Wie misst man Kreativität oder warum die Büropolizei so beliebt ist?
Sie kennen doch bestimmt den alten Witz: Ein Mann sucht in der Nacht unter einer Straßenlaterne seinen verlorenen Haustürschlüssel. Ein freundlicher Passant hilft beim Suchen. Nach einiger Zeit der erfolglosen Suche fragt der Hilfsbereite: “Wo haben Sie den Schlüssel denn verloren, hier?” Der Schlüsselverlierer verneint. “Aber warum suchen wir denn hier?” “Hier ist Licht”.
Wir schmunzeln und fragen uns, wie man nur so blöd sein kann. Aber machen wir nicht auf anderen Gebieten den gleichen Fehler?
Zum Beispiel bei der Arbeitsleistung: Wir messen Arbeitsleistungen immer noch nicht Ergebnissen (dem gefundenen Schlüssel), sondern in Aufwand (der Suchzeit). Gemessen wird in Stunden, weil man die besser messen kann (das Licht).
Heute Morgen muss ich bei Spiegel Online wieder diesen Unsinn lesen: “… Produktivitätsgewinne bis zu 20% durch einen ordentlichen Schreibtisch …“. Das mag zwar für einen Sachbearbeiter in einer Behörde gelten, der immer wieder die gleichen Formulare ausfüllt und von links nach rechts schiebt, um es etwas salopp auszudrücken. Aber gilt das auch für kreative Arbeiter, für die viel beschworene “Kreative Klasse“?
Ich glaube nein. Kreativität kann man nicht einfach in verbrauchten Stunden oder aufgeräumten Schreibtischen messen. Ist eine geniale Idee wenig Wert, weil ich nur zehn Minuten gebraucht habe, sie zu generieren?
Kürzlich hat mir ein Freund erzählt, wie er einmal auf dem Heimweg vom Briefing-Gespräch beim Kunden DEN genialen Claim erfand. Zu Hause angekommen, war er schon geneigt, den Kunden anzurufen, um ihm die Blitzidee zu präsentieren. In letzter Sekunde ließ er sich von einem erfahrenen Partner davon abbringen, weil dieser wusste, dass es für Blitzeinfälle nur wenig Honorar gibt. Also wurde das übliche Tam-Tam aufgefahren: Re-Briefing, Nachfragen, Schwierigkeiten simulieren, Schein-Alternativen aufbieten. Erst nach 14 Tagen wurde der Claim präsentiert. Natürlich hatte man “hart gearbeitet”, “lange nachgedacht”, “1000 Alternativen bedacht und wieder verworfen”, und und und. Erst jetzt, wo und die Arbeit so hart und aufwändig gewesen war, war der Kunde bereit, die Arbeit angemessen zu honorieren.
Können wir uns dieses Theater in Zukunft noch leisten? Nach der Überwindung dieser Wirtschaftskrise, wird die globalisierte Welt anders aussehen. Es geht nicht mehr darum, in China 17 Cent billiger zu produzieren. Es wird um neue Ideen gehen, um Innovationen. Es geht nicht mehr darum, ob der Golf in Polen billiger produziert werden kann, sondern ob das nächste erfolgreiche Elektroauto in Sindelfingen oder Shanghei entwickelt wird. Da hilft schon mal ein Blick auf die Rückseite des iPhone: Designed by Apple in California. Assembled in China.

Aber anstatt uns um das Arbeitsumfeld von Kreativen Gedanken zu machen, schalten wir lieber Büropolizisten ein – oder wie sie sich jetzt nennen: Schreibtischforscher. Wenn ich einen Chef hätte (habe ich seit 26 Jahren nicht mehr), der meine Karriere nicht von meinen Arbeitsergebnissen abhängig macht, sondern davon, ob ich abends meinen Schreibtisch aufräume, würde ich schleunigst die Flucht ergreifen.
Was würden denn die Büropolizisten zu den Arbeitsräumen von Ideo oder Google sagen (Bild: Google Zürich)? Wahrscheinlich würden sie “den Jungs das Spielzeug” wegnehmen und den Schreibtisch clean machen. Die Effizienz-Heinis und Erbsenzähler würden ausrechnen, dass die Zeit am Kicker und Billardtisch vergeudet sind, da offensichtlich nicht produktiv. Sie würden ermitteln, dass man bei der Büronutzungsfläche einen Netto-Flächengewinn von 23,719% erzielen kann, wenn man die Kicker und Billardtische rausschmeißt und durch Normschreibtische ersetzt.
Sie würden die Kreativen verjagen und durch Bürokraten ersetzen. Sie würden die äußerst erfolgreichen Firmen innerhalb kürzester Zeit ruinieren.
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Dem kann ich nur zustimmen.
Doch die Frage ist, ob es Führungskräfte gibt, die weiter nach oben vertreten wollen, dass die Büropolizisten viel unwirtschaftlicher arbeiten – weil deren Arbeitsergebnisse schon von der reinen Logik kaum umsetzbar sind.
Damals in der Bank wurde in einer Abteilung festgestellt, dass nur 2,35 Personen erforderlich sind und die Abteilung mit 3 Personen überbesetzt war (ermittelt wurde der Wert durch Festhalten einzelner Arbeitsvorgänge mit der Stoppuhr!!!).
Glücklicher Weise (für mich) habe ich unabhängig davon kurze Zeit später bei der Bank gekündigt und konnte freier und effektiver arbeiten.
Trotzdem habe ich Hoffnung auf mehr Mut in der Führungsebene;-)
Gruss
K. Kolberg
Der Trend “Leistung” meßbar zu machen ist nach Kriegsende aus den USA zu uns herübergeschwappt. Dort glaubt man nämlich daran ALLES irgendwie in Zahlen fassen zu können, getreu dem Spruch:
“If you can’t count it it doesn’t count!”
Seit einiger Zeit habe ich in der Seitenleiste meines ‘wordpress’-Blogs eine Passage zur Kreativität und dem Umgang damit hier in Deutschland* stehen – der spricht mir zutiefst aus der Seele! Zugleich bin ich noch auf der Suche nach einer weiteren Passage die ausdrückt, daß die Kreativität und Leistungsfähigkeit bei Menschen nicht schlagartig am 65sten Geburtstag zu Ende ist, sondern daß es auf die innere Einstellung ankommt …. auch auf diesem Gebiet ist hier bei uns noch viel ‘Nachholbedarf’ ….
* bitte dort nachlesen, der Text ist für hier zu lang.
Nachsatz:
Wenn ich allerdings die mangelhafte Kreativität der Politiker und ihre Unfähigkeit moderne Technologie zu verstehen, geschweige denn zu nutzen sehe, dann kann ich viele Jüngere gut verstehen die sich von so etwas mit noch mehr Grausen als ich abwenden.
Ich stimme Wolff Horbach absolut zu: Den Saustall (oder das Chaos) um uns herum brauchen wir schon deshalb, weil unkonventionelle bzw. innovative Lösungen meist durch Denkanstöße aus Bereichen entstehen, die mit dem eigentlichen Problem (auf den ersten Blick) überhaupt nichts zu tun haben.
Das oben geschilderte Problem galt übrigens auch für Handwerker: Früher wurden TV-Geräte direkt beim Kunden repariert. Techniker mit hoher Kompetenz (durch langjährige Praxis angeeignet) lösten so manches Problem innerhalb von wenigen Minuten. Für die Kunden entstand der Eindruck, dass es nur eine Kleinigkeit gewesen sei. Häufige Debatten (wieso rechnen Sie mir eine halbe Stunde, Sie waren doch nur 5 Minuten da) führten letztendlich zu folgendem Ergebnis: Fast alle Fernsehtechniker reparieren nicht mehr vor Ort, sondern nehmen das Gerät mit. Somit ist die Debatte weg, die Umwelt stärker belastet und der Kundendienst schlechter geworden, weil der Kunde länger wartet.
Auch ich höre als Kreativtrainer manchmal den Satz:” Sie haben auf Grund Ihrer langjährigen Erfahrung doch sicher etwas in der Schublade…” Der Hintergrund dazu ist, dass der Kunde Geld für die Vorbereitung sparen möchte. Auch wenn Sie noch so oft darauf hinweisen, dass Sie sich Ihr Wissen mühsam und teuer erarbeitet haben (das Thema kommt meist bei Honorardebatten), wirklich gewürdigt (oder nicht mehr hinterfragt) wird die Leistung meist dann, wenn Sie sich in unglaublichen Höhen bewegt – Sie also umso sündteures Geld z.B. Bill Clinton als Redner einfliegen lassen.
@Innokaan:
Danke für das praxisnahe Beispiel der TV-Reparatur. Das erinnert mich an die Story, in der eine Kunde eine Rechnung des Sanitärmeisters von 105 DM nicht bezahlen wollte, weil zwar die Überschwemmung im Haus beseitigt war, aber das Ersatzteil – ein simpler Dichtungsring – unmöglich 105 DM kosten könne. Der Meister zeigte sich großzügig und versprach eine neue Rechnung auszustellen. Die kam ein paar Tage später: “Dichtungsring: 5 DM, gewußt wo: 100 DM, Summe: 105 DM”.
Vielleicht sollten wir hier noch mehr Beispiele sammeln, die zeigen, wie durch unsinnige Erbsenzählerei und falsche Berechnungsmaßstäbe Kreativität erstickt wird. Zum Nachteil aller.
Wer mal sehen will, wie in einer hochkreativen Firma gearbeitet wird, dem empfehle ich die Videos über Ideo. Ideo arbeitet mit sehr interdisziplinären Teams. Aber auf Büropolizisten und “Schreibtischforscher” würden sie höchstwahrscheinlich verzichten
Für mich ist sowohl die Aussage “produktives Arbeiten ist nur an einem aufgeräumten Schreibtisch möglich” genauso falsch wie “kreatives Arbeiten benötigt Chaos”. Hier kommt es sehr auf die persönlichen Vorlieben an: Es gibt Menschen, die sich an einem leeren Schreibtisch sehr unwohl fühlen (“zu kalt/unpersönlich”), andere brauchen den Platz (wie ich).
Je mehr Dinge auf dem Schreibtisch sind, desto mehr KANN man sich gestresst fühlen: “Oh, das muss ich auch noch erledigen, das darf ich nicht vergessen usw.”. Andere wiederum brauchen diese Art von Überblick. Also: Wer behauptet, nur Leertischler sind produktiv hat genauso unrecht wie wer behauptet, Kreativität benötigt einen vollen Schreibtisch.
Viel wichtiger sind IMHO drei Fragen:
- Fühle ich mich wohl an meinem Schreibtisch? (<- die wichtigste Frage)
- Finde ich meine Dinge in weniger als 3 Minuten?
- Ist meine “Ordnung” so zuverlässig, dass ich keine Aufgaben vergesse?
Meiner Meinung nach sind deshalb die Tage der “Effizienz-Heinis” der alten Schule gezählt, genau aus den Gründen, die Du aufführst. Moderne Produktivitätstrainer – zu denen ich mich in aller Bescheidenheit auch zähle – wissen das und verkaufen keine Standard-Pakete mehr, sondern gehen auf die Arbeitsgewohnheiten der Kunden ein. Deshalb sieht die Arbeitsorganisation von meinem Kunden A am Schluss anders aus, als die von meinem Kunden B oder gar die von mir. Nur so macht das Sinn. Im Blog oder in Seminare ist das natürlich schwieriger, aber in Trainings ist das eine Notwendigkeit.
@Ivan:
Du hast sicherlich Recht, das diese Extreme (blitzblanker Schreibtisch vs. kreatives Chaos) nicht die entscheidenden Kriterien sein können.
Viele Leute haben den Unterschied zwischen effizient und effektiv noch immer nicht verstanden. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die “Schreibtischforscher” so eine große Beachtung bekommen. Es war glaube ich Steven Covay, der den Unterschied bildhaft erklärt hat: Effektiv ist, wenn ich eine Leiter schnell hochklettern kann, effektiv ist, wenn die Leiter an der richtigen Mauer steht.
Aber was machen die Effektivitäts-Heinis? Sie optimieren den Sprossenabstand und die Leiterlänge. Und haben noch nicht erkannt, dass eine Leiter zum Besteigen des Mount Everest ziemlich ungeeignet ist.
Wir brauchen nichts weniger als einen radikalen Paradigmenwechsel. Wir sind immer noch verhaftet in dem mechanischen Weltbild des 19. Jahrhundert. Im Maschinenzeitalter war es wichtig und auch sehr erfolgreich, dafür zu sorgen, dass ein Getriebe (die Organisation) reibungslos funktionierte. Da helfen Erhöhen der Taktzahlen, das Austauschen von Zahnrädern und das Schmieren von Lagern.
Aber wir sind längst in einem anderen Zeitalter angekommen: im Zeitalter der Biologie, des Organischen. Es hilft der Pflanze meistens nicht, wenn man jeden Morgen daran zieht. Richtiger Standort, guter Boden, ausreichend Wasser und Licht sind die gebotenen Mittel.
Wo sind wir denn hingekommen mit unserer angeblichen Effektivität? Nehmen wir die Automobilindustrie: Die Produktion eines Automobils ist hoch effektiv. Fast jeder kann sich ein Auto leisten. Und so sieht auch das Ergebnis aus: Wir sind dabei, den Planeten zu Grunde zu richten. Das Auto kann theoretisch 250 km pro Stunde fahren, aber wir stehen permanent im Stau. Vor kurzem las ich, dass Forscher in Berlin herausgefunden haben, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit zum Durchqueren der Stadt genau so hoch ist wie zu Zeiten der Pferdekutschen.
Das an sich effektive Mittel Auto wird zum Problem, wenn es hunderttausende Andere zur gleichen Zeit benutzen. Dann wird daraus plötzlich ein System. Welches nicht mehr funktioniert. Das versuchen wir mit Ampeln wieder in den Griff zu bekommen. Das Ergebnis ist bekannt.
Es geht aber längst nicht mehr um das Auto, sondern um Mobilität. Und die verlangt Lösungen ganz anderer Art. Und dazu braucht man Kreativität. Und diese sollte angemessen entlohnt werden. Darum geht es mir.
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