Marketing- und Präsentations-Jargon: nichts als Worthülsen?
2007-08-03, von Beate Strauss
“Wir haben Marketing und Vertrieb gestrafft, die Zahl der Marken reduziert und die neue Markenarchitektur etabliert…. Wir haben die bisherige Kommunikation auf den Prüfstand gestellt und uns für eine Vereinfachung unserer Marktansprache entschieden” (Rede Telekom-Chef)
 oder
“Wir haben Personal und Produkte verringert. Wir wollen verständlich mit den Kunden reden”
???
Die Marketing- und Präsentationssprache (“Bullet Points”) liebt Weitschweifigkeit und unverbindliche Allgemeinplätze.
Weil eine einfache, klare Sprache zu simpel wirken und den Verdacht erregen könnte, inkompetent zu sein oder weil Worthülsen davor bewahren, konkret werden und die W-Fragen beantworten zu müssen, die sich das Publikum stellt?
Ein kritischer Artikel zu diesem Thema
http://www.zeit.de/online/2007/30/bg-powerpoint





















Freitag 3. August 2007 um 21:41
Absolute Zustimmung, Beate. Wenn dann die Worthülsen noch mit saudummen Anglizismen oder Pseudoanglozismen gewürzt werden, drehe ich bei. Habe datüber auch mal geblogt:
http://www.baudax.de/blog/?p=522
Samstag 4. August 2007 um 10:11
Was die Worthülsen angeht, stimme ich voll zu. Wir können ja gleich hier im Blog anfangen, eine verständliche Sprache zu sprechen.
Das Powerpoint-Bashing, Entschuldigung Frau Schavan, ich meinte natürlich das Powerpoint-Verprügeln, scheint gerade in zu sein, sorry – Entschuldigung, scheint gerade in Mode zu sein (verdammt, auch kein gutes Deutsch, oder?). Matthias Pöhm hält Powerpoint gar für einen Irrtum. Dabei ist es aber nicht das Werkzeug, sondern der Benutzer, der es unzweckmäßig einsetzt.
Ist der Hammer schuld, wenn der Benutzer damit auf alle möglichen Gegenstände eindrischt, auch wenn es keine Nägel sind?
Es ist sicher ein schönes intellektuelles Spiel, eine antike Rede mit Powerpoint zu zerlegen. Aber Herr Joffe von der Zeit wird damit den Anforderungen einer zeitgemäßen Kommunikation nicht gerecht. Unser Geschäftsleben wird immer komplexer. Zusammenhänge lassen sich visuell besser erfassen und vermitteln als verbal (“Ein Bild sagt mehr als tausend Worte”). Präsentation werden also weiter zunehmen. Was wir brauchen, ist eine visuelle Kompetenz. Die lernen leider nur Grafiker und Designer.
Der Traum: eine einfache und klare Sprache. Und gute, schöne, aussagekräftige Bilder, Diagramme und Grafiken.
Samstag 4. August 2007 um 10:15
Diese Worthülsen sind meiner Meinung nach ein Ausdruck von Unsicherheit, die sich fortsetzt. Beginnend bei irgendeinem Prof., der eine neue Theorie aufstellen will, über die Berater, die pseudo-moderne Konzepte verkaufen. Diesen wird kaum widersprochen und letztlich steht der Unternehmenschef da und redet so, dass keiner mehr was versteht.
Das ist auch besser so, denn würde das, was da erzählt wird normal ausgedrückt, dann könnte jeder mit gesundem Menschenverstand die Konzepte und Allheilmittel in Frage stellen.
Samstag 4. August 2007 um 18:04
@ Michael (und @SebLug)
wie immer haarscharf auf den Punkt gebracht! Ich habe mich köstlich amüsiert…
weg zu denken sind Anglizismen aber schon gar nicht mehr. Wie sagt man “in oder out sein” auf deutsch? Modern oder zeitgemäß klingt doch altbacken. Und “sorry, dass ich…” klingt viel unkomplizierter als das dramatischere “ich entschuldige mich, dass…” Haben wir nur verlernt mit unserer Sprache zu spielen und zu variieren oder ist die deutsche Sprache einfach zu schwerfällig dazu?
Die Beispiele in deinem Beitrag sind dagegen wirklich hanebüchen. Reduziert man solche Texte auf die Aussage, bleibt oft nur das, was schon alle wissen. Alter Wein in neuen Schläuchen, geschickt aufbereitet, kommt offenbar gut an und überspielt, dass praktikable Lösungen auch nicht gefunden wurden.
@ Wolfgang
Nein, PowerPoint kann wirklich nichts dafür, es ist immer nur Mittel zum Zweck. PowerPoint hindert niemand daran, Gesagtes wirksam zu visualisieren (Bullet Points sind ja keine Visualisierung, sondern nur die Wiederholung des Gesagten). Wenn man sich zuerst Gedanken über Inhalte und Aussagen macht, ergeben sich auch Bilder – eben die Visualisierung. Dazu muss man kein Designer sein, aber wissen, dass eine Präsentation in erster Linie ein Vortrag für das Publikum und PowerPoint (oder Flipchart & Co) lediglich ein Medium zur Unterstützung ist.
Interessant dazu auch die Forschungsergebnisse über die Prinzipien für einen effizienten Einsatz von Multimedia zur Lernunterstützung von Prof. Richard E. Mayer
http://praesentation.blog.de/2007/08/02/mein_neuer_newsletter_wissenschaftliche_~2744721
Montag 6. August 2007 um 09:50
Na ja…die Übernahme von Fremdwörtern ist so alt wie die Menschheit. Auch der “Kaiser” war mal ein “Caesar”. Vor einigen Jahren waren es eher noch französische Wörter wie Fete (heute Party) oder Rendevous (heute Date).
Schon im ersten Semester hörte ich zwei Phrasen, die mich bis heute begleiten: Die “kognitive Dissonanz” und die daraus notwendigerweise “Reduktion von Komplexitäten”. Wunderbar, oder? Warum einfach, wenns auch kompliziert geht, die Marketing Strategen brauchen halt ihre Daseinsberechtigung und müssen ihr Gehalt rechtfertigen. Sprache lebt und verändert sich – nur manchmal halt ein wenig übertrieben schnell und mit aller Gewalt.
Montag 6. August 2007 um 11:18
Lieber Herr Klotz,
“Reduktion von Komplexitäten” lässt sich ja noch einfach in “vereinfachen” übersetzen, aber “kognitive Dissonanz” kann mal wohl kaum kürzer fassen, höchstens umschreiben. Und mit einer Umschreibung wird es nicht einfacher. Ich sehe diesen Begriff als Fachtermini, der Fachleuten präzise sagt, warum es geht.
Die Probleme mit der Kommunikation entstehen überall dort, wo Fachtermini außerhalb des Fachgebietes verwendet werden. Dort dürften gute Anhaltspunkte sein: Fachworte nicht verwenden, Fachworte erklären oder sie mit allgemein bekannten Worten umschreiben.
Für eine große Seuche in der Kommunikation halte ich die “Nominalisierung”, dh. das Verwandeln von Tätigkeiten, die sich durch Verben (oder muss ich jetzt schreiben Tu-Worte?) beschreiben lassen, in Nomen (Substantive = Hauptworte). So wird aus dem reduzieren die Reduzierung. Das Schlimme dabei: aus dem Prozess – einer Tätigkeit – wird etwas geschaffen, was so aussieht, als könnte man es kaufen oder aus dem Lager holen. Aber die Reduzierung lässt sich nicht kaufen, es geht nur, wenn ein Mensch aktiv das Komplexe in etwas Einfacheres verwandelt.
Eine Kultur, die in ihrer Sprache Nomen vor Verben bevorzugt, ist im allgemeinen erstarrt. Das dynamische TUN ist ersetzt worden durch das statische BENENNEN. Ganz schlimm: das Juristendeutsch. Da werden hoch komplizierte Formulierungen verwendet. Angeblich zur Präzisierung. Das führt aber dazu, dass im Endeffekt kaum noch jemand versteht, was damit gemeint ist.
Seuche Nummer zwei ist das negative Formulieren. Verwandelt in Hauptworte. Womöglich noch zusammengesetzten. Was sollen Mitarbeiter mit einer Fehlervermeidungsstrategie anfangen? Gute, qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen zu schaffen, wäre angesagt. Auch die bei unseren Politikern so beliebte Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist Mumpitz. Man kann nur Arbeitsplätze schaffen.
Montag 6. August 2007 um 12:18
@Wolfgang Horbach
Zustimmung. Hat sich dieser Nominalstil nicht bereits überall durchgesetzt, so daß man zumindest ein seinem Beruf diese “Sprache” spricht?
Ich ertappe mich dabei.
Hilft bei mir als Gegengift am Abend Theodor Fontane oder Thomas Mann zu lesen.
Montag 6. August 2007 um 12:33
Es stört mein Sprachgefühl überhaupt nicht, wenn ich zu einer Party oder Fete eingeladen werde, es gibt ja auch kein sinngemäßes deutsches Wort, aber wir gebrauchen diese Worte so als wären sie es. Dass für neue Befindlichkeiten, Dinge und Aktivitäten passende Begriffe aus dem Ausland importiert werden, gut – sehe ich jetzt mal von den krampfigen Übertreibungen ab – wir oder unsere Sprache scheinen dafür nicht “easy” und kreativ genug zu sein…
Störend empfinde ich, wenn komplizierte Wortgebilde dazu herhalten müssen, Inhalte zu verschleiern, weil sie nichts aussagen. Egal ob es sich dabei um Anglizismen, lateinische Begriffe oder deutsche Wortschöpfungen handelt.
Substantivieren ist verführerisch, denn zum Beispiel über die Reduktion von Komplexität kann man viel schreiben oder reden. Fange ich aber an zu reduzieren, dann muss ich etwas tun – und laufe Gefahr, dass mich jemand fragt, was und wie….
Dienstag 7. August 2007 um 16:40
Statisches benennen das Inhalte verschleiert ist aber auch von der Funktion her ein wirksames Mittel, Verantwortlichkeiten zu verschleiern. Wenn nicht mehr klar ist, dass hinter einem Handeln auch ein konkreter Mensch steht der handelt und entscheidet, somit auch die Verantwortung für dieses Handeln hat, wird ein solcher Prozess leicht als (Gott-)gegeben und nicht mehr hinterfragbar angesehen.
Mittwoch 22. August 2007 um 14:03
Was passiert, wenn sich Marketing-Anglizismen und Worthülsen auch noch mit “Schwäbismen” mischen, sehen Sie hier
http://www.werbeblogger.de/2007/08/21/moege-der-virus-mit-dir-sein/