Wo wohnt das Glück?
In einem Beitrag der ZEIT http://www.zeit.de/2007/28/Gl-ck (Was braucht der Mensch?) stand ein bemerkenswerter Satz: Nach einer Studie der London School of Economics gehören die Allerärmsten dieser Welt, die Menschen aus Bangladesch, zu den glücklichsten Menschen dieser Erde. Auch wenn sie bezüglich wirtschaftlicher Zufriedenheit nur im Mittelfeld rangieren http://www.zeit.de/2007/28/Gl-ck_1
Deutsche sind dagegen nicht sehr glücklich, aber wirtschaftlich zufriedener als die Menschen in Bangladesch. Diese Zufriedenheit steigt aber nur linear mit der wirtschaftlichen Sicherheit und dem Einkommen, bis die Grundbedürfnisse Nahrung und Wohnung befriedigt sind. Ein Einkommensmillionär ist nicht zufriedener als ein Postbote, Erfolgssprünge machen nur für eine ganz kurze Zeit glücklich.
Wir setzen Glück immer mit Zufriedenheit und der Abwesenheit von Problemen in Verbindung, machen Glücklichsein abhängig von guten Bedingungen. Die Menschen in Bangladesch sind aber glücklich völlg unabhängig von äußeren Zuständen.
Ich würde das einfach nicht glauben – hätte ich diese Mentalität nicht selbst vor drei Jahren in Kerala/Südindien erlebt. Kerala ist wohlhabender als die anderen indischen Staaten, zwei Kinder pro Familie sind die Regel und sie gehen alle in die Schule, Bettler sind eher die Ausnahme. Der Lebensstandard ist mit unserem nicht vergleichbar, die Armut wirkt aber mehr pittoresk als schockierend.
 Ich war 6 Wochen dort und hatte teilweise einen Chauffeur, der mir “sein” Kerala (für 5 Dollar/Tag!) zeigte, mich zu den Festen seiner weitverzweigten Sippe (jedes Mal mehrere hundert Personen) mit nahm und stolz die “Fabriken” (Bretterverschlag mit drei bis fünf Webstühlen) seiner “reichen” Freunde vorführte. Dieser gebildete und studierte Mann lebt mit seiner Familie am Strand in einer Wellblechhütte ohne Strom, Wasser und Clo. Seine Frau wusch seine schneeweiße Livree und die weißen Leintücher für die Autositze im Fluss, in der Trockenzeit nur eine Kloake. Mindestens alle zwei Jahre schwemmt das Meer alles weg und er fängt wieder neu an. Aber er ist glücklich, seine einzige Sorge ist die Mitgift seiner Töchter (1 und 3 Jahre, jeweils ca. 1500 Euro). Seine Frau ist glücklich und ausgeglichen, seine Kinder sind lebhaft und fröhlich.
Ich bin 6 Wochen lang keinem unfreundlichen, schlecht gelaunten oder aggressiven Menschen begegnet, alle waren schon fast irritierend fröhlich und ausgeglichen. Nicht mal trotzige Kinder gab es. Die Menschen sind sehr religiös, zu je einem Drittel Christen, Muslime, Hindu. Der christliche Bauer lebt mit seiner Kuh direkt neben dem Hindu – kein Problem.
Auswandern in dieses Paradies? Nein, niemals – ich könnte nicht über die schreiende soziale Ungerechtigkeit, die vorsintflutlichen Moralvorstellungen, die Unterdrückung der Frau, die einengenden Familienbande (und die Kakerlaken, die Schlangen, die Blutegel in der Regenzeit)Â usw. usw. hinwegsehen. Das würde mich unglücklich machen… Die Menschen dort sehen das auch, aber sie werten es nicht und reagieren nicht.
Aber ich habe viel gelernt auf dieser Reise: dass man glücklich sein (üben) kann und trotzdem unzufrieden sein kann mit den Zuständen, persönlich und global. Denn Unzufriedenheit ist der Motor um Dinge zu ändern. Dass man Dinge besser ändert, indem man die Chancen erkennt als sich im Status quo zu zerfleischen, ist dann schon wieder ein neues Thema….
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Der Durchschnitt unserer Bevölkerung wird immer wohlhabender. Wir leben in einer totalen Überflussgesellschaft. Und trotzdem geht es sehr vielen Menschen in unserer Gesellschaft psychisch immer schlechter: steigender Stress, kaputte Familien und Beziehungen, steigende Unzufriedenheit. Depression ist eine neue Volksseuche geworden. Tendenz stark steigend.
Da dämmert es allmählich Einigen, dass wir wahrscheinlich den falschen Zielen nachjagen. Die Zeitschriften berichten zunehmend über das Thema Glück. Aber diese Berichte kratzen nur an der Oberfläche.
Wer sein Glück steigern will, kommt nicht daran vorbei, sich intensiver damit zu beschäftigen: Glück ist lernbar! Diese Lektion haben Menschen in anderen Regionen der Welt wohl besser begriffen als wir. Bisher. Aber wir sind ja lernfähig. Oder?
Diese Zeilen las ich heute auf der Website von Andreas Tenzer (http://www.psp-tao.de/psychotherapie)
“Bei einem Treffen östlicher Meister und westlicher Therapeuten war der Dalai Lama sehr verwundert darüber, dass er immer wieder den Begriff geringes Selbstwertgefühl hörte. Er soll daraufhin in dem Raum umhergegangen sein und jeden einzelnen Therapeuten gefragt haben: “Leiden Sie darunter?” Als alle bejahten, soll er ungläubig den Kopf geschüttelt haben.
Diese Reaktion ist nur verständlich vor dem Hintergrund, dass in Tibet ein positives Selbstwertgefühl als etwas Selbstverständliches gilt. Von der Wiege bis zum Sterbebett wird es einem dort vermittelt, während uns Westlern meist eingetrichtert wird, dass wir nur dann wertvoll sind, wenn wir dies und jenes leisten oder besitzen.”
Von April 2002 bis August 2003 arbeitete ich in Indien. Bei einem Ausflug, bei dem die indischen Mitarbeiter mir vor allem das Hinterland von Delhi zeigten, kam es zu folgendem Ereignis:
Ein alter Mann hockte am Wegesrand und hatte die Hände zu einer Schale geformt, sodass ich glaubte, er wolle etwas. Mein Münzgeld trug ich in der rechten Hosentasche, doch hatte ich gerade nur noch eine Rupie darin ( damals 1/43 € ), den gab ich ihm. Er schaute mich verdutzt an, sprang auf und rief auf Hindu “Ich bin reich, ich bin reich.” So viel Freude, glücklich sein, habe ich seitdem nicht mehr gesehen. Der alte Mann trug sein Glück im Herzen…
Über Indiens Süden vermag ich nichts zu sagen. Den habe ich ob des kolonialistischen Tourismus immer vermieden und nie gesehen.
Im Norden wohnte ich als ordinierte Nonne in tibetisch buddhistischen Klöstern (bes. Dehra Dun).
Ich teilte mit Bettlern mein karges Klostermahl und bezahlte Dienstleistungen wie “Tuc-Tuc” zum Transport immer nach westlichem Budget. Um postkolonianistische Ausbeutung zu vermeiden.
Glück fand ich in meinem Seelenfrieden in den Klöstern. Und finde es jeden Tag – nicht an einem Ort, sondern in jeder Begegnung, die Raum bietet für positive Betrachtung.
Das Glück “wohnt” (wenn überhaupt) in uns, unseren Begegnungen und dem, wie wir “anderen” begegnen.
[...] Wir sind nicht nur Export-Weltmeister, sondern auch Weltmeister im Jammern. Ich beneide die armen Inder. [...]
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