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Das BarCamp-Format: Unterwegs von Irritationen zu Inspirationen

Moritz Avenarius 7 September 2009 4 Kommentare

Wann waren Sie das letzte Mal auf einem Workshop, einer Konferenz oder Seminar mit jemanden im intensiven Dialog, der nicht zu Ihren „Peers“ gehört? Jemand aus einem ganz anderen sozialen Kontext. Und sicher kennen auch Sie das typische Party-Phänomen: man geht mit befreundeten Menschen auf ein Fest, unterhält sich meist mit Bekannten, und ab und an lernt man auch jemanden neuen kennen. Aber er oder sie ist dann meist aus vergleichbaren Kreisen und teilt ähnliche Interessen.

Bekanntes schafft Vertrauen und Sicherheit. Wir tendieren dazu uns in Begegnungen nicht zu viel Irritation auszusetzen. Aber genau das verhindert das Entstehen neuer Ideen. Neues tritt dort auf, wo bisher unverbundene, weit auseinander liegende Phänomene auf einmal in Beziehung zu einander kommen. Das gilt für Ideen und Konzepte. Und noch mehr für Menschen.

BarCamps – Eine offene Dialogplattform

Ein Format, dass dieses Prinzip sich zu eigen macht, sind die sogenannten BarCamps. Dies sind (meist) 2-tägige (Un)Konferenzen zu einem übergeordneten Themenfeld: Werbung, Webcommunities, Wissen, eCommerce, Politik, etc. Im Unterschied zu einer klassischen Konferenz funktionieren die Camps wie eine offene Plattform: Jeder kann mitmachen (die Teilnehmerzahl ist primär durch die Kapazität der Veranstaltungsräume begrenzt), der zu dem jeweiligen Themenfeld etwas beitragen will. Dadurch kommt eine sehr heterogene Mischung an Teilnehmenden zustande. Und es gibt keine vorab festgelegte Tagesordnung mit geladenen Referenten. Statt dessen organisieren zu Beginn eines Camps die Anwesenden gemeinsam nach der Open-Space-Methode ihre Agenda selbst. Jeder kann eine Session (45min Arbeitseinheit) vorschlagen zu dem Topic, in welchem er oder sie Expertise besitzt. Durch einfaches Handzeichen geben die anderen im Plenum Rückmeldung, wer hieran ebenfalls Interesse hat mit zu arbeiten. Dies bewirkt eine hohe Kommunikationsdynamik und aktive Partizipation der Campteilnehmer – wenig passive Zuschauer, viele motivierte Akteure.

Ein besonderer Moment – Politik trifft Web2.0

Mein persönliches BarCamp-Highlight war das PolitCamp Anfang Mai 2009 im Radialsystem V in Berlin. Hier trafen Blogger, Nerds und Web2.0-Experten auf Politikern und Wahlkämpfern aller im Bundestag vertretenen Parteien. Am ersten Veranstaltungstag war die wechselseitige Irritation der Anwesenden mit Händen zu greifen: völlig unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen, was Politik und (Web-)Kommunikation leisten soll und kann, prallten aufeinander. Doch am zweiten Tag, nach dem alle mit dem offenen Organisationsprinzip des Camps vertraut waren, entwickelten sich spannende und inspirierende Gespräche zwischen diversen Teilnehmern, die zuvor nur wenig inhaltliche Berührungspunkte miteinander hatten.

Entscheidend war jenes barcamp-typische Erlebnis bei den Teilnehmern, dass alle vor Ort Experten sind auf ihrem je eigenen Terrain. Und das jeder sich mit seinem Wissen aktiv einbringen kann und dem anderen auf Augenhöhe begegnet dank des Wegfallen der sonst konferenzüblichen Trennung von Rednern und Zuhörern. Optimale Bedingungen für offene Dialoge – etwas, das gerade in der politischen Arena eher selten passiert.

Und bei Ihnen?

Also, wann waren Sie das letzte Mal im intensiven Austausch mit jemanden weit außerhalb Ihres “normalen” sozialen Umfeldes? Und wo wurden Sie positiv irritiert durch eine Begegnung, so dass neue Ideen und Inspirationen für Ihre Arbeit entstanden?


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4 Kommentare »

  • Frank Hamm sagte:

    Hallo Moritz,

    das letzte Mal, das ich mich intensiv mit Personen außerhalb meines üblichen “Dunstkreises” austauschte, war bei einem Open Space am vergangenen Mittwoch. Davor war es am 10. August, als ich Dich in der Interviewrunde mit Claus Kleber kennenlernte :-)

    Mein “erstes Mal” in einer großen Runde war im Frühjahr 2007 zum BarCamp in Frankfurt. Ich war nervös und wusste nicht, was auf mich zukommt. Direkt in der zweiten Session hielt ich meinen Vortrag ungeplant und gemeinsam mit einem mir bis dahin vollkommen Unbekannten. Für uns alle war der Austausch eine große Bereicherung.

    Tatsächlich genieße ich es, aus den vollkommen überraschenden Verbindungen ständig neuen Herausforderungen zu begegnen und daraus zu lernen. Plötzlich tauchen da Aspekte für meine Arbeit auf, an die ich bislang nicht dachte.

    Was mich besonders überraschte: Die meisten der “Internettypen” sind entgegen vieler Meinungen politisch interessiert und zunehmend aktiv. Dabei geht die Bandbreite über alle Parteien (wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung). Doch seltsamerweise wird da sehr über Themen und wenig über Parteien gesprochen. Deswegen werde ich zum PolitCamp am 30. und 31. Januar 2010 in Bonn fahren ;-)

  • Marcel Bernatz sagte:

    Hallo Moritz,
    ebenso wie du teile ich Auffassung, dass Barcamps Beiträge dazu leisten, dass der Einzelne aus seinem gewöhnlichen Dunstkreis heraus, mit neuen Menschen aus anderen Bereichen und dadurch mit neuen Ideen konfrontiert wird.

    Mein erstes Barcamp war das EduCamp2008 in Ilmenau, also ein spezialisiertes Barcamp bei dem es vor allem um “Web 2.0″ im Bildungskontext ging. Was ich von dort mitgenommen habe: Ich habe Twitter live in Aktion gesehen, nutze es seitdem selbst und bin von den Möglichkeiten begeistert. Außerdem wurde ich auf eine Reihe von Personen aufmerksam die sich mit dem Thema Bildung und Internet aus verschiedenen Blickwinkeln auseinandersetzen. Die Aktivitäten dieser Personen verfolge ich noch immer.

    Seitdem war ich auf einigen anderen Barcamps und bei jedem einzelnen habe ich etwas “mitgenommen”. Zum Beispiel habe ich den Autor des letzten Kommentars auf einem kleinen Barcamp in Mainz, dem PengCamp kennengelernt und kann mich noch gut an seinen Vortag bezüglich PR erinnern. Auf dich bin ich auf dem Government 2.0 Camp in Berlin vor knapp 2 Wochen aufmerksam geworden. Daher lese ich jetzt auch diesen Blogbeitrag, kommentiere ihn und bringe Ansätze meiner persönlichen Erfahrungen ein. Allein durch dieses Beispiel hat ein Barcamp für mich schon eine “nachhaltige” Wirkung gezeigt.

    Dass es mir die Barcamps angetan haben schlägt sich auch darin nieder, dass sich die Abschlussarbeit meines Studiums explizit mit disem Thema befasst. Barcamps sind für mich Orte der Komplexitätreduktion, der Aggegation, der Inspiration und des Lernens. Eine Lernökolgie in der konnektives Wissen generiert wird. Man darf gespannt sein wie sich das Format weiter entwickelt.

  • Moritz Avenarius (author) sagte:

    Hallo Frank, hallo Marcel,

    vielen Dank für die Berichte über Eure Erfahrungen mit dem Format.

    Ich kann da nur Ole Wintermann zitieren, der morgen früh hier bloggen wird: Nach einem BarCamp fällt es einem sehr schwer, nochmal eine “normale” Konferenzveranstaltung zu besuchen …

    Marcel, bin gespannt auf Deine Abschlussarbeit!

    Euch beiden einen schönen Abend,

    viele Grüße Moritz

  • GlobalFutureBlog · Diese Woche bin ich Gastblogger auf innovati-in sagte:

    [...] Das BarCamp-Format: Unterwegs von Irritationen zu Inspirationen [...]

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