Deutschland, wo ist deine Vision?
Wohin will Deutschland? Hoffen, dass die Auswirkungen der Globalisierung nicht so schlimm werden? Von den unteren Rängen der PISA-Studie etwas nach oben? Ein bisschen in der Weltpolitik mitspielen, aber nicht zu viel?
Wer sich das Gezänke in Berlin ansieht: um Mindestlöhne, ob Prozentchen Senkung der Arbeitslosenversicherung ja oder nein, ob Senkung von CO2-Emissionen ernsthaft angehen oder “ernsthaft in Erwägung ziehen”, der hat nicht das Gefühl, im größten Land mitten in Europa zu sein.
Ich habe den Eindruck, dass nur noch auf Ereignisse reagiert wird:
- Der Ölpreis steigt. Ups, da müssen wir die Bürger eventuell entlasten.
- Deutschland schneidet beim PISA-Test schlecht ab. Oh, da müssen wir mal eine Kommission ran lassen.
- Wenn durch die Klimakatastrophe der Meeresspiegel steigt, dann müssen wir wohl die Dämme erhöhen.
Wo will dieses Land denn hin? Was wollen wir erreichen? Fussballeuropameister 2008? Fussballweltmeister 2010? Ist das alles?
Ich vermisse schmerzlich den großen Wurf, die Vision. Gibt es denn keine Partei, keine Gruppierung, die sich traut, ein großes Ziel zu setzen?
Ich hätte einige:
- D wird Weltmeister in Energieeffizienz.
- D senkt vorbildlich die CO2-Emissionen, anstatt immer nur zu klagen, was das kostet.
- D baut die besten Elektroautos der Welt.
Und was gibt es noch?
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Hallo Wolff,
das sind natürlich alles relevante Fragen und erstrebenswerte Ziele: mehr Energieeffizienz, weniger Emissionen, Elektroautos!
Aus meiner Sicht liegt die Latte aber schon wesentlich höher: durch die Öffnung der Märkte sind ca. 2,5 Mrd. Menschen zusätzlich in den Weltarbeitsmarkt eingetreten. Die Folgen dieser Erweiterung sind bekannt.
Es geht weniger darum wo dieses Land hin will – die Frage ist, was getan werden muss, dass der Standort Deutschland den Anschluss nicht verliert. Wir müssen uns in Richtung Wissens-Ökonomie bewegen – und da spielt IT nun mal die entscheidende Rolle !
Es geht also weniger um das Wollen, wir müssen der neuen ökonomischen Logik gerecht werden.
Ich hatte mich schon darauf gefreut,hier, gemeinsam mit Euch an diesem Thema, das wirklich alle Menschen betrifft, zu arbeiten.
@Wolff:
“Gibt es denn keine Partei, keine Gruppierung, die sich traut, ein großes Ziel zu setzen?”
Dafür sind die Wahlperioden zu kurz, deshalb denkt kein Politiker langfristig. Visionen bedingen aber auch langfristiges Denken. Ich sehe keinen namhaften Politiker mit Visionen. Merkel hat keine, Schröder hatte keine. Die Vorgänger eher ja, Kohl, Brandt, Schmidt, Adenauer.
Ich hätte auch ein lohnendes Ziel:
Deutschland wird Bildungs-Weltmeister.
Und falls es von der Politik nicht kommt:
Vielleicht kann Deutschland ja auch einen Preis für das Land mit dem größten bürgerschaftlichen Engagement einsacken?
@ Horst:
Ich bin überzeugt davon, dass wir mit hohen Zielen genau den Problemen der Globalisierung entgegenwirken können. Höchste Ziele bedeuten Forschung. Höchste Ziele bedeuten hohe Ausbildung. Es lässt sich auch in Deutschland wunderbar und höchst profitabel produzieren. Es dürfen aber keine Billig-T-Shirts sein.
@ Michael:
Du hast recht, dass wir keine Politiker mit Visionen mehr haben. Das ist ja, was ich vermisse. Helmut Schmidt hat Visionen eher abgelehnt (“Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen”). Willy Brandt hatte sicher welche (“Mehr Demokratie wagen”, “Wandel durch Annäherung”). Aber die Wahlperiode war damals genau so lange wie heute. Was hat sich verändert?
Ein kräftige Vision hatte John F. Kennedy 1961: “Bis zum Ende des Jahrzehnts wollen wir einen Mann auf den Mond und heil wieder zurückbringen”. Bekanntlich haben die Amerikaner das 1969 geschafft.
@ Thomas:
Die Ziele “Bildungs-Weltmeister” und “größtes bürgerschaftliches Engagement” finde ich gut. Noch lieber wäre mir, wenn sich dies konkret messen liese: Bis wann was genau?. So wie bei der Mondlandung.
Frankreich hielt sich Ludwig XIV. einen riesigen Hofstaat, alles führende Adlige, der mit einem riesigen Aufwand unterhalten wurde. Die Sache hatte einen Vorteil: Der Adel konnte nicht ungezügelt intrigieren, weil das am Hofe deutlich schwieriger war als abseits. Und der König hatte alles unter Kontrolle, das heißt fast. Ein paar Jahrzehnte später, das barocke Politik-Politik-System hatte sich gut eingerichtet, nahmen die Herrschaften wahr, dass draußen vor der Tür so etwas wie ein Volk war – das ihnen auch ohne Umstände ein Ende bereitete. Der wichtigste Grund für die französische Revolution war nicht die Not, sondern die Erkenntnis, dass die da oben nicht das Geringste an ihr zu ändern vermochten. Sie konnten es nicht. Sie hatten das Handeln längst verlernt. Sie waren mit sich ausreichend beschäftigt. Aber alles hat ein Ende.
Nachtrag:
Quelle: brand eins 2/2004
@ Joachim:
Wenn ich dich richtig verstanden habe, haben unsere Politiker das Handeln längst verlernt. Also: Wir sind das Volk! Nicht die Vision von Angela Merkel, Kurt Beck oder XY erwarten, sondern selbst machen.
Aber wie kriege ich das, wie kriegen wir das hin? Mit einem Blog?
@Wolff:
# 4
Natürlich haben sich die Wahlperioden nicht verlängert, aber das sollte einen Politiker nicht daran hindern, Visionen zu haben und zu verfolgen. Politiker wie Adenauer – Versöhnung mit Frankreich, Erhard – Wohlstand für Alle, Brandt – Entspannung mit dem Osten und Kohl – Wiedervereinigung haben Ihre Visionen gezeigt gelebt.
Ein Politiker ohne Vision bleibt immer nur ein Verwalter, wird nie ein Gestalter. Und Verwalter
haben wir mehr als genug.
@ Wolff #7:
Auf FTD enable las ich über das neue Buch des Ökonom Martin Hüfner: Comeback für Deutschland. Der Autor spricht von einer “Private Revolution” – das Volk allein läutet den Aufschwung ein.
Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das Volk wirklich allein in der Lage wäre, eine derartige Revolution zu bewerkstelligen. Dafür ist das staatliche System zu sehr nach aussen abgeschottet, unangreifbar geworden. Anders als bei Ludwig XIV., beschäftigt sich die Regierung ja durchaus mit uns, sie schläft ja nicht, ist sehr wachsam bemüht, die Zügel in der Hand zu halten.
Weil wir aber noch nicht auf einem Niveau der ehemaligen DDR angekommen sind, d.h. die wirtschaftliche und soziale Schmerzgrenze ist noch nicht erreicht, würde es sehr, sehr schwer sein, das Volk zu mobilisieren, von unten heraus etwas zu bewegen. Wir haben uns an die deutsche Leidensfähigkeit gewöhnt, das ist das Resultat von mehr als 60 Jahren permanenter Schuldzuweisung …
Revolution per Blog? Vielleicht klappt’s. Man müsste es versuchen. Aber nicht im Stil von Schäuble 2.0, auch nicht partei-politisch, sondern als echte Bürgerbewegung, die sich wie Pilze im Boden vermehrt.
Wolffs Aufruf eine Vision für unser Land für suchen finde ich spannend und richtig. Das große Bild in der Politik vermisse ich auch. Darüber hinaus schafft das Nachdenken über eine eigene Vision für unser Land auch Klarheit in den eigenen Gedanken.
Joachim #9: “Wir haben uns an die deutsche Leidensfähigkeit gewöhnt, das ist das Resultat von mehr als 60 Jahren permanenter Schuldzuweisung …” den Satz verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht.
Da es den Deutschen in den letzten fast 59 Jahren Demokratie so gut ging wie wenigen Völkern auf diesen Globus, halte ich die faktisch getestet Leidensfähigkeit der Deutschen für ziemlich gering und das ist ja das Ziel.
Und wer außer uns Deutschen sollte Visionen für unser Land entwickeln und umsetzen? Das sollten und müssen wir schon selbst übernehmen. Wenn ein Effekt der letzten Jahre ist, daß die Menschen mehr Verantwortung für sich und ihr Leben übernehmen (wie Herr Hüfner in seinen Buch scheinbar schreibt) und nicht mehr andere für ihr Leben verantwortlich machen, ist doch sehr viel gewonnen.
@ Joachim #9:
Danke für den Hinweis auf das Buch. Das kannte ich noch nicht. Im Untergrund scheint sich schon mehr zu tun, als ich geahnt habe.
Übrigens: Ist Vision nur etwas für Männer (Horst, Michael, Thomas, Joachim, Matthias)? Wo sind die Frauen?
Nachdem ich in den 70ern sehr jung und wild entschlossen bei den Ostermärschen im Ruhrgebiet die Revolution besungen habe und in den 80ern in der Heidelberger Friedens- und Ökobewegung Freude und Frust von Visionen erlebt habe, bin ich heute sehr zufrieden mit der Entwicklung zahlloser kleiner Inseln um mich herum, die alle von ihrer individuellen Vision getrieben vor allem eines tun. Sie tun Gutes und Mutiges! Hier und jetzt! Jeden Tag. Im Kleinen und im Großen. Warum muss es immer die eine große Vision sein?
“Es gibt nichts Gutes außer man tut es,” brachte es Kästner auf einen kleinen, großen Nenner.
Hunderttausende kleiner Inseln zusammengenommen, machen schon eine sehr große Fläche. Demgegenüber ist schon so manche große Vision, die zunächst wunderbar schillernd daherkam, langsam aber sicher in der untersten Schublade unseres Alltags vergilbt.
Wozu hier und heute eine Revolution? Wo es doch so unsagbar viele Möglichkeiten gibt, die Ziele einer möglichen Revolution im “Tagesgeschäft mitzuerledigen”. Wenn man wirklich will.
Gut wären beide Wege. Die einen bauen eine große Vision und setzen sie im besten Falle um. Und in der Zwischenzeit engagieren sich die anderen schon mal ehrenamtlich bei der AWO, kaufen Fair-Trade und Bio-Produkte und verzichten zur Kompensation der höheren Kosten dafür auf eine Sylvesterreise nach Venedig, den Billigflug nach Rom für zwei Tage, die Harley für warme Sommertage oder das dritte Paar rote Stiefel.
Glück Auf!
@ Matthias
den Satz verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht
Ich hätte vielleicht besser noch um das “Gefühl eines fetten Bauchs” erweitern sollen, d.h. wir haben inzwischen so viel für unser Leben erreicht, dass wir nicht mehr nach einem anderen streben (wollen).
Mit Leidensfähigkeit meine ich das gesellschaftliche Verhalten, für offensichtliche Fehlentscheidungen der Regierung zu Lasten der jetzigen und künftigen Generationen, still sitzen zu bleiben und sich nicht Korrekturen zu fordern. Ich meine, dieses scheinbare Desinteresse liegt auch in den oktroyierten Bedingungen begründet, noch heute für die Folgen des Hitler-Regimes schuldig zu sein. Die permamente Wiederholung macht m.E. duldungs- und leidensfähig.
@ Sabine
Eine Revolution aus dem Volke, der es eigentlich nicht bedarf, halte ich für nicht durchführbar. Gut gefällt mir die Idee die Ziele einer möglichen Revolution im Tagesgeschäft mitzuerledigen . Aber Visionen sind irgendwie schöner …
@ Sabine:
Deine Gegenüberstellung von der großen Vision und den vielen, kleinen Schritten erinnert mich an die unterschiedlichen Herangehensweisen im Westen und Osten. Die Japaner kommen mit ihren hunderttausend kleinen und kleinsten Verbesserungsschritten des Kaizens sehr weit. Toyota hat es damit zum profitabelsten Autobauer weltweit gebracht.
Im Westen bevorzugen wir Sprünge, Umstrukturierungen; auf jeden Fall mehr als nur kleinste Schritte.
Wahrscheinlich brauchen wir beides zusammen: Ein Vision, die attraktiv ist und leuchtet. Diese gibt die Richtung vor. Und den Weg dorthin beschreiten wir mit tausend Tippelschritten. Ohne die Vision, ohne den Horizont, sind wir in ständiger Gefahr, uns zu verlaufen.
Ja, da hast Du sicher Recht, Wolfgang. Und auch der Vergleich in der Vorgehensweise des westlichen und östlichen Denkens passt. Beides sehe ich in mir verankert und ich bin sicher, dass erst ein Zusammengehen beider Wesens- und Aktionsmerkmale wirklich weiter bringt.
[...] Deutschland, wo ist Deine Vision von Wolff Horbach [...]
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