Vier Tipps, wie Sie Ihrem Chef beibringen, dass Sie morgen später reinkommen

2008-09-05, von Markus Albers

Wenn man – was für die meisten deutschen Arbeitnehmer gelten dürfte – nicht in einem der wenigen vorbildlichen Unternehmen arbeitet, in denen die Easy Economy bereits mehr oder weniger funktioniert, gibt es eine zentrale Erkenntnis: Der wichtigste Schritt auf dem Weg zu mehr Freiheit als Festangestellter ist, den ersten Schritt überhaupt erst zu machen, also das Thema Zeitsouveränität, mobiles und flexibles Arbeiten gegenüber dem Vorgesetzten anzusprechen und gegenüber den Kollegen zu verteidigen. Was die beste Art angeht, sein bisheriges Berufsleben derart radikal auf den Kopf zu stellen, empfehlen die einschlägigen Experten durchaus ähnliche Strategien:

1) die Effizienz steigern und sich möglichst unentbehrlich machen
2) schrittweise vorgehen, die eigene Einstellung zu Arbeit und Zeit ändern
3) auch mit Vorgesetzten und Kollegen darüber sprechen,
sowie schließlich – wenn all das nichts fruchten sollte –
4) bereit sein zu kündigen

Für die meisten dürfte der gangbarste Weg sein, dem Chef eine widerrufbare Testphase vorzuschlagen, zum Beispiel zwei Wochen lang zwei Tage pro Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Die Unternehmens-IT muss dafür einen Zugang zum Firmenrechner von außen ermöglichen, sei es per VPN oder webbasiertem Workflow-Programm. Für die Testphase kann es auch reichen, Dokumente in E-Mails zu verschicken. Wichtiger als technische Fragen: In dieser Zeit muss man die eigenen Überallarbeitsfähigkeiten erproben und trainieren. Das Ergebnis sollte sein, dass man aufgrund fehlender Ablenkung deutlich mehr schafft als im Büro und dies auch dokumentiert. Mobiles und flexibles Arbeiten, das betont nicht nur Timothy Ferriss, der Advokat der 4-Stunden-Woche zu Recht, muss dem Chef als vernünftige unternehmerische Entscheidung präsentiert werden. Im Buch gibt es mehrere Fallbeispiele, in denen Menschen beschreiben, wie sie das geschafft haben.

Um eine größere – und möglichst totale – Zeitsouveränität zu erreichen, empfehlen Cali Ressler und Jody Thompson, die bei Best Buy ein ganzes Unternehmen von der Stechuhr befreit haben, zunächst die Art und Weise zu ändern, wie wir mit Vorgesetzten und Kollegen über das Thema Zeit im Job reden: »Wenn Sie über das Thema Work-Life-Balance sprechen, benutzen Sie nicht mehr das Wort ›Flexibilität‹ und sagen sie stattdessen lieber ›Kontrolle‹ (›Ich suche nach einem Job mit Kontrolle‹ statt ›Ich suche nach einem flexiblen Job. Benutzen Sie nicht mehr die Worte ›früh‹ und ›spät‹. Hören Sie auf, darüber zu sprechen, wie viele Stunden Sie arbeiten und wie hart Sie arbeiten. Um Gottes willen fangen Sie an, das Wort ›Ergebnisse‹ zu benutzen.«

Bill Jensen, der Befürworter des radikalen Vereinfachens am Arbeitsplatz, teilt den missionarischen Eifer der beiden Frauen, ebenso wie Ferriss’ Empfehlung zu schrittweisem Vorgehen. Nachdem man alle Regeln zur Effizienzsteigerung und Erhöhung der Zeitsouveränität angewandt hat, muss man ein Fazit ziehen. Jensen: »Löschen Sie noch mehr E-Mails und bleiben Sie noch mehr Meetings fern. Lernen Sie, in ziemlich jeder Situation nein zu sagen. Lernen Sie, zu fragen, warum man Ihnen bestimmte Aufgaben gibt. Lernen Sie, mit solchen Chefs umzugehen, die es nicht kapieren und die alles auf Ihrem Schreibtisch abladen. Lernen Sie, die Dummheit bestimmter Unternehmensstrukturen beim Namen zu nennen.« Wenn all das funktioniert und sogar noch der eigenen Karriere im Unternehmen förderlich ist, solle man bleiben. Wenn nicht, müsse man gehen.

Auch Ferriss sagt: »Nur weil es Ihnen peinlich ist, sich einzugestehen, dass Sie immer noch die Folgen einer falschen Entscheidung ausbaden, die Sie vor fünf, zehn, 15 oder 20 Jahren getroffen haben, sollten Sie nicht darauf verzichten, heute eine richtige Entscheidung zu treffen.« Wer einen Job oder ein Projekt anfange, ohne festzulegen, an welchem Punkt die Sache sinnlos wird, handele wie jemand, der ins Spielkasino gehe, ohne sich ein Limit zu setzen: gefährlich und dumm. Kurz: »Manche Jobs sind einfach nicht zu retten.«

Was meinen Sie? Können Sie Ihren Chef von der Easy Economy überzeugen? Oder wenn Sie selbst der Chef sind – sehen Sie die Vorteile dieser Arbeitsweise für Ihre Angestellten und für sich selbst?

Countdown zur Freianstellung bisher:

- Acht Gründe, nicht mehr ins Büro zu gehen

- Sieben Ursachen, warum man im Büro nicht arbeiten kann

- Sechs Argumente, weshalb die Easy Economy für Unternehmen gut ist

- Fünf Dinge, die Sie über Kreativität wissen sollten

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9 Kommentare zu “Vier Tipps, wie Sie Ihrem Chef beibringen, dass Sie morgen später reinkommen”

  1. Réka sagt:

    Als ich als Angestellte arbeitete, war der Begriff „Easy Economy“ überhaupt nicht in Mode. Die Manager waren aber offen, wenn sie sahen, dass freie Zeiteinteilung und Home-Office die Leistung nicht gefährdet. Es hängte aber auch stark vom Arbeitskreis ab, wie viel Freiheit man bekam.

    Ergebnisorientierung ist eine Voraussetzung aller solchen Veränderungen. Das gefällt aber sicherlich nicht allen Mitarbeitern: man hat ja keine Verteidigung, falls harte Arbeit zu keiner besonderen Leistung führt.

  2. Andrea sagt:

    “Easy Economy” ist vor allem für die Chefs eine Herausforderung. Nicht jeder wird das Modell überleben. Neue Arbeitsstrukturen bedingen Chefs die keine Kontrollfreaks sind, selbständig arbeiten und entscheiden können, fähig sind klare Aufträge und Ziele zu formulieren und Mitarbeiter als das anerkenn was sie sind: Kollegen die helfen gemeinsam erfolgreich zu sein.

    Das ist für den einen oder anderen Chef einfach zuviel Veränderung. Die Technologiebranche hat diesen Wandel schon lange vollzogen. Die Führungsstrukturen funktionieren über Eigenverantwortung und Leistung und dies mit einer alltäglichen Selbstverständlichkeit. Gebiete mit hochspezialisierten Kopfarbeitern sind für die “Easy Economy” prädestiniert und haben die Chancen erkannt. Ich möchte die Möglichkeiten, die Chancen, die Freiheit und die Verantwortung die “Easy Economy” mir bietet nicht mehr missen.

  3. Sabine Raiser sagt:

    @ Markus

    Herzlichen Dank für Deine Beiträge. Ich freue mich jeden Morgen darüber. Deine Ansichten teile ich weitgehend und kann bestätigen, dass vieles möglich ist, wenn man es versucht und den Mut hat wieterzugehen, auch auf die Gefahr zu scheitern. Allerdings ist klar, dass es auch Vraussetzungen gibt, die das Abenteuer “Easy Economy” nur schwer ermöglichen.

    Heute habe ich eine Frage an dich.
    “WORK-LIFE Balance”.

    Seit es den Begriff gibt,irritiert er mich. Mit dem gemeinten Phänomen setze ich mich inhaltlich intensiv auseinander. Aber: holistisch und sprachlich gesehen ist das Wortgefüge “Work-/ Life Balance” falsch. Was gemeint ist, ist klar. Dennoch:

    Work und Life sind keine Gegensätze, die es auzubalancieren gilt. Oder? Auf der einen Seite Leben, auf der anderen Seite Arbeit?! Work ist, so wie ich es verstehe, ein wesentlicher Teil meines Lebens. Mal lästig und anstrengend, mal schön und kreativ. Auf jeden Fall LEBEN. Selbst wenn Arbeit krank macht (bei falscher Anwendung) bleibt es immer noch Teil des Lebens. Wenn auch ein schlechter Teil.

    Müßte es nicht heißen:
    “Work /Private Life-Balance.” oder
    “Public / Private Life- Balance” oder
    “Real Work / Pseudo-Work Balance”.

  4. Wolff Horbach sagt:

    @ Sabine:
    Ich finde den Begriff WORK-LIFE Balance auch falsch. Ich habe dazu vor einiger Zeit etwas geschrieben: Work-Life-Balance: Gute Idee oder Unsinn?

  5. Markus Albers sagt:

    @Sabine & Wolff
    Ich bin da völlig bei Euch. Der alte Gegensatz von Arbeit und Privatleben funktioniert immer weniger, das Wort ‘Feierabend’ wird zunehmend einen nostalgischen Beigeschmack bekommen. Das hat natürlich auch Nach-, wie ich meine aber vor allem Vorteile. Ich schreibe dazu recht ausführlich im Buch. In jedem Fall ist der Begriff ‘Work-Life-Balance’ ähnlich angestaubt und unscharf wie ‘Telearbeit’. Ich benutze beide leicht widerwillig, aber dann doch immer wieder, denn so weiß zumindest erst mal jeder ungefähr, was gemeint ist. Für alles neue Begriffe etablieren zu wollen, ist ja vielleicht auch ein bisschen eitel. Ich habe es mal bei den Angeboten “Easy Economy” und “Freianstellung” belassen.

  6. Abschied vom Büro - Faktor G sagt:

    [...] Markus Albers gibt heute die ultimativen Tipps für alle, die demnächst nicht mehr so oft im Büro sein wollen: Vier Tipps, wie Sie Ihrem Chef beibringen, dass Sie morgen später reinkommen. [...]

  7. Doc Sarah Schons sagt:

    für eine arztpraxis wäre das tödlich…
    immer mehr sehe ich, wie unternehmen sich positiv entwickeln können.
    davon bleiben wir arzt-unternehmer leider abgekoppelt. wir sind 24/7 available. zum billigtarif.
    da stellt sich die frage nach work-life-balance nicht. politischer wille halt…

  8. Markus Albers — Journalist & Autor sagt:

    [...] – Vier Tipps, wie Sie Ihrem Chef beibringen, dass Sie morgen später reinkommen [...]

  9. Markus Albers — Journalist & Autor sagt:

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