So kommen wir nie in die Spitze
So leicht können wir doch nicht wirklich aufgeben! Ina Freiwild schrieb in der FAZ über das Beispiel einer Laptop-Klasse an einem Lüneburger Gymnasium. Nach Aussagen des Schulleiters sei das Projekt für ihn gescheitert. Freiwild schreibt weiter: «Sein Fazit lautet: Unter den jetzigen Bedingungen würde er das Unternehmen Laptop-Klasse für gescheitert erklären. Es gebe viel zuwenig diesbezüglich ausgebildete Lehrer, und bei den wenigen, die sich anfangs engagierten, sei die Begeisterung wegen ständiger technischer Probleme inzwischen aufgebraucht. «Allein im ersten Jahr mußten wir einen gesamten Satz Laptops wegen Mängeln an den Hersteller zurückschicken.» Vergleichbar resigniert zeigt sich das Gymnasium Carolinum in Osnabrück. Auf ihrer Homepage veröffentlicht die Schule zum Stichwort Medienkonzept: “Die Gesamtkonferenz habe ohne Gegenstimme beschlossen, das Notebook-Projekt in seiner bestehenden Form zum Abschluß zu bringen, jedoch in den nachrückenden Jahrgängen nicht mehr fortzuführen.»
Ja da fragt sich die geneigte Leserin, was dieses Fazit denn wohl soll. Ist es denn wirklich eine neue Erkenntnis, dass eine Schule engagierte Lehrer braucht, die sich mit den neuen Techniken auskennen und diese sinnvoll in den Unterricht einbinden können? Und daß der Laptop ein vernünftiges Hilfsmittel sein und dabei natürlich technisch einwandfrei funktionieren soll? Die Bildungsoffensive 2006 hat da anderes vorzuweisen!
Die Erfahrungen der EduBook-Klasse am Thomas-Strittmatter-Gymnasium in St. Georgen sprechen eine völlig andere Sprache: hoch motivierte Kinder, die sich mit Spaß und Engagement Medienkompetenz aneignen – natürlich unter Anleitung ihrer Lehrer. Das Fazit des FAZ-Artikels, dass Laptops nicht ins Klassenzimmer gehören halte ich für völlig falsch. Richtig ist meiner Meinung nach: Laptops werden in Zukunft ein Hilfsmittel wie der Taschenrechner werden – aber natürlich nur, wenn es vernünftige Produkte und eine didaktische Einbindung gibt.
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Schulen im Kombination mit neuen Medien sind ein sehr heikles Kapitel.
Für einen renommierten Schulbuchverlag war ich mehr als zwei Jahre an drei verschiedenen “eLearning-Projekten” beteiligt. Noch nie habe ich erlebt, daß die Bereitschaft sich mit neuen Medien auseinander zu setzen so breit gestreut und eine ganze Berufsgruppe so skeptisch ist.
Sobald einzelne Piloten aus dem Biotop einzelner engagierte Lehrer auf eine ganze Schule erweitert werden sollten wurde es richtig schwierig. Ich habe im Jahr 2005 (24 Jahre nach der Erfindung des PC!) sogar noch mit Lehrern darüber diskutiert, ob der PC in der Wirtschaft ein wichtiges Instrument sei oder nicht. Bei einigen Projekten war die Bruchladung auch aus anderen Gründen vorhersehbar. Zu Beginn eines Schuljahres wurde das “Lernmanagementsystem” den Lehrern vorgestellt. Ziel war die Nutzung im laufenden Schuljahr. Im Vorfeld hat es solche gravierenden technischen Mängel gegeben, daß das System erst wenige Stunden vor der Schulung funktionsfähig war. Als die Lehrer am nächsten Morgen damit arbeiten sollten, war natürlich noch nichts organisatorisches definiert. Keiner wußte, wer die Inhalte oder die Notebooks verwaltet. Es gab keine Konventionen für Namensgebungen. All die notwendigen “Kleinigkeiten” fehlten. Ach ja, die Inhalte der Schulbuchverlage konnten auch nicht eingebunden werden. Die Folge: Die Lehrer lehnten den Einstieg berechtigerweise ab. Leider findet in solchen Fällen oft eine generelle Abwertung der gesamten Ideen statt und nicht deren stümperhafte Umsetzung. Die erste Chance ist immer die leichteste und wird leider oft fahrlässig verspielt.
Wenn wir den Langsamsten und den am wenigsten Mutigen das Sagen überlassen, bekommen wir bestimmt Probleme. Besser gesagt: wir haben schon die Probleme. Da sitzen verbeamtete Lehrer, die Null Risiko tragen, und erwarten, dass ihnen alles mundgerecht serviert wird.
Kompetenz bekommt man erst, wenn man sich auch mit den Problemen herumschlägt, sich durchbeißt. Vielleicht sollte man ein paar cleveren Jungs und Mädels die Herrschaft über die Schul-Computer übertragen. Die schaffen das bestimmt. Die Lehrer können ja dann mal Nachhilfe nehmen.
Mir scheint die von dir Steffi und von dir Matthias geschilderte Vorgehensweise typisch Deutsch zu sein. Da muss erst alles haarklein und bis ins letzte Detail geklärt sein, bis mal etwas in Gang kommt. So erziehen wir nur Angsthasen und Bürokraten. Die stürmische Entwicklung im IT-Bereich und Internet ist nur zu erklären durch mutige Leute, die eine Menge riskiert haben. Die Chancen erkannt haben und wild experimentiert. Genau das empfehle ich unseren Schulen.
In der Schweiz gab es letztes Jahr ein Experiment: Dort haben verschiedene Klassen überhaupt keinen “normalen” Unterricht bekommen, sondern nur Zielvorgaben für die einzelnen Fächer. Ergebnis: am Ende des Schuljahres haben die Schüler, die sich die Dinge selbst erarbeitet haben, genau so gut abgeschnitten, wie die Schüler mit normalen Unterricht. Da kommt man schon ins Grübeln, ob wir die Lehrer überhaupt noch brauchen. Zumindest so viele.
Ich stelle mir zum Beispiel den Geografie-Unterricht vor. Die Schüler bekommen ein Thema vorgegeben, z.B. “Sahara”. Alles was es dazu gibt, gibts im Internet. Im Nu würden die Kids mit Wikipedia und Google Earth sich das Thema spielend erarbeiten. Nach den oben genannten Beispielen darf Google Earth wahrscheinlich nicht einmal auf dem PC installiert sein. Oder es muss ein Antrag beim Kultusministerium gestellt werden. Und eine Kommision tagt dann ein paar Monate. Und kommt dann zu dem Ergebnis, dass Google Earth aus didaktischen Gründen nicht geeignet sei, weil es da “Germany” und nicht “Deutschland” heißt.
Wie heißt es schon bei Pink Floyd in “The Wall”: “Hey teacher leave us kids alone!“
Es kann natürlich sein, dass die FAZ sich besonders „uninnovative“ Schulen herausgesucht hat. (Eine schlecht Nachricht lässt sich besser verkaufen) Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es kein Einzelfall ist, und in den Schulen lieber den Weg des geringsten Widerstandes gegangen wird. In wie weit die örtliche Kommune das Projekt des „Notbook“ als „Finanz-Notbook“ betrachtet, kann ich nicht beurteilen.
Ich möchte das Ganze einmal aus einer anderen Sicht betrachten. Stellen sie sich einmal vor, das Lüneburger Gymnasium bestellt für eine Weihnachtsfeier ein Büffet. Gesetz der Fall, dass Unternehmen genauso arbeiten wir diese Schule, müsste sich der Auftrag wie folgt abspielen: (Achtung Satire)
Die Schule kann nicht telefonieren, weil sich kein Lehrer mit der neuen Telefonanlage auskennt. Die letzte Konferenz hat einstimmig (!) beschlossen, das Telefon nicht mehr zu benutzen. Es wird beschlossen, dass Büffet persönlich zu bestellen. Die Fahrt mit dem Auto klappt auch nicht. Die Key Code des Autos lässt sich nicht aktivieren und keiner kennt sich mit dem Navi aus…. das alte Dienstfahrrad soll rausgeholt werden. Doch die EDV unterstützte Entriegelung des Tores lässt sich nicht öffnen. Keiner kennt sich damit aus. Auf der kommenden Konferenz schlägt ein junger Kollege vor, per Internet die Bestellung aufzugeben. Stirnrunzel im Kollegium! „Lass es lieber, Herr Kollege. Auch unsre Schüler sind blöd. Was die nicht können, kannst du auch nicht.“ Einige Tage später – nach der 7. Konferenz wegen der Weihnachtsfeier – wurde beschlossen, die Bestellung nach Weihnachten aufzugeben, damit jeder über die Festtage in Ruhe überlegen kann, wie es weitergehen kann.
Nach den Ferien wurde weiter überlegt – ob eine Feier noch sinnvoll sei. Eine arrangierte Dame hatte aber schon einen Auftrag bei einer ehemaligen Schülerin aufgegeben. Sie macht eine Ausbildung in diesem Betrieb. Eine schriftliche Bestätigung konnte nicht gegeben werden, weil auch deren Betriebs -EDV für gescheitert erklärt wurde. Der Betrieb erklärte, dass der Auftrag im neuen Jahr erneut bearbeitet werde, damit nachrückende Schüler eine echte Chance auf einen Ausbildungsplatz finden…..
Ende!
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