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Finanzkrise: Endlich einen Schuldigen gefunden!

Elita Wiegand 9 Oktober 2008 12 Kommentare

Vor der Kamera wirkte er besorgt, Falten auf der Stirn und er blickte düster drein. Mit gepresster Stimme sagte er: “Die Finanzkrise führt dazu, dass sich die Menschen in Europa beim Autokauf zurückhalten!” Der Opel-Sprecher aus Rüsselsheim hat seine Aufgabe erledigt. Für den Rest sorgen die Medien und verbreiten die Schlagzeilen: “Opel stoppt die Produktion – Folgen der Finanzkrise” Und fast sind wir bereit, die Nachricht bedenkenlos zu schlucken. Moment mal!

Vor zwei Wochen erfuhren die 5.000 Mitarbeiter der Werke in Bochum, dass die Produktion gestoppt wird. Die Opel-Mutter General Motors kämpft mit Milliardenverlusten und jetzt, so scheint es, muss die Finanzkrise für die jahrzehntelangen Fehlentscheidungen des US-Autobauers herhalten. Inzwischen haben auch schon BMW, Mercedes sowie die VW-Töchter Seat und Skoda Produktionskürzungen angekündigt, um auf den Nachfragerückgang zu reagieren.
Wie gut, dass es einen Schuldigen gibt. Somit kann die Automobilindustrie die Fehler der letzten Jahre vertuschen. Denn: Viele Automobilhersteller haben den Trend zum “downsizing” und zur Energie-Effizienz verschlafen.
Wenn es derzeit Gewinner der hausgemachten Krise gibt, dann liefert der Smart ein gutes Beispiel: »Im letzten Monat entschieden sich nach Angaben der Stuttgarter weltweit 11.500 Kunden für einen Fortwo – zehn Prozent mehr als im Vorjahresmonat», schrieb der Spiegel.

Und: Die Fehlentscheidungen der europäischen Automobilhersteller gipfeln darin, dass nach staatlicher Hilfe gerufen wird. Der Europäische Herstellerverband ACEA fordert von der EU ein niedrig verzinstes Kreditpaket von über 40 Milliarden Euro. Und nun raten wir doch mal, wofür das Geld gebraucht wird? Die Kfz-Lobbyisten wollen damit die Entwicklung sparsamerer Fahrzeuge fördern und die Autos auf die geforderten Emissionsobergrenzen umzustellen können.

Leute, ich fasse es nicht mehr!  Für was muss der Steuerzahler eigentlich noch alles herhalten?


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12 Kommentare »

  • wikki sagte:

    Ich denke, es wäre zu einfach zu sagen, dass “Viele Automobilhersteller” … “den Trend zum “downsizing’ und zur Energie-Effizienz verschlafen” hätten. Richtig ist, dass der Umweltschutz nicht bei allen Herstellern an oberster Stelle stand. Richtig ist aber auch, dass die Käufer ihre Priorität nicht unbedingt im Umweltschutz sehen (ist in jeder Kunden-Studie der letzten Jahre nachzulesen). Es gab in der Vergangenheit genug umweltschonendere Ansätze der Hersteller, die aber dankend abgelehnt worden sind (Audi A2, 3l Lupo, Verbunden mit einem dicken Minus; selbst einen Prius sehen Sie hier seltener auf den Straßen als einen Cayenne, X5 usw.).
    Anstattdessen konnte man in den letzten Jahren nur noch größere Wachstumsraten im SUV-Segment erzielen. Dieses Wachstum wird nicht durch die Produktion der Hersteller bestimmt, sondern durch die Nachfrage der Kunden. Dass von einem Hersteller eine gewisse Nachhaltigkeit erwartet wird, ist absolut wichtig; dass die Hersteller nebenbei aber auch Profit machen müssen, darf nicht vergessen werden.
    Es ist sicherlich einfach jetzt den Herstellern Verschlafenheit zu unterstellen, jedoch ist nicht abzustreiten, dass sich im letzten Jahr ein regelrechter Paradigmawechsel in der Bevölkerung vollzogen hat. Dieser rasche Wandel in der Bevölkerung kann jedoch kaum kompensiert werden (insbesondere für amerikanische Hersteller, die bislang ihre SUVs und Pickups ohne Probleme verkaufen konnten), da die Entwicklung eines Autos mindestens 4 Jahre dauert. Die Forderungen von 2007 können also frühstens 2011 erfüllt werden. Somit sind die amerikanischen Hersteller auch vom Aussterben bedroht.

    Die Forderung der europäischen Herrsteller stellen Sie in diesem Zusammenhang etwas ins falsche Licht. Auch wenn ich die Forderung selber auch für überzogen ansehe, ist dennoch zu beachten, dass eine staatliche Förderung in den USA in Höhe von 25 Milliarden diskutiert wird. Es würde sich klar um eine Wettbewerbsverzerrung handeln, die die europäischen Hersteller so nicht hinnehmen wollen. Deshalb die Forderungen nach dem niedrig verzinsten Kredit.
    http://www.stern.de/auto/service/:US-Autoindustrie-Milliarden-Spritze-Giganten/639005.html

  • M. K. sagte:

    Ich kann mich dem Kommentar nur anschliessen. Die Frage ist doch eher, wer den Trend verschlafen hat. Wir alle sind es. So lange es geht fahren wir die Autos mit dem dicksten Motor, grösstem Innenraum und höchsten Prestige. Wir warten mit der Energie-Sanierung unserer Häuser, bis der Strom-, Gas- und Ölpreis uns wirklich weh tut. Wir fliegen mit Billigfliegern und sägen uns damit am eigenen (Arbeitsplätze)-Ast herum. Wir wählen die immer gleichen Politiker, die der Wirtschaft zuarbeiten, aber nicht dem “Volke”. Wir lesen und sehen die blödmachenden Medien und glauben alles, was uns vorgesetzt wird. Wir rennen dem Wachstum hinterher und sehen zu, dass wir brave Konsumenten sind.
    Und wir leben in der ständigen Hoffnung, das die Krise an uns persönlich vorbeigeht und wir unseren eigenen Standard halten können. Bloß nichts abgeben, bloß nicht anfangen, bloß nichts anders machen.

    Der Schweinhund sitzt also in uns allen drin. Zeit zum Umdenken !

  • Klemens Kolberg sagte:

    Ja genau!
    Die Finanzkriese ist Schuld! Darum habe ich heute auch noch kein Haus verkauft!!!
    Die Banken kränkeln, Anleger haben ihr Geld verloren und die seit einiger Zeit in den USA herrschenden Immobilienkrise, dazu die jetzt in aller Munde breit getretene Finanzkrist – alles Gründe, warum (heute) noch keiner ein Haus gekauft hat… ;-)

    Das ist doch ein Verhalten, dass allzu oft gern herangezogen wird. Gründe, Ursachen und Umstände in den Vordergrund stellen, um die eingene Unfähigkeit zu überdecken oder Fehlentscheidungen zu kaschieren.
    Es sind Handlungen, die AUCH bei Managern passieren – jeder Einzelne sollte sich aber kritisch in täglichen Situationen fragen:
    Kam ich wegen dem Stau zu spät?
    Konnte ich meine Geschäftserweitung nicht umsetzen, weil “der Banker” gegen mich entschied?
    Bin ich zu dick, weil ich erblich vorbelastet bin?
    …oder lief etwas schief, weil meine Katze gehustet hat???

    Der Lernprozess hat noch lange nicht richtig begonne, in dem jeder Mensch die Verantwortung erst bei sich selbst suchen sollte, bevor er äussere Umstände in den Vordergrund stellt.

    @wikki
    Die Schuld bei uns Konsumenten zu suchen wäre etwas zu einfach!
    Es mag ja sein, dass PSEUDO-Öko-Autos angeboten werden. Aber selbst ein Prius kann nur eine Alternative sein, wenn ich mich zu mehr als 50% im Stadtgebiet unterwegs bin.

    Ergänzend zu dem A2/3L-Lupo und sonstigen “Öko-Versionen” (auch anderer Marken) ist anzumerken:
    - wenn ich z.B. ein “Öko-A2″ kaufe und für einen Satz Autoreifen (trotz oder gerade wegen diesem schmalen Reifen) das gleiche Geld zahlen muss, wie für Reifen, die doppelt so breiten sind,
    - wenn ich mehrere tausend Euro MEHRPREIS für eine Öko-Version eines Pkw zahlen muss, der mit einem unwesentlichen Mehrverbrauch als Massenprodukt angeboten wird

    dann muss ich doch die Frage stellen:
    Können die Anbieter keine Öko-Produkte anbieten oder WOLLEN sie es nicht?

  • Jörg Weisner sagte:

    @Elita
    Die gleichen Gedanken kamen mir auch, als ich von der Opelschließung gelesen habe. “Was für eine willkommene Ausrede”.
    Ich gebe Wikki und M.K. natürlich Recht, auch der Verbraucher, also jeder von uns, hat das seine dazu beigetragen. Der Schmerz ist für viele (noch) nicht groß genug.
    Aber er wird wohl noch größer werden. Und wenn wir nicht aufpassen, dann lassen Szenen wie in diesem Film (http://team-success.de/blog/2008-10-09/schlechte-zeiten-fuer-schlipstraeger/ ) tatsächlich nicht mehr lange auf sich warten.

    Die entscheidende Frage ist doch: Was kann jeder einzelne tun? Ich glaube, dieser Lernprozess beginnt gerade …

  • Elita Wiegand (author) sagte:

    @Wikki
    Jetzt kommt also die Frage nach der Henne und dem Ei. Ich bleibe dabei, dass die Automobilindustrie den Trend verschlafen hat. Wie lassen sich zum Beispiel sonst Absurdidäten wie den Achtzylinder Geländewagen von BMW X6 erklären? Zum Paradigmenwechsel hätten die Hersteller viel früher beitragen können.
    Natürlich habe ich gelesen, dass eine staatliche Förderung in den USA in Höhe von 25 Milliarden diskutiert wird, aber deshalb muss ich die Förderung nicht gutheißen. Im Gegenteil: Der Klimawandel ist nicht urplötzlich aus dem Nichts gekommen und der CO2 Ausstoß und neue Mobilitätskonzepte werden auch nicht seit gestern diskutiert.

    @M.K.
    Viel Zeit zum Umdenken wird uns nicht mehr bleiben. Wenn wir uns kein Auto mehr leisten können, weil die Wirtschaft komplett brach liegt, hat sich die Frage eh erledigt.

    @Klemens Kolberg
    Die Finanzkrise wird uns als Sündenbock erhalten bleiben. Sie zeigt uns aud, wie Globalisierung heute funktioniert. Früher hat uns der Sack, der in China umgefallen ist, nicht interessiert, heute läuten überall die Alarmglocken.

    @Jörg
    Der Schmerz holt uns garantiert ein und wir werden lernen müssen zu verzichten. Bin auf Deine Blog-Serie gespannt.

  • Wolff Horbach sagte:

    Liebe Elita, ich finde, du hast Recht: Die großen Autokonzerne haben in den letzten Jahren alle erdenklichen Versuche gemacht, echte Innovationen zu behindern. Anstatt endlich umweltfreundliche Autos zu bauen, machen sie dies:

    Lobby-Arbeit, um bessere Umweltschutzziele zu torpedieren. BMW, Daimler und Porsche haben die zweifelhafte Auszeichnung des “Worst EU Lobby Award 2007” erhalten.

    PS-Wahn. Es müssen unbedingt 1001 PS wie beim Bugatti sein. Die Millardenverluste beim Phaeton können dann die Golf-Fahrer bezahlen. Und wieso bietet VW den 3-Liter-Lupo nicht mehr an? Sind die Konstruktionspläne verschwunden?

    Gigantische Fehlentwicklungen. Der Kabarettist Volker Pispers hat sehr treffend über die S-Klasse von Mercedes gesagt: “Das einzige Auto, dass nach dem Volltanken das eigene zulässige Höchstgewicht überschritten hat”. 2.000 kg Stahl werden bewegt, um 80 kg Mensch zu transportieren. Ineffizienz und Wahnsinn hoch drei. Gerade die deutschen Autobauer haben wesentliche Entwicklungen verschlafen.

    Größenwahn. Der “Weltkonzern”-Bauer Schrempp hat nach dem Chrysler-Aberteuer den Börsenkurs von Daimler halbiert. Die Zeche bezahlten die vielen Aktionäre.

    Und wenn dann die Käufer die Spritfresser und Dreckschleudern stehen lassen, soll der Steuerzahler die Entwicklungskosten bezahlen. Höchste Zeit, dass neue Player auf den Plan treten. Vielleicht muss demnächst ein Auto von Google kommen. Verrückt? Die Telekommunikationsfirma Orange mischt schon mit.

  • Michael - Baudax sagte:

    Wer hat Schuld an der Misere der Autobauer?
    “Die Radfahrer haben Schuld (und die Freimaurer)” frei nach Kurt Tucholsky

  • Ludger Freese sagte:

    Die Tage sprach ich mit einem Bänker einer überregionalen Bank. Seine Aussage über die Krise: “Hoffentlich passiert bald ein großes Unglück oder es müsste die Vogelgrippe kommen, damit der Markt sich wieder beruhigt. Die Medien hätte dann ein neues Spielfeld…!”
    (Hoffentlich bekommt er nicht Recht!)

  • Elita Wiegand (author) sagte:

    @Ludger
    Dem Banker sei gesagt, dass es höchste Zeit ist, dass wir über die üblen Bank-Geschäfte reden. Der hat wohl schwarzen Humor.

    @Michael
    Tucholsky war einfach ein(Vor)Denker…

  • Alexander sagte:

    Es sind ja immer mehrere an so einem Spiel beteiligt. Im Moment erinnern mich die Diskussionen rund um die Finanzkrise eher an die Steinigungsszene in Monty Python’s Life of Brian. Wie wäre es, wenn _jeder_ einfach unbesehen seinen Packen Schuld an der Krise annimmt und wir dann mal zur Sache kommen und die Probleme lösen? Erst die Feuerwehreinsätze, dann die nachhaltigen Lösungen.

    Und das bitte ohne ideologische Diskussionen. Ist ja ein bischen als ob sich zwei Sanitäter am Unfallort eine moralische Diskussion darüber beginnen, ob sie dem Porsche-Fahrer wirklich helfen sollen.

    Die Medien spielen dabei schon eine ganz eigene Rolle, keine sonderlich glückliche, seien es die Marktschreier der Magazine oder die TV-”Grössen” wie Will oder Plasberg (wobei die letzte von ihm ja sogar halbwegs brauchbar war). Ludger’s Bänker hat schon recht.

    Daß die Finanzkrise jetzt Marketingabteilungen und Konzernstrategen gerade recht kommt, nun ja, geschenkt, das ist eine äußerst kurzfristige Denke, die von den Kunden bestraft werden wird. Gerade in der Automobilindustrie stimmt es ja, dass gerade wir im Süden der Republik eine etwas einseitige Ausrichtung haben, vom Smart mal abgesehen. Die zweite Seite der Medaille ist

    P.S.: @Klemens Kolberg, auch wenn’s gerade nicht zum Thema passt: Schon mal (länger) einen Prius gefahren? Ich fahre mit meinem kaum Stadtgebiet (denn Geltendorf ist, wie der Name schon sagt ein Dorf) sondern entweder längere Autobahn- oder typische Pendlerstrecken. Das immer wieder herausgekramte Vorurteil, dass ein Prius nur im Standverkehr Sinn macht ist falsch, er macht im typischen Pendler- und Überlandverkehr viel mehr Sinn, da kann er so schön vor sich hin Rollen und dabei die Akkus aufladen. Nur auf Autobahnen, da ist er tatsächlich wie ein sehr sparsamer Diesel.

    P.P.S.: Ich sehe es gar nicht so verbissen. Wir werden jetzt die Chance bekommen, ein paar Dinge anders zu machen. Und diejenigen, die nicht im Jammertal verbleiben, die werden einige neue Gelegenheiten bekommen. Die Welt wird jedenfalls nicht untergehen.

  • Elita (author) sagte:

    Inzwischen entwickelt sich die Diskussion in eine Richtung, die von mir gar nicht beabsichtigt war: Wollte ich doch lediglich meinen Ärger über die Automobilindustrie ausdrücken.
    Trotzdem gut.

    Sehe die Krise übrigens auch als große Chance, als Bereinigung, als Signal “Hallo aufwachen!” – die kritische Haltung bleibt, aber wie Du Alexander, bleibe ich unverkrampft.

  • Finanz aktuell » Blog Archive » Eilmeldung: Hilfe für US-Autobauer beschlossene Sache sagte:

    [...] wird die Hilfe mit Sicherheit nicht gerne gesehen werden, schließlich stellen die Notkredite eine Wettbewerbsverzerrung auf dem internationalen Automarkt dar. Das Ganze ist also ein zweischneidiges Schwert, das möglicherweise sehr viel zerschneiden [...]

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