Wie das Neue (durch das kulturelle Türchen) in die Welt kommt
2008-12-15, von Hans-Georg Nelles
Wo hier seit 14 Tagen jeden Tag von geöffneten Türchen berichtet wird, möchte ich zwischendurch mal kurz den Blick auf das Neue richten:
Nicht die technische Lösung eines Problems bestimmt, ob eine Erfindung zum Erfolg wird, dies beeinflussen vielmehr kulturelle Faktoren, so lautet eine These des Berliner Soziologen Michael Hutter.
Das Auto mit Strom anzutreiben – auf diese Idee war ein Franzose schon vor mehr als hundert Jahren gekommen. 1895 fuhr Charles Jeantaud, ein Pariser Autofabrikant, von Paris nach Bordeaux. Im Gepäck mehrere Batterien, deren Strom seinen Zweisitzer antrieben.
Am Beginn des automobilen Zeitalters existierten unterschiedliche Antriebsvarianten noch gleichberechtigt nebeneinander. Holperte das eine Gefährt mit einem Verbrennungsmotor über die Straßen, zuckelte ein anderes mit einem Dampfmotor durch die Stadt und wurde wiederum ein drittes von einem elektrischen Motor in Gang gesetzt, den besonders die Damen um 1900 schon zu schätzen wussten. Puffte und stank er doch nicht so entsetzlich wie ein Verbrennungsmotor.
Seit den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aber trat der Verbrennungsmotor seinen Siegeszug an und verdrängte die anderen Alternativen.
Warum der elektrische Antrieb sich nicht durchsetzen konnte, auf diese Frage suchen Michael Hutter und Lutz Marz Antworten. Dabei ist die Beantwortung dieser Frage nur ein Baustein eines viel umfassenderen Problems in der Geschichte der Menschheit, dem sich die beiden Wissenschaftler angenommen haben. Nichts Geringerem, als zu begreifen, wie sich das Neue in der Welt behauptet, gilt in den nächsten sechs Jahren ihre wissenschaftliche Neugierde.
Hutters These ist kühn, manchem Ingenieur mag sie gar provokant erscheinen: Nicht die technische Lösung eines Problems bestimmt, ob sich eine Erfindung durchsetzt. Vielmehr beeinflussten dies Faktoren, die weitgehend als kulturell zu bezeichnen sind – Lebenskulturen wie die kreativen Milieus in Städten, Gemeinschafts- und Organisationskulturen wie Firmenkulturen und Professionskulturen, also Kulturen innerhalb eines Berufsstandes, oder Ausdrucks- und Reflexionskulturen wie in der Kunst.
Es ist ein vollkommen neuer Ansatz in der Innovationsforschung. “Der Zusammenhang von Technik und Innovation ist weitgehend erforscht”, sagt Hutter, “mein Team aber setzt sich zum Ziel, den Zusammenhang von Kultur und Innovation abzubilden – so zum Beispiel den Einfluss von intellektuellen Zirkeln wie des Wiener Kreises auf die Entstehung von Neuem.”
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Montag 15. Dezember 2008 um 22:17
wozu braucht mensch im web 2.0 noch autos in der menge ?! das fahren und fliegen war doch vorgestern….
Montag 15. Dezember 2008 um 22:27
so wie ich das verstanden habe ist das ein Beispiel aus den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Aber Spaß beiseite, die heutige Ankündigung von Mercedes und Evonik zeigt, dass wir (technisch) noch nicht viel weiter sind.
Was das kulturelle angeht, wir werden es erleben!
Dienstag 16. Dezember 2008 um 08:33
Wie wäre es denn mit der These:
Männer wollen das grosse, lärmende, gewaltige oder sogar Angst machende bezwingen! Ein Auto mit Elektromotor ist zu unspektakulär.
Wenn wir weit zurückgehen, waren die Männer angesehen, die Gefahren bestanden oder Grosses bezwingen konnten.
Als der Verbrennungsmotor und die möglichen Geschwindigkeiten einigen Menschen Unbehagen brachte, gab es Männer die diese “Gefahren” bezwingen wollten und fanden immer mehr Nachahmer…
…wäre doch eine interessante These – oder?
Dienstag 16. Dezember 2008 um 08:41
Wir brauchen auf diesem Gebiet noch jede Menge Aufklärung. Dazu zwei Beispiele:
Reichweite Elektroautos: Immer wieder wird bemängelt, dass Elektroautos nur eine geringe Reichweite hätten. Das stimmt, aber nur ganz wenige Menschen (sprich: ganz wenige Autos) brauchen eine hohe Reichweite. Wer es nicht glaubt, kann ja mal einen Monat lang eine persönliche Liste führen. Dabei wird er/sie feststellen, dass die allermeisten Fahrten nur wenige Kilometer sind bzw. sich im Reichweitenbereich von Elektroautos bewegen. Und bis zur nächsten Fahrt ist ausreichend Zeit für eine Aufladung der Akkus.
Emissionen: Immer wieder lese ich den Unsinn von den “emissionslosen Elektroautos”, so wieder in dem von Sarah zitierten Artikel in der Süddeutschen. Auch die Energie für die Elektroautos muss natürlich produziert werden. Wenn das mit alten Kohlekraftwerken passiert, ist das natürlich nicht gut. Elektroautos haben zwar einen erheblich größeren Wirkungsgrad als Verbrennungsmotoren, aber es bleiben immer Restemissionen. Beim Elektroauto ist es da, wo der Strom produziert wird.
Ich warne hier ausdrücklich davor, Technik und Kultur gegeneinander auszuspielen. Wir brauchen beides: Hervorragende Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker, die erstklassige, energieeffiziente Produkte schaffen UND Kulturschaffende, die sich Gedanken über den Gebrauch der Produkte machen.
Zurzeit sehe ich die Situation so: Die Ingenieure und Wissenschaftler könnten viel bessere Produkte schaffen, wenn man sie nur lassen würde. Die Vorgaben aus den Autokonzernzentralen sind andere: Viel PS, Viel Protz. Jetzt kann man natürlich sagen, dass die Konzerne nur den Verbraucherwünschen folgen. Dann sind wir wieder beim Henne-Ei-Problem.
Jetzt kommt die kulturelle Diskussion, die wir DRINGEND brauchen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Denn eins steht fest, so wir wir den Planeten jetzt ausplündern und zerstören, geht das nicht mehr lange gut.
Danke Hans-Georg, für den Impuls.