Die Energie großer Gruppen (Etappe 2)
Zunächst verstand ich damals, 1993, nicht, wieso ich dieses Buch (Führen mit Visionen) schrieb. Denn ich wollte zwar einmal ein Buch verfassen. Doch erst, wenn ich richtig viel Erfahrung hatte. Und die hatte ich damals noch nicht. Doch das Buch „wollte raus“, das Leben bricht sich eben Bahn, wenn wir uns ihm nicht zu sehr in den Weg stellen. Und hinterher verstand ich auch, wieso. Ich sollte meine ganzen Gedanken zwischen zwei Buchdeckeln ablegen und dadurch offen werden für etwas Neues. Und dieses Neue traf mich wie ein Blitz ebenfalls im Jahr 1993, als ich an vier Tagen hintereinander das Buch Productive Workplaces von Marvin Weisbord las. Das Kapitel 14 dieses Buchs beschrieb die future search conference (Zukunftskonferenz), die mich sofort elektrisierte. Ich flog in die USA, um diese Großgruppenmethode zu lernen und tauchte damit in die Welt der großen Gruppen ein. Es begann eine Zeit der Flüge in die USA, um mehr und andere Methoden zu lernen. In der Folge faszinierte mich, was sich erreichen lässt, wenn man das ganze System für zwei oder drei Tage in einen Raum holt. Es entstand immer enorm viel Energie. Und es entstand zwar keine ganz tief empfundene Gemeinschaft, doch viel mehr Gemeinschaft als vorher da war. Ich entdeckte, dass es die Teilnehmer von Großgruppenkonferenzen inspirierte, sich als Teil einer großen Gemeinschaft zu erleben. Sie sehnten sich im Grunde danach, Teil einer Gemeinschaft (und nicht nur Funktionsträger einer Gesellschaft) zu sein. Mir wurde klar, dass wir lernen müssen, Unternehmen als Gemeinschaften zu führen und dass es dazu neue Vorgehensweisen braucht.
Es waren die Momente der Lebendigkeit, die mich in den Großgruppenkonferenzen am meisten begeisterten. Wenn in Konferenzen inspirierende Geschichten aus der Vergangenheit erzählt wurden. Wenn inspirierende Geschichten aus der Zukunft (also Visionen) erzählt wurden. Wenn Teilnehmer den Mut hatten, vor 100 oder 300 anderen in die Mitte eines großen Kreises zu gehen. Wenn ein Geschäftsführer oder Vorstand am Ende so begeistert war, dass seine Augen feucht wurden. (Das passiert natürlich nicht immer.)
Wir brauchen nichts hinzufügen, wir müssen nur etwas weglassen. Die Gedanken und Konzepte, die uns trennen – von unserer eigenen Energie, von unseren Werten, von einander, von der gemeinsamen großen Aufgabe, von der Hoffnung auf eine
positive Zukunft. In großen Gruppen konnte diese Asche vom Feuer weggeblasen und das Feuer wieder entfacht werden. Und klar: der Alltag lässt immer wieder neue Asche entstehen. Ich merke das an mir selbst, jeden Tag. Ich muss auch die Asche in mir selbst immer wieder wegblasen.
In dieser Phase meiner Reise, die etwa bis zum Jahr 2000 reichte, traf ich übrigens meine kongeniale Geschäftspartnerin Jutta Herzog (links im Bild), die mir die Notwendigkeit des Wegblasens der Asche immer wieder bewusst macht – weil sie es selber tut. Im Jahr 1999 gründete sie all in one spirit mit. Und an dem Buch Leading with Life hat sie mitgeschrieben.









Lieber Matthias zur Bonsen
Denken ist zwar wichtig für die Gestaltung des Lebens und das Führen eines Unternehmens. Die Erfahrungen lehren uns, dass weniger das Denken als vielmehr das Empfinden und Fühlen ausschlaggebend sind, wie Menschen ihr Leben letzlich gestalten und ihre Unternehmen führen, seinen diese klein oder gross.
Zusammen mit Jutta I. Herzog und Myriam Mathys lädst Du uns ein, unser Empfinden nicht zu ignorieren, unseren seelischen Bewegungen Beachtung zu schenken und, den Mut zu fassen, die kreativen Kräften im eigenen Selbst wirken zu lassen.
Ich wünsche dem Buch eine grosse Leserschaft. Möge es in vielen Lesern und Leserinnen den Funken springen lassen und ein Feuer entfachen.
Danke für diese Ermutigung
Marianne Gerber
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