Liegt unser Heil in den Billiglohnländern?
Auch wir lassen schon in Billiglohnländern produzieren, aber nicht um Mitarbeiter freizusetzen, sondern um mit einer Mischkalkulation unsere Chancen bei der Vergabe von lohnenden Aufträgen zu verbessern. Die Arbeiten, die ins Ausland vergeben werden, umfassen reine manuelle Tätigkeiten, die noch (wie lange noch?) mit ein bis zwei Euro pro Stunde vergütet werden. Alle automatisierbaren Arbeiten werden auf unseren High-Tech-Bestückungsautomaten, zu Preisen abgewickelt, die auch mit den asiatischen konkurrieren können.
Welche Produkte und Aufträge lassen sich nicht im nahen oder fernen Osten abwickeln? Alle Leistungen, bei denen der Kunde die Lieferung innerhalb weniger Tage benötigt, müssen schon aus logistischen Gründen im Inland erbracht werden. Die meisten unserer Kunden, dazu gehören auch Konzerne, sind trotz bester IT-Landschaft, in der Materialwirtschaft unglaublich schlecht organisiert. Selbst in Investitionsgüterprojekten, die monatelange Projektlaufzeiten umfassen, fällt es dem Einkauf oder dem Projektleiter eine Woche vor Auslieferung ein, dass zum Produkt auch eine Elektronik gehört. Dann heißt es wieder einmal: esw liefert mal schnell oder könnt Ihr etwa nicht? Natürlich können wir, aber nur auf Grund unserer extremen Flexibilität. Diese Leistung kann kein ausländisches und schon gar kein asiatisches Unternehmen erbringen.
Warum investieren die großen Firmen im Ausland? Ich hatte ursprünglich geglaubt, dass es am niedrigeren Lohnniveau vor Ort liegt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Während meiner Besuche bei verschiedenen Vorzeigebetrieben fiel mir auf, dass es in diesen Firmen nicht von unzähligen Mitarbeitern, die in Legebatterien gehalten werden, wimmelt, sondern es empfing mich jeweils ein hochmoderner Maschinenpark mit den ausgefallensten Sondermaschinen und einem Automatisierungsgrad, der kaum Mitarbeiter erfordert.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Vollautomatisierung auch in Deutschland konkurrenzfähig ist. Warum also mit diesem Maschinenpark ins Ausland gehen? Ganz einfach: Mit üppig ausgestatteten EU-Geldern halbieren sich die Investitionskosten, die Grundstücke werden kostenfrei angeboten und das Sahnehäubchen ist die Befreiung von der Gewerbesteuer und eine niedrige Körperschaftsteuer. Diese mit EU-Geldern, d.h. mit unseren Steuergeldern subventionierten preiswerten Waren kommen dann zurück auf den deutschen Markt und unterbieten preislich die Produkte der redlich in Deutschland produzierenden Firmen.
Die Japaner haben 20 Jahre gebraucht, bis sie unser Kostenniveau erreicht und sogar überschritten haben. Bei der heutigen globalen Informationstransparenz wird es nicht so lange dauern, bis die Billiglohnoasen unattraktiv für uns werden. Schon heute verdient ein koreanischer Ingenieur genauso viel wie ein deutscher. Grundstücke, die in China vor drei Jahren noch ein paar Cent pro m² gekostet haben, werden in den begehrten Industriegebieten bereits mit 200 bis 300 US-Dollar pro m² gehandelt. Dies sind angenehme Symptome, die erkennen lassen, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis dieser “Hype” der Normalität gewichen ist. Leider kann ich nicht voraussagen, wie lange es bis dahin dauern wird. Eines weiß ich jedoch, es wird keine weiteren zwanzig Jahre dauern und solange müssen wir durchhalten.
Zwei Bitten lege ich den Firmen ans Herz, die verlagern wollen: Seien Sie sich bewusst, dass Ihre innovativen Produkte eher als Plagiat auf den Markt kommen als Ihre Originale.
Und berücksichtigen Sie bitte bei der Ermittlung der “Kostenvorteile” den immensen Kostenblock, der bei Ihnen im Haus entsteht, um mit einer vielköpfigen Supportmannschaft die fernöstliche Produktion zu “controllen”.
Dieses war mein letzter Beitrag im Rahmen der Blog-Woche “Chefsache”, in der ich Ihnen etwas über unsere Firma, über die Welt und die Menschen geschrieben habe. Ich hoffe, es war kurzweilig genug. Vielen Dank!
Herzlichst, Ihr Dieter Podhajecky
PS: Wenn dieser Beitrag veröffentlicht wird, bin ich schon in Lyon. Ich bitte daher um Verständnis, dass ich auf Kommentare erst am Anfang nächster Woche eingehen kann.
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Hallo lieber Herr Podhajecky, Grüße nach Lyon [;-)] und danke für diese interessant geschriebene und durchaus positive Einschätzung, auch des Angstfaktors China.
Mich selbst und meine Geschäfte betrifft es nicht, aber ich dachte gerade bei dieser Lektüre an meinen Bruder. Der ist Inhaber einer Strumpfmodenfabrik. Produziert werden Socken in der Türkei und in Europa (teile das hier bewußt, denn die Türkei gehört für mich nicht nach Europa!). Einige seiner Kunden “erpressen” ihn schon geraume Zeit mit dem Hinweis, wenn Du nicht billiger wirst, dann kaufen wir in China!
China kann tatsächlich zur Zeit billig produzieren. Natürlich auf Kosten der Menschen. Die, die ich meine, z.B. die Tagelöhner in der Strickindustrie arbeiten für unsere Verhältnisse fast umsonst, schlafen in der Produktionsstätte, weil eine Heimfahrt täglich, aus den verschiedensten Gründen nicht möglich ist. Den Kunden meines Bruders interessiert das nicht im geringsten,(am liebsten würde ich den Namen dieser Firma hier nennen).
Aber China wacht auf. Sie bauen und expandieren gewaltig. In wenigen Jahren werden viele Millionen Menschen dort Ansprüche auf ein Leben erheben, daß unserem nicht unähnlich ist. Und dann wird die billige Preisspirale ein Ende haben. Die Zeiten des seligen Admiral Zheng He sind zwar vorbei, aber der Wille stark zu werden ist heute größer als je zuvor und die Ziele sind mit denen Maos überhaupt nicht mehr zu vergleichen.
Allerdings werden dann kleine Firmen, wie die meines Bruders nicht mehr am Markt sein.
Die “Normalisierung” kommt für ihn sicher zu spät.
Herzliche Grüße: Det Mueller
Zu dem Thema gibt es einen interessanten Artikel auf Spiegel-online von heute: Rückkehr der Reumütigen.
Der Standort Deutschland scheint besser zu sein, als sein Ruf.
Lieber Herr Podhajecky,
wie heißt es doch so ‘schön’ ‘Geiz ist geil!’. Auf diese scheinheilige Devise fahren wohl auch einige Unternehmen ab, die Fördermittel und scheinbare Steuervorteile ‘mitnehmen’ und erst später merken, dass es sich betriebswirtschaftlich auf Dauer überhaupt nicht rechnet/ gerechnet hat.
Dies weist jetzt unter anderem auch eine Untersuchung von Dr. Steffen Kinkel und Christoph Zanker vom Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)im Auftrag des WSI für die Automobilbranche nach.
Auf der Basis von quantitativen Befragungen in knapp 200 Unternehmen und von zusätzlichen Intensivinterviews mit Managern und Betriebsräten in 12 Unternehmen unterscheiden die ISI-Wissenschaftler drei Betriebstypen in der Autozulieferbranche:
* So genannte Home based players. Diese Betriebe produzieren ausschließlich oder bevorzugt in Deutschland.
* Kostenorientierte Auslandsproduzenten. Sie investieren verstärkt in Niedriglohnländern, um ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
* Markt- und kundenorientierte Auslandsproduzenten. Sie bauen Werke im Ausland, um neue Märkte zu erschließen und näher an ihre Kunden heranzurücken. Oft werden sie von ihren Abnehmern, den großen Autokonzernen, dazu angehalten.
Beim Vergleich der Umsatzrendite finden die ISI-Forscher keine signifikanten Unterschiede zwischen den drei Gruppen. Sie folgern: Betriebe, die auf den Produktionsstandort Deutschland setzen, seien “zumindest nicht schwächer als die beiden anderen Typen aufgestellt”. Und: Gerade kostenorientierte Auslandsproduzenten, die mit ihrer Verlagerungsstrategie auf kurzfristige Einsparungen zielen, seien im Mittel “sicherlich nicht überdurchschnittlich erfolgreich”.
Dem muss Mann nichts mehr hinzufügen.
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