Zeugin von Liebesgeflüster
Mir gegenüber sitzt eine junge Frau. Sie wischt sich Tränen aus ihrem Gesicht, schluchzt, fleht, bittet, seufzt, säuselt. Sie ist fremd gegangen und nun will sich ihr Partner von ihr trennen. Ich erfahre Einzelheiten, mit wem sie eine Affäre hatte und warum und das es nur einmal passiert sei. Sie beteuert, dass sie ihn, nämlich ihren Partner immer noch liebt und sie fleht ihn an, dass er ihr verzeiht.
Der Fahrgast neben ihr und ich sind unfreiwillig Hörzeugen des dramatischen Wortwechsels. Ort des Geschehens: Eine Straßenbahn. Die Fahrt von Kaiserwerth in die Düsseldorfer Innenstadt dauert etwa 25 Minuten und so lange dauerte auch das Handygespräch.
Ich finde es erschreckend, dass Menschen intime Gespräche öffentlich führen. Keine Zeit mehr, zuhause in Ruhe zu telefonieren? Oder einfach nur auszusteigen, um sich auf das Gespräch zu konzentrieren? In Schweden gibt es übrigens seit 2006 handyfreie Zonen auch für den ÖPNV. Und die norwegische Staatsbahn NSB verzeichnet eine steigende Nachfrage nach Ruhewagen. Statt starrer Regeln appelliere ich an den gesunden Menschenverstand. Ich will keine Liebesdramen mithören und Telefonate von Geschäftsleuten la: “Ich bin in fünf Minuten im Büro. Was gibt es Neues in der Firma?”, halte ich auch für ziemlich überflüssig.
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Am witzigsten finde ich immer Gespräche mancher möchtegern-Geschäftsleute die am Flughafen noch lautstark die Geschäftsstrategie für den jeweiligen Unternehmensbereich erörtern. Und das so lange und so laut bis auch der letzte Fluggast mitbekommen hat, dass sie im unteren middle-management sind und schon fliegen dürfen
Gerhard Zirkel
Zurück zu 1990 – mein erstes Handy – ein wirklich schweres Teil. Mein Chef gab mir das Handy “als längste Hundeleine der Welt”…
Durch das Handy findet eine Entwicklung statt, die bereits bei den Jugendlichen geprägt (erzogen) wird!
?
Wie kann es sein, dass ein elfjähriger Junge “als Einziger” in der Klasse noch kein Handy besitzt und manche Eltern stolz darauf sind, ihrem Kind bereits in der Grundschule ein Handy zu kaufen – natürlich nur für Notfälle
Für manchen Erwachsenen (wie auch immer die Definition dieser Personengruppe lautet) ist das Handy noch ein Prestigeobjekt.
Einkauf bei einem Discounter: “…soll ich heute die langen Nudeln nehmen, oder möchtest Du lieber heute etwas anderes als Nudeln essen…”
Wollen diese Leute demonstrieren, über eine Flatrate zu verfügen oder warum ist es unmöglich, seinen Einkauf zuhause zu planen?
Vor einiger Zeit las ich einen Bericht, dass Restaurants teilweise eine Art Störsender in den Räumen anbringen, die eine Erreichbarkeit per Handy ausschliessen – wenn wir schon so weit sind, dass Erwachsene erzogen werden müssen….!
Offensichtlich fehlt das Verständnis von Privatsphäre. Menschen “vergessen” sich, wenn sie ein Handy bedienen. Vielleicht ist das der Beweis dafür, dass Handystrahlen doch schädlich sind und das Gehirn ausschalten…
Arme Menschheit…
@Gerhard Zirkel
Am Flughafen oder im Zug habe ich auch schon Gespräche mitgehört, über die ich mich köstlich amüsiert habe.
@Klemens Kolberg
Vermutlich sind wir heute weniger achtsam, planen schlechter und hören viellelcht auch nicht mehr so gut zu? Handys verführen jedenfalls dazu, denn man kann ja immer anrufen. Dass ein Handy auch ein Segen ist, auf das ich nicht verzichten will, sei auch gesagt.
Es ist für viele Menschen einfach nicht leicht, Stille zuzulassen. Handy permanet am Ohr, immer in der irrigen Annahme, dass etwas verpasst wird. Wer aber durch das Leben hetzt, eilt nur dem Tod entgegen.
@ Michael
Was verpassen wir bloß? Aber okay, Stille birgt die Gefahr in sich, zu sich zu kommen.
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