Ganz gut aufgestellt
Alle paar Wochen oder Monaten geistert ein neuer, beknackter Spruch durch die Medien, den viele begeistert nachzuplappern versuchen. Mal wird “ergebnisoffen verhandelt” – welch ein Quatsch: entweder ich verhandele, dann ist das Ergebnis noch offen; oder das Ergebnis steht schon fest, dann brauche ich nicht weiter zu verhandeln. Dann wird “gegen-finanziert” – beim Finanzieren muss ich offensichtlich Geld ausgeben, bekomme ich beim Gegen-Finanzieren Geld raus?. Das nächste mal wird auf “Augenhöhe miteinander geredet”: ich sehe schon die vielen Bierdeckel, Bänkchen und Bierkisten, die die Hünen mit den Zwergen exakt auf Pupillenniveau vereinen. Wie weiland Humphrey Bogard in Casablanca, der auch eine Kiste zu Hilfe nehmen musste, um der 5 cm größeren Ingrid Bergman “Ich schau dir in die Augen, Kleines” einzuhauchen.
Soeben begegnete mir in bei “ZDF Heute” wieder einer dieser dummen Sprüche: “Wir sind ganz gut aufgestellt.” Ich habe schon vergessen, wer es über welche Firma gesagt hat. Ich finde solches Gerede einfach nur dumm. Da redet so ein Geschäftsführer einer Firma daher, als würde am Samstag nur ein 90min-Spiel gegen einen anderen Verein stattfinden. Er redet nur über die Zukunft. Und drückt darin die Hoffnung aus, dass es schon gut ausgehen wird. Das geht in die gleiche Richtung wie “Wir werden aus der Krise gestärkt hervorgehen”.
Haben Sie schon mal einen CEO einer wirklich erfolgreichen Firma so reden hören? Würde Steven Jobs von Apple sagen “Wir sind gut ganz aufgestellt?” Never. Das käme dem Geständnis gleich: “Uns sind die Ideen ausgegangen.”
Für mich ist das dumme Gerede nur ein Eingeständnis von Phantasie- und Gedankenlosigkeit. Ich empfehle solchen Sprücheklopfern und Nachplapperen mal ein Sabbatical, eine Auszeit in einem Zenkloster oder ein paar Wochen mit dem Rucksack durch Südamerika. Das klärt die Sinne und verschafft wieder Bodenständigkeit.
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Ein hervorragender Artikel! Gratuliere!
@ Ivan:
Danke dir. Je mehr ich über das Thema nachdenke, um so klarer wird mir, dass die gegenwärtige Krise keine Finanzkrise ist, sondern ein Ausdruck von Ziellosigkeit. Was uns fehlt, sind klare Ziele, meinetwegen auch Visionen, für eine wünschenswerte Zukunft.
Fehlen die klaren Ziele, wird die Sprache merkwürdig nebulös. Ist die Sprache nebulös, resultieren daraus fragwürdige Handlungen. Die (Nicht-)Ergebnisse sind bekannt.
Danke, guter Gedankengang. Genau das fehlt mir bei solchen o.g. Aussagen. Denn “aufgestellt” heißt für mich: Hier sind wir, alles paletti, wir gehen nicht weiter. Wir bewegen uns nicht.
Das Ganze wird nur in Buzzwords verpackt (ich musste jetzt auch mal auf eines zurückgreifen…) und später hat derjenige x Gründe, warum alles anders kam. In Wirklichkeit haben sich die anderen nur bewegt (oder schneller bewegt)…
Es kommt anders als man(n) denkt. Deshalb denken viele nicht, damit es nicht anders kommt? Meinte irgendwer irgendwann mal schreiben zu wollen/sollen/müssen. (Eine kurze Recherche im Internet ergab keine eindeutige Quellenangabe).
“Aufgestellt” heißt ja schließlich auch nicht “wir sind in Bewegung” – sondern – “da stehen wir nun (und finden das gut)”. Wieso sollten “wir” uns dann bewegen?
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