Du hast keine Chance …also nutze sie!
2007-01-09, von Andreas Kirsche
Sommer 2006: Ford in Amerika steht mit dem Rücken zur Wand. 1,4 Milliarden Dollar Verlust im ersten Halbjahr. 14 Werke sollen geschlossen werden. 34.000 Mitarbeiter müssen gehen. Umfangreiche Restrukturierungen stehen an. Neue und vor allem wettbewerbsfähige Produkte müssen aus dem Boden gestampft werden.
Harte Zeiten für die grosse Traditionsmarke. Nach dem jahrelangen Missmanagement ist der Handlungsspielraum eng. Wie kommuniziert man in dieser Situation mit den eigenen Mitarbeitern? Mit der Öffentlichkeit? Mit den Kunden?
Ford hat einen ungewöhnlichen Weg gefunden. Statt zu mauern, lassen die Change-Protagonisten (mit CEO Mark Fields an der Spitze) die Hosen runter. In einem Videoblog dokumentiert Ford seit Mitte des letzten Jahres die Umwälzungen und die Schauplätze dieses Veränderungsprozesses.
Die bisherigen Versäumnisse und aktuelle Probleme werden benannt. Kunden, Mitarbeiter, Wettbewerber, Wirtschaftsexperten und Journalisten kommen zu Wort. Oft kritisch. Einige O-Töne: «Wir haben den Kontakt zu unseren Kunden verloren» oder «Ford kommt an die Qualität der Japaner nicht heran» oder «Wir haben kein Marketing-Problem. Unsere Produkte sind das Problem!»
Das Videoblog ist auf Interaktivität angelegt. Es soll die Mitarbeiter in die jeweils aktuellen Entscheidungsfindungs-Prozesse des Unternehmens einbeziehen. Statt Gerüchte anzuheizen oder Informationen für Machtspiele zu missbrauchen, soll jedes Detail, das für relevant gehalten wird, öffentlich gemacht werden können. Die Videobeiträge können von den Mitarbeitern kommentiert werden. Kontroverse Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht.
Ich finde, Ford hat mit diesem Videoblog eine beachtenswerte Steilvorlage für den Umgang mit Krisen, Herausforderungen und verfahrenen Situationen geliefert. Könnten wir in Deutschland auch an mancher Stelle gut gebrauchen.






















Dienstag 9. Januar 2007 um 20:42
“Selbst-Geißelung” war schon in mittelalterlichen Klöstern sehr beliebt – ich bin mir allerdings nicht so ganz sicher, ob auf diesem Wege verloren gegangenes Vertrauen zu den Kunden zurück zu gewinnen ist…
Dienstag 9. Januar 2007 um 21:18
Allen Mitarbeitern uneingeschränkt die Möglichkeit zu geben, Ihre Meinung zu äußern – besonders zu kritischen Punkten – spricht aus meiner Sicht für Größe und Mut. Denn nur im Teilen und Mitteilen der eigenen Sorgen und Schwachstellen kann sich etwas verändern und offenbar hat das Ford Management dieses verstanden.
Mittwoch 10. Januar 2007 um 00:33
Ich begrüße es, dass Ford, die “Hosen runter lässt” und einen, wie ich finde, überaus mutigen Weg beschreitet. Die Form des Dialogs und der Offenheit ist großartig, weil darin der wahre Change Management Prozess liegt. Ich bin sicher, dass viele anderen Unternehmen in den nächsten Jahren diesem Beispiel folgen (müssen)und meine Hoffnung geht noch einen Schritt weiter, dass Firmen die große Chance erkennen, Mitarbeiter, Kritiker, Wettbewerber und Journalisten einzubinden und darüber Veränderungen zu bewirken. Dass gerade kontroverse Diskussionen fruchtbar sind, konstruktive Kritik weiter bringt, müssen in Deutschland erst viele Fassaden-und Hochglanzbroschüren Unternehmer lernen. Und gelernt wird oft erst dann, wenn die Frmen in eine Krise schliddern. (siehe Ford)
@Michael
Über Deinen Kommentar bin ich verdutzt. Selbst-Geißelung? Was hat das Mittelalter, mit der offnenen Kommunikation, wie sie bei Ford praktiziert wird, zu tun? Das musst Du mal erklären…
Mittwoch 10. Januar 2007 um 09:24
Liebe Elita,
der gestrige Kommentar kam eher aus dem Bauch heraus…irgendwie hatte ich das Gefühl, das hier die “Opferrolle” genutzt wird um das Ziel – also den Kunden – zu erreichen. Ich habe den Kommentar auch deshalb geschrieben, damit das Thema (kontrovers) diskutiert wird.
Meine Meinung in dieser Sache ist also noch “schwankend”…
Mittwoch 10. Januar 2007 um 18:47
Change Management vom Feinsten – tolle Idee von Ford, diesen Prozeß via Blog einzuleiten! Danke für den Artikel – ich hätte da sonst gar nichts von mitbekommen..
@Michael Fromm: das mit der “Selbstgeißelung” verstehe ich auch nicht. Und bin mir ziemlich sicher, daß Ford nicht in eine Opferrolle zur Kundenbindung/-rückgewinnung rutscht. Weil so was in dem Marktsegment gar nicht funktioniert.
Soviel busines-psychologische Grundkenntnisse darf man dem Management allenthalben zutrauen. Besonders, wenn es jetzt innovativ ist, oder?!