Der Schrei nach Authentizität

2009-11-15, von Elita Wiegand

Der Tod von Robert Enke ist ein Beispiel dafür, dass nur wenige hinter die Fassade des Fußballspielers geblickt haben. Da nutzt es wenig, wenn DFB-Präsident Theo Zwanzigerin bei der Trauerfeier im Stadion an mehr Menschlichkeit appelliert und sagte: “Denkt nicht nur an den Schein. Denkt auch an das, was in den Menschen ist, an Zweifel und Schwäche”. Nicht nur in der harten Männerwelt des Fußballs ist der Appell morgen vergessen.

Unsere Gesellschaft verlangt von uns, dass wir funktionieren, dass wir seelische Nöte verbergen, uns anpassen, wir leistungsfähig und belastbar sind.  Auf der anderen Seite rufen wir lautstark nach “Authentizität“. “Authentisch sein”, das ist ein Modewort, ein Schlagwort geworden und ein beliebter Begriff in den Medien und im Business. Das Prädikat verbinden wir mit Menschen, die  echt sind, die natürlich auftreten, die „sie selbst” sind. Frage ich mich doch, ob der Wunsch nach Authentizität lediglich eine Worthülse für Ehrlichkeit und  Glaubwürdigkeit ist? Was meint Ihr?

30 Kommentare zu “Der Schrei nach Authentizität”

  1. Doc Sarah sagt:

    gute frage, elita. ich erlebs täglich in meiner praxis, wie stark das (positivistische) auftreten und (negativistische) empfinden insbesondere erfolgreicher menschen divergieren (müssen?!). fassaden statt authentizität. enke ist leider kein einzelfall. burn-out, suchtkrankheiten, depressionen sind weiter verbreitet als mensch glaubt.

    unsere gesellschaft ist krank und folgt einem seltsamen gesundheitsbegriff:

    Gesundheit ist ein Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums, für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben für die es sozialisiert (Sozialisation = Einordnungsprozess in die Gesellschaft, Normen- und Werteübernahme) worden ist. (Talcott Parsons, Soziologe)

    da ist für authentizität nicht wirklich platz. zeit, das zu ändern!

  2. Elita Wiegand sagt:

    @Sarah
    Danke für den Kommentar, Sarah. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich gerade bei Dir in der Praxis die Auswirkungen dieser Scheinwelt zeigen. Burn-out, Suchtprobleme und Depressionen sind die zwanghaften Folgen – und kosten uns jährlich Millionen. Unsere Gesellschaft ist krank – körperlich und seelisch.
    Viele von uns spielen das Gesellschaftspiel der Superlative mit – und täuschen den Erfolg vor. Uns allen wäre geholfen, wenn wir nur ein bisschen ehrlicher wären. Wir können uns gegenseitig nur dann unterstützen, wenn wir wissen, wie und womit man jemanden helfen kann und da muss die Maske eben fallen.

  3. Gunilla Erdmann sagt:

    Die Anteilnahme ist immer groß und sichtbar, läuft da jemand mit einem Gipsverband umher. Selten wird versucht, das zu verstecken. Aber wenn die Seele krank wird, wird alles dafür getan, daß noch nicht einmal der innere Zirkel von diesem Zustand erfährt. Vielleicht machen Menschen auch zu häufig die Erfahrung der Ablehnung, wenn man (zu) (??) offen mit der Erkrankung umgeht. Bleibt die Frage, warum oft mit Ablehnung reagiert wird? Vielleicht, weil Depressionen der anderen das Dunkle, was vielleicht selbst in uns steckt, spiegeln? Das Zusammentreffen mit den Schatten seiner eigenen Seele mag dann vielleicht doch überfordern.

  4. Elita Wiegand sagt:

    @Gunilla
    Deine Fragen sind natürlich berechtigt, liebe Gunilla. Es ist immer schwieriger über seelische Probleme zu reden. Wenn man Glück hat, sind Freunde da, die zuhören. Doch Depressionen kommen ja nicht von ungefähr. Es geht für mich noch einen Schritt weiter: Die Leistungsgesellschft lebt von Erfolgen – doch wir müssen weg von dem Imponiergehabe hin zu mehr Ehrlichkeit. Ist meine Einstellung vielleicht blauäugig?

  5. Gunilla Erdmann sagt:

    Ich glaube nicht, daß der Wunsch nach mehr Ehrlichkeit, Offenheit und Menschlichkeit eine Einstellung ist, die man mit “blauäugig” titulieren sollte. Eher als wünschenswert und dringend notwendig. Auch wenn das sicherlich mit einer Umstrukturierung des beruflichen wie privaten Umfelds einhergeht. Und ob das immer zum Nachteil sein muss, wage ich zu bezweifeln. Aber es ist ein großer Schritt. Und ich wünsche mir, daß ihn viele tun, und der traurige Anlaß nach 2 Wochen nicht wieder in Vergessenheit geraten wird und es wieder heisst: The show must (?) go on….?

  6. Wolff Horbach sagt:

    Authentisch sein, heißt ja etwas aus sich heraus tun oder sagen, ohne dafür von außen beeinflusst zu sein. Wer etwas tut oder sagt, um dafür Lob zu bekommen, einer Angst auszuweichen, damit verhindern will, dass etwas bekannt wird usw. ist schon nicht mehr authentisch, sondern handelt mit Kalkül.

    Wenn ich diese Kriterien anlegt, kenne ich nur ganz wenige Menschen, die wirklich authentisch sind. Und auch das nicht immer.

    Wir fordern zwar die Authentizität, fördern aber überall genau das Gegenteil. Egal ob es die Imagebroschüre ist, die Visitenkarte auf Büttenpapier, die spektakuläre Website oder das Business-Outfit: Überall wird kaschiert, glattgebügelt und verborgen, was dem Geschäft abträglich sein könnte.

    Die Fans, die heute im Station von Robert Enke Abschied nehmen und alle fürchterlich betroffen sind, werden nächsten Samstag selbstverständlich von ihrer Mannschaft fordern, dass sie gewinnt.

    Das “Wer-ist-die-Nummer-1-im-Tor?” Theater wird nach einer kurzen Spiel-Pause ganz schnell wieder dem Spiel-Plan stehen.

    Jede Stellenanzeige ist im Prinzip eine Aufforderung bei der Bewerbung zu lügen und nicht authentisch zu sein. Vielfach wird da gefordert, der Bewerber möge “gelastbar sein”. Ich frage mich dann immer, ob man Steine auf den Ärmsten legen will. Eigenlich würde doch jeder vernünftige Mensch antworten: “Nein, ich mag keine Belastungen.” Aber um den Job zu kriegen, spielen wir alle den Helden.

    Die kranke Gesellschaft (siehe Kommentar Doc Sarah #1) bekommt so immer mehr kranke Mitglieder. Depressionen haben sich zur Volksseuche #1 entwickelt. Mit gigantischen Kosten für uns alle.

    Wir müssen endlich begreifen, was Depressionen wirklich sind: Ein Alarmsignal einer falschen Lebensführung. Depressionen sind für die Seele, was der Schmerz für den Körper ist. Ein Schmerz zeigt uns, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wer den Schmerz mit Tabletten unterdrückt anstatt sich um die Ursachen und Heilungen zu kümmern, handelt verantwortungslos gegenüber seinem Körper. Genau so ist es mit der Depression. Sie ist ein ernstes Zeichen, dass etwas mit der Lebensführung nicht stimmt.

    Ich hörte vor ein paar Tagen bei einer Vorlesung, dass mittlerweile der überwiegende Anteil aller Erkrankungen stressbedingt ist. Infektionen, Herz-Kreis-Erkrankungen etc. sind nur die Symptome. Die Ursache sind ein krasses Missverhältnis von Forderungen – ja auch selbstgestellten, siehe Robert Enke – und dem Vermögen, diese erfüllen zu können.

    Wenn der eine oder die andere schon mal anfängen würde, gelegentlich und im geschützten Kreis zu sagen, wie es wirklich ist, wäre schon mal einiges gewonnen.

    Ich bin jetzt etwas müde und werde mir ein Powernapping gönnen.

  7. Frank Hunck sagt:

    @Wolff, Du hast es gut formuliert:

    Jede Stellenanzeige ist im Prinzip eine Aufforderung bei der Bewerbung zu lügen und nicht authentisch zu sein. Vielfach wird da gefordert, der Bewerber möge “gelastbar sein”. Ich frage mich dann immer, ob man Steine auf den Ärmsten legen will. Eigenlich würde doch jeder vernünftige Mensch antworten: “Nein, ich mag keine Belastungen.” Aber um den Job zu kriegen, spielen wir alle den Helden.

    Meines Erachtens ist dies systemimmanent, die Belastungen haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Alternativen sehe ich wenige — Belastung reduzieren heißt meist, sich dem (Wirtschafts-)System über kurz oder lang in Gänze zu entziehen. Nachvollziehen können es die Wenigsten — man/frau sieht ja gesund aus…

  8. Gunilla Erdmann sagt:

    großartiger Kommentar @Wolff Horbach: “Wir fordern zwar die Authentizität, fördern aber überall genau das Gegenteil.”

    Und genau DAS ist der Punkt! Das würde ich jetzt gerne so stehen lassen, weil in diesem Satz eigentlich alles drin steckt. Als ich das las, habe ich mich ganz schön ertappt gefühlt. Wie oft bin ich zu Vorstellungsgesprächen gerannt und habe eine zweite Gunilla ins Rennen geschickt, die so gar nicht existiert. Und ja: ich habe auch oft gefragt “Wie geht es Dir?” ohne wirklich wissen zu wollen, ob es jemanden schlecht geht. Einfach, um die Gepflogenheiten dieser Gesellschaft mitzumachen. Letzteres tue ich schon seit Jahren nicht mehr, ich habe es mir abgewöhnt. Ich bin kein Mensch, der ausdauernd Small Talk betreiben kann und will. Wenn ich das heute jemanden Frage, will ich das wirklich wissen. Aber ich muss zugeben, daß ich selbst auf die Frage oft nicht ehrlich oder eher abgestuft antworte, weil auch ich – wenn es mir nicht gut geht – die Befürchtung habe, mein Gegenüber zu verschrecken. Aber dies ist auf dem Wege der Besserung.

  9. Elita Wiegand sagt:

    @Wolff
    Treffend auf den Punkt gebracht.

    Ja! “Wenn der eine oder die andere schon mal anfängen würde, gelegentlich und im geschützten Kreis zu sagen, wie es wirklich ist, wäre schon mal einiges gewonnen.”

  10. Frank Hunck sagt:

    @Elita,9: Und das ist genau das Problem. Mit den wenigsten Freunden oder Kollegen klappt es, weil sie es nicht nachvollziehen können. Ein gebrochenes Bein, Migräne,… all dies ist einfacher zu begreifen als die Wesensänderung durch Depressionen. Wenn Du zum xten Mal gehört hast – “Nimm es nicht so schwer, morgen scheint wieder die Sonne…”, dann hast Du einfach keine Lust mehr, Dich erklären zu müssen. Ich weiss, von was ich rede. Leider.

  11. Frank Hunck sagt:

    @Gunilla Erdmann, 8: “…weil auch ich – wenn es mir nicht gut geht – die Befürchtung habe, mein Gegenüber zu verschrecken.” Das übt sich. Ich habe mir angewöhnt, ehrlich zu antworten. Der Vorteil – mensch lernt Leute kennen, die selbst Erfahrungen damit gemacht haben. Wenn ich jemanden erschrecke… Für mich hat es immer mehr damit zu tun, zu mir selbst stehen zu dürfen — die oben angesprochene Authenzität.

  12. Elita Wiegand sagt:

    @Frank 10
    Klingt, als ob Du eine schlechte Erfahrungen gemacht hast. Natürlich kenne ich die Sprüche leider auch. Vor vielen Jahren habe ich erlebt, was es bedeutet in einer seelischen Krise zu stecken und wie sich Menschen abwenden.

    Ich erlebe heute wie Du, dass sich auch andere öffnen, wenn ich offen bin und ich weiß aus vielen persönlichen Gesprächen wie es bei scheinbar erfolgreichen Menschen hinter der Fassade aussieht und wie es ihnen wirklich geht.

  13. Doc Sarah sagt:

    @all: was ein guter thread hier! dank euch allen für die comments.
    ja, es ist schwer, authentisch zu sein – perverserweise besonders, wenn mensch ein validator ist.

    könnt ihr euch noch erinnern: ich schrieb hier schon mal (im mai 2008) ganz offen einen post über mein burn-out und mein coaching.. da hatte ich schon gelernt, wie wichtig es ist, “schwächen” zuzugeben.

    dem voraus ging nämlich eine andere geschichte: anfang 2006 wurde bei mir eine schwere krebserkrankung festgestellt, über die ich mit fast niemandem sprach. denn: wer will schon eine kranke ärztin?! meine damalige partnerschaft zerbrach ganz schnell an der diagnose.
    (übrigens: ich riet und rate meinen patienten immer,vorsichtig (“unauthentisch”) zu sein, wem sie was erzählen, denn die reaktionen des umfelds sind oft noch schwerer zu ertragen, als die krankheit (egal welche)
    unterstützt hat mich in dieser zeit eine nahe freundin, die übrigens auch coach ist. zeitgleich half ich einem freund mit ebenfalls infauster krebsprognose (auch er lebt noch ;-) ).das waren die einzigen eingeweihten.

    in der zeit bis zu meiner heilung hätte es mir nicht geholfen, authentisch zu sein. drum hab ich keinen tag in der praxis gefehlt und erschien in geglättetem outfit auf business events. und ich würde mich vermutlich nicht trauen, so offen, “authentisch”, darüber zu kommunizieren, hätte ich mich nicht selber geheilt. womit ich ja wieder auf der gewinner-seite stehe…

    mal ein gedanke ins tierreich: was passiert allenthalben mit verletzten oder schwachen in einer herde?! wär ja schön, wenn die gattung “homo sapiens” da etwas weiter käme… und sich mehr menschen wagen, ihre “schwächen” offen zu benennen. dann könnte die “herde” sich ggf etwas emotional intelligenter und verantwortungsbewußter aufstellen…

    und noch was: berufsbedingt weiß ich um die abgründe und ängste vieler hinter titeln, positionen, tollen (web-)auftritten etc.pp. – immer noch ein tanz ums goldene kalb….

  14. Gunilla Erdmann sagt:

    Das ist ein nicht zu unterschätzender Punkt @Sarah: Der Blick ins Tierreich. Auch wir haben diese “Gene”. Territorialverhalten, strenge Hierarchien und die Suche nach einem starken Rudelführer sind alles Mermale (fast) aller Spezies. Was uns aber vom Tierreich unterscheidet, ist die Fähigkeit, uns diese Dinge bewusst zu machen. Immerhin sind wir ja auch in der Lage, diesen Dingen einen Namen zu geben….

  15. Frank Hunck sagt:

    @Sarah: “ich riet und rate meinen patienten immer,vorsichtig (”unauthentisch”) zu sein, wem sie was erzählen, denn die reaktionen des umfelds sind oft noch schwerer zu ertragen, als die krankheit (egal welche)” — da hast Du wohl wahr. Ich gehe in dunklen Zeiten bestimmten Menschen aktiv aus dem Weg, um Gespräche zu vermeiden, die beide Seiten nur verletzen würden (mangels Verständnis). Gelte dann als arrogant, aber ist besser so.

    Generell versuche ich aber, mich mehr zu öffnen — denn wie kann es besser werden, wenn kein Mensch sich traut? Und, was viele vergessen — nach außen eine heile Welt vorzugaukeln verschlingt Energie, die mensch viel lieber für sich selbst, zur Gesundung, einsetzen sollte…

  16. Doc Sarah sagt:

    @ gunilla: also, die diskussion, ob menschen “bewusster” sind als tiere, ist ein ganz anders thema…
    interessant hingegen, daß tiere immer authentisch sind – mimikry hin oder her…

  17. Gunilla Erdmann sagt:

    @FranK: genauso halte ich es auch. Wenn man bestimmte Verläufe div. Gespräche schon absehen kann, ziehe ich es vor, zu schweigen bzw. mich zurück zu ziehen (auch, um der Lüge “mir geht es prächtig” zu entkommen). Ich empfinde es aber in diesen Situationen auch als legitim, denn wenn beide Gesprächspartner als “Verlierer” aus der Situation heraus kommen, ist niemandem geholfen.

  18. Doc Sarah sagt:

    @ frank: stimme dir zu: wir sollten uns alle mehr öffnen. genau das war ja meine erfahrung, als ich nach meiner krankheit offen sprach – und unglaublich viel gutes feedback bekam. drum hab ich mein darauffolgendes burn-out auch so offen kommuniziert – und damit sehr gute erfahrungen gemacht

  19. Elita Wiegand sagt:

    @Sarah
    Mutig bist Du! Hier offen und öffentlich zu bekennen, dass Du ein Burn-out hattest und Dir Hilfe gesucht hast, dazu gehört ne ganz Menge. Von Deiner Krebs-Erkrankung wusste ich und ich bewundere Dich umso mehr, dass Du heute daraus kein Geheimnis mehr machst. Wie Du schreibst: “Wer will eine Ärztin, die selbst krank sind?” Dass Du Dich damals damit versteckst hast, klar, das versteht jeder, aber es bedeutet auch immer, dass dieses Verstecken viel Energien kostet, Kraft, zu lächeln, wenn man heulen könnte und man immer aufpassen muss, dass es keiner bemerkt. Ist irgendwie verlogen, das alles.

    Frage mich, warum wir eigentlich immer toll sein müssen. Woher kommt die Angst als Verlierer angesehen zu werden?
    Altes Denken oder auch ein Teil des Patriarchats, in dem wir uns geübt haben? Prof. Gertrud Höhler (ich weiß, dass Du sie kennst und schätzt, Sarah) beschreibt in ihrem Buch: „Wölfin unter Wölfen“, wie Männer nur allzu gerne Niederlagen in Siege verwandeln. Und wenn jemand “verliert” (was immer es ist), meidet die männliche Businesswelt den “Looser”, aus lauter Angst selbst ein zu sein.

    Uns fehlt, dass wir uns emotional intelligenter verhalten.
    Chapeau, Sarah!

  20. Ludger sagt:

    Ich beobachte die sehr hochwertigen Kommentare zu dem Beitrag schon den ganzen Nachmittag. Wirklich sehr lesenswert.
    Hier in Visbek ist eine sehr gute Fachklinik für suchtkranke Frauen. Essstörungen, Depressionen, aber vor allem alkohol- und medikamentenabhängige Frauen werden hier gepflegt. Wie vielschichtig die Probleme sind erfahren wir immer wieder, wenn Patienten zu uns ins Lokal kommen. Meine Frau ist im Kuratorium des Hauses und kennt die große Bedeutung, was Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit für Menschen bedeutet. Daran kann alles zerbrechen. Wir sind Menschen und sollten uns mehr achten und beachten – doch der Alltag und das „Hamsterrad“ holt uns immer wieder ein…

  21. Sabine Sormani sagt:

    Ein spannendes Thema liebe Frau Wiegand!

    Ich möchte Ihre Worte aufgreifen “… Authentizität wird heute in Business und Medien schnell mal als Modewort eingesetzt…”. Da stimme ich Ihnen zu (auch im Marketing wird innerhalb der strategischen Markenführung von Marken-Authentizität gesprochen, welche als “Wahrhaftigkeit des proklamierten Markennutzenversprechens” definiert wird – doch das nur am Rande).

    Doch warum ist Authentizität nun plötzlich in aller Munde? Warum scheinbar ein Trendwort? Ich möchte gerne meine Gedanken dazu -und weniger an der Erkrankung an Depressionen- ausführen.

    Warum ist ein Begriff, der für einen Wert und eine Tugend steht plötzlich im Trend? Warum polarisiert dieses Thema jetzt auf einmal, wo es dies schon so lange gibt, seit es Menschen gibt? Ist es uns Menschen im Innersten vielleicht ein tiefes Grundbedürfnis authentisch zu sein?
    Oder leben wir von jeher angepasst? Ich weiss es nicht.

    Warum nehmen überdurchschnittlich viele Menschen an dem tragischen Schicksal von Robert Enke teil? Auch die, die sich weder mit seiner Person noch mit Fussball beschäftigten, noch an der Erkrankung litten?

    Ist es eine Art Zustimmung über den Misstand in dieser Welt immer funktionieren zu müssen? Ist es eine Art Commitment dazu, selbst nicht perfekt sein zu wollen? Womöglich sogar eine ganz leise Rebellion gegen die von den Medien getriebene Hochglanz-Gesellschaft? Sich dem Druck nicht mehr beugen wollend oder könnend? Doch genauso stellt sich die Frage warum die großen Fernsehsender ihr Programm ändern um die Trauerfeier in vollem Umfang auszustrahlen. Es ist tragisch, keine Frage. Auch mich hat es berührt. Doch wieso plötzlich der Schrei nach Authentizität, bewirkt durch dieses Einzel-Schicksal?

    Hat womöglich die Krise etwas damit zu tun, dass nun Gefühle, Ängste, Meinungen lauter geäußert werden? Vielleicht ist solch eine kollektive Anteilnahme auch ein Ausdruck darüber wieder näher zusammenrücken zu wollen. Insbesondere in schwierigen Zeiten. Ob dies wohl Nachhaltigkeit in dem Verhalten der Masse hat?

    Was Authentizität im Berufsleben anbelangt ist es sicherlich in festen (Unternehmens)Strukturen zunächst schwierig authentisch zu sein. Doch obliegt es letztlich nicht jedem Einzelnen, welche Priorität er der eigenen Authentizität und Werteverständnis einräumt? Ich denke wie es eben so ist im Leben- alles hat seinen Preis. Jeder muss für sich selbst beantworten können zu wieviel Anpassung er bereit oder wie holprig der Weg sein darf.

    Lebe ich immer angepasst und verleugne somit einen Teil der eigenen Persönlichkeit darf ich nachher nicht jammern, dass ich mich nicht entfalten konnte. So auch anders herum: Bin ich immer echt und geradeheraus was möglicherweise bei dem Gegenüber nicht ankommt und ich mache es trotzdem, muss ich damit rechnen, dass meine Karriere dort ganz schnell beendet ist. Dessen sollte sich jeder bewusst sein und für sich entscheiden.

    Kaum ein Mensch ist ganz und gar selbstbestimmt. Aber sollte es nicht möglich sein auch innerhalb dieser Strukturen echt und wahrhaftig zu sein? Ich bin überzeugt davon.

    Beruflich gesehen habe ich auch schon positive Erfahrungen gemacht. Ich habe den Eindruck, dass mir durch eine direkte, offene und authentische Art mehr Glaubwürdigkeit zugesprochen wird und ich somit zu einem gerngesehenen und geschätzten Gesprächspartner geworden bin.

    Der Gesprächspartner weiss woran er ist und schenkt mehr Vertrauen. Daraus entsteht ein gegenseitiges Vertrauen. Gedanken, Ausführungen, Zweifel und Kritik können ganz anders formuliert werden. Plötzlich haben ein Wort und Versprechen wieder viel mehr Gewicht, Gespräche eine andere Qualität und Verbindlichkeit. Das hat auch mit Werten zu tun. Dies ist selbstredend und bedarf keiner Schlagworte. Keiner wird beklatscht ” Oh sind Sie aber authentisch, das ist ganz wunderbar und bringt mir großen Nutzen”. Oder hat das schon mal jemand erlebt? Was man mit damit aber sehr wohl vermittelt ist ein gutes Gefühl, eine Emotion. Leider nicht messbar….

    Für mich persönlich bedeutet dies auch:
    Behaupte nie etwas zu sein, das Du nicht bist.
    Gebe nie ein Versprechen, das Du nicht einlösen kannst.
    Lebe damit, wenn Dich jemand nicht leiden kann.
    Steh zu Deinen Überzeugungen und bleib Dir selbt treu.

    Es funktioniert (meistens). Und ich freue mich immer wieder von Herzen auf Gleichgesinnte zu treffen.

    Ich hoffe ich habe Sie mit meinem Beitrag nicht gelangweilt und wünsche allen einen guten Wochenstart, Sabine Sormani

  22. Elita Wiegand sagt:

    @Ludger
    Ich hatte mir gewünschet und gehofft, dass Du auf den Beitrag reagierst. Schön, mal wieder hier von Dir zu lesen. Treffend Deine Worte zum Schluss: Hoffe wie Du, dass uns nicht direkt morgen der Alltagstrott wieder einholt und wir uns täglich daran erinnern, was es eigentlich ausmacht, Mensch zu sein.

  23. Elita Wiegand sagt:

    @21 Sabine Sormani
    Ihr Kommentar hat mich in vielerlei Hinsicht positiv überrascht. Authentizität ist gerade im Marketing ein Schlagwort und wird in Ihrer Branche besonders gerne gebraucht. Sie jedoch haben ein differenziertes Verhältnis zu dem Begriff, stellen wichtige Fragen, schreiben über Vertrauen, nehmen Unternehmensstrukturen unter die Lupe, hinterfragen und analysieren scharf, was da im Moment passiert. Nein, Sie haben mich auf keinen Fall gelangweilt, sondern liefern jede Menge Denkanstoße. Dafür danke ich Ihnen.
    Mir gefällt ganz besonders dieser Absatz:

    „Behaupte nie etwas zu sein, das Du nicht bist.
    Gebe nie ein Versprechen, das Du nicht einlösen kannst.
    Lebe damit, wenn Dich jemand nicht leiden kann.
    Steh zu Deinen Überzeugungen und bleib Dir selbst treu.“

    Die Sätze werde ich mir einprägen und vieleicht haben Sie damit auch anderen einen Impuls gegeben. Wünschte mir, dass Sie häufiger bei uns im Blog auftauchen. Mögen Sie?

  24. amaij sagt:

    OB wir authentisch sind oder nicht – das ist ALLEIN unsere ent.scheidung. meine. deine. eure. unsere.

    man mag es als modewort identifizieren – und tut zugleich all jenen unrecht, die es waren, statt drüber zu spekulieren, zu definieren, zu schubladisieren. menschen wie mir.

    ja, es ist nich immer leicht, zu dem zu stehen, was man gerade in diesem moment ist oder empfindet.

    doch macht man es kein deut besser, nun jene anzuprangern, die nicht gesehen haben, nicht gezeigt haben, nicht *trallala haben. auch wieder nur schublade. nur reden, statt tat, statt SEIN.

    ich bin kein schlagwort. ich bin ich. und ich werde immer ich sein. mir treu.

    und darin ist der freitod keine alternative und wird es niemals sein.
    und auch wird es kein mitleid geben meinerseits dafür. mitgefühl, ja, für den menschen, aber nicht für diese tat.

    denn sie bleibt feige – sorry, doch ja, FEIGE.

    nur das ende einer kette von unauthentizität.

    letzendlich brauch jeder den mut, ganz egal, ob er/sie enke heißt oder müller, meier schmidt!

    wer sich als opfer sieht, wird zwangsweise in dieser welt verrecken. marketing, definition, whatsoever hin oder her.

    die wahrheit ist und bleibt: JEDE/R entscheidet. immer. in jedem augen.blick. (un)bewusst.

    mir zeigt dieser trubel um enke allenfalls, welch stellenwert der fussball in unserer welt hat. wen interessieren all jene, die sich tagtäglich das leben nehmen?

    also achtet auf die feinheiten. achtet auf das, was euch jemand sagen will, was ihr vielleicht überhört, statt solch inhaltsleeren diskussionen zu führen, in denen ihr euch nur über das wort profiliert und von der aktion so weit entfernt seid.

    seid authentisch. traut euch !

    alles andere ist und bleibt EGO-POLITUR !

    alle(s) liebe,
    amaij

  25. Elita Wiegand sagt:

    Liebe Amaij,
    Dein Kommentar ist angekommen, bei mir – vielleicht auch bei uns? Ego-Politur – das Wort habe ich noch gehört- gut!
    Die Auffordeung zum Schluss, ja. Wir trauen uns – … ein bisschen, ein bisschen mehr?

  26. amaij sagt:

    liebe elita,

    ego-politur – eine sprach.bild kreation meinerseits, daher wohl unbekannt.

    ob und wieviel trauen – je mehr, desto wahrhaftiger, letztendlich ists eine persönliche entscheidung, ein bisschen schwanger gibts m.m. nicht :)

    nur, wenn wir zeigen, wer wir wirklich sind, haben andere auch die möglichkeit, unser wahres ich zu erkennen. mir persönlich ist es lieber, auf ablehnung meines wahren ichs zu stossen als auf ablehnung eines falschen ichs, eines, das ich vorgegeben hätte zu sein – im worst case. und im besten falle – wem bringt es was, anerkennung zu bekommen aufgrund eines vorgespielten scheins, der nicht dem wahren sein entspricht? liegt hierin nicht schon der seelische tod des wahren wesens, der im extremfall dann zu so starken inneren konflikten führt, die erst gedanken an einen freitod aufkommen lassen?

    wer entscheidet darüber, wie wir uns zeigen? die gesellschaft? oder jede/r selbst?

    sanktionen erfahren wir so oder so im zweifel immer.

    denn letztendlich büssen wir mit allem, das nicht authentischen ist, unsere freiheit ein, oder?

    darüber hinaus ermöglich nur die aufrechterhaltung des scheins die nicht-authentizität des einzelnen und in der summe der masse(n).

    und so führt aus vielen – wenn nicht allen – gründen kein weg an ghandi’s worten vorbei:

    “be the change you wanna see in this world.”

    lassen wir die sterne leuchten und reihen uns in ihren glanz !

    wahr wahrhaftig und frei wie der wind – im fluge des adlers mit den blicken der sphinx ;)

    amaij

  27. ingeborg sagt:

    “Träume sind Schäume”……..unser Wunsch nach Authentizität kann sich nicht verkörpern,
    solange wir allen Herren (und auch Damen)dienen wollen (innen und aussen).
    Ausrichtung und Nicht-Wissen sind gute Werkzeuge.
    Alles Liebe, Ingeborg

  28. Sabine Sormani sagt:

    Liebe Frau Wiegand,
    herzlichen Dank für Ihr positives Feedback zu
    meinen Zeilen. Gerne schau ich wieder hier vorbei!

    Beste Grüße, Sabine Sormani

  29. Christiane Windhausen sagt:

    Im Zuge der transformatorischen Prozesse, durch die wir uns gesellschaftlich bewegen, wird auf einmal über Tugenden + Kompetenzen gesprochen, die jahrzehntelang keinerlei Aufmerksamkeit erregt haben. Dazu gehört Authentizität, Wertschätzung, Feedback, usw.

    Wenn diese Worte erst einmal Einzug ins gesellschaftliche Bewusstsein genommen haben, passiert mit ihnen etwas seltsames. Sie verlieren ihre Ursprungskraft. Einfach, weil sie oberflächlich interpretiert und berechnend eingesetzt werden.

    ‚Sei authentisch‘ wird so zu einer Strategie, um bei Bewerbungsgesprächen erfolgreicher abzuschließen. Und das Teilen von Wertschätzung kann von Führungskräften dazu benutzt werden, Kritik noch gezielter zu platzieren. Wenn Menschen ihren Wert bisher über Kritik an anderen bezogen haben, so tun sie es nun noch ein bisschen raffinierter – sie würzen es einfach mit der ersehnten Prise von Wertschätzung… An diesen Stellen beginne ich dann in der Regel über diese Tugenden nicht mehr zu sprechen. Ich möchte den missbrauchten Worten nicht noch mehr Energie (d.h. Aufmerksamkeit) schenken.

    Ich verstehe mehr und mehr, warum es früher das sogenannte ‚Geheime Wissen‘ gegeben hat. Mitmenschliche Tugenden werden in ihrer Interpretation immer durch unsere eigenen emotionalen Grenzen verzerrt. So lag das Geheimnis des Wissens schon damals nicht in der Verschwiegenheit der Wissenden. Es hat sich eher aus der Ignoranz derer ergeben, die glaubten, es zu verstehen. Und die es doch nur dazu benutzt haben, um ihre eigene Sichtweise zu rechtfertigen und zu argumentieren.

    Authentizität beginnt für mich dort, wo ich ganz und gar mein Bestes teilen möchte. Damit steht jeder von uns an einer Weggabelung: Auf einmal geht es nicht mehr um dass, was ich mir vom Leben will – sondern um das, was das Leben sich von mir wünscht.

    Wenn wir dort angekommen sind, schenkt uns das Leben allerdings nicht mehr das was wir wollen, sondern das was wir brauchen. Erst im Dienen für etwas Größeres bekommt Authentizität ihren eigentlichen Sinn…

  30. Surftipps zum Wochenende :: Blogpatenschaften - Wir fördern Vernetzung sagt:

    [...] Die Frage: Wie authentisch dürfen wir sein? stellt Elita Wiegand ihrem Blog und erhält interessante Kommentare. Ebenfalls einen Besuch wert ist der Business-Adventskalender, bei dem noch bis zum 24.12. jeden Tag was interessantes gewinnen kann. [...]

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