Warum muss man Karstadt eigentlich retten?
Elita Wiegand
8 Juni 2009
14 Kommentare
frage ich mich. 20 Gründe, die dagegen sprechen. Karstadt sollte dicht machen, weil…
- der Arcandor-Konzern jahrelang über seine Verhältnisse gelebt hat.
- Karstadt versäumt hat, eigene Marken aufzubauen.
- die Häuser unerotisch sind.
- unglaublich viele Managementfehler gemacht worden sind, die aber Hauptverursacher Thomas Middelhoff als Erfolge verkauft hat.
- Kaufhäuser a la Karstadt für junge Kunden ein Auslaufmodell sind.
- wir mit anderen Shopping-Konzepten, als „alles unter einem Dach” gut leben und konsumieren.
- die Store-Shops bei Karstadt weder mit Vielfalt noch attraktiven Preise locken.
- Karstadt “old business” bedeutet.
- die Luft im Kaufhaus schlecht ist.
- wir Lust auf Neues haben; neue Konzepte, neuer Inhalt, neue Angebote.
- der Kunde heute mitreden will, sich einmischen will, nach Sinn, Ethik und Werten fragt.
- sich Karstadt keinen Deut um die Bedürfnisse und Wünsche der Web 2.0 Generation schert
- die Karstadt Modelabels Yorn, Inscene und She eh keiner kennt und deshalb auch nicht vermisst.
- der penetrante Geruch der Parfümabteilungen im Erdgeschoss dazu animiert, sofort zu verduften.
- das Angebot im 2nd Laden besser ist, als die Kleidungsstücke, die Karstadt anbietet.
- die angestaubten Exponate in diversen Abteilungen nicht zum Kauf reizen.
- die Restaurants für die Kunden einer schlechten Kantine gleichen, es mufflig riecht und das Essen unappetitlich aussieht.
- sich viele fragen, warum wir zum Beispiel das Modelabel “Esprit” bei Karstadt kaufen sollen, wenn es in den Esprit-Läden ein größeres und besseres Angebot gibt.
- die Bedienung entweder nicht da oder unfreundlich ist.
- wir Karstadt längst den Rücken zugedreht haben.
Mehr Gründe? Her damit!
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Karstadt ist im Einzelhandel das, was Opel im Automobilsektor ist: überholt, nicht aktuell, vermeintlicher Platzhirsch mit geringem Interesse an der Weiterentwicklung (wozu auch? lief doch auch ohne) – ein Ladenhüter eben. In diesem Falle ein Hüter von zentralen City-Immobilien, der sowohl Zulieferer als auch kleinteilige Mitbewerber durch vernichtet. Schade für die Mitarbeiter, die an IHR Unternehmen geglaubt haben. Und doch nur Gastgeber für Manager waren, die das Weite suchen sobald sich Konsequenzen abzeichnen. Ich mache jetzt Frau Merkel das Angebot, zum 1. Juli 2009 alle Arbeitslosen in Deutschland einzustellen. Dafür hätte ich natürlich gern eine Staatsbürgschaft über ein paar Millarden Euro (dreistellig natürlich, was sonst). Damit gehe ich dann zur Bank und bitte um Auszahlung auf ein Auslandskonto. Was ich dann mache? Ich melde mich wieder – von gaaaaanz weit weg.
Schwachpunkt der obigen Liste an Argumenten ist m. E., dass sie offensichtlich erstellt wurde von einer erbitterten Feindin des “old business”, die, mag sie auch ausgesprochen “innovativ” sein, aufgrund ihrer Voreingenommenheit vergisst, dass es eine Welt gibt jenseits der Jungen, der Junggebliebenen oder von mir aus auch der “Web 2.0 Generation”.
In dieser Welt leben Millionen älterer Menschen, von denen viele es durchaus noch zu schätzen wüssten, einen Großteil ihres täglichen Bedarfes unter einem Dach erwerben zu können – sofern eben nur Angebot, Preis und Konzept stimmig sind.
Es ist eben nicht von vornherein auszuschließen, dass für eine Kaufhauskette ein tragfähiges Konzept zumindest denkbar ist.
Läge ein solches vor, könnte auch über Staatshilfen nachgedacht werden.
@Anke
Wenn Du die Staatsbürgschaft bekommen hast, sag Bescheid. Wir feiern!
@Karsten
Da ich selbst über 50 Jahre bin, gehöre ich vermutlich zu der Zielgruppe, von der Du sprichst. Ich habe früher auch bei Karstadt gekauft. Zum Beispiel in der Lebensmittelabteilung, weil hier Biofleisch angeboten wird.
Früher gab es tatsächlich viele Produkte “unter einem Dach”. Doch wo, bitteschön, kann man heute im Kaufhaus noch den alltäglichen Bedarf abdecken? Bei Karstadt gibt es Store-Shops, die Lebensmittelabteilung ist an Fremdanbieter vermietet. Und wo ist an die ältere Zielgruppe gedacht? Wenn Karstadt, Hertie oder der Kaufhof ein tragfähiges Konzept erstellen, bin ich bei Dir. Es gibt zahllose Kaufhaus Beispiele im Ausland, die funktionieren. Gegnerin bin ich indes, wenn ein Konzern glaubt, dass die Kunden schon kommen und nach dem Staat ruft und ihre Managementfehler vertuschen wollen.
Ich möchte gerne ein Pro für Karstadt bringen: Karstadt hat als einziges Kaufhaus ein sehr gute Stoffabteilung. Karstadt hat in Leipzig als einzigstes Geschäft einen Baby-Wickelraum, der richtig toll ist.
An sich bin ich überhaupt kein Kaufhausfan. Doch für Karstadt in Leipzig treffen viele deiner Begründungen (mief, schlechtes Restaurant, Ambiente) nicht zu. Es wurde aber auch erst vor 3 Jahren eröffnet und ist wirklich Top. Wenn Karstadt in Leipzig schliest, geht der Innenstadt wirklich was verloren…
@Jana
Nun kenne ich die Karstadt Filiale in Leipzig nicht, aber da das Kaufhaus erst vor drei Jahren gebaut wurde, hat es offensichtlich Neuigkeitswert.
Mir ist klar, dass es für einige Innenstädte (vor allem kleinere Städte) ein Verlust bedeutet, wenn Karstadt schließt.
Mir geht es in meiner Kritik auch eher darum, dass der Konzern innovative Geschäftsmodelle verschlafen hat.
[...] hatte eben das dringende Bedürfnis eine kleine Lanze für Karstadt in Leipzig zu brechen, da einige Punkte gegen Karstadt hier nicht zutreffen. Sicherlich ist das Konzept Kaufhaus nicht mehr Up to date und [...]
Jana hat recht – der Laden am Standort Leipzig ist sehr ansprechend. Ich habe ihn ungefähr zum Zeitpunkt der Eröffnung erlebt und gestaunt. Letztlich fängt der Fisch – wie immer – am Kopf an zu stinken. Ein paar wenige Prestigeobjekte reichen nicht aus, um das schlechte Management und die fehlende unternehmerische Zukunfts-Kompetenz auszugleichen. Hier haben sich ein paar wenige bereichert (Neues Konto muß her. Das alte ist voll.) und die Gastfreundschaft ihrer Mitarbeiter und die der Kunden genossen. Die Karawane zieht weiter … Dass es auch anders geht, zeigen Unternehmer, die gemeinsam mit Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten etc. an WIN-WIN-WIN-Situationen (Beispiel: Götz Werner, dm-drogerie markt) arbeiten. Hier ist Zukunft drin.
@Jana
Was Du schreibst,ist genau das,was Karstadt in die Insolvenz treiben wird:Als einzigstes Unternehmen leistet sich Karstadt
noch Stoffabteilungen,die andernorts mangels Kundeninterresse
schon seit vielen Jahren geschlossen wurden. Das liegt wahrscheinlich daran,daß man für die freiwerdenden Flächen keine neuen Ideen hat, wie auch sonst neue Ideen Mangelware
sind in diesem Unternehmen.Und,by the way,mit Babywickelräumen macht man auch keine Umsätze/Gewinne.
Aus solchen Insolvenzen entstehen in der Regel viele kleine neue Firmen und füllen die Lücke.
Das sind meist innovative Firmen, die dort entstehen.
Auch die jetzt wohlfällige insolvenz bedeutet nicht das Aus von Karstadt. Filetstücke bleiben sicher erhalten.
Hallo,
was ein Kaufhaus alles erfüllen muss, um mich zu begeistern, habe ich unter: http://www.best-practice-business.de/blog/?p=8418 geschrieben. Ja, dieses Kaufhaus gibt es wirklich, steht aber in den USA. War es wirklich Zufall, dass dort fast an jeder Ecke deutsche Kunden anzutreffen sind. Nee, das liegt nicht nur am günstigen Dollarkurs, sondern an Serviceorientierung.
Gruss
Burkhard Schneider
@ Michael Baudax: Stimmt genau. So entsteht hier z.B. “in der Lücke” gerade das Atelier Culture – der Wiesbadener Näh-Salon: Laden ausgestattet mit Maschinen und Zubehör (Hard- und Software). Das ist ein DIY für Nähbegeisterte, die schnelle Kleider-Reparatur, Knopf annähen etc. für zwischendurch, und natürlich Kurzwaren und Kursangebot.
@Walter Müller
Ein uneingeschränktes “Ja” zu Ihrer Meinung. Dennoch finde ich Wickeltische als Serviceangebot gut. Auch, wenn damit kein Geld zu verdienen ist)
@Michael
Hoffen wir, das viele innovative Firmen entstehen und hoffen wir, dass die kreative Wirtschaft an Boden gewinnt.
@Burkhard
Macy’s ist in der Tat eine Vorzeige-Kaufhaus. Danke, dass Du in Deinem Kommentar noch mal darauf aufmerksam gemacht hast.
Das Lafayette Maison in Paris ist auch ein Kaufhaus, das sich durch viele Besonderheiten im Service auszeichnet. Selfridges in Birmingham ist besonders und ich bin ganz angetan vom Mitsukoshi in Tokio.
Hallo in die Runde…
der Wickelraum im Kölner Karstadt ist jedenfalls sehr gut und liegt zentral. ABER: Die davor platzierte Kinder- und Babyabteilung ist einfach schlecht, reizt überhaupt nicht zum stöbern und bietet im Vergleich zu anderen (z.b. P&C ein paar Strassen weiter) einfach nicht das Programm, das man gerne sehen möchte. Es ist einfach nur langweilig. Soviel also zum Warenangebot. Von mir aus würde ich lieber andere Konzepte realisiert sehen und die sind wie man sieht vorhanden und machbar. Ach ja, auch DM hat überall Wickeltische und viele Restaurants und Kaffees auch. Das ist also nicht gerade ein Abgrenzungskriterium um Kunden zu locken oder zu halten.
Ich muss hier auch einmal eine Lanze für das Leipziger Karstadt brechen.
Nach der Wiedereröffnung zieht es die Menschen ‘magisch’ an. Ich kann nicht über unfreundliche Angestellte klagen. Die Mitarbeiter begegnen einem freundlich und zuvorkommend, selbst wenn man arg unter Stress steht und so schnell wie möglich zum Ziel kommen will.
Das Leipziger Karstadt ist nicht nur einfach ein Kaufhaus. Auch wenn es womöglich Abteilungen gibt, die augenscheinlich weniger frequentiert sind, wäre es ein Verlust, wenn das Haus schließen würde. Durch das Angebot an Lebensmitteln, Feinkost, Gelegenheitenen zum Pause machen und Kaffee trinken, einen Happen essen, wird das Shoppen entspannter. Wenn ich zwischen dem Karstadt und dem in der Nähe befindlichen Galeria Kaufhof wählen müsste, wäre meine Entscheidung ganz klar für Karstadt. Ein Verlust von GK würde mich persönlich weniger schmerzen.
Aber die endgültige Entscheidung über eine Schließung von Karstadt liegt ja wohl leider eh nicht bei uns. … also: Abwarten und Tee trinken.
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