Das Ende des Blogging-Wahns

2007-03-05, von Matthias Rückel

Mit dem Titel “Das Ende des Blogging-Wahns” ist ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Die Abneigung des Autors gegen Blogs kommt schon in der Überschrift zur Geltung. Im Artikel geht es dann ausschließlich um Corporate Blogs von Großunternehmen, die nicht erfolgreich sind und eventuell geschlossen werden, geschlossen worden sind.
«In den vergangenen Monaten haben kaum größere Unternehmen den erfolgreichen Schritt in die Blogosphäre geschafft», stellt der Initiator der Top 100 Business Blog- Liste, Ketchum PR, fest” Was ist so dramatisch daran, wenn Blogs sich vielleicht “nur” als erfolgreiches Kommunikationsmittel von Klein- und Mittelstand erweisen? Endlich ein Marketing-Instrument, bei dem nicht nur Budget eine Rolle spielt.

Ein Großteil der Blogleser sucht und findet in Blogs Informationen, die er an anderen Stellen – auch in Zeitungen – nicht findet. Dieses Ergebnis der Blogstudie 2006 weist darauf hin, das Blogs generell eher für Spezialthemen geeignet sind.

“Die Unternehmen haben Angst vor der Öffnung ihrer Sites, vor Missbrauch und nicht zuletzt vor möglicher Kritik», das führt dazu das Unternehmen keine Blogs aufmachen. Stimmt, deshalb ist ein Blog nicht für jedes Unternehmen geeignet. Auch die Entdeckung von bezahlten Corporate Blogs, die nicht als solche zu erkennen waren, wird als Negativbeispiel angeführt. Die Aufdeckung eines Missbrauches, einer gezielten Irreführung ist in meinen Augen etwas Postives. Nicht umsonst gibt es Gesetze, in denen verlangt wird Werbung und Anzeigen gegenüber redaktionellen Inhalten zu kennzeichnen.

Corporate Blogs besitzen in der Blogger Szene keine Reputation, ist eine weitere Bestandsaufnahme. Stimmt, die Kommerzialisierung von Blogs durch Unternehmen wird in weiten Bloggerkreisen kritisch gesehen. Der Umkehrschluß ist viel interessanter: Von Blogs wird eine Glaubwürdigkeit erwartet, die Leser Unternehmen scheinbar nicht zutrauen. Was sagt das über die bisher übliche Unternehmenskommunikation aus? Und welch eine Change liegt darin!
Zum Abschluß des Artikel wird sich über immer kürzere “Hypes” beschwert, als Beispiel wird die neue Welle über die virtuelle Welt “Second Life” genannt. Dazu möchte ich den Hype-Cycle von Gartner erwähnen: Erst wenn der große Medienhype in der etablierten Presse (!) vorbei ist und eine Ernüchterung der dort (künstlich) hochgepeitschten Erwartungen eingetreten ist, werden Innovationen produktiv genutzt. Ergo, ist der Artikel in der Süddeutschen ein Hinweis darauf, daß Corporate Blogs Ihre große Zeit noch vor sich haben. Auch wenn die Presse dann längst beim übernächsten Hypethema ist.

Die Abschlußfrage des Artikels “Wie lange bleiben Blogs noch Thema?” wird mit der Prognose nach einer geringeren Anzahl an Blogs untermauert. Da bisher mehr Zeitungen eingestellt wurden, als heutzutage erscheinen, möchte ich mit einer Gegenfrage antworten: “Sind Zeitungen noch ein Thema?”

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9 Kommentare zu “Das Ende des Blogging-Wahns”

  1. Wolfgang Horbach sagt:

    Irgendwie erinnert mich das an die Aussage des Leiters einer Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Der sagte mir vor einigen Jahren: “Das mit dem Internet soll ja schon wieder vorbei sein”.

    Ich erinnere hier noch einmal an meinen Betrag zu der “Fieberkurve der Aufmerksamkeit” von Innovationen. Wer glaubt, dass das Runter vom Gipfel der überzogenen Erwartungen zum Tal der Enttäuschungen das Ende bedeutet, irrt. Im Gegenteil: danach kommt die Konsolidierung und das Plateau der Produktivität.

  2. Matthias Rückel sagt:

    Danke für den Link auf die Hype-Kurve Wolfgang. Genau auf diese Kurve beziehe ich mich im Artikel. Ich wußte, daß sie im Blog existiert, habe aber nur nach “Gartner” und “Hype Cycle” gesucht und nicht gefunden. Super!

  3. Ludger Freese sagt:

    @ Wolfgang:
    dazu fällt mit ganz spontan ein Satz ein. Als der Euro eingeführt wurde sagte eine Oma zu mir: (auf Plattdeutsch) “Das mit dem Euro wird sich hier auf dem Lande nicht durchsetzen…!”
    Das passt vielleicht nicht zum Blog – spiegelt aber wieder, wie “Neues” betrachtet wird. :-)

  4. Stephan Fröhder sagt:

    @Blogkommunikation: …die Qualität und Vielseitigkeit der neuen Kommunikation in den Blogs wird noch unterschätzt. Die Blogosphäre ist besser informiert und vernetzt als es scheint. Aber: Eignen sich Blogs für die Firmenwerbung? Kann man sie für PR-Kampagnen gezielt einsetzen u. nutzen? Funktionale Blogmusik? …:-) Stephan Fröhder 2007-03-06

  5. Matthias Rückel sagt:

    Hallo Herr Fröhder,

    eignen sich Blogs für Firmenwerbung? Wenn unter Werbung nicht platte “wir sind toll” Botschaften verstanden werden, dann ja. Es muss halt etwas Lesenswertes drin stehen.

    Eine Strategie ist bis jetzt mehrfach gescheitert: Blogs bzw. die Blogosphäre manipulativ zu nutzen. Blogs sind m. E. kein Musikinstrument, das im Sinne herkömmlicher Mechanismen funktioniert. Es gibt in der Blogosspäre eher Reflexe, die normale PR-Arbeit und Werbung durchschaubarer und schwerer machen.

  6. Lutz Falkenburg sagt:

    Hallo Matthias,

    die “Blogosphäre” wird bereits massiv manipuliert – nur, Manipulation funktioniert nur, wenn man es nicht merkt :-)

    Einer meiner Partner betreibt dazu eine “Agentur” die bereits mehrfach sehr erfolgreich im Einsatz war. Es ist im Second Life wie im First Life, nicht alles ist das, was es scheint! http://www.tastaturkrieger.de

    Selbst alteingesessene Blogger erkennen die Verdienstmöglichkeiten mit Werbung in Blogs und ja, der Slogan “von Blogger für Blogger” macht das ganze natürlich – ähm – authentischer.

    Mehr darüber gibt es hier: http://www.spreeblick.com/2007/02/28/adical-werbung-in-blogs/#more-4639

    Grüße

    LF

  7. Matthias Rückel sagt:

    Hallo Lutz,

    Werbung auf Blogs, wie die Aktion im Spreeblick ist für mich keine Manipulation. Werbung ist offensichtlich. Ich habe ja auch Werbekunden auf meinem Blog.

    Das Agenturen Nachrichten streuen, die auch Blogger veröffentlichen ist klar und das auch Bestandteil einer Kommunikationsstrategie ist, auch. Die “Anderen” können Individuen manipulieren in dem Sie bestimmte Sachverhalte in die Welt setzen.

    Ist die Nachricht einer Agentur, sie könne erfolgreich Blogs manipulieren selbst eine Manipulation auf mehreren Ebenen? Ein klares Ja! Bin ich jetzt manipuliert weil ich diese Behauptung aufnehme? Ja und Nein. Kommt drauf an. Hinter der Aussage der Agentur könnten mehrere Ziele oder gegensätzliche “Manipulationsziele” stecken.

    1) Die Agentur kann in Wirklichkeit keine Blogs manipulieren und behauptet es einfach, um Blogs unglaubwürdiger zu machen.
    2) Die Agentur kann es wirklich und wirbt über Deinen Kommentar und Namedropping.

    Die Kommunikation der Agentur war auf jedenfall erfolgreich, da über Deinen Link der Name bekannt wird. War die Manipulation darüber hinaus erfolgreich, obwohl ich mit meiner Antwort die Glaubwürdigkeit der Agentur in Zweifel ziehe? Lockt meine Antwort so viele Leute auf die Webseite oder nicht?

    Wissen wird das nur der Agenturchef und der wird es uns leider nicht offen verraten, da er nicht offen zugeben kann, wenn Manipulationen von Blogs ins Leere laufen.

    Deshalb ist es mit Manipulationen so eine schwierige Sache. Man kann jedes Plazieren einer Nachricht als erfolgreiche Manipulation, auch die Diskussion hier, betrachten. Der Nachweis ob die Meinungsbildung in die gewünschte Richtung geht, ist schwieriger.

  8. Matthias Rückel sagt:

    Übrigens hier der Link zur Blogstudie. War ich noch schuldig.

    Ein spannder Artikel über die Schwierigkeiten der schreibenden Zunft mit Zahlen umzugehen und die Tatsache, daß scheinbar viele abschreiben ohne nachzurechenn voneinander abschreiben.

    Der Werbeblogger plädiert sogar dafür den Begriff Blog abzuschaffen und durch eJournal oder ähnliches zu ersetzen.

  9. Jürgen sagt:

    http://www.teno.de/teno/deutsch/blog/2007/03/05/sind-wir-nicht-alle-ein-bischen-bloggiert/

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