Friedensnobelpreis für Muhammad Yunus und Kultur der Selbstständigkeit in Deutschland
2006-10-14, von Monika Birkner
Muhammad Yunus hat zusammen mit der von ihm gegründeten Grameen-Bank den Friedensnobelpreis erhalten. Damit wird sein Werk der letzten Jahrzehnte gewürdigt, das darin bestand und besteht, den Ärmsten der Armen eine Chance zu geben, aus eigenen Kräften, als Unternehmer, sich selbst – und in der Folge auch andere – aus der Armut zu befreien. Instrument dazu ist der Mikrokredit, der mittlerweile Millionen von Menschen zu einem neuen Leben verholfen hat. Mittlerweile sind selbst die Großbanken an diesem Thema interessiert.
Der Wert von Yunus’ Leistung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die FAZ hat den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn sie schreibt, dass die Bank nicht nur Geld verleiht, sondern auch Würde (wobei der Begriff «verleihen» hier mehrdeutig ist). Wer die Erfahrung macht, wie er durch eigene Anstrengung seine Lebensbedingungen und die anderer Menschen verändern kann, ist selbst verändert.
Selbstvertrauen und Würde durch Mikrokredite
Es beginnt damit, dass er mit der Kreditvergabe das Vertrauen erhält, dass er es schaffen kann. Zusätzliche Strukturen unterstützen das.
Indem er das Geld arbeiten und Früchte tragen lässt, erlebt er weitere Erfolge. Er (meistens ist es allerdings eine «Sie») kann den Kredit zurückzahlen. Es können weitere Investitionen getätigt werden. Nach und nach entsteht Wachstum, und zwar nicht nur materieller Art, sondern auch Wachstum der Kompetenz, des Selbstvertrauens, des Ansehens.
Aus den Ärmsten der Armen werden Unternehmer.
Deutschland und seine «Fördermittel»
Und wie ist es in Deutschland? Hierzulande scheint das Wichtigste bei einer Gründung zu sein, «Fördermittel» zu erhalten, ob man sie braucht oder nicht. Wer nicht alles mitnimmt, was sich bekommen lässt, scheint von vornherein nicht clever genug für den Markt zu sein.
Doch was sind «Fördermittel»? Meist fördern sie mehr die Bürokratie als den Unternehmergeist. Ich befürchte, dass für viele junge wie auch gestandene Unternehmer der ständige Blick auf die Fleischtöpfe der Fördermittel die eigene unternehmerische Initiative einschränkt. Schlimmstenfalls richtet man sich so aus, dass man möglichst viel Förderung erhält, statt sich am Markt zu orientieren.
Damit soll nicht dem einzelnen Unternehmer ein Vorwurf gemacht werden. Er verhält sich nur systemgerecht. Gerade dort, im System nämlich, liegt allerdings der Fehler.
Das gesamte System dient nicht nur nicht der Förderung der unternehmerischen Initiative. Es verhindert sie streckenweise sogar.
Müssen wir deshalb auch ein Mikrokreditsystem à la Muhammad Yunus einführen? Vielleicht. Vielleicht nicht. Es gibt auch ohne ein derartiges System viel zu tun, um eine echte Kultur der Selbstständigkeit in Deutschland voranzutreiben.
Kultur der Selbstständigkeit
Dabei geht es nicht nur und nicht in erster Linie um finanzielle Mittel, sondern um eine Änderung der mentalen Haltung. Wie wäre es beispielsweise,
- in Kindergärten, Schulen und Universitäten Menschen nicht zu dressieren und ihnen totes Wissen einzupauken, sondern sie zum selbstständigen Denken zu erziehen
- Menschen von Kindesbeinen dabei zu unterstützen, ihre Stärken zu erkennen und zu leben, die eigenen Träume ernst zu nehmen und nach deren Verwirklichung zu trachten
- unternehmerisches Denken in Schulen zu unterstützen, ein positives Bild von der Wirtschaft zu vermitteln, Schülerunternehmen mehr Raum zu geben
- nicht nur Betriebspraktika durchzuführen und Bewerbungsschreiben zu trainieren, sondern unternehmerische Erfahrung schon in jungen Jahren machen zu lassen
- mehr positive Beispiele zu verbreiten von Menschen, die Schwierigkeiten überwunden, große Ziele erreicht und ihre Lebensumstände gestaltet haben, statt sich von ihnen unterdrücken zu lassen
- keinen geradlinigen Lebenslauf zu fordern, sondern Wechsel – gegebenenfalls auch mehrfach – zwischen Selbstständigkeit und Anstellung zuzulassen
- andere Finanzierungsmodelle für Kleinunternehmer zu kreieren, möglicherweise ähnlich den Mikrokrediten, möglicherweise noch anders
- den Neustart nach dem Scheitern zu erleichtern.
«In jedem Menschen schlummert ein Unternehmer»
Muhammad Yunus wird mit dem Kommentar zitiert, dass in jedem Menschen ein Unternehmer schlummert. Ich sehe es genauso.
Wenn es gelingt, in mehr und mehr Menschen den Unternehmer erwachen zu lassen, wird das Kreise ziehen. Jeder Einzelne, der sein Leben selbst in die Hand nimmt, seine Ideen und Träume wahr macht und beweist, welche Gestaltungs- und Schöpfungsmacht in uns allen vorhanden ist, steckt damit viele andere an. Diese stecken wiederum andere an.
Und irgendwann wird sie immer konkreter – die vielbeschworene neue Kultur der Selbstständigkeit. Eine Kultur, die auf der Stärkung von Stärken beruht, auf gegenseitiger Unterstützung von einer Basis der Gleichwertigkeit und Gleichrangigkeit her, auf Selbstvertrauen und Selbstverantwortung.
Was ein Einzelner bewirken kann
Muhammad Yunus hat einen Weg bereitet, der bisher schon Millionen von Menschen zu einem neuen Leben verholfen hat.
Er hat auch gezeigt, welchen Einfluss ein Einzelner haben kann.
Es gibt keinen Grund mehr, auf den Staat oder die Politik zu warten, damit diese etwas ändern. Es reicht aus, wenn jeder in seinem eigenen Wirkungskreis beginnt.
PS: Mein neues Buch “Wachstumsstrategien für Solo- und Kleinunternehmer” (Walhalla-Fachverlag) ist auch gedacht als ein Beitrag zur Förderung einer neuen Kultur der Selbstständigkeit.
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Samstag 14. Oktober 2006 um 18:29
Hallo Frau Birkner,
nach meiner Ansicht ist Kritik dann hilfreich und zielführend, wenn sie in Begleitung von positiven Beispielen erscheint. Denn ich finde, dass mittlerweile viel in Bewegung ist.
1. Neue Schulkonzepte:
- Phorms Management AG – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=1425
2. Unternehmerisches Denken und Erfahrung in Schulen unterstützen
- Start Up Werkstatt – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=972
- Junior Schülerwettbewerb – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=885
- business@school – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=750
- Jugend denkt Zukunft – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=730
- Schüler als Bosse Aktion der Wirtschaftsjunioren Deutschland
3. Mehr positive Beispiele
- Mutmacher der Nation – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=160
- Best Practice Business – http://www.best-practice-business.de
4. Neue Finanzierungslösungen
- VC – Microfunds – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=1398
- Sellaband – Fans finanzieren die Musikproduktion – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=1185
- Winzer entdecken den Kunden als Geldgeber – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=1070
- Kreditvermittlungsplattformen Zopa und Prosper – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=1066
- franchisecapital – die alternative Finanzierung für Franchisegründer – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=785
- Guest Invest – Wenn der Hotelgast zum Investor wird – http://www.best-practice-business.de/blog/?p=314
Ich würde mir wünschen, dass wir in Zukunft mehr darüber sprechen, welche geniale Ideen es schon gibt, so dass jeder die Möglichkeit hat, seine präferierte Aktion zu unterstützen oder sich anregen zu lassen, aufgrund bestehender Ideen neue Ideen zu entwickeln. Vielleicht ist es ja hier ein Startschuss, mehr über positive Beispiele zu reden. Gerne lade ich jeden dazu ein, in meinem Blog darüber zu diskutieren. Denn hier präsentiere ich bereits täglich neue Ideen rund ums Business.
Samstag 14. Oktober 2006 um 21:58
Ich finde die Wendung bei der Vergabe des Friedensnobelpreises äußerst bemerkenswert. Galt es bisher, Personen auszuzeichnen, die Konflikte gelöst, Konflikte gemildert oder Kriege verhindert haben, so ist jetzt mit Muhammad Yunus quasi ein neue Klasse von Friedensstiftern “entdeckt” worden. Die Vergabe der Mikrokredite gibt Millionen von Menschen Hoffnung und Selbstvertrauen. Das ist die größte Friedensstiftung überhaupt.
Sie sprechen mir aus der Seele Frau Birkner, wenn Sie die Förderung der Selbstständigkeit propagieren. In den letzten Jahrzehnten ist leider in unserem Lande oft das Gegenteil passiert. Es ware oft gut gemeint, ist aber selten gut gelungen. Permanent macht uns unsere Verwaltungsbürokratie Vorschriften in allen nur erdenklich Dingen, so dass für eigene Entscheidungen fast kein Spielraum mehr ist. Das führt bei vielen Mitbürgern zu dem Gefühl, dass “man” sowieso nichts machen kann. In der Psychologie heißt dieses Konzept “erlernte Hilflosigkeit“. Das ist dann so wie bei Zootieren, die Jahre oder Jahrzehnte im Käfig gehalten wurden. Wenn die Türen zur Freiheit geöffnet werden, bleiben die Tiere im Käfig und wissen mit der Freiheit nicht anzufangen.
Ich unterstütze mit vollem Herzen die Vorschläge zu selbständigem Handeln in allen Lebenslagen. Kultur der Selbständigkeit gefällt mit gut. Aus meinen eigenen Untersuchungen weiß ich, dass Autonomie ein zentraler Baustein zum persönlichem Glück ist.
Zu Ihren vorletzten Absatz (“Es gibt keinen Grund mehr …”) fällt mit ein Spruch von Pearl S. Buck ein: “Wenn du die Welt verändern willst, kannst du gleich bei dir anfangen.” Auf denn, es gibt einiges zu tun.
Donnerstag 19. April 2007 um 07:07
Hallo Herr Schneider, hallo Herr Horbach,
vielen Dank, Herr Schneider, für die positiven Beispiele.Ich stimme Ihnen voll zu, was die Wichtigkeit betrifft, positive Beispiele zu verbreiten. Ihr Blog trägt dazu in hohem Maße bei und das finde ich toll.
Herr Horbach, Sie haben mit dem Begriff “erlernte Hilflosigkeit” genau das ausgedrückt, was mir am Herzen liegt und dessen Überwindung mir wichtig ist.
Und insofern schließt sich dann der Kreis. Erlernte Hilflosigkeit kann auch wieder verlernt werden. Und jedes Beispiel von anderen ist dazu ein positiver Anstoß. Denn was einer geschafft hat, ist nicht mehr unmöglich. Andere können es auch schaffen.
Danke schön für Ihre Kommentare.
Herzliche Grüße
Monika Birkner
Dienstag 15. Mai 2007 um 10:39
[...] Die Schüler sind von Yunus Idee begeistert, weil er Menschen fördert, die selbstständig arbeiten, statt sie in die Abhängigkeit zu zwingen. In Zukunft muss auch an Schulen und Unis Selbstständigkeit gelehrt werden“, fordert Karl Otto Kaiser. (Siehe auch den Beitrag von Monika Birkner) Na ja, und seitdem träumten sie davon, Prof. Yunus kennenzulernen und wollten ihn zu einem Vortrag nach Göppingen einladen. [...]