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Cha-Cha-Cha!

Bjoern Theis 19 Februar 2008 Ein Kommentar

Drei Wege zur Innovation

Cha-Cha-Cha!Keine Sorge, es geht nicht um eine kreative Revolution alter Standardtänze – Cha-Cha-Cha ist der eigentümliche Name einer neu formulierten Theorie zu Geistesblitzen und Entdeckungen.
Verfasser der gerade im renommierten Wissenschaftsmagazin «Science» veröffentlichten Theorie ist der kürzlich verstorbene Daniel E. Koshland Jr. Der prominente Biochemiker und ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift sichtete in seiner Rolle als leitender Redakteur tausende von wissenschaftlichen Meldungen. Während dieser Arbeit ließ ihn die Frage nach den Gemeinsamkeiten von relevanten Entdeckungen nicht mehr los. Er begann nach Mustern zu suchen. Das Ergebnis ist sein Dreisatz: Charge, Challenge und Chance – kurz: Cha-Cha-Cha. «Alle Forschungsentdeckungen könne man in eine dieser drei Kategorien einteilen.», so Koshland.
«Charge» steht dabei für den Druck und die Spannungen, denen die Wissenschaft in jeder Epoche zur Lösung offensichtlicher Probleme ausgesetzt ist. Jeder Mensch konnte beobachten, dass ein Apfel vom Ast zum Boden stürzt, aber jahrhundertelang konnte niemand erklären, warum. Dazu bedurfte es erst eines Isaac Newtons und seines Geistesblitzes, in dem sich der aufgestaute Druck zur Formulierung der Gravitationstheorie entlud. (Wobei es dem Mitbegründer der modernen Naturwissenschaften nicht schadete, in vielen Fragen eher magisch-esoterischen Ideen anzuhängen.) Der ungarische Nobelpreisträger Albert von Szent-Györgyi Nagyrápolt hat dazu eine einfache Anleitung formuliert: «Zusehen, was jeder sieht, aber zu denken, was niemand zuvor gedacht hat.»
«Challenge» bezeichnet Entdeckungen die erst durch die Ansammlung verschiedener Teilerkenntnisse und kleiner Puzzlestücke ein großes neues Gesamtbild ergeben. Beispielhaft ist hierfür Einsteins Relativitätstheorie: Er sichtete, ordnete und überprüfte die Vielzahl von Annahmen, unerklärlichen Ergebnissen und Messdaten der damaligen Physik und schaffte es so, eine einheitliche Theorie und damit ein neues physikalisches Weltbild zu formulieren. Ohne die Arbeiten, Experimente und Messungen anderer Physiker wäre Einsteins Arbeit nicht möglich gewesen. So verdeutlicht die Kategorie der «Challenge», dass manche relevanten Durchbrüche nur durch Teamarbeit erreicht werden können.
Der Begriff «Chance» steht sinnbildlich für das Forscherglück. Manche findigen Menschen sehen einfach, was anderen entgeht und erkennen das Potential – wie beispielsweise Conrad Röntgen, die Möglichkeiten der nach ihm benannten Strahlung oder Günter Schwanhäußer mit der Erfindung des Textmarkers.
Zugegeben, Daniel Koshland bezieht seine Theorie der Geistesblitze vornehmlich auf wissenschaftliche Erkenntnisse, dennoch verdeutlicht das Beispiel des Textmarkers, dass sich die Theorie auch auf Ideen und Innovationen anwenden lässt – für die bekommt man zwar keinen Nobelpreis, zumindest aber patentiert gefüllte Taschen.
So sind wissenschaftliche Erkenntnisse von nichtwissenschaftlichen kaum zu unterscheiden: Es war es reiner Überlebensdruck, der unsere urzeitlichen Vorfahren dazu brachte, sich in größeren Gruppen und Stämmen zu organisieren – es entstanden die ersten vorstaatlichen sozialen Systeme. Mit dem Aufkommen von komplexen Gesellschaften stieg der soziale Druck («Charge») nach sozialer Gerechtigkeit und Konsens – die Idee der Demokratie wurde geboren. Der Wunsch («Challenge»), die Rechte und Pflichten der Menschen vertraglich und bindend festzulegen, endete in der Verfassung der Magna Carta und späteren «bill(s) of rights».
Koshlands Ansatz verdeutlicht, dass kaum eine Erfindung mit einem Heureka a la Hollywood ins Leben gesprungen ist. Hinter jeder einzelnen standen eine Vielzahl von Mühen und Erfahrungen. Es braucht lediglich einen einzelnen wachen Geist, der den Stein der Erkenntnis ins Rollen bringt.
Für das, was diese Genies von anderen Menschen unterscheidet, hat Koshland eine nüchtern anmutende Erklärung parat: «Jede wissenschaftliche Entdeckung wird durch das Arrangement von Neuronen im Gehirn ermöglicht und ist als solche einzigartig. Forschergeister sind eher imstande, Fakten aus weit entfernten Hirnregionen miteinander zu verbinden. Eines Tages wird man vielleicht verstehen, wie in den Neuronen Einzigartigkeit entsteht.»

Das denkt MindSharing:

Auch wenn es nicht gerade um den Nobelpreis geht – die Cha-Cha-Cha-Theorie Koshlands macht deutlich, dass innovative Durchbrüche nur selten Zufälle sind, denn selbst auf Glücksfälle muss man vorbereitet sein, sonst vergehen sie oftmals ungenutzt. Im Rückschluss hilft sein System auch zur Bewertung von unternehmerischen Strategien – so war spätestens nach der Erfindung des MP3-Formats klar, dass die Entwicklung von portablen Playern, wie dem iPod ein gesellschaftliches Bedürfnis war. Charge and Challenge!

MindSharings Frage an die Gemeinde:
Wie gelangen Sie zu Ihren innovativen Durchbrüchen? Was beflügelt ihr kreatives Denken? Wir sind gespannt auf Ihre Antworten!

Wenn Sie mehr wissen wollen…
…besuchen Sie den MindSharing Blog.


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Ein Kommentar »

  • Wolff Horbach sagte:

    Ich finde den Charge-Challenge-Chance Gedanken interessant, aber wenig hilfreich beim Generieren von Ideen.

    Wesentlich praktikabler finde ich TRIZ. Auch hier haben Wissenschaftler Zehntausende von Ideen ausgewertet, genauer gesagt: Patente. Und die Ähnlichkeiten in den Erfindungen sind zu Prinzipien zusammengefasst worden, die man bei der Entwicklung von Innovationen gezielt und systematisch nutzen kann.

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