Schwarmintelligenz: Experiment 2 – Auswertung
2007-10-26, von Wolff Horbach
Das 2. Experiment zur Schwarmintelligenz ist abgeschlossen. Ich hatte gefragt: Wie schwer ist der Fisch? Die Ergebnisse:
- Der Fisch ist laut stolzem Angler 44lb (Pound) und 15oz schwer. Wenn ich richtig umgerechnet habe, sind das genau 20,38 kg (im Diagramm unten: grüner Balken).
- Es haben 24 Personen an dem Experiment teilgenommen.
- Es gab extreme Schwankungen in den Schätzungen: Der geringste geschätzte Wert war 7 kg, der höchste 58 kg. Damit betrug die Spannbreite der Schätzungen 829%!
- Der Durchschnittswert der Schätzungen beträgt 28,68 kg (im Diagramm: gelber Balken). Dieser Wert liegt 41% über dem richtigen Wert.
- Die beste Schätzung war 20 kg (weißer Balken links neben dem grünen). Dies war eine Abweichung von nur 2% vom richtigen Wert.
Die Hauptfrage ist auch hier wieder: Ist der Schwarm (die Masse) in der Schätzung besser als der Einzelne?
Dies lässt sich so interpretieren:
- Der Durchschnittswert ist zwar weit oberhalb des richtigen Wertes. Aber: nur 8 von 24 Teilnehmern haben eine Schätzung abgegeben, die näher am wahren Wert waren (weiße Balken). Mit anderen Worten:
- 18 Teilnehmer waren mit ihren Schätzungen schlechter (rote Balken) als der Durchschnittswert (die Schwarmentscheidung). Dies sind 67% schlechtere Werte gegenüber 33% bessere Werte.
- Die Wahrscheinlichkeit, dass der Durchschnittswert besser als der eigene Wert war, liegt also bei 67 : 33 = 200%.
- Es lohnt sich also auch hier, auf das Urteil des Schwarm zu vertrauen.
Ich vermute mal, dass noch keiner der Teilnehmer jemals so einen großen Fisch in den Händen hielt. Das erklärt wahrscheinlich, dass so viele das Gewicht viel zu hoch geschätzt haben. Erstaunlicherweise hat sich während des Experimentes das Ergebnis fast ständig verschlechtert. Nach acht Teilnehmern gab es einen sehr guten Durchschnittswert, der besser war als alle einzelnen Schätzungen!
Was können wir daraus lernen:
- Falls wir uns auf einem Terrain bewegen müssen, auf dem wir überhaupt keine Erfahrungen haben, bewahrt uns der Durchschnittswert vor extremen Werten.
- der Durchschnittswert wird nicht genau sein, aber er befindet sich sehr wahrscheinlich in der Nähe des wahren Wertes. Mit Einzelschätzungen gehen wir das Risiko ein, völlig daneben zu liegen.























Freitag 26. Oktober 2007 um 09:18
da habe ich mich wohl verschrieben – ich meinte sicherlich pounds und nicht Kilo
Freitag 26. Oktober 2007 um 09:21
Ich hätte nie gedacht, dass es so spannend wird.
Andererseits wird mir heute, gut zwanzig Jahre später klar, dass ich meinen Lehrherren mit frühen Experimenten zur Schwarmintelligenz auf die Palme gebracht habe.
Ich hatte mir damals erlaubt, bei neuen Aufgaben die Kollegen und auch den Chef um Rat zu fragen, um dann aus dieser Menge Fakten in Verbindung mit meinen eigenen Überlegungen die für mich plausibelste Variante auszuwählen und auszuführen. Dies hat folgerichtig damals zu Missbilligung geführt. *lach*
O-Ton damals: “Warum fragst du, wenn du es dann doch anders machst?” Die Zeit(oder ich) war eben einfach noch nicht reif dafür.
Danke für diese neuerliche Aufgabe!
Freitag 26. Oktober 2007 um 13:21
Beim ersten Experiment lag ich mit meiner Schätzung näher am Ergebnis als der Schwarm. Als ich den Fisch gesehen habe, dachte ich, dass ich bei dieser Schätzung wohl weit daneben liegen werde. So ist es auch. Ich liege weit drüber.
Nachdem ich meine Schätzung abgegeben hatte, habe ich überlegt, was wohl passiert, wenn ich einen Telefonjoker befrage, den ich für einen Experten halte. Ich rief meine Kollegin an. Sie ist auf Rügen aufgewachsen, hat ihre Kindheit an der Ostsee verbracht und schon viel mehr Fische gesehen als ich. Sie schätzte 11 kg, sagte aber gleichzeitig, sie sei keine Expertin auf dem Gebiet, sie hätte vor 6 Jahren zum letzten Mal geangelt. Wenn, dann müsste ich schon einen echten Angler fragen. Aha, ich kenne keinen, es war auch schon kurz vor Mitternacht. Also beschloss ich, dem Schwarm zu vertrauen. Diesmal war das aus meiner Sicht eine gute Entscheidung.
Was lerne ich zusätzlich? Bei Entscheidungen ist eine gute Selbsteinschätzung wichtig und es ist hilfreich, wenn Experten ihre Grenzen kennen und diese äußern.
Ich bin gespannt auf das nächste Experiment
Freitag 26. Oktober 2007 um 16:27
@ Jörg – ich wohl auch… *kicher*
Im Ernst: Schwarmintelligenz greift besser bei konkreten Problemstellungen. Zahlenraten ist da zu abstrakt. Versuchen wir doch mal was ohne Zahlen !
Samstag 27. Oktober 2007 um 16:42
Ich hatte per Mail geschätzt, soeben hat meine Frau geschätzt bevor sie diese Seite aufrief. Wir haben beide versucht, einen Vergleich aus unserer persönlichen Erfahrung dazu heranzuziehen.
1. Ein Katzenstreu-Sack wiegt 20 Kg, der kann in etwa so getragen werden wie der Mann den Fisch hält. Schätzung für den Fisch: 25 Kilogramm.
2. Ein großer Schäferhund, den man tragen muss (z.B. wg. Verletzung), wiegt deutlich über 20 Kilogramm. Der Größenvergleich führt zu einem 21 Kilogramm Fisch.
Schwarmintelligenzfrage: Welche Schätzung ist von meiner Frau, welche von mir
(geht eigentlich nicht, weil keine Streuung in der Schätzung möglich ist…)
Samstag 27. Oktober 2007 um 19:54
@ Frank: abgesehen von der Freude zu lesen, daß Ihr auch Hund und Katz zu haben scheint: ausgehend von der Beobachtung, daß meist die Frauen mit den Hunden unterwegs sind, halte ich das Schäferhundbeispiel für die Schätzung Deiner Frau…. Und Katzenstreu trag ich ganz anders..
Also das Beispiel eher von Dir… und?!
Sonntag 28. Oktober 2007 um 11:29
@ Frank:
Danke für deinen Kommentar. Das ist eine sehr schöne Beschreibung für eine intelligente Herangehensweise beim Schätzen. Es ist eben kein Raten oder Würfeln von Zahlen, sondern eine Heuristik, die auf Erfahrungen aus anderen Lebensbereichen beruht.
Sonntag 28. Oktober 2007 um 11:49
@Doc Sarah: Wir haben weder Hund noch Katz.
- Die Hundeschätzung ist von mir, weil ich früher (damals, in den Siebzigern und Achtzigern …) Schäferhunde ausgebildet habe. Seitdem Mangels Zeit leider nicht mehr (ein Hund braucht Kontakt möglichst rund um die Uhr). Ich habe es mir mal für meinen Ruhestand vorgemerkt (kritischer Blick zu meiner Frau … “Da habe ich aber auch ein Wort mitzureden!”).
- Die Katzenschätzung ist von meiner Frau. Wir hatten auch bis vor 2 Jahren noch eine Katze, aber derzeit keine mehr. Dafür haben wir Filou, den Kater einer Kollegin, desöfteren als Gastkatze. Und meine Frau merkte soeben (s.o.) an: “Da kommen mindestens zwei Katzen dazu!”.
@Wolff: Ja, es ist eben ein Schätzen und kein Raten
P.S. Ist die Uhrzeit des Servers (Sommerzeit) noch nicht umgestellt? Oder ist innovativ.in grundsätzlich der Zeit voraus?
Sonntag 28. Oktober 2007 um 12:19
@ Frank:
Ich werde den Provider auf die Uhrzeit aufmerksam machen. Danke für den Hinweis.
Mittwoch 31. Oktober 2007 um 15:19
[...] Wir haben hier im Blog bereits zwei Experimente zur Schwarmintelligenz durchgeführt. Es ging um Nadeln und einen dicken Fisch. [...]