Die Lust am Untergang
Die Lust an negativen Nachrichten scheint ungebremst. Wir haben heute den 27. Mai 2008. Und was lese ich eben in Spiegel Online:
Rekordpreise für Benzin und Lebensmittel, Angst vor neuen Teuerungswellen: Die Verbraucher haben derzeit nicht mehr die geringste Lust, Geld auszugeben. Der Konsumklima-Index der GfK ging im Juni überraschend zurück – und er fiel unerwartet stark. (Hervorhebung durch mich).
Artikel bei Spiegel Online
Der Mai ist noch nicht zu Ende und schon wird so getan, als wäre die nicht so gute Prognose für den Juni tatsächlich eingetreten. Schlampige journalistische Arbeit oder die Lust am Untergang?
Und nächsten Monat wird dann berichtet, dass sich die angeblichen Experten mal wieder geirrt haben. Siehe “Sind wir noch zu retten?“.
Ich bin dafür, dass die selbsternannten Experten erst dann ihre Zahlen veröffentlichen dürfen, wenn sie gleichzeitig ihre Vormonatsprognosen und die tatsächlichen Daten mit veröffentlichen.
Ich könnte mich ja noch über die Zahlenspielerei amüsieren, wenn es nicht so traurig wäre: durch die angeblich schlechten Zahlen werden Millionen Menschen in Angst versetzt. Wir leben in einem noch nie dagewesenen Luxus, lassen uns aber die Lebensfreude nehmen, nur weil ein paar Zahlenspieler in München oder Nürnberg einen Schatten gesehen haben. Langsam beginne ich zu begreifen, warum wir auf der World Map of Happiness nur auf Platz 35 landen. Gleichauf mit Kolumbien, Honduras und Kuwait.
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jo, das ist sowas mit experten und journalisten und politikern und so…
sah ich dieser tage zb anne will mit ner klagerunde zur armut in deutschland. sogar geißler haben sie dazu wieder irgendwo hervorgezaubert. hui – und wie der plötzlich “die armen” noch mehr subventionieren wollte… wählerfang.
anyway: erfrischender studiogast der sendung: eine junge, alleinerziehende mutter, die mit 3 jobs 50 std/woche arbeitet, verdient grad mal 99€ mehr, als wenn sie hartz IV bekäme. und eben keine lust am untergang hat.
dazu passt auch der heutige artikel aus der süddeutschen: armutsdiskussion in deutschland “die tricksereien machen mich fassungslos” – ein interview mit dem berliner politologen klaus schröder. denn auch die armutsklage ist jankert auf hohem niveau. besonders lesenswert die zweite seite des artikels.
aber um diesen sozialen überwachungsstaat und seine macher erhalten zu können, braucht es wohl die lust am untergang…
[...] und richten häufig unsere Entscheidungen danach. Das beklagt auch Wolff Horbach im innovativ-in-Blog und macht deshalb folgenden Vorschlag: “Ich bin dafür, dass die selbsternannten Experten [...]
[...] und richten häufig unsere Entscheidungen danach. Das beklagt auch Wolff Horbach im innovativ-in-Blog und macht deshalb folgenden Vorschlag: “Ich bin dafür, dass die selbsternannten Experten [...]
“Wir” leben in einem noch nie dagewesenen Luxus?
Sorry, aber ich habe zu Ihrem Artikel auch diesmal ein paar kritische Anmerkungen, Herr Horbach.
Die Studie von den Seiten der University of Leicester führt genau das Gegenteil von dem aus, was Sie als Ursache für “Unglück” immer wieder anführen (Gemäkel, schlechte Stimmung verbreiten, falsche persönliche Lebenseinstellungen etc.). Die Studie führt sehr klar aus, worum es geht. Hier ein paar Originalzitate:
“… subjective well-being measures are necessary to evaluate a society, and add substantially to the economic indicators that are now favoured by policy makers.â€
“In the literature a major distinction is drawn between brief emotional episodes, periods of joy or acute happiness, and an underlying state of happiness. This underlying state is conceptualised as a sense of satisfaction with one’s life, both in general and in specific areas of one’s life such as relationships, health and work.”
“… temporary mood states have only a marginal effect on SWB, whilst long term changes and situational factors have a significant effect on SWB.”
“There is extensive evidence of correlations between SWB and general health … also found that the use of medical services correlated negatively with SWB… showed that SWB was a significant predictor of mental health levels.”
” … shown the effect of financial well-being on SWB… shown meeting the basic needs of people, needs such as healthcare, education and housing, have strong effects on SWB.”
“It is immediately evident that there is an effect of poverty on levels of SWB. The map itself mirrors other projection of poverty and GDP. This data on SWB was compared with data on access to education (UNESCO, 2005), health (United Nations, 2005), and poverty (CIA, 2006). It was found that SWB correlated most strongly with health closely followed by wealth and access to basic education. This adds to the evidence that from a global perspective the biggest causes of SWB are poverty and associated variables.”
So sieht das aus, wenn man die Studie genauer liest.
Die Studie zeigt im übrigen auch, dass Deutschland mit dem weltachtbesten SWB(“Subjective Well-being”)- Wert dasteht als Ausdruck “unseres” Wohlstands und der daraus resultierenden – verglichen mit dem Rest der Welt – positiven gesellschaftlichen Umstände. Das ist doch sehr schön und sollte Sie glücklich stimmen.
Hallo Herr Thielemann, danke für das aufmerksame Lesen und selbstverständlich für die kritischen Anmerkungen. Nur so kommen wir weiter. Natürlich habe ich in meinem Beitrag etwas schwarz-weiß gemalt. Wenn ich davon schreibe, dass wir in einem noch nie dagewesenen Luxus leben, kann das notwendigerweise nicht alles abdecken. Mit “wir” sind nicht alle Bürger dieses Landes gemeint, aber die Mehrzahl. Auch der Luxus ist zu relativieren. Ich meine ihn im Vergleich zu dem, was Menschen in anderen Ländern dieser Erde haben. Da liegen wir sicherlich im internationalen Vergleich in der Spitzengruppe.
Was den SWB-Wert angeht, gehören wir eben nicht zur Spitzengruppe, sondern ins Mittelfeld. Da gibt es auch andere Studien, in denen Deutschland fast immer im Mittelfeld zu finden ist.
Führende Glücksforscher sind sich darüber einig, dass die äußeren Umstände nur zu etwa zehn Prozent auf das persönliche Glück Einfluss nehmen. Das allermeiste hängt von der persönlichen Einstellung und Aktivität ab.
Ich habe auch nichts dagegen, dass Missstände und Mängel aufgedeckt werden. Ich habe nur etwas gegen das destruktive Jammern. Gegen das Schwarzsehen. Weil es die Menschen unglücklich macht. Ist es wirklich eine Katastrophe, wenn das Wirtschaftswachstum mal etwas geringer ausfällt oder die Milch teurer wird? Erstaunlicherweise gibt es kaum Berichte darüber, dass wir für immer weniger Geld und mit immer weniger Arbeitsaufwand uns immer mehr technische Geräte kaufen können, die immer mehr können. Die Festplatte, die letztes Jahr mit 250 MB Kapazität 150 Euro kostete, gibt es heuer mit 500 MB für 99 Euro. Und schneller ist sie auch noch. Die 300 Prozent Verbesserung nimmt man doch gerne mit, ohne ein Wort zu verlieren. Aber wehe, der Joghurt wird drei Cent teurer.
Mir geht es darum, dass wir für die Dinge, die wir in Hülle und Fülle haben, dankbar sind. Und konstruktiv die Dinge anpacken, die erneuert und verbessert werden sollten. Dass wir unsere Zukunft gestalten und uns nicht von Expertisen, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben sind, ins Bockshorn jagen lassen.
Bei Deinem Beitrag habe ich ein Déjà -vu-Erlebnis. Habe ich so oder so ählich schon mal von Dir gelesen. Dabei habe den Eindruck, dass die Medienschelte für Dich ein legitimes Mittel ist, um auf die unglücklichen Umstände in unserer Gesellschaft hinzuweisen. (Ach ja, Selbstkritik: habe ich neulich in meinem Blog auch getan.)
Wenn ich es durch Deine rosarote Glücksbrille betrachte, legst Du den Finger immer wieder in die negative Wunde und jammerst über das, was Du beklagst. Journalisten machen Angst. Glückexperten aber wollen, ja was eigentlich? Nur noch Happy Botschaften?
Ach, habe noch eine Frage zu Deiner Headline “Die Lust am Untergang”. Ist der Titel eigentlich bewusst gewählt, um damit Leser zu interessieren?
Hallo Wolff!
“durch die angeblich schlechten Zahlen werden Millionen Menschen in Angst versetzt.”
Hmmmmmmm … da regt sich schon wieder Widerspruch in mir (was heute nur in den Sternen stand?
): “werden Millionen Menschen in ihrer Angst bestätigt / sich ihrer Angst bewusst” fühlt sich für mich persönlich viel stimmiger an. Habe ich IN MIR keine Angst, dann können mir auch “Zahlen von außen” nix anhaben …
Sorry, heute mal etwas kleinkariert … die Ulrike
@ Elita # 6: Das Dèja-vu-Erlebnis täuscht dich nicht. Ich habe neulich schon mal ähnliches geschrieben und auch im aktuellen Artikel darauf verlinkt. Ich weiß nicht, ob ich Medienschelte betreibe, wenn ich auf Meldungen hinweise, die eine breite Medienwirkung haben, aber offensichtlich schlampig verfasst sind. Ich habe früher den SPIEGEL regelmäßig gelesen und verlasse mich heute oft auf SPIEGEL Online. Ich habe von daher eine hohe Meinung von diesem Medium. Wenn ich dann aber so einen Artikel wie den im Beitrag erwähnten lese, dann bleibt für mich nur ein Schluss: Der zuständige Redakteur hat tief geschlafen oder war aus irgendeinem anderem Grunde nicht bei der Sache. Es darf einfach nicht passieren, dass bei einem führenden Nachrichtenmagazin, der Redakteur nicht mehr Gegenwart und Zukunft unterscheiden kann. Und dann geht das Ganze auch noch am Chefredakteur vorbei auf die Seite 1. Liest das keiner mehr?
Das wäre ja alles halb so wild, wenn es sich um eine kleine Provinzmeldung handeln würde. Aber das ist es leider nicht. Solche Nachrichten haben eine durchschlagende Wirkung auf das Befinden der ganzen Republik. Das ist, was ich ändern möchte. Journalisten haben eine hohe Verantwortung. Gilt beim SPIEGEL jetzt auch nur noch die Quote?
Ich weiß nicht, was andere Glückexperten wollen. Ich jedenfalls möchte, dass sich die Erkenntnisse aus den Glückswissenschaften verbreiten und dadurch die einzelnen Menschen wie auch die Gesellschaft insgesamt davon profitieren. Es geht um mehr positive Emotionen (Anteilnahme, Freude, Vertrauen, Empathie, gegenseitige Hilfe, ..), um positive Charaktereigenschaften (Aufmerksamkeit, Gelassenheit, Beharrlichkeit, Mut, Zivilcourage, …) und um positive Strukturen (Beteiligung, Fairness, Gerechtigkeit, Chancengleichheit, …). Da sehe ich auch die Journalisten gefordert.
@ Elita # 7: Ich könnte jetzt sagen: Das habe ich von dir gelernt
Ein Titel muss Aufmerksamkeit erregen. Ich hoffe, es ist gelungen.
@ Ulrike # 8: Du hast sicherlich recht. Wenn ich innerlich keine Angst habe, können mir auch die schlechten Nachrichten von außen nichts anhaben. Schon gar nicht, wenn es eigentlich keine schlechten Nachrichten sind, sondern nur negative Erwartungen. Persönlich fühle ich mich davon auch gar nicht betroffen, aber ich sehe die verheerenden Wirkungen.
Deine Meinung finde ich übrigens überhaupt nicht kleinkariert, sondern trägt dazu bei, die Dinge klarer zu machen. Von daher: Danke!
Hallo Wolff!
Immer mal wieder werde ich netterweise an das Thema “Betriebsblindheit” erinnert
Wenn da bei mir mal wieder “Alarm” angesagt ist, dann fällt mir das immer erstmal (seufz) im Umfeld auf … und wenn ich dann zum x.ten Mal gedacht habe “meine Güte, gerade er/sie, wo es doch sein/ihr Fachgebiet ist” … dann ist das für mich der Aufhänger, bei mir zu schauen
Und dann erkenne ich noch viel zu oft: grad wir “Glücksexperten” sind sehr aktiv, übersehen aber oft, dass es am effektivsten ist, “einfach” bei uns selber anzufangen und durch unsere “Glücksausstrahlung” andere anzustecken, zu inspirieren. Ich empfinde das selber als “Falle”, in die ich gerne tappe … in die mein Ego mich gerne tappen lässt????
Daher … heute wird ein Tag, wo ich mich UM MEIN GLÜCK kümmern werde
Fröhliche Morgengrüße, Ulrike
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