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Aufbau einer virtuellen Geschäftsbeziehung

Christian Goeri 18 September 2007 3 Kommentare

Ich habe ihn noch nie zu Gesicht bekommen und dennoch ist er mein wohl wichtigster Geschäftspartner im Maßmodengeschäft: Hans (ungewöhnlicher Name für einen Endzwanziger), gebürtiger Bayer und mein Kontaktmann und Organisator vor Ort an den Fertigungsstätten in Thailand.

Die erste «Begegnung»: Wie ich Ihnen gestern schon erzählte, bin ich durch Zufall im Internet auf ihn gestoßen, als ich zur Prüfung meines Geschäftsvorhabens «Maßanzüge mit Home-Service» Daten aller Art zusammengetragen habe.
Ich wusste bei der ersten virtuellen Begegnung nur, dass er vor einigen Jahren nach Thailand ausgewandert war und sich um den Aufbau eines Vertriebs von hochwertigen Herrenmaßanzügen vor Ort bemühen wollte.
Per E-Mail kontaktierte ich Hans und bekundete mein Interesse an einer Zusammenarbeit. Er schrieb freundlich zurück und ein paar Mails später war unsere Arbeitsverteilung vereinbart: Er kümmert sich vor Ort um die Ausführung meiner Aufträge und eine abschließende Qualitätskontrolle, bevor er die fertige Ware zu mir nach Deutschland versendet. Ich besorge und betreue die Kunden, die Zollabwicklung und kümmere mich ums Marketing.

Aller Anfang ist schwer: Heute kann ich über die Erfahrung des ersten Testkaufs schmunzeln, damals empfand ich es aber als herbe Enttäuschung, als mich der erste nach meinen Maßen und gemäß Hans’ Maßanleitung gefertigte Anzug erreichte: Der erwartete dunkelblaue Einreiher war deutlich heller als ich erwartete (reale Stoffmuster hatte ich damals noch nicht, nur Digitalfotos), so ein schwer definierbares Schaffneruniformsblau. Was der Hose an Länge fehlte, versuchte das Sakko im Brustbereich mit großzügig überflüssigem Leerraum auszugleichen. Und die Schulter hätte ich auch nach Jahren disziplinierten Bodybuildings noch nicht füllen können. Kurz gesagt: eine Katastrophe.
Nach einer intensiven E-Mail-Korrespondenz, in der wir nach den Ursachen forschten, war dann Tage später genug Mut geschöpft, um einen neuen Versuch zu wagen. Und alles wurde besser.
Rückblickend, denke ich, waren es genau Art und Weise des Umgangs mit unseren Startschwierigkeiten, die unsere virtuelle Geschäftsbeziehung festigten. Hans äußerte Bedauern, zeigte sich sehr engagiert und wusste vor allem darzulegen, worin die einzelnen Probleme begründet lagen. Ich wiederum bemühte mich um möglichst konstruktive und sachliche Problembeschreibungen, bei denen ich meine emotionale Enttäuschung über den ersten Fehlschlag außen vor hielt.

Wie sehen Ihre Erfahrungen mit virtuellen Geschäftsbeziehungen aus? Welche Empfindungen begleiten Sie bei Aufbau und Pflege derselben? Geht es anderen auch so, dass sie E-Mail-Kommunikation als tückisch empfinden? – Da wäre zum einen der Goldwaagen-Effekt: Die Reduktion auf das geschriebene Wort motiviert dazu, es auf eine eben solche Waage zu legen. Schließlich fehlen Eindrücke wie Tonfall der Stimme, Mimik und Gestik. Wie tickt Hans? Wie meint er was?
Dann sind da zum anderen die unausgesprochenen Erwartungshaltungen: Welche Reaktionszeit ziemt sich, wenn es heißt: «Bitte antworten Sie schnell!»? Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich tags darauf noch immer keine E-Mail-Antwort erhalten habe? Bei diesen Gelegenheiten drängte sich mir immer wieder auf, dass mein Geschäftspartner bei seinen Besorgungen mit dem Motorrad unterwegs war. In meinen düstersten Visionen sah ich ihn schon um einen Baum gewickelt. Und ich gebe es zu: Neben menschlicher Sorge und Anteilnahme musste ich auch an den Euro-Betrag denken, den ich gestern noch als Anzahlung für getätigte Kundenbestellungen ins gefühlte Nirgendwo angewiesen hatte.

Aus der Virtualität hin zum Realen: Heute, eineinhalb Jahre später, bereitet mir meine virtuelle Geschäfts­beziehung keine schlaflosen Nächte mehr. Und ich glaube, das liegt an folgendem:
Neben der E-Mail-Kommunikation haben wir einen festen Telefontermin einmal die Woche vereinbart. Es war albern, aus Kostengründen das Telefon nicht in Betracht zu ziehen; für weniger als zwei Cent die Minute kann ich nach Thailand telefonieren, sogar, wenn ich statt seinem Festnetz Hans’ Handy anwähle. Und Skype gäbe es ja auch noch. (Wenn ich es nur endlich mal installieren würde. Herr Rückel: Als ich gestern auf Ihren Kommentar hin zu Ihrer Website gelang, erinnerte ich mich daran, dass technisch ja noch viel raffiniertere Lösungen als Skype verfügbar sind.)
Telefonate machen es jedenfalls leichter, auch persönliche Dinge auf die Schnelle auszutauschen. Ich erfuhr dadurch z.B., dass sich auch Hans geärgert hatte, als es mit dem Erhalt der ersten Stoffmuster so lange dauerte. So weiß ich Hans auf meiner Seite. (Und der anfangs geschilderte Schaffner­uniformsblau-Effekt lässt sich ebenso vermeiden, weil meine Kunden und ich nicht mehr auf rein virtuelle Farbeindrücke angewiesen sind.) Oder dass es Hans der Liebe wegen ins ferne Asien zog und er mittlerweile fließend Thai spricht. Ein Bild entsteht, auch ohne Foto von ihm, um das zu bitten mir bisher immer irgendwie zu blöd vorkam.
Wenn auch nicht Hans selbst, so habe ich inzwischen zwei «unserer» Schneider persönlich getroffen. Es reichte zwar nur für einen gemeinsamen Kaffee am Kölner Hauptbahnhof, aber immerhin bekam der virtuelle Fertigungsprozess reale Gesichter. Außerdem habe ich nun eine alternative Kontaktschiene – für den Fall, dass Hans tatsächlich mal mit seinem Motorrad … ach, ich mag gar nicht daran denken. Oder dass er halt einfach mal urlaubsbedingt abwesend ist.
2008 werde ich endlich aufholen, wofür ich vorher, als sich die Dinge gerade erst zu entwickeln begannen, zu geizig war: Ich werde nach Thailand fliegen und mir ein Bild vor Ort machen. Auch von Hans.


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3 Kommentare »

  • Alexander Greisle sagte:

    Vielleicht liest Hans ja diesen Blogbeitrag und schickt ein Foto ;-) . Ich finde es ist gerade in virtuellen Geschäftsbeziehungen sehr, sehr wichtig, eine persönliche Basis zu haben. Und sei es nur ein Foto zum Telefonat, wobei das nicht wirklich ein Ersatz für das gegenseitige Beschnuppern sein kann.

    Hut ab vor Ihrem Mut, eine doch nicht unkritische Geschäftsbeziehung alleine auf Basis virtueller (E-Mail-)Kontakte zu knüpfen. Ich hätte mich das nicht getraut.

  • Christian Goeri (author) sagte:

    “Vielleicht liest Hans ja diesen Blogbeitrag und schickt ein Foto” – @Hans: Wenn Sie das hier lesen (ich spiele Ihnen den Link zum Blog mal ganz diskret per E-Mail zu); gegen ein Foto von Ihnen würde ich mich nicht wehren. Und nun sehen Sie ja hier im Blog auch eins von mir. ;-)

  • Matthias Rückel sagte:

    Der Aspekt Vertrauen ist bei virtuellen Geschäftsbeziehungen ein sehr spannender. Das zentrale Indix ist hier das konkrete Verhalten des Geschäftspartners.

    Leider gibt es noch die Ebene der Technik, die für eine Verunsicherung sorgen kann? Hat er die E-Mail nicht bekommen oder im SPAM Filter gelandet? Oder lässt er mich “hängen”?

    Auch kulturelle Unterschiede z.B. Sachorientierte Kommunikation versus Beziehungsorientierte Kommunikation können für Irritiationen sorgen. Nach einiger Zeit kennen sich die Geschäftspartner dann und können das Verhalten richtig interpretieren.

    Ein Bild oder eine Videoübertragung ist für die Vertrauensbildung am Anfang sehr förderlich, darauf kann später in der Regel verzichtet werden.

    Ich habe einen Kunden in Indien, daß flaue Gefühl bei den ersten Rechnungen nach Asien kenne ich auch. :-)

    Meiner Erfahrung nach benötigten virtuellen Geschäftbeziehungen etwas mehr Zeit als die Geschäftsbeziehung von F2F bis das Vertrauen auf dem gleichen Niveau ist.

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