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Probleme einer Kleinstadt…

Uwe Ufer 4 September 2007 9 Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

nachdem gestern die «große Stadt» Berlin angesagt war, gibt es heute das komplette Kontrastprogramm in einer Kleinstadt. Heute morgen war Bürgersprechstunde, d.h. jeder Bürger kann ohne Voranmeldung bei mir vorbeikommen und seine Probleme oder Sorgen schildern. Da bekommt man schon eine große Bandbreite an persönlichen, kleineren aber auch größeren Schwierigkeiten zu hören. Ich versuche grundsätzlich jedem zu helfen, aber alle Probleme kann natürlich auch ich nicht lösen. Eine kleine Auswahl der Themen, mit denen ich heute konfrontiert wurde:

  • Ein Bürger hatte Probleme mit einem Umlageverband in Hückeswagen, er möchte außerdem eine bessere Infrastruktur an unseren Talsperren vorfinden.
  • Ein Bauvorhaben für psych. Behinderte ist in Hückeswagen geplant, auch hier gab es Fragen zur Abwicklung
  • Nach den starken Regenfällen vor einigen Wochen ist einer Bürgerin der Keller vollgelaufen und sie sucht Hilfe von der Stadt Hückeswagen
  • Bei einem geplanten Straßenbauprojekt wollen Bürger eine andere Straßenführung
  • Ein Besucher will sich mit einer Geschäftsidee selbständig machen und fragt nach Hilfestellungen

Sie sehen, dass das Spektrum der Fragen breit ist, dabei habe ich die teilweise sehr persönlichen Themen sogar noch ausgelassen. Als Bürgermeister einer kleinen Stadt ist man oftmals die Anlaufstelle für die Sorgen und Ängste der Bürger, denen ansonsten ein Ansprechpartner fehlt. Aber das macht die Arbeit auch so spannend!

Heute Abend werden dann wieder größere Themenkomplexe besprochen, denn für 17.00 Uhr habe ich zur Ratssitzung eingeladen. Wir können uns in Hückeswagen glücklich schätzen, dass wir einen sehr kooperativen Rat haben. Unsere Politiker arbeiten sehr sachorientiert und können Parteiinteressen auch schon einmal hinten anstellen, wenn eine Entscheidung dem Wohl der Stadt dient. So wurden die weitaus meisten Entscheidungen seit meinem Amtsantritt (aber auch schon vorher, da kann ich es nur nicht so beurteilen…) einstimmig getroffen.

Um zu solchen Ergebnissen zu kommen, sind natürlich zur Vorbereitung einer solchen Sitzung viele Vorbesprechungen nötig. So hatten wir beispielsweise vor zwei Wochen ein sogenanntes «Interfraktionelles Gespräch» – kurz: IFG, wo unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Fraktionsvorsitzenden und die Verwaltung die Themen der nächsten Wochen besprechen. In so einer Sitzung können dann auch schon mal wilde Ideen ausgetauscht und möglicherweise direkt auch wieder verworfen werden, ohne dass man gleich in der Öffentlichkeit dafür geradestehen muss. Dabei werden aber viele gute Gedanken entwickelt, die vielleicht später mal zu wegweisenden Projekten für unsere Stadt werden.

In solchen Vorgesprächen werden auch Strategien festgelegt und Perspektiven entwickelt. Vorteilhaft für eine Stadt ist es immer, wenn alle Entscheidungsträger an einem Strang ziehen, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Beim IFG werden diese Ziele definiert und man versucht, Gemeinsamkeiten zu finden und Unterschiede abzubauen. Natürlich wird man nie die vollkommene Einigkeit erzielen und das wäre auch sicher nicht hilfreich, da gerade aus Widerspruch und unterschiedlichen Ideen oftmals die besten Projekte erwachsen.

Heute in der Ratssitzung hat dann jeder noch mal die Gelegenheit, seinen Standpunkt deutlich zu machen und zu begründen, warum man bestimmte Kompromisse und Einigungen gefunden hat. Wenn dann ein großes Signal der Einigkeit gegeben wird, ist das für wegweisende Projekte unverzichtbar; denn Projekte, bei denen eine knappe Minderheit strikt dagegen ist, sind meist schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt und werden selten eine breite Zustimmung in der Öffentlichkeit finden.

Auch heute Abend steht ein kontroverses Thema auf der Tagesordnung: Die Ansiedlung eines neuen Discountmarktes im Außenbereich der Stadt. Hier werden natürlich die bekannten Argumente für und gegen solche Ansiedlungen ausgetauscht. Ich bin aber hoffnungsvoll, dass wir auch dieses mal wieder eine Einigung herbeiführen werden, die die Interessen aller Betroffenen angemessen berücksichtigt.

Ihr Uwe Ufer


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9 Kommentare »

  • Ludger Freese sagte:

    Die Probleme einer Kleinstadt sind auch die Probleme des Einzelhandels. Ein (weiterer?) Discounter bedeutet für den Einzelhandel in der Stadt immer ein weitere Sorgenfalte.
    Unsere Gemeinde konnte eine Ansiedlung durch ein Einzelhandelgutachten und endsprechende Ratsbeschlüsse verhindern. Wir wollen, dass der Ort/Stadt nach unseren Vorstellungen wächst und nicht nach den Ideen einiger Grundstückseigentümer, die “schnell mal einen Markt bauen.” Für einen Bürgermeister ist das bestimmt ein Tanz auf zwei Hochzeiten und keine leichte Aufgabe.

  • Doc Sarah Schons sagte:

    So lange Aufsätze… jessas – Herr Ufer, ich kenn Sie doch und Ihren innovativen Biß… bitte etwas davon hier ! Wie soll ich sonst für Hückeswagen einstehen?! ;-)

  • Wolfgang Horbach sagte:

    Lieber Herr Ufer, bisher vermisse ich, was denn in Hückeswagen so anders ist. Obige Ausführungen könnten in jeder x-beliebigen Stadt in Deutschland sein. Da kann ich nichts Besonderes draus erkennen.

    Bloggen kann ganz schön entwaffnend sein. Sie haben mutig sich entschlossen, eine Woche hier zu berichten. Bitte nutzen Sie die Chance. Es sind noch drei Tage. Das bisher Gelesene kommt mir vor wie ein vorbereiteter Pressetext. Bloggen funktioniert nur, wenn die Beiträge spritzig und lebendig sind. Wenn sie zu Diskussionen anregen und wenn Sie als Beitrags-Autor kurzfristig und authentisch darauf reagieren.

    Wenn Sie dies als Impuls von der Wirtschaft an die Politik verstehen, dann profitieren wir alle davon.

  • Uwe Ufer (author) sagte:

    Ich kann ja verstehen, dass meine Ausführungen teilweise etwas “trocken” klingen. Aber leider ist das tägliche Verwaltungsgeschäft oftmals auch so. Wir können in der Verwaltung leider vielfach nicht so schnell Entscheidungen treffen wie ein Unternehmer. Wir müssen immer erst die Politik überzeugen – und das kann manchmal ganz schön schwierig sein, wie auch die Ratssitzung gestern wieder gezeigt hat.

    Ich wünschte mir auch oft, die Stadt wie ein Unternehmer führen zu können. Aber leider ist dies nicht so ohne weiteres möglich. Da kann man als Verwaltung so innovativ und schnell sein wie man will – die Gesetze stehen oftmals noch dagegen.

  • Wolfgang Horbach sagte:

    Lieber Herr Ufer, offen gestanden bin ich sehr enttäuscht. Ich hatte nach den Ankündigungen eine innovative Verwaltung erwartet. Jetzt lese ich von Ihnen “… leider ist das tägliche Verwaltungsgeschäft oftmals auch so. … leider nicht so schnell Entscheidungen treffen wie Unternehmer … leider ist dies nicht so ohne weiteres möglich …”. Sorry, das ist das übliche Politiker-Blabla.

    Mit dem Bloggen haben Sie sich auf einen Dialogprozess eingelassen. Hier sind in den Kommentaren konkrete Fragen gestellt worden. Die Antworten stehen aus.

    - Was machen Sie anders als andere Bürgermeister?
    - Wie haben Sie es als Parteiloser ins Amt geschafft?
    - Welche Ziele haben Sie für die Stadt?

  • Judita Ruske sagte:

    Hallo Herr Ufer,

    mich würde interessieren, ob eine Stadt für seine Bediensteten auch eine Art Personalentwicklung/Personalstrategie betreibt, wo das innovative (was immer es sei – Wolfgang) zielgerichtet aufgebaut wird.

  • Wolfgang Horbach sagte:

    @ Judita: Unter einer innovativen Verwaltung verstehe ich eine Organisation, die sich an den aktuellen Möglichkeiten orientiert und die Vorteile von moderner Technologie nutzt. Ein Beispiel: Die Stadt, in der ich lebe, hat vor einiger Zeit einen Relaunch der Internetseiten vorgenommen: http://www.pulheim.de. Vieles hat sich gegenüber der Vorgängerversion (diese war einfach nur grauenhaft) verbessert, aber vieles ist immer noch ziemlich altmodisch. Wenn man sich zB. nach Baumöglichkeiten erkundigen will, bekommt man einen Text mit viel Behördendeutsch angeboten. Kein Bild, kein Plan. Das muss man dann alles selbst rausfinden. Zum Schluss gibt es einen Link auf eine “Baubroschüre” auf einer externen Seite eines Städteverlages. Dort steht dann ein Bildchen der Broschüre. Wer glaubt, er könne jetzt die Broschüre als PDF downloaden, der irrt. Statt dessen steht da: Hier könnte Ihre Werbung stehen.

    Innovativ wäre: Es gibt innerhalb der Städte-Website eine Karte des Stadtgebietes mit den Baumöglichkeiten. So etwas kann man heute mit Google-Maps in ein paar Minuten und kostenlos einrichten. Zu jedem Gebiet gäbe es eine Kurzbeschreibung, Anzahl und Lage der noch freien Grundstücke, Kontaktadressen, Ansprechpartnern etc. Das wäre ein echter Service für die Bürger. Jetzt kommt die Stadt, die erklärtermaßen wegen des demografischen Wandels jedes Jahr 160 neue Bürger gewinnen will, lediglich einer Informationspflicht nach, dass in XY ein Baugebiet ausgewiesen ist. Und gibt wahrscheinlich unnötig Geld für eine Broschüre aus, die vermutlich schon längst veraltet ist.

    Ähnliche Ansätze gibt es wahrscheinlich zu Hunderten in jeder Stadt.

  • Matthias Rückel sagte:

    Spannende Frage, was anders als in anderen Gemeinden ist. Vielleicht die Akteure, die einfach umkomplizierter agieren. Einen Stadtrat der die Parteiinteressen in den Hintergrund stellt zum Stadtwohl ist schon wichtig.

    Im Kreis Offenbach haben wir gerade eine Gemeinde, in der das Parlament (Mehrheit Partei B) dem Bürgermeister (von der Partei A) gerade die Berechtigung für Einzelausgaben auf 2.500 EUR (von 12.500 EUR) runter reguliert und damit quasi die Arbeit unmöglich gemacht hat. Echte Sandkastenspiele zum Schaden der Gemeinde.

    War es bei Ihrer Wahl als freier Kanditat einfacher oder schwerer, als wenn Sie einer Partei angehören würden, Herr Ufer?

    PS Ich bin froh daß politische Entscheidungen nicht wie in Unternehmen getroffen werden. Schließlich geht ein Großteil der Unternehmen in den ersten 5 Jahren Pleite. Und nach einigen Jahrzehnten sind nur noch wenige dr einst angetretenen übrig. Ausserdem sind die Aufgaben von Gemeinden vielschichtiger. In Unternehmen gibt es letztendlich nur ein Ziel.

  • Uwe Ufer (author) sagte:

    Ja, ich wußte, dass ich mit einigen Äußerungen diejenigen auf den Plan rufe, die glauben, dass die ganze Welt nur nach den eigenen und freien Entscheidungen funktioniert. Das ist aber (manchmal leider) nicht so.
    Ich lebe und arbeite zum großen Teil in dieser politischen “Bla-bla-Gesellschaft. Und glaubt mir, das ist nicht leicht. Trotzdem kann man Erfolg haben, wenn man sich eben nicht auf parteipolitische Machenschaften oder unsachliche Vorgehensweisen einlässt. Ich habe das große Glück, keiner Partei anzugehören. Viele Menschen und Unternehmer kommen zu mir und vertrauen mir Angelegenheiten an, weil sie wissen, dass ich niemals Entscheidungen treffen würde, die primär parteipolitischen Charakter haben. Zudem bedeutet meine Parteilosigkeit, dass ich keiner Partei verpflichtet bin. Das macht das alltägliche Arbeiten für mich sehr erfolgreich. Trotzdem brauchen manche Entscheidungen das Votum des Stadtrates, in dem natürlich Parteipolitiker sitzen. Aber auch hier ist mittlerweile nach sicherlich heftigem Streit eine Kultur der Sachlichkeit eingetreten. Auch diese Kultur konnte nur entstehen, weil mittlerweile alle Parteien verstanden haben, dass ich nur den Bürgern der Stadt und somit also der Sachlichkeit verpflichtet bin.

    Nach Hückeswagen bin ich übrigens auf Vorschlag einiger Unternehmer gekommen, die mich wegen meiner vermeintlichen Finanzkompetenz unterstützt haben. Viele Private schlossen sich seinerzeit an, so dass ich die Wahl gewann.
    Was läuft in Hückeswagen anders?
    Wir waren eine der ersten Städte in Deutschland, die das kaufmännische Rechnungswesen eingeführt haben. Zu diesem Zweck haben wir uns eine neue Aufbauorganisation gegeben, die mehrfach in der Fachpresse gelobt wurde. Diese kommt mit 2 hierarchischen Ebenen aus und hat nur noch eine handvoll Führungskräfte. Mitarbeiter verhalten sich im Rahmen von Vereinbarungen selbständig.
    Besonders stolz bin ich darauf, dass sich die Mitarbeiter ein eigenes Leitbild gegeben haben, nach dem alle “Ermöglicher” und keine “Verwalter” mehr sind.
    Natürlich haben wir ein Personalentwicklungskonzept und natürlich werden alle Mitarbeiter ständig entsprechend geschult auch und gerade im Bereich der Unternehmenskultur und der Betriebswirtschaft.
    Viele werden vielleicht sagen, dass das doch normal ist. Ich sage Euch, dass wir als absolute Exoten gelten, weil wir im Alltag und im Bürger- und Unternehmerkontakt uns eben nicht wie eine Verwaltung verhalten.

    Ach ja, ein Großteil meiner Bemühungen gilt der Schaffung von Motivation. Trotz der Bla-bla-Gesellschaft, trotz der staatlichen Stagnation, trotz der vielen Verhinderungsvorschriften, Dinge nachhaltig zu bewegen, ist meine einzige Motivation. Sich über Zukunft, über Strategien über neue Wege klar zu werden und sie auch gegen noch so viele Bedenkenträger durchzusetzen.
    Ich glaube, auch wenn sich das nach Prahlerei anhört, dass es nicht viele Verwaltungen gibt, die das schaffen.

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