenz = Verbrechen?
“Während ‚Pleitiers’ in den USA und England als gestrauchelte Helden gelten, werden sie in Deutschland geächtet”, schreibt Maximilian Piscane in einem Artikel.
Hinter vorgehaltener Hand erzählen Männer von ihrer Pleite. Helmut Becker zum Beispiel. Wir haben gestern miteinander telefoniert. Er war Millionär. Der Autokönig von Düsseldorf zählte zu den schillernden Promis: Ferrari-Fahrer, Society-Partys, ein Leben in Luxus. Verarmte Promis, titelte der Spiegel und beschreibt den Abstieg des Unternehmers. Er hatte Absatzschwierigkeiten, machte als Chef Fehler, war zudem in eine unschöne Liebesaffäre verwickelt, die der Regenbogenpresse Stoff lieferte – er sank tief.
Diejenigen, die einst seine Events besuchten, die ihn Bussi, Bussi um den Hals fielen, wechseln heute die Straßenseite. RTL hat angefragt und will die Story “Vom Millionär zum Hartz IV Empfänger” drehen. Er würde sich gerne stellen, hat er mir erzählt und offen über die Insolvenz reden, aber nicht spektakulär, sondern in einem öffentlichen Gespräch, kritisch, auch hart, aber fair.
Die Unternehmerin Anne Koark kennt das Problem. Die Engländerin musste für ihre Firma “Trust in Business« Insolvenz anmelden. Sie baute ausländische Firmen in Deutschland auf. Nach dem 11. September 2001 zogen sich die Amerikaner zurück- das Geschäft lief nicht mehr.
Anne Koark ist eine mutige Frau. Sie hat ein Buch geschrieben, ein Beststeller mit dem Titel «Insolvent und trotzdem erfolgreich». Und sie setzt sich dafür ein, dass sich das Image von insolventen Unternehmern ändert. Jeden Tag melden sich bei ihr Unternehmer, die von der Insolvenz betroffen sind, die sich mit Schuldgefühlen und Versagensängsten herumquälen, die Angst haben und manchmal sogar an Selbstmord denken.
Anne Koark war vor kurzem in der Sendung “Menschen bei Maischberger.” In meinem Blog hat danach ein Mann einen Kommentar hinterlassen – seine Geschichte berührt, eine Geschichte, die sich so oder so ähnlich ständig in Deutschland wiederholt. Das statistische Bundesamt verzeichnete in den ersten sechs Monaten diesen Jahres 16.265 Insolvenzen – eine abstrakte Zahl – dahinter verbergen sich Menschen, die gescheitert sind, die einen Fehler gemacht haben.
Aber Fehler werden in Deutschand bestraft. Basta! Der amerikanische Managementberater Tom Peters: sagt “Machen Sie Fehler, Fehler, Fehler! Woraus wollen wir sonst lernen?” Müssen wir wohl noch lernen, oder?
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Wir haben Frau Koark vom Wirtschaftsverein Raum Selenter See für einen Vortrag engagiert. Der Vortrag war super. Ich kann jedem nur empfehlen die Chance zu nutzen – wenn sie sich ihm bietet. Frau Koark reist viel herum und hält eine Menge Vorträge.
Einen Tag nach unserer Veranstaltung trat sie in Berlin zusammen mit der Bundesjustizministerin auf. Man sollte also glauben, so eine hochkarätige Rednerin zieht eine Menge Zuhörer an.
Weit gefehlt. Wir hatte sämtliche Wirtschaftsvereine aus allen umliegenden Städten eingeladen. Zusätzlich die Wirtschaftsjunioren in Kiel und den Marketingclub benachrichtigt.
Raten Sie mal, wieviel Teilnehmer kamen:
Insgesamt 9 (in Worten: neun)
Ich hatte vorher mit vielen gesprochen und wurde den Eindruck nicht los, dass das Thema schon interessant ist, sich aber viele scheuen, sich auf so einer Veranstaltung sehen zu lassen. So nach dem Motto: Wenn mich dort mein Banker sieht, nachher meint der noch, ich sei auch kurz vor der Pleite.
Ich fürchte es muß noch viel Wasser den Rhein runter, und noch viel mehr Geld in den Gulli fließen, bis sich die Haltung in Deutschland ändert.
Drücke Frau Koark und allen die für die Auflösung des Tabus kämpfen aber alle Daumen.
Wir werden trotzdem (oder jetzt erst recht) im nächsten Jahr versuchen eine weitere Veranstaltung mit Frau Koark zu organisieren.
Ich versuche schon seit langem, eine Veranstaltung mit Frau Koark zu veranstalten. Ich arbeite in verschiedenen Vorständen wie die Kreishandwerkerschaft, der Innung und des Handels-und Gewerbevereins, ERFA-Kreise, etc. mit. Immer wenn ich das Thema “Insolvenz” auf die Tagesordung bringe, heißt es: “Also bitte, was sollen die anderen von uns denken!”
Dabei kennt jeder von uns zahlreiche Firmen, die in die Insolvenz getrieben worden sind! (Aus welchen Gründen auch immer)
Wenn ich dann noch lese, dass in Berlin nur neun Teilnehmer eine solche Veranstaltung besuchten…!
Ich bin mir sicher, dass jeder von uns – ob “gesund” oder “krank” – eine Menge von Frau Koark lernen könnte! (Aber sagen Sie es bitte nicht weiter – wenn das jemand hört…:-(
Kann mir gut vorstellen, dass Sie mit der Idee einen Vortrag mit Anne Koark zu veranstalten auf Widerstand stoßen. Doch inzwischen trauen sich immer mehr… Man muss ich nur mal den Veranstaltungskalender von Anne Koark anschauen, um festzustellen, dass sie als Rednerin gefragt ist. Ob IHK oder Management Symposium – Anne wird eingeladen- und das spricht für sie! Und: Die Veranstaltungn sind inzwischen immer knackevoll.
Wir sollten uns zusammentun, denn ich plane schon sehr lange mit Anne Koark einen Abend.
Hallo,
ich glaube nicht, dass es in Deutschland ein TabuThema ist eine Firma vor den Baum gefahren zu haben. Ich habe soetwas hinter mir und bin schon immer extrem offensiv damit umgegangen. Mir scheint es eher so, als habe nicht “die Gesellschaft” damit ein Problem sondern die einzelnen Personen, weil Sie dachten, Sie hätten es geschafft und denken SELBST Sie gebranntmarkt. Ich mache eher die umgekehrte Erfahrung, dass sich nach dem Crash Leute mit mir unterhalten, die mir früher nie zugehört hätten, weil Sie aus unterschiedlichen Gründen Interesse an meinen Erfahrungen haben. Auch im Geschäftsleben “stösst” sich niemand daran. Es ist eher so, dass man automatisch bei schwierigen Projekten bei denen ähnliche Themen, wie bei der eigenen Insolvenz angesprochen werden automatisch als “Experte” angesehen wird und somit gefragt ist.
Also lieber Insolvenzler – Hinfallen ist keine Schande und Erfolg ist, wenn man einmal mehr aufsteht, als man hinfällt!
Grüße
Mag sein das das Thema Insolvenz mehr als genug breit getreten ist und die Resonaz auf Veranstaltungen mehr als gering ist, zumal immer mehr Insolvente Unternehmer auch auf Umwegen die Insolvenz zur Wohlstandswahrung nutzen.
Nachdem ich mein Unternehmen verkaufen musste und noch immer Schulden hatte, wechselten fruehere Freunde die Strassenseite. Ich bin daran zerbrochen.
@Jürgen Krug
Lieber Herr Krug,
Ihre Erfahrungen teilen viele andere. Es wird höchste Zeit, dass wir in Deutschland umdenken.
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