In letzter Zeit berichten die Medien zunehmend von den Schwächen der Starken: Die Schwimm-Weltmeisterin Britta Steffen spricht über ihre Ängste und wie sie durch das Vertrauen zu ihrer Mentaltrainerin einen Weg ins Selbstvertrauen gefunden hat… Andre Agassi beschreibt in seiner Autobiographie die Schattenseiten des Ehrgeizes, die ihn unglücklich gemacht hat… Und Robert Enkes Tod macht schmerzlich deutlich, dass es im Fußball um Leistung geht – und nicht um einen mitmenschlichen Umgang mit Depression…
Der Fußball gehört in Deutschland sicherlich zu den größten Projektionsflächen der Gesellschaft. Jede Fan-Kultur beinhaltet die Idealisierung von Sportlern. Sie sind für viele Menschen die Helden, die sie in ihrem eigenen Leben niemals sein werden. Wenn ein Star diesem Idealbild nicht mehr entspricht, wird er mit der gleichen Härte fallengelassen, mit der wir unsere eigenen Schwächen verdammen. Im Grunde sind wir also mitverantwortlich dafür, dass Sportler ausbrennen, kollabieren oder sich selber opfern. Dass Homosexualität im Fußball nach wie vor tabuisiert wird und dass die eigene Menschlichkeit für Hochleistung geopfert wird, geschieht seit Jahren mit dem Segen vieler Fußballfans.
Projektionen passieren täglich – jedem von uns, und in nahezu jeder Beziehung. Projektionen sind ein ganz gewöhnlicher – und zutiefst logischer – Vorgang unserer Psyche. Wir können unsere Sehnsüchte, aber auch unsere Ängste projizieren. Sie entlasten uns von emotionalem Stress und stärken unser eigenes Selbstgefühl. In der Regel vollziehen sich Projektionen unbewusst, sodass wir erst einmal nicht wahrnehmen, wie sehr sie mitmenschliche Nähe und Begegnung verhindern.
Vor 8 Jahren haben Birgit-Rita Reifferscheidt und ich mit SONNOS ein Training entwickelt, in dem emotionale Selbstführung als eine Basiskompetenz für integrative Führung vermittelt wird. Wir haben damals gespürt, dass uns in Deutschland eine lange Krise bevorsteht. Wir wussten, dass es in dieser Zeit vor allem um den freundlichen Umgang mit den Gefühlen geht – bei sich selbst und bei anderen. Und wir wussten, dass sich Gefühle in Krisen als Kompass nutzen lassen.
Seitdem ist aus SONNOS ein Institut für integrative Führung geworden. Es ist uns ein Anliegen, in Führungsfragen den mitmenschlichen Umgang mit den eigenen Schwächen zu fördern. Emotionskompetenz ist gerade in Zeiten der Transformation eine unerlässliche Fähigkeit – denn nichts ist so emotional wie Veränderungen.
Jede Schwäche beinhaltet auch eine Stärke. Überforderung kann uns den Mut schenken, um Unterstützung zu bitten (Mut – den brauchen wir in Deutschland zum Bitten wohl immer noch). Angst führt ins Vertrauen – wenn wir uns einem andern Menschen anvertrauen. Und die Scham über unsere eigenen Schwächen führt – wenn sie geteilt und nicht verurteilt wird – zu Nähe und Verbundenheit (zum eigenen Wesen und zu anderen Menschen).
Ich bin mir ziemlich sicher, dass die zahllosen Fälle von Burnout, über die medizinische und psychotherapeutische Praxen berichten, vor allem mit der Verdrängung von Hilflosigkeit, Angst und Scham zu tun hat…
Menschliche Stärke beginnt dort, wo wir unsere Schwächen teilen und um Hilfe bitten.
Oder sehen Sie das anders?
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