Sind wir noch zu retten?
Verwundert reibe ich mir die Augen: Wir sind in Deutschland mal wieder dabei, uns in eine schlechte Stimmung oder gar Depression zu reden. Hat es zu lange geregnet? Oder müssen wir uns jetzt für die Euphorie während der Fußballweltmeisterschaft bestrafen? Ich verstehe es nicht.
Drei Beispiele:
Am 26. März berichtete Spiegel online: Gute Konjunkturaussichten: Ifo-Geschäftsklimaindex steigt überraschend:
Der Ifo-Geschäftsklimaindex erhöhte sich von 104,1 Punkten im Februar auf 104,8 Punkte und damit zum dritten Mal in Folge, wie das Ifo-Institut am Mittwoch in München mitteilte. Experten waren im Durchschnitt von einem Rückgang auf 103,4 Punkte ausgegangen. Im Januar und Februar war der Index ebenfalls überraschend gestiegen. “Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Konjunktur in Deutschland mit Jahresbeginn an Schubkraft gewonnen hat”, sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.
Was sind das für Experten, die sich in schöner Regelmäßigkeit irren? Darf sich noch jemand Experte nennen, der schon die letzten Male bewiesen hat, dass er es nicht kann? Und vor allem: Warum lassen wir uns von diesen falschen Propheten den Tag versauen?
Beispiel 2: Am 2. April (nein, nicht am 1. April!) berichtet ebenfalls Spiegel online: Globale Studie: Deutschland beliebtester Staat:
Deutschland hat einen besseren Ruf als alle anderen großen Staaten der Welt, zeigt eine globale BBC-Studie: Fast überall wird der Einfluss der Bundesrepublik eher positiv als negativ gesehen. …
Zum ersten Mal in meinem Leben verspüre ich so etwas wie Stolz auf Deutschland. Wir haben offensichtlich aus den Gräueltaten der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges gelernt. Wir haben es offensichtlich durch kluge Politik geschafft, uns international eine Menge Freunde zu schaffen und unser Ansehen zu mehren. Das wäre doch mal ein Feiertag wert! Oder wenigstens eine Topmeldung in den wichtigsten Nachrichtensendungen.
Aber, nein: Ich habe an diesem Abend extra die Abendnachrichten im Fernsehen verfolgt; das Heute-Journal im ZDF und die Tagesthemen in der ARD. Von der Ergebnissen der obigen Studie war keine Wort. Statt dessen wieder jede Menge Probleme: mit einem despotischen Führer in Afrika, mit Biosprit und natürlich den Banken. Bei Spiegel online war der Beitrag schon nach ein paar Stunden im Hintergrund verschwunden.
Ein drittes Beispiel, aktuell von heute, ebenfalls aus Spiegel online: Perspektiven: Mehrheit der Deutschen befürchtet triste Zukunft:
Eine Hiobsbotschaft nach der anderen – das zeigt Wirkung: Einer Umfrage zufolge glaubt inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung, dass es wirtschaftlich bergab geht. Nur noch 18 Prozent erwarten eine Verbesserung.
Und dann werden weiter unten die Hiobsbotschaften aufgeführt: Rückgang der Arbeitslosigkeit (im Herbst womöglich unter 3 Mio. Arbeitslose, etliche reden schon wieder von Vollbeschäftigung!), Lohnerhöhungen (öffentlicher Dienst zuletzt 5,1%), starker Euro (senkt unsere Ölrechnung beträchtlich! Billiges Shoppen in New York. Deutschland immer noch Exportweltmeister).
Ich verstehe das alles nicht mehr. Lieben wir die miese Stimmung? Sind wir nicht fähig, in all dem Überfluss glücklich zu sein?
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Lieber Herr Horbach,
seit wann ziehen positive (glückliche) Nachrichten in den Medien….Der Leser/Seher ist Voyeur und will Sex, Crime und Tratsch. Und er will sich im Unglück suhlen. Die Medien haben sich längst drauf eingestellt und bringen nur das was aufregt, aber nicht was zufrieden oder gar stolz macht. Am Samstag sah ich zufällig eine Boulevard-Sendung. Was war drin: Familientragödien mit Totschlag, Übergewicht, Scheidungsaffären, Promistories und Jungendkriminalität. Ich hab abgeschaltet.
Lieber Herr Klotz, das mit den “good news are no news” kann ich ja noch verstehen, aber dass ein ganzes Volk in eine depressive Grundstimmung verfällt, obwohl die objektiven Umstände sehr gut sind, verstehe ich nicht.
Da fürchten sich die Menschen vor dem starken Euro und denken nicht darüber nach, dass bei einer Parität von Euro und Dollar unsere Ölrechnungen um 50% teurer wären. Die oben schon erwähnten sogenannten “Experten” sahen bei einem Wechselkurs von 1,50 endgültig die deutsche Exportwirtschaft in ernster Gefahr. Und was passiert tatsächlich: Der Euro liegt bereits bei 1,57 und die deutsche Wirtschaft fährt einen Exportrekord nach dem nächsten ein. Und zuhause sitzen Hein und Lieschen Müller und sind tief besorgt um ihre Zukunft. Absurd.
Milliarden Menschen wären glücklich, unsere Probleme haben zu dürfen.
Herr Horbach, Sie beachten dabei nicht, dass eine der größten Wirtschaftssystem der Welt (die USA) kurz vor dem “aus” stehen – also warum sich Hein und Lieschen da Sorgen verstehe ich nicht, aber warum ich mir da Sorgen mache, weiß ich ganz genau, weil das, in einem globalisiertem Markt nicht spurlos an uns vorrüber geht. Zumal der Euro eine “Metawährung” ist. Die DM allein hätte man bei der nächsten Weltwirtschaftskrise noch “steuern” können, beim Euro sind wir machtlos.
Lieber Wolff,
herzlichen Dank für diesen Beitrag. Er ist mir aus der Seele geschrieben. Seit Jahren wundere ich mich über die hausgemachte Freudlosigkeit mancher Mitbürger.
Freude ist ein enormer Impulsgeber. Aber wer nutzt sie schon? Wir haben oft allen Grund zur Freude. Freuen uns aber nicht, oder wenn, dann nur kurz.
Denn wir glauben, dass Freude nicht passt. Nicht zu unserer Arbeit, nicht zu unserer Konjunktur, nicht zu unserer Ernsthaftigkeit, nicht zum Wetter, nicht zu unserem Weltwissen. Dieses konzentriert sich auch durch die Medien und vor allem durch unsere eigene Wahl der Informationsbeschaffung oft einseitig auf das zermürbende Dreigespann Katastrophen, Kriege, Kriminalität.
Oder trauen wir uns nicht, offensichtlich und oft Freude zu zeigen, weil wir fürchten, die anderen halten uns dann für naiv und unkritisch?
Ich finde Menschen, die sich freuen können schön und mutig. Freude – trotz alledem – und wegen alledem.
“Freude als Impulsgeber” ist am 17.04. Thema der Veranstaltung Jahreszeiten – Wirtschaft im Wandel. (siehe Termine beim BC).
Es wäre mir eine besondere Freude, Dich als Glücksgast dabei zu haben.
@ Lutz: Ich glaube nicht daran, dass die USA kurz vor dem “aus” stehen. Klar haben die jetzt eine Menge Probleme wegen der unsauberen Geschäfte mit Hypothekenkrediten. An der schieren Gier haben sich auch einige europäische Banken verschluckt, siehe IBK, WestLB, Bayerische Landesbank etc. Aber so ein reiches Land wie Amerika hat so enorme Reserven, vor allem mentale. Ich kann es nicht erwarten, dass der unseelige Bush endlich weg ist und die USA wieder aus der Starre rauskommen. Während beispielsweise die offizielle Regierungspolitik immer noch den Klimawandel leugnet, gibt es in vielen Landesteilen bereits eine Menge Gegenbewegungen.
Auch Deutschland wurde vor ein paar Jahren noch als der “kranke Mann” Europas angesehen; “The German Disease” war in aller Munde. Ein paar Jahre später wundern sich sich alle über unsere wirtschaftliche Wiedererstarkung. Mittlerweile wird Deutschland als Konjunkturlokomotive Europas angesehen. Und wie ist alles gekommen? Ein paar “Reförmchen”, etwas Anpacken. Was würde erst passieren, wenn wir wirklich mal mit positivem Bewusstsein rangehen würden?
@ Sabine: Danke für deine “freudvolle” Unterstützung. Die Einladung nehme ich gerne an und komme.
@ Wolff Horbach : Wenn Sie schreiben “Lieben wir diese miese Stimmung? Sind wir nicht fähig, in all dem Überfluss glücklich zu sein?”
Wen bitteschön meinen Sie denn mit “wir”? Sich selbst, Herrn Ackermann, den privat insolventen Arbeitslosen oder “Hein und Lieschen Müller”?
@ Holger Thielemann: Mit “wir” meine ich keine einzelne Person oder eine kleine Personengruppe, sondern sehr große Teile unserer Bevölkerung.
Ich war letzte Woche auf einer Glückskonferenz (http://www.glueckskonferenz.org). Da sprach Prof. Ernst Gehmacher in seinem Vortrag davon, dass ca. 10% der Bevölkerung sich in einer “depressiven Grundstimmung” befinden. Tendenz steigend. Gehmacher prognostiziert aufgrund seiner Forschungen für die nächste Generation eine depressive Grundstimmung von ca. 20% voraus.
Dem können wir m.E. nur sinnvoll begegnen, indem wir gezielt die Ergebnisse der Glücksforschung aufgreifen und sie endlich in den Alltag integrieren. Für uns jeden persönlich. In den Unternehmen. In der Politik.
@ Wolff Horbach:
“Sehr große Teile der Bevölkerung” sind heute von Arbeitsplatzverlust bedroht, bereits arbeitslos und ohne jede Chance auf eine Beschäftigung oder stehen unter dem Druck sich verschlechternder Arbeitsbedingungen (Stichwort “Verdichtung” o.ä.). Die um sich greifenden Angst um die eigene Existenz muß m.E. ernst genommen werden. Was sagte denn die Glückskonferenz zu diesem Thema?
@ Holger Thielemann #8: Wenn ich beim Kommentar #7 von sehr großen Teilen der Bevölkerung schreibe, dann meine ich ca. 60 bis 80%. So große Teile der Bevölkerung arbeiten gar nicht und können daher auch nicht von Arbeitsplatzverlust bedroht sein. Aber Sie haben natürlich recht: Es ist ein ernstes Problem.
Auf der Glückskonferenz gab es keinen direkten Beitrag zu dem Thema “drohender Arbeitsplatzverlust”. Aber Stress – egal wodurch bedingt – ist schon ein zentrales Thema in der Glücksforschung; besser gesagt: Stressvermeidung und Stressreduktion. Es gab allerdings Beiträge zu dem Thema, welche Erkenntnisse der Glücksforschung helfen können, das Arbeitsleben freudvoller zu gestalten. Das Schöne daran: Es gewinnen alle. Die Mitarbeiter werden zufriedener und gleichzeitig werden sie zur Freude der Unternehmen produktiver.
Die heute leider so weit verbreiteten, sich verschlechternden Arbeitsbedingungen, der zunehmende Druck ist also im Sinne der Unternehmen völlig hirnrissig. Unternehmen, die mit Druckmitteln versuchen, mehr Produktivität aus ihren Mitarbeitern zu quetschen, handeln extrem kontraproduktiv. Schon heute fehlen in vielen Branchen Fachkräfte. Unternehmen, die nicht begreifen, dass sie in absehbarer Zeit um gute Mitarbeiter werben müssen, befinden sich auf der Verliererstraße. Die Zukunft gehört Unternehmen, die dafür sorgen, dass es ihren Mitarbeitern gut geht.
Die weit verbreitete Angst und der Zukunftspessimismus stammen von völlig falschen Glücksvorstellungen ab. Wer annimmt, Glück bestände in immer weiterem Anhäufen von Gütern, muss natürlich befürchten, dass er in Zukunft weniger hat. Aber das eigene Glück ist davon nur minimal betroffen. Selbst der überall bedauerte Hartz IV-Empfänger hat erheblich mehr als die allermeisten Menschen auf der Welt. Ich will hier das Problem Hartz IV nicht kleinreden, aber wer annimmt, mehr Geld würde das Problem regeln, ist auf dem Holzweg.
Wir müssen lernen, das Glück in uns selbst zu finden. Die meisten Menschen sind heute viel zu abhängig von großen Institutionen. Und da diese Institutionen – Staat, Kirche, Konzerne, etc. – nicht mehr so funktionieren, wie wir uns das erhoffen, haben wir Angst. Das ist im Grunde genommen ein kindliches Verhalten: darauf hoffen, dass Papa (Staat) schon alles richtet. Erwachsene Menschen packen ihr Leben selbst an. Na klar soll unser Staat für günstige und gerechte Rahmenbedingungen sorgen, aber den Rest müssen wir selbst machen. Wenn man die Fesseln der Rundum-lebenslang-all-inclusive-Versorgung hinter sich gelassen hat, wird das Leben wieder lebendig und spannend.
@Wolff Horbach
Auf die Gefahr hin, hier als Spaßbremse zu erscheinen: Ihre Glücksappelle sind mir zu voraussetzungslos, sie abstrahieren mir zu sehr von der gesellschaftlichen Realität. Die Arbeitswelt ist sicherlich nur e i n Krankmacher. Es gibt andere. Wir könnten auch von bestehender oder drohender Altersarmut sprechen, von Marginalisierungsprozessen wie Vereinsamung und Ausgrenzung oder von Diskriminierung und Unterdrückung oder oder oder. Diese Realität muss m.E. zur Kenntnis und ernst nehmen, wer Menschen aus ihrer Bedrückung erlösen und glücklich machen will. So individuell wie die Probleme von Menschen sind auch deren Lösungen, können wir uns da einigen?
Mir reicht es nicht, wenn Sie allgemein die Mißmutigkeit in Deutschland beklagen, pauschal konstatieren, dass mehr Geld es nicht bringen würde und jeder sein Glück “in sich selbst” finden müsse. Das mag für Menschen gelten, die bereits genug haben und deren “Gier” möglicherweise als neurotisch eingestuft werden muß.
Für alle anderen gilt, dass “Lebenschancen” (Dahrendorf) selbstverständlich Auswirkungen auf die Befindlichkeit von Menschen haben. Hohe Arbeitsbelastungen, mangelnder Handlungsspielraum, mangelnde soziale Unterstützung, mangelnde soziale Verankerung und schließlich auch Arbeitslosigkeit wirken sich negativ auf den sogenannten “sense of coherence” (SOC) aus, was wiederum maßgeblich die Wahrscheinlichkeit depressiver Erkrankungen erhöht.
Das sind Faktoren, die Sie m.E. nicht einfach übergehen dürfen.
Offensichtlich befindet sich unsere Gesellschaft derzeit in einer beunruhigenden Abwärtsspirale. Hier ist sicher reichlich Platz für Innovationen. Ob es mehr Geld (wofür?) alleine bringen wird, da habe ich auch meine Zweifel. Soviel jedenfalls ist klar: das Ganze wird uns teuer zu stehen kommen.
Vielleicht brauchen wir ein neues Berufsbild: “Glücksritter”!
Lieber Herr Thielemann, in der Misere, die Sie beschreiben, steckt genau die Lösung. Nehmen wir einen fiktiven Fall: Herr Mutlos hat wirklich einen schlechten Job, einen Chef, der die Leute runter macht. Herr Mutlos fährt jeden Morgen zu der Arbeitsstelle, die ihn krank macht; er schimpft jeden Freitag beim Stammtisch über seinen Chef. Und am Montag geht er wieder hin. Er sieht keinen Ausweg und hofft, die zwölf Jahre bis zur Pensionierung noch durchzustehen.
Dieses Verhalten nennt man in der Psychologie “erlernte Hilflosigkeit”. Aus schlechten Erfahrungen werden dann “es macht eh keinen Sinn”, “was soll man da machen?” oder “die da oben sitzen sowie am längeren Hebel”.
Was wäre aber, wenn Herr Mutlos sich darauf besinnen würde, dass er in diesem freudlosen Job nur wertvolle Lebenszeit verplempert? Es gibt unendlich viele Alternativen: Er könnte sich einen anderen Job suchen. Er könnte beschließen, seine Arbeit sinnvoll zu gestalten, aufhören, sich nicht mehr über seinen Chef zu ärgern, usw. usw.
Das meine ich mit “das Glück in sich suchen”. Das hat natürlich mit der Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben zu tun. Die zentrale Erkenntnis der Glücksforschung ist für mich: “Glück ist lernbar”. Gestern hatte ich ein hochinteressantes Interview mit Prof. Tobias Esch, Mediziner und Neurobiologe, über die neurologischen Vorgänge beim Glücksempfinden. Auch Esch stellt fest: “jeder kann für sich etwas tun”.
Wir können also ein Menge unternehmen, um unser eigenes Wohlbefinden zu steigern. Mit einem gesteigerten Wohlbefinden wächst auch unser Vertrauen in eine gute Zukunft. Wir fangen an, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und warten nicht darauf, dass uns irgendwer sagt, was wir tun und lassen sollen. Wir sind nicht Opfer einer ungewissen Zukunft, sondern WIR GESTALTEN DIE ZUKUNFT.
Ihren Pessimismus, dass “sich unsere Gesellschaft derzeit in einer beunruhigenden Abwärtsspirale” befindet, teile ich nicht. Es gibt sicherlich ein paar Aspekte, die auch ich als negativ empfinde. Aber zu welchen Zeiten hatten die Menschen keine gravierenden Probleme? Wir alle können dazu beitragen, dass sich die Dinge zum Positiven wenden!
Einer DER großen Innovationen ist für mich die Entwicklung einer glücklichen Gesellschaft. Daran möchte ich mitwirken. Nicht als “Glücksritter”, sondern als “Glücksstifter”.
@Wolff Horbach
Herr Mutlos heißt mit Vornamen “Dummgelaufen”. Er hat für sich und seine Familie seinerzeit ein Haus gekauft. Leider sind die Raten noch nicht getilgt. Sein Sohn hat nicht wie vom Vater vorgeschlagen Ingenieurwissenschaften in Bochum, sondern Vergleichende Kulturwissenschaften in Marburg studiert. “Dummgelaufen” hatte das trotz Bedenken akzeptiert, weil er dessen Glück wollte.
Der Sohn ist wieder zu Hause eingezogen, weil er sich von Praktikum zu Praktikum zwar immer wieder Hoffnungen auf einen festen Job macht, aber seinen Lebensunterhalt nicht selbst verdienen kann.
Die Tochter von D.G. Mutlos studiert im fünften Semester Psychologie. Dumm gelaufen: Die Mutter von Herrn Mutlos hatte einen Schlaganfall und wird zu Hause gepflegt. Sie wird wohl demnächst in ein Heim müssen. Leider hat sie eine kleine Rente und D.G. Mutlos wird wohl auch hier einspringen müssen. Er vierdient als Angehöriger der “Mittelschicht” schließlich nicht schlecht.
Seine Frau kann nichts zum Lebensunterhalt beitragen, weil sie ihren Job vor 27 Jahren wegen der Kinder aufgegeben hatte. Ihre schon verstorbenen Eltern wollten ihr ein kleines Vermögen vererben, das hätte die Familie weitergebracht. Leider hatte sie aber in fortgeschrittenem Alter noch auf den windigen Anlageberater einer Gesellschaft mit drei Buchstaben gehört und sich einen Anteil an einen geschlossenen Immobilienfonds andrehen lassen. Der war am Ende nichts mehr wert war.
Herr Mutlos macht sich Sorgen, weil der Chef seiner Firma schon öfter angekündigt hat, er müsse möglicherweise bald Insolvenz anmelden.
So. Und nun sagt sich Herr Mutlos, dessen zweiter Vorname eben nicht “Verantwortungslos” ist plötzlich: “Egal. Ich kündige jetzt und fange mal an, mich selbst zu verwirklichen. Ich werde mein Glück in mir selbst finden. Habe da neulich einen Herrn Horbach im Fernsehen gesehen. Der Mann hat mir die Augen geöffnet.” Irgendwie so?
Mein Fazit: Ihre Vorstellungen mögen für die Düssseldorfer Schickeria funktionieren. Herr Mutlos aus Bochum wird sich weiter durchwurschteln müssen.
Hallo Herr Thielemann, unser Dialog wird langsam spannend. In Ihrer Version der Geschichte werden gleich mehrere (falsche) Glücksvorstellungen sichtbar, die zu einer scheinbar ausweglosen Situation führen, es in Wirklichkeit aber nicht sind:
Fangen wir mit dem Haus an. Ständig versuchen uns Bauträger, Finanzdienstleister und Politiker einzureden, wir wären erst dann glücklich, wenn wir ein eigenes Haus haben. Möglichst ein freistehendes Einfamilienhaus mit Doppelgarage. Das wir uns dafür meist ein Leben lang verschulden, in den besten Lebensjahren einschränken und abmühen müssen, wird uns verschwiegen. Ebenso, dass ein eigenes Haus eine Menge Arbeit macht und uns an einem Ort fixiert wie eine Pflanze zweiter Ordnung.
Auch die Kette: hohe Ausbildung > gutes Einkommen > Glück ist ziemlich falsch. Sicherlich öffnet ein abgeschlossenes Studium viele Möglichkeiten, aber davon auszugehen, dass es automatisch glücklich macht, ist nicht richtig. Ich kenne mich im IT-Bereich ganz gut aus. Da ist ein Abschluss als Dipl.-Ing. oder Dipl.-Informatiker fast ein Muss. Neulich las ich von einer Untersuchung, dass gerade im IT-Bereich viel Stress und Unzufriedenheit herrscht. Frisöre und Gärtner sind mit ihrer Tätigkeit viel zufriedener. Wenn Väter also wirklich das Glück ihrer Söhne und Töchter wollen, dann ist es meist ziemlich kontraproduktiv, wenn sie sie zu einem Studium verführen, welches ihren Neigungen und Fähigkeiten nicht entspricht. Die Ausrichtung eines Studiums am Markt dient vielleicht dem Markt, selten den einzelnen Menschen.
Wieso kann der Sohn von D.G. Mutlos nicht seinen Lebensunterhalt verdienen? Wartet er darauf, zum Direktor des Kunstmuseums berufen zu werden. Millionen anderer Menschen verdienen schließlich auch ihren Lebensunterhalt: sie sammeln unseren Müll ein, bedienen uns im Restaurant, schrauben unsere Autos zusammen, schneiden uns die Haare oder fahren uns mit dem Taxi zum Bahnhof. Alles ehrenhafte Jobs, ohne die unsere Gemeinwohl zusammenbrechen würde. Ist das unter der Würde von D.G. Mutlos oder unter der Würde seines Sohnes?
Ich würde Herrn D.G. Mutlos empfehlen, mal zusammen mit seiner Gattin zu überprüfen, was wirklich notwendig ist und welches nur Zwangsvorstellungen sind. Muss man wirklich am eigenen Haus festhalten, oder wäre nicht eine Wohnung günstiger? Könnte die Gattin vielleicht einen kleinen Nebenjob machen? Wäre ein Jobwechsel eventuell sinnvoll, auch wenn das Gehalt dann niedriger wäre?
Ich empfehle ja nicht gleich, dass Herr Mutlos seinen Job kündigt, seine Familie verlässt und sich als Künstler in der Toscana verwirklicht. Aber zwischen dem oben geschilderten Leben mit “durchwurschteln” und einem gelingenden Leben mit einem hohen Grand an Selbststeuerung gibt es noch hunderte Zwischenstufen. Selbst wenn D.G. Mutlos und seine Familie an den äußeren Umständen nichts ändern könnten, wäre noch eine Menge Spielraum, um den eigenen Glückspegel zu steigern: weniger fernsehen, statt dessen Sport treiben. Auf etwas verzichten, um anderes zu gewinnen. Aktiv werden, statt darauf warten, dass sich die Umstände ändern (tun sie meistens nicht). Es gibt eben sehr viele Wege zum Glück.
Glück ist für mich eben nicht das Sahnehäubchen für die Schickeria, die schon alles andere hat, sondern ein Grundrecht für alle.
Werte Herren Kombattanten,
auf der Suche nach neuen Mitstreiterinnen für die Glückspraxis bin ich offenbar nur Angehörigen der Famile Willversorgtwerden begegnet. Die eben ihr Glück nur in jenem Umstand sucht. Statt Qualifikation gibt es dem angemessen irrationale Gehaltswünsche. Arbeitslosengeld geht bequemer. Schickeria sind für mich diese D.G.Mutlos und Willversorgtwerdens, die schick von unser aller Ressourcen leben ohne großartig was dafür zu tun. Eigenverantwortlichkeit wird den Menschen hier immer fremder. Das sehe ich täglich in meinem Beruf. Und die kommt in diesem Staate immer mehr aus der Mode – weswegen ich ihn auch nicht für einen glücklichen halte. Den Staat. Mir deucht er eher faul – in mehrerlei Hinsicht.
Anyway: es gibt ja für die dorthin neigenden Leser ja noch eine reine gute Nachrichten Seite (der Vereinten Kirche Gottes…);-)
Liebe Sarah, ich sehe Herrn Thielemann und mich nicht als Kombattanten, sondern als Dialogpartner, die versuchen, in fairer Weise ihre Argumente zu präsentieren und voneinander zu lernen. Mir hilft das jedenfalls, meine Gedanken zu überprüfen und zu schärfen.
Deine Begegnungen mit den Familien Willversorgtwerden deckt sich mit meinen Erfahrungen und Einschätzungen der Mutlos’s. Ich sehe es auch so, dass unsere staatlichen Systeme die Menschen eher dazu zwingen und dazu verleiten, Verantwortung abzugeben, anstatt sie für das eigene Leben zu übernehmen. Die Folge ist dann eben das Gefühl der Ohnmacht verbunden mit einer depressiven Grundstimmung. Einer der Faktoren, der Menschen am glücklichsten macht, ist Autonomie – das Gefühl, in wesentlichen Teilen über das eigene Leben bestimmen zu können. Dies gilt es zu fordern und zu fördern.
lieber wolff, deiner forderung nach förderung schließe ich mich uneingeschränkt an…
und das mit den “werten herren komanattanten” ist mal wieder in meiner eingeborenen britischen ironie und dem humor gemeint, den ja leider hier keiner so recht versteht…
“Kombattanten” meinte ich (immer noch humorvoll) – gebt den Legasthenikern wie mir dieser plattform doch bitte eine chance zur kommentar-korrektur. auf meinem blog kann mensch 15 min lang die kommentare korrigieren… kleines WP plugin…
@ Wolff Horbach
Herr Horbach, herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für den Dialog genommen haben. Ich sehe jetzt klarer, was Sie meinen und der Beitrag von “Doc Sarah” zeigt, dass Ihr Glückskonzept in diesem Formum auf Zustimmung stößt.
Ich habe verstanden, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist und zusehen soll wie er klar kommt. Dieses Glückskonzept (einfach die Bedürfnisse runterschrauben) paßt gut zur fortschreitenden Entsolidarisierung unserer Gesellschaft, in der man sich die Unterstützung Schwächerer nicht mehr leisten will. Schließlich geht´s den 120 Millionen chinesischen Wanderarbeitern ja auch nicht besser: keine Altersvorsorge, keine Krankenversicherung, keine Arbeitslosenversicherung. Sorry, Sie haben mich nicht überzeugt.
Und trotzdem nochmal: Danke für Ihre Geduld.
Hallo Herr Thielemann, das ist jetzt aber ein zynischer Schluss. Es ist nicht mein Glückskonzept, Bedürfnisse runterzuschrauben und schon gar nicht, eine Entsolidarisierung der Gesellschaft zu unterstützen.
Ich habe die Ergebnisse der Glücksforschung aufmerksam und ausgiebig studiert und habe das Ziel, die Erkenntnisse den Menschen nahe zubringen, so dass sie größtmöglichen Nutzen daraus ziehen können. Und die Ergebnisse sagen im Großen und Ganzen Folgendes: Glück kommt nicht von außen, sondern entspringt einer inneren Haltung. Ab einer bestimmten Grundversorgung tragen Güter kaum noch zu einer Steigerung des Glücks bei. Am glücklichsten sind die Menschen, die aktiv handeln und ihr Potenzial ausschöpfen. Jeder kann etwas tun, um seinen persönlichen Glückspegel zu steigern.
Ich kann es auch anderes herum ausdrücken: Wer das Glück von außen erwartet – durch Geld, Haus, Boot – macht sich selbst unglücklich. Wer nicht aktiv handelt und ständig erwartet, das andere für ihn etwas machen (Arbeitsplätze bereitstellen, …) wird auch ständig frustriert sein. Das ist genau der Zustand, den ich mit meinem Beitrag behandelt habe: Anstatt aktiv die gewünschte Zukunft zu gestalten, sich von irgendwelchen düsteren Prognosen in die Depression schicken lassen.
Die Wege zum Glück sind ein großartiges Angebot. Man kann es ausprobieren und die eigenen (positiven) Erfahrungen machen. Man kann es auch sein lassen. Die Entscheidung liegt bei jedem selbst.
@ Holger Thielemann: also, die geknechteten chinesischen Wanderarbeiter mit den ( Achtung: Provokation! ; -) ) Wohlstandsschmarotzern dieses Staates zu vergleichen, geht mir dann doch arg zu weit. Vielleicht werfen Sie mal einen Blick auf diesen Artikel…
Oder einfach in die nächste Kneipe – wo die Hartzler fernab jeglicher Vergleichsmöglichkeiten mit chinesischen Wanderarbeiter Sklaven … Oder in die Familien der “Solidargemeinschaft”. Ich bin da ja täglich an der Front. Sie auch?!
@ Wolff: stimme Dir zu: wir treffen jeden Tag jede Entscheidung für uns und unser Leben neu. Deswegen werde ich irgendwann auch auswandern – wenn ich einen Ort gefunden habe, an dem ich meine Zukunft freier gestalten kann, als hier in Täuschland… (hab ich aber noch nicht… vielleicht liegt er ja in mir…)
@ Doc Sarah
Seit 25 Jahren tibetische Buddhistin?
“Garchen Rinpoche. Mir ihm fuhr ich vor Jahren im offenen Alfa Spider Cabriot durch dieses unselige Tussidorf ( die “Erwin Statt Düsseldorfâ€..) – wir zwei in buddhistischen Roben, er segnend mit der Gebetsmühle …”
Und dann kommt sowas dabei raus: “Wohlstandsschmarotzer”?
Ich hatte Tenzin Gyatso, den XIV. Dalai Lama so verstanden:
“Erkennt man, dass der eigene Wunsch, Leiden zu vermeiden und Glück zu erlangen, von allen Wesen gleichermaßen geteilt wird, kann man Liebe erzeugen – den Wunsch, alle Wesen im Besitz von Glück zu sehen – sowie Mitleid – den Wunsch, alle Wesen frei von Leid zu sehen.” (Vorwort zu DER TIBETISCHE BUDDHISMUS)
werter herr thielemann, der wagen war eine uralte rostschüssel – das konnten sie ja nicht wissen..
und genauso sehe ich das:
@ Doc Sarah
Wen interessiert schon, ob Ihr Cabrio ne alte Rostschüssel war. Mich wundert nur, dass man als tibetische Buddhistin über sozial Schwache mitleidlos herzieht (“Wohlstandsschmarotzer”). Das paßt doch irgendwie nicht zusammen. Für mich paßt auch nicht zusammen, wenn Garchen Rinpoche (aus dem fahrenden Auto?) die Menschen einer Stadt segnet, die Sie als “Tussistadt” bezeichnen. Für mich offenbart sich hier hier eine recht merkwürdige Gemengelage von Haltungen, die auf mich sehr befremdlich wirken.
“Und dann kommt sowas dabei raus: “Wohlstandsschmarotzerâ€?”
Ich wüsste nicht, daß die pure Beschreibung von nackten Tatsachen einer Glaubenshaltung entgegensteht oder dies gar tun sollte. nein nein. dies ist auch nicht konträr zu einer allgemeinen wertschätzung, die man lebewesen entgegen bringt! und mit welchem RECHT urteilen sie über doc sarah? ich glaube kaum, daß ihnen derart distanzlose kommentare zustehen. vielleicht halten sie sich mal an die etiquette…
[...] Und nächsten Monat wird dann berichtet, dass sich die angeblichen Experten mal wieder geirrt haben. Siehe “Sind wir noch zu retten?“. [...]
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