Der Schwarm sind wir!
2008-03-12, von Bjoern Theis
Von Intelligenz und Taktik
Schwärme seien es Insekten, Fische oder Vögel haben den Mensch schon seit langem fasziniert. Wie von einer unsichtbaren Intelligenz gesteuert, wechseln sie in Sekundenschnelle Formation und Bewegungsrichtung, kreisen Beute ein oder treten außerordentlich koordiniert den Rückzug an. Diese Schwarmintelligenz bewunderte auch Donald Rumsfeld, der hierin eine ganz neue Form der Kriegführung erkennt: Schwarmtaktiken , so der von Rumsfeld und dem militärischen Think-Tank der RAND Cooperation geprägte Begriff bezeichnet die Strategien von digital ausgerüsteten Guerillas und Hightech-Terroristen Kampftruppen, die als kleine autonome Gruppen auch ohne die Leitung einer zentralen Steuerung agieren können. Dank neuer Kommunikationsmöglichkeiten, wie dem Internet oder dem Handy, können sich diese kleinen Einheiten schnell und unbemerkt formieren, flexibel aber koordiniert zuschlagen und sich dann rasch zerstreuen. Gegen diese Form der asymmetrischen Kriegsführung kommt man mit den herkömmlichen Mitteln des Militärs nicht an. Schon beginnt das amerikanische Heer diese Art der Kriegsführung zu adaptieren, die Effizienz der Vorgehensweise liegt auf der Hand.
Dank der ständigen Interaktion agieren die Schwarm-Mitglieder äußerst schnell, wie man es auch bei nicht-kriegerischen Aktionen von Schwärmen beobachten kann. Beispielsweise bei der politischen und weltweit aktiven Fahrrad-Protestbewegung »Critical Mass«: Scheinbar spontan “ durch SMS und Handy organisiert“ belagern diese fahrradliebenden »Flashmobs« zu hunderten die Innenstädte und stoppen den motorisierten Verkehr. Ihr Ziel: Auf die Rechte der unmotorisierten Verkehrsteilnehmer aufmerksam zu machen. Auch geht die Legende, dass die schnelle Organisation der philippinischen Protest-Schwärme “ ebenfalls organisiert durch SMS “ letztendlich den Sturz des Präsidenten Joseph Estrada möglich machte.
Solche »Smart Mobs«, wie diese organisierten Protest-Bewegungen bezeichnet werden, zeichnen sich auch durch geistige Leistung aus. Die Klugheit der Massen hat schon die Soziologin Kate Gordon vor Jahrzehnten eindrucksvoll zur Schau gestellt. Ihren Studenten präsentierte sie zahlreiche Gegenstände, die nach Gewicht zu ordnen waren. Zweihundert Studenten beteiligten sich an dem Experiment. Später addierte Gordon die Ergebnisse und bildete den Mittelwert. Das Ergebnis: eine Trefferquote von 94 Prozent. Nur fünf einzelne Studenten erreichten bessere Schätzwerte.
Erstaunliches passiert aber, wenn man Gruppen von Studenten nötigt, eine gemeinsame Schätzung abzugeben. In der Diskussion setzt sich meistens die Meinung eines Alpha-Tierchens, des »Opinion Leader« durch. Die Ergebnisse sind in diesem Fall kein Produkt einer kollektiven Intelligenz und liegen meistens ziemlich daneben. Somit ist es wichtig für eine Gleichberechtigung im Schwarm zu sorgen. Denn nur wenn sich die einzelnen Meinungen nicht gegenseitig beeinflussen, kommt man zu stimmigen Ergebnissen.
So fordern die Sozialwissenschaftler Giliam de Valk, und Brian Martin einen Open-Source Geheimdienst “ der ähnlich aufgebaut wie Wikipedia “ auf die kollektive Intelligenz aller Agenten und Spione setzt. Ihr »Publicly Shared Intelligence« soll in der Lage sein, korrektere Abschätzungen von politischen Entwicklungen und Risikoanalysen und Insider-Berichten zu liefern. Bei ihrem PSI-Model werden alle Berichte einem größeren Kreis von Experten zur Bewertung vorgelegt. De Valk und Martin hoffen, dass die Konkurrenz der Agenten untereinander dafür sorgen wird, dass Analysen sorgfältig geprüft werden und sich die Beteiligten sorgsam auf die Finger schauen. Ein Skandal, wie die imaginären Massenvernichtungswaffen im Irak, hätte somit wenig Chance sich erneut zu wiederholen. Was für den Geheimdienst Zukunftsmusik ist, ist bei der Presse mittlerweile Alltag. Einseitige Berichterstattung wird heute schneller kritisiert als jemals zuvor “ dank den »bottom-up«-Berichten zahlreicher Hobby-Journalisten. Erfolgreich Propaganda zu verbreiten, ist in einer digital-vernetzten Welt schwer geworden. So scheint das Potenzial der Schwarmintelligenz bei der Lösung vieler Probleme hilfreich zu sein, wie es auch das Open-Source Vorzeigeprodukt Linux verdeutlicht. Dennoch hat diese Intelligenz auch ihre Grenzen: Entscheidungsprozesse sind im Schwarm anonym und dadurch intransparent. Die Resultate von Mobs waren oftmals gar nicht »smart«, sondern eher destruktiver Natur.
So lässt sich die Frage stellen, ob sich das Konzept der Schwarmintelligenz als soziale Utopie denken lässt. Wollen wir den Ameisenstaat? Dennoch bieten die neuen Kommunikationsmittel neue kollaborative Möglichkeiten, derer sich die Menschheit bedienen sollte.
Das denkt MindSharing:
Ob es einst schwarmgesteuerte »virtuelle Unternehmen geben [wird], die nur ein paar Stunden oder gar Minuten existieren« wie es der Zukunftsforscher Andreas Neef mutmaßt, oder gar eine »soziale Revolution«, wie sie der Soziologe Howard Rheingold prognostiziert, bleibt abzuwarten. Dennoch steht die Effizienz von Schwarmintelligenz auf einem breiten wissenschaftlichen Fundament. So wird es Zeit die erkannten Vorteile dieser kollektiven Intelligenz gewinnbringend zu nutzen. Und auch wenn es nicht zu einer Schwarm-Revolution der Gesellschaft kommt, steht auf der Mikroebene eine ganze Reihe von Reformen an. Schon jetzt sieht man, wie sich neben Kriegs- oder Protestgruppen neue Formen von nachhaltigen Schwärmen herausbilden. So gehört die Zukunft nicht einem, sondern vielen Schwärmen, die miteinander konkurrieren aber auch kollaborieren. In welchem schwimmen Sie?
MindSharings Frage an die Gemeinde:
Welche Schwärme werden die Zukunft prägen? Wird die kollektive Intelligenz der Menschen, unterstützt durch das Potential des Internets, die Gesellschaft noch mehr bestimmen, als bisher? Wir sind gespannt auf Ihre Antworten!




















