Formular EGZ 7a
Wir haben kürzlich einen schwerbehinderten Mitarbeiter eingestellt.
Herrn F. hatten wir im Business-Netzwerk Xing kennengelernt, ohne seine Behinderung zu kennen. Als Personalberatung mit genug Arbeit suchten wir dringend Unterstützung. Bewusst hatten wir in der Xing-Gruppe «Berufsperspektiven ab 45» online eine Anzeige geschaltet, um eine Persönlichkeit zu finden, die uns bei der Identifikation von Kandidatinnen und Kandidaten in der Direktsuche
unterstützten sollte.
Ein Mensch jenseits der 45 hat viel Lebens- und Berufserfahrung und weiß ein solch gutes Stellenangebot zu schätzen, dachten wir uns. Selbst im Zenit unseres Lebens stehend, fühlen wir uns topfit, belastbar und mit der nötigen Erfahrung ausgestattet, den Anforderungen des (Berufs-)Lebens gerecht zu werden. Herr F., 52 Jahre alt, meldete sich sofort auf das Inserat und hinterließ einen sehr guten Eindruck. Wir lernten ihn persönlich kennen und erlebten ihn bei offenbar bester geistiger und gesundheitlicher Verfassung, kurzum, wir wurden uns bald handelseinig, Herrn F. einzustellen.
Herr F. war seit einiger Zeit arbeitssuchend gemeldet und wir freuten uns, von der zuständigen Bundesagentur für Arbeit sogar noch einen befristeten Lohnkostenzuschuss zu erhalten, da Herr F. älter als 45 ist. Das ist so eine Aktion unserer Regierung, die weiß, das wir alle immer älter werden und immer länger arbeiten müssen. Immer noch ahnten wir nichts von Herrn F.`s Schwerbehinderung. Es gab noch einiges an Papierkram zu bewältigen, wie das bei Behörden so ist – und dabei ist es dann endlich ans Tageslicht gekommen:
Lt. Antragsformular EGZ 7a ist Herr F. ein besonders betroffener schwerbehinderter Mensch.
Wir haben überhaupt kein Problem damit, einen Schwerbehinderten einzustellen, aber das Herr F. so gar nichts davon erzählt hat?
Wir sprachen Herrn F. an, der angab, von seiner Behinderung nichts zu wissen.
Mit 45 zum alten Eisen?
Die gleiche Frage an die BA gerichtet brachte ein erstaunliches Ergebnis:
Ja, Herr F. sei aus formulartechnischer Sicht der Behörde ein besonders betroffener schwerbehinderter Mensch, da er älter als 45 Jahre ist!
Die sonst sehr nette und kompetente selbst schon über fünfzigjährige (wir haben das natürlich erfragt) Sachbearbeiterin war schon etwas verlegen, meinte aber, es gebe leider nur das Formular EGZ 7a für diesen Sachverhalt. Unserer Appelle, das sei diskriminierend und sie könne doch auf eine Formularänderung hinwirken, fruchteten nicht sonderlich, denn das Formular wäre von oben so vorgeschrieben und wir wüssten doch, wie das in einer großen Behörde so sei. OK, wir sind Pragmatiker, haben das Formular ausgefüllt, haben unseren neuen Mitarbeiter über seine und unsere Behinderung aufgeklärt, ihn eingestellt, ein bisschen über das eigene Alter nachgedacht und überlegt, dass man zukünftig eher Parkplätze für Nichtbehinderte markieren sollte, denn Sie sind in der Minderzahl!
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Bedeutet dies denn, dass jeder über 45 (indirekt) über das Formular EGZ 7a einen Schwerbehindertenstatus erhält?
Hm, wie komme ich denn an dieses Formular, diesen Status und an einen Parkplatz in meinem Unternehmen?
Das wirft mein rheinland-pfälzisches Weltbild total durcheinander, denn gerade heute morgen las mir meine Frau aus der Zeitung vor:
Das Land Rheinland-Pfalz macht Älteren Mut (Menschen ab 50 sind die idealen Gründer) und jetzt dies…
*kopfschütteln*
Unglaublich, aber wahr…
*schwerbehindertes kopfschütteln einer 48 jährigen*
boah, ist nicht wahr.
glaube so langsam alle gesetze, verordnungen, formblätter und sorry auch die beamten obendrauf, alles einstampfen und dann noch mal bei null anfangen. dann haben wir eine chance das was vernüftiges raus kommt.
in diesem ganzen gesetzes- und verordnungs-sumpf kriegt doch kein mensch jemals mehr hand und fuss dran.
Wenn ein Mensch “formulartechnisch” betrachtet wird, ist höchste Vorsicht geboten. Besonders schwerbehindert sind nicht die Menschen ab 45, sondern die Gehirnamputierten, die solche Gesetze, Verordnungen etc. erlassen.
@Franz:
So ein “Reset” unseres verfetteten, verkrusteten und schwerfälligen Verwaltungsapparates wäre sicher ein guter Neustart. Staat 2.0 sozusagen. Ich bin überzeugt davon, dass 80% aller Gesetze und Verordnungen überflüssig sind bzw. radikal vereinfacht werden können. Allmählich fängt man ja an, den Gesetzen ein Verfallsdatum zu geben. Das wäre auch gut für Formulare. Dann wären ihre obskuren Schöpfer wenigstens gezwungen, alle paar Jahre über ihren Mist nachzudenken. Ich gebe die Hoffnung nie auf, dass dann doch noch etwas Besseres dabei raus kommt.
Unglaublich.
Ich frage mich, wer diese Gesetze, Verordnungen und Formulare erarbeitet und dann in Tat umsetzt. Doch wohl keine 25-jährigen?
@wolfgang,
verfallsdatum ist gut.
aber dann hätten wir ja schon den nächsten skandal alla gammelfleisch. z.bsp. unser sozialgesetzbuch, glaube so heißt das machwerk, stammt doch aus den frühen 19-hunderter jahren, der staat und die politiker die es geschrieben haben, existieren alle schon lange nicht mehr. aber was machen unsere politiker damit, weils so schön einfach ist, wird dran rum geschraubt, es kommt ein neues etikett drauf und fertig ist der braten und kann wieder ein paar jahre liegen bleiben. in der wirtschaft wird sowas bestraft, zumindest wenn man sich erwischen lässt.
Liebe BloggerInnen,
danke für Ihre Reaktionen auf die kleine Blog Kolumne aus dem Alltag einer kleinen mittelständischen Personalberatung. Weiteres wird folgen.
Mit dem Formular hat die BA ihre eigenen Bemühungen, ArbeitnehmerInnen über 45 wieder in Lohn und Brot zu bringen, kontakariert. Wie mag man sich fühlen, wenn man als Betroffener, so wie unser Herr F., dieses Formular einmal zu Gesicht bekommt?
Doch nun einmal zu der positiven Seite der Geschichte:
Der allgemeine Trend weg vom Jugendwahn hin zur Wertschätzung von Lebens- und Berufserfahrung zeichnet sich langsam ab. In der letzten Woche haben wir z.B. zum ersten Mal seit Bestehen unserer Personalberatung (immerhin mehr als 10 Jahre) einen 60-jährigen Kandidaten mit gutem Ingenieursprofil beim Auftraggeber platzieren können. Das hat es vorher nicht gegeben!
Natürlich gehörte dazu auch eine Portion Überzeugungskraft, aber die Argumente waren auf unserer Seite. Da das Rentenalter in immer weitere Ferne rückt und Nachwuchs fehlt, wird das in nicht allzu ferner Zukunft Lebensrealität werden.
Wir haben uns schon länger mit der Vermittlung Lebensälterer befasst und sind auf den Trend gut vorbereitet, da wir eine entsprechende Datenbank mit Kandidatinnen und Kandidaten vorhalten.
Wir besetzen im Unternehmen allerdings noch eine Schlüsselposition, auf die sich auch erfahrene Menschen bewerben sollten; Stellenprofil unter
http://www.direktsuche-kossmann.de/index.php?id=32
Falls Sie eine Persönlichkeit kennen, auf die das Profil passt, schicken Sie den Link gerne weiter. Danke und beste Grüße Ihr Claus Koßmann
So stellt sich die Arbeitsagentur also die Zukunft in Deutschland vor – ein Heer von Menschen mit besonderer Behinderung…
Manchmal frage ich mich, ob der deutsche Arbeitsmarkt nicht durch die Arbeitsagenturen behindert werden, wenn ich sehe, wie sie Unternehmensgründungen verzögern durch willkürliche Behördenakte.
Dringend sanierungsbedürftig!
Zu Ende gedacht bedeutet das ja auch, dass wir (von wenigen Ausnahmen abgesehen), von schwerbehinderten Politikern regiert werden.
Jetzt geht mir ein Licht auf.
Hallo Herr Koßmann,
danke für diesen “Einblick in den Alltag einer Personalberatung”!
Und ich bin ziemlich betroffen über so eine diskriminierende Einstufung … aber auch darüber, dass anscheinend viel zu viele diesen Unfug MITMACHEN und die Formulare ausfüllen … nach dem Motto “ist zwar blöd, aber vorgeschrieben”.
Nur so kann “so etwas” weiterhin existieren …
Wir sind doch das Volk … oder nicht mehr????
Aber wie schon sehr treffend bemerkt … wohl von schwerbehinderten Politikern (laut eigener Definition) regiert *seufz* …
Kopfschüttelnde – NOCH nicht behinderte
– Grüße!
Liebe Frau Sennhenn,
die BA ist leider immer noch ein schwerfälliger Apparat, wie die meisten Behörden.
Ich war selbst jahrelang als Beigeordneter im Vorstand einer Behörde und konnte somit aus dieser Position heraus einiges bewegen; leider auch nicht so umfassend, wie ich es mir gewünscht hätte. Grundkonservative Strukturen sind dort systemimmanent (es gibt Ausnahmen!). Ich muss mich heute (inzwischen Unternehmer) unheimlich überwinden, eine Behörde aufzusuchen, da ich absolut kundenorientiert denke und diese Einstellung eher seltener vorfinde.
Trotzdem fand ich die (politische)Idee, den Berufswiedereinstieg von Lebensälteren zu fördern sehr gut. Wir freuen uns als Unternehmen über die Förderung und besonders darüber, dass wir einen guten Mitarbeiter gefunden haben.
Um aber einmal ein positives Beispiel einer Behördenführung aufzuzeigen, weise ich Sie auf die Stadt Hückeswagen ( http://www.hueckeswagen.de ) und deren absolut kundenorientierten Bürgermeister Uwe Ufer hin, von dem Sie hier im innovativ-blog sicherlich bald einiges erfahren werden.
Dort ist der Kunde König (die Kundin Königin) und so soll es sein!
In diesem Sinne wünsche ich uns allen, nie von den Launen eines öffentlich Bediensteten abhängig sein zu müssen! Wie immer Ihr Claus Koßmann
Herzlichen Dank Herr Koßmann!
GOOD NEWS kann ich immer gut gebrauchen, danke für den Hinweis!
Ein schönes Wochenende wünscht
Ulrike Sennhenn
@Claus Koßmann
Sind Sie wirklich der Meinung, dass der Kunde “König/Königin” ist?
Ich bin da völlig anderer Ansicht (nicht nur aus Sicht als Lieferant, auch aus Sicht als Kunde).
Ist aber eine Diskussion für sich.
Danke für den Hinweis Hückeswagen. Auf Herrn Ufer bin ich gespannt.
Lieber Herr Lalk, davon bin ich absolut überzeugt und wir leben das in unserem Unternehmen.
Man könnte natürlich auch sagen: “Der Kunde ist König, ich aber bin der Kaiser!”(original Äußerung eines bergischen Einzelhändlers – der hat das übrigens auch gelebt).
Trifft sich ein bißchen mit dem Obrigkeitsdenken in mancher Behörde.
Mit besten Grüßen Ihr Claus Koßmann http://www.direktsuche-kossmann.de
@Claus Koßmann
Könnte man diskutieren, sicher nicht hier. Ich bin Gast und kann hier “kein Fass aufmachen”.
Deshalb begrenze ich mich. Kurzmeinung: Zwischen König und Untertan können keine echten Win-Win Beziehungen entstehen. Für mich entstehen Win-Win-Beziehungen auf der gleichen Ebene, das strebe ich an. Ich tauge im Leben(auch nicht als Lieferant) zum Untertan, ebensowenig (als Kunde) zum König. Und die Kunden, die glauben, ihr Busines Suite sei ein Hermelin, sehen mich nur noch ganz schnell weglaufen. Dort möge mein Wettbewerb dienen.
Dein Beitrag schlägt hohe Wellen. Jetzt wird schon in einem Forum darüber diskutiert – siehe http://www.elo-forum.org/wer-ist-hier-aelter-als-45-t15130.html?s=999a8a204836f12663b7f705c6f1cc03&
Nun bin ich natürlich froh, dass es Personalbratungen wie die von Koßmann gibt und man mich hier auch einer weit über der unteren Grenze einer Schwerbehinderten vermitteln würde.
@Michael Lalk
Bin wie Sie der Meinung, dass “Kunde König” zu den Altlasten gehört. Ich wehre mich seit Jahren gegen den Begriff, weil er einem alten, hierarischen Denken entspricht. Mir geht um Business in Augenhöhe, ich will keinem dienen, sondern mit Geschäftskunden vertrauensvoll, sprich partnerschaftlich zusammenarbeiten.
[...] Noch 7 Monate dann bin ich schwerbehindert Eigentlich bin ich durch meine verminderte Hörfähigkeit bereits seit 44 Jahren behindert. Einen Behindertenausweis habe ich nie beantragt. Heute habe ich gelesen, dass ich in bestimmten Fällen aus organisatorischen Gründen ab meinen 45 Lebensjahr zu den Schwerbehinderten zähle. Übrigends nicht auf Grund meines Hörverlustes, nein auf Grund meines Alters. Deutsche Bürokratie macht es möglich [...]
[...] Unlängst landete ich im Erwerbslosenforum. Durch Verlinkung meines innovativ-in Blog-Beitrages „Forumlar EZB7a“ wurde der Beitrag dort sehr rege diskutiert. Fand ich toll! [...]
Der Unfug, der aus Arbeitsämtern (pardon, -agenturen) kommt, scheint grenzenlos: spiegel.de – von Mandalas und indischem Curry…
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