Ein Ausweg aus der Krise: Partizipation, Transparenz und Konsistenz ernst nehmen
2009-09-10, von Ole Wintermann
Vertrauen ist verloren gegangen – und jetzt?
In den letzten Wochen wurde in den Medien viel über Vertrauen geschrieben, dass durch die Finanzkrise entweder innerhalb von Institutionen, aber auch und gerade zwischen vielen Marktakteuren verloren gegangen ist. Aber auch das Fehlen von Vertrauen habe erst die Finanzkrise ermöglicht. Wenn aber Vertrauen als Mechanismus der Komplexitätsreduktion verstanden wird, welche nötig ist, um in einer sozial komplexen Welt überhaupt interagieren zu können, so müsste dies – so die These denn richtig ist – weit reichende Konsequenzen für die Zukunft haben.
Vor kurzem erst hat der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter auf die Bedeutung des Vertrauens für die Gestaltung regulierender Institutionen hingewiesen. Die Marktwirtschaft werde nicht einfach sozial, so Richter, weil man sie so nenne, sondern nur, wenn das Soziale durch die an der Marktwirtschaft beteiligten auch gelebt würde. Diese Sichtweise folgt der soziologischen Logik, wonach Normen institutionalisierte Werte darstellen. Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass diese Diskussion, die auch mit Werten zu tun hat, nicht wirklich neu ist. Wenn demnach die Krise des (Finanz-)Systems nicht nur – wie gegenwärtig diskutiert – in mangelnder Regulierung gründet, sondern tiefer liegende Ursachen hat, die in zwischenmenschlichen abstrakten und konkreten Beziehungen zu verorten sind, so muss kritisch hinterfragt werden, ob neues Vertrauen einfach (wieder-)hergestellt werden kann (so es dies vorher tatsächlich im globalen Kontext gab). Dies ist wohl eher nicht anzunehmen.
Die Krise erfordert “richtige” Entscheidungen – funktioniert das?
Vertrauen in unmittelbaren zwischenmenschlichen Beziehungen, wie auch abstrakte und globale Handelsbeziehungen (die auf Dauer nicht ohne Vertrauen auskommen) setzen ein gewisses Maß an Transparenz und Konsistenz zwischen Reden und Handeln voraus. Wir leben aber in einer (ökonomischen und politischen) Welt, in der die Komplexität der Wechselbeziehungen sowie die dynamisch anwachsende Informationsmenge über eben diese Tatsache und die inhaltlichen Auswirkungen dieser Komplexität gerade die Verlässlichkeit bisheriger Beziehungen in Frage stellen. Was heute als wahr gilt, muss morgen nicht auch noch im gleichen Ausmaß wahr sein (die Umweltfreundlichkeit der Energiesparlampe sowie raps- oder maisbasierter Kraftstoffe können eben doch nur mit der Inkaufnahme negativer externer Effekte erreicht werden). Das bedeutet aber auch, dass politische und wirtschaftliche Entscheider heute plötzlich vor dem Hintergrund eines relativ kurzfristig veränderten/gewandelten Wissensstandes an ihren dann scheinbaren Fehlentscheidungen von gestern (die auf Grundlage anderer Informationen getroffen wurden) gemessen werden. Die populistische Darstellung eines solchen Vergleichs steht dem grundsätzlichen Problem konsistenter Entscheidungen aber nicht im Wege. Damit stellt sich die Frage, ob überhaupt noch „richtige“ Entscheidungen von politischen oder wirtschaftlichen Akteuren getroffen werden können?
Transparenz und Partizipation bieten einen Ausweg
Einen Ausweg aus diesem Entscheidungsdilemma bieten internet- oder intranetbasierte Partizipationsformen. Sie bieten die Möglichkeit der Nachvollziehbarkeit bezüglich des Inhaltes und des Zustandekommens einer Entscheidung. Der gestiegenen Komplexität kann damit begegnet werden, dass die informative Grundlage einer Entscheidung von mehr Menschen als bisher gemeinsam erarbeitet wird. Die proaktive Hinzunahme von möglichst vielen (kritischen) organisationsinternen Stimmen vermindert die Wahrscheinlichkeit nachträglicher kritisch-externer Stimmen. Dies gilt sowohl für die bloße Informationsbeschaffung als auch im Sinne einer vorweg genommenen Einwandsbehandlung. Transparenz fördert nicht nur den Wettbewerb, sie hilft auch, Personen mit ihren Ideen zu berücksichtigen, die vor Anbruch des Internetzeitalters durch fehlende Mitgliedschaften in den entsprechenden Gremien oder Interessenorganisationen überhaupt keine Möglichkeit gehabt haben, sich an (organisationsin- und externen) Entscheidungsprozessen zu beteiligen.
Folgen für traditionelle Rollenverständnisse?
Aber auch für den nächsten Schritt – die Entscheidung auf Basis einer breiteren Informationsgrundlage und der vorweg genommenen Einwandsbehandlung – gilt, dass die Glaubwürdigkeit des Entscheiders – und damit das in ihn gesetzte Vertrauen – auf Dauer nur dann steigt, wenn die Entscheidung eben genau auf diesen Informationen basiert und durch sie gerechtfertigt wird. Die Entscheidung muss sich quasi zwangsläufig und logisch aus dieser Informationsbasis und den auf diese Weise entwickelten Zielvorstellungen ergeben. Dadurch erhöht sich auch die Legitimität der Entscheidung (auch wenn sie sich später infolge einer neuen Informationslage als falsch herausstellen sollte). Wird durch den Entscheider eine Lösung bevorzugt, die dieser Logik nicht folgt, so muss er im Nachhinein eine informelle Rechenschaft fürchten, insbesondere dann, wenn das Ziel nicht erreicht wurde. Das in ihn gesetzte Vertrauen würde schwinden und im Weberschen Sinne die Autorität erodieren lassen.
Irritierende Fragen für das (Global) Change Management
Was bedeutet dies aber für gewachsene hierarchische Strukturen in Politik und Wirtschaft? Wieso sollte sich der vermeintlich„nicht-entscheidungsrelevante“ Bürger in – bezüglich der Entscheidungsfindung – tradierten Institutionen stärker im Vorwege beteiligen, wenn ihm dies langfristig nicht mehr Nutzen brächte? Erhöhen sich durch dieses ganz neue Maß an Transparenz und Gebundenheit an die sachliche Begründung von Entscheidungen nicht auch die Kontrollmöglichkeiten, die die Bürger, Arbeitnehmer und Kunden gegenüber Entscheidern haben? Können relevante Akteure dann zukünftig noch unabhängig von Sachfragen und Prozessen der Entscheidungsfindung handeln? Erleidet unsere Demokratie wirklich einen Schaden, wenn durch einen Volksentscheid auf Papier nicht nur mit ja/nein gestimmt werden kann, sondern sich der Bürger weitaus differenzierter mit Verbesserungsvorschlägen einbringen kann? Wir sollten den Bürgern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft endlich mehr Zutrauen entgegen bringen.




















