Wenn Schwächen zu Stärken werden
2009-11-23, von Christiane Windhausen
In letzter Zeit berichten die Medien zunehmend von den Schwächen der Starken: Die Schwimm-Weltmeisterin Britta Steffen spricht über ihre Ängste und wie sie durch das Vertrauen zu ihrer Mentaltrainerin einen Weg ins Selbstvertrauen gefunden hat… Andre Agassi beschreibt in seiner Autobiographie die Schattenseiten des Ehrgeizes, die ihn unglücklich gemacht hat… Und Robert Enkes Tod macht schmerzlich deutlich, dass es im Fußball um Leistung geht – und nicht um einen mitmenschlichen Umgang mit Depression…
Der Fußball gehört in Deutschland sicherlich zu den größten Projektionsflächen der Gesellschaft. Jede Fan-Kultur beinhaltet die Idealisierung von Sportlern. Sie sind für viele Menschen die Helden, die sie in ihrem eigenen Leben niemals sein werden. Wenn ein Star diesem Idealbild nicht mehr entspricht, wird er mit der gleichen Härte fallengelassen, mit der wir unsere eigenen Schwächen verdammen. Im Grunde sind wir also mitverantwortlich dafür, dass Sportler ausbrennen, kollabieren oder sich selber opfern. Dass Homosexualität im Fußball nach wie vor tabuisiert wird und dass die eigene Menschlichkeit für Hochleistung geopfert wird, geschieht seit Jahren mit dem Segen vieler Fußballfans.
Projektionen passieren täglich – jedem von uns, und in nahezu jeder Beziehung. Projektionen sind ein ganz gewöhnlicher – und zutiefst logischer – Vorgang unserer Psyche. Wir können unsere Sehnsüchte, aber auch unsere Ängste projizieren. Sie entlasten uns von emotionalem Stress und stärken unser eigenes Selbstgefühl. In der Regel vollziehen sich Projektionen unbewusst, sodass wir erst einmal nicht wahrnehmen, wie sehr sie mitmenschliche Nähe und Begegnung verhindern.
Vor 8 Jahren haben Birgit-Rita Reifferscheidt und ich mit SONNOS ein Training entwickelt, in dem emotionale Selbstführung als eine Basiskompetenz für integrative Führung vermittelt wird. Wir haben damals gespürt, dass uns in Deutschland eine lange Krise bevorsteht. Wir wussten, dass es in dieser Zeit vor allem um den freundlichen Umgang mit den Gefühlen geht – bei sich selbst und bei anderen. Und wir wussten, dass sich Gefühle in Krisen als Kompass nutzen lassen.
Seitdem ist aus SONNOS ein Institut für integrative Führung geworden. Es ist uns ein Anliegen, in Führungsfragen den mitmenschlichen Umgang mit den eigenen Schwächen zu fördern. Emotionskompetenz ist gerade in Zeiten der Transformation eine unerlässliche Fähigkeit – denn nichts ist so emotional wie Veränderungen.
Jede Schwäche beinhaltet auch eine Stärke. Überforderung kann uns den Mut schenken, um Unterstützung zu bitten (Mut – den brauchen wir in Deutschland zum Bitten wohl immer noch). Angst führt ins Vertrauen – wenn wir uns einem andern Menschen anvertrauen. Und die Scham über unsere eigenen Schwächen führt – wenn sie geteilt und nicht verurteilt wird – zu Nähe und Verbundenheit (zum eigenen Wesen und zu anderen Menschen).
Ich bin mir ziemlich sicher, dass die zahllosen Fälle von Burnout, über die medizinische und psychotherapeutische Praxen berichten, vor allem mit der Verdrängung von Hilflosigkeit, Angst und Scham zu tun hat…
Menschliche Stärke beginnt dort, wo wir unsere Schwächen teilen und um Hilfe bitten.
Oder sehen Sie das anders?





















Donnerstag 26. November 2009 um 12:02
Hallo Frau Windhausen, willkommen im Club. Jetzt wird es aber Zeit, dass wir mal einen Kaffee oder Tee miteinander trinken
. Wir sind ja fast Nachbarn. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, kann ich bis zum Gut Kistemacherhof schauen.
Schön, dass Sie Stärken/Schwächen hier thematisieren. Wir haben bezgl. der angeblichen Stärken von Menschen in unserer Gesellschaft einen eigenartigen Blick, der zu Angst, Minderwertigkeitsgefühlen, Depressionen, Burnout etc. führt. Das liegt daran, dass wir Stärke als absolutes Maß definieren.
Das Beispiel Robert Enke mag das verdeutlichen: Wer Fußballfan ist, kennt die unleidliche Diskussion um die “Nr. 1 im Tor” der Nationalmannschaft seit Jahren und wahrscheinlich Jahrzehnten. Vor der letzten WM hatten wir das gleiche Thema. Schon die Nr. 2 wird als Versager abgestempelt, obwohl er wahrscheinlich auch ein Torwart von Weltrang ist.
Alle schauen nur auf den Sieger. Das wird durch ein sensationsgeiles Publikum und eine entsprechende Presse angeheizt. TV-Shows wie “Deutschland sucht den Superstar” oder “German next Top Model” sind die Krönung. The winner takes it all. Für den Zweiten und den Rest bleibt nur Spott und Hohn.
Aus der Glücksforschung ist bekannt, dass Vergleiche eines der besten Mittel sind, sich unglücklich zu machen. Vergleiche dich mit Leuten die reicher, schöner und gesunder sind, und schon fühlst du dich mies.
Die Glücksforschung zeigt uns gleichzeitig aber auch einen Weg, wie wir mit unseren persönlichen Stärken ein sehr viel erfüllteres Leben führen können. Es geht dabei nicht darum, Schwächen zu überwinden, sondern herauszufinden, was die persönlichen Stärken sind und sein Leben möglichst danach auszurichten.
Von daher sehe ich es auch etwas anders als Sie: Es geht m.E. nicht darum, Schwächen zu teilen, zuzugeben, …, sondern sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren. JEDER Mensch hat Stärken. Nur leider kennen die wenigsten Menschen ihre eigene Signaturstärken. Ein Test kann dabei sehr hilfreich sein.
Samstag 28. November 2009 um 08:00
@ Wolff Horbach
Die Idee mit der Nachbarschaft und dem Kaffee gefällt mir richtig gut. Ich melde mich…
Irgendwie scheint die alleinige Konzentration auf unsere Stärken nicht automatisch zu einem erfüllten Leben zu führen. Immerhin kannte Robert Enke seine Signaturstärke; er wusste, dass er ein exzellenter Torwart ist…
Ich glaube, dass wir uns in Deutschland besonders schwer damit tun, einen mitmenschlichen und mitfühlenden Umgang mit unseren eigenen Schwächen zu finden. Zweimal haben wir im letzten Jahrhundert einen Weltkrieg angezettelt – und ihn jedesmal haushoch verloren. Ein grandios aufgeblähtes Ego hat versucht, Wertlosigkeit durch Hass und Egoismus zu kaschieren. In der Menschenverachtung des Naziregimes sind wir den dunkelsten Schattenthemen unserer Kollektivseele begegnet. Am Ende blieben Scham und Schuld – und über die wollte niemand sprechen.
Ich werde im Ausland oft gefragt, warum wir Deutschen immer so viel an uns selber zweifeln… Unter bemerkenswerten Kompetenzen und einem ausgeprägten Leistungswillen befindet sich in oftmals ein Gefühl tiefer Wertlosigkeit. Sie ist zum einen biographisch bedingt (wenn wir zum Beispiel in unserer Familie mehr Kritik als Stärkung erhalten haben). Sie ist aber auch Teil unseres historischen emotionalen Erbes. So wirkt Geschichte in uns weiter, auch wenn wir sie selber gar nicht erlebt haben – bis in die nächsten Generationen hinein.
Oftmals wird das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit innerlich abgespalten. Das führt dazu, dass die Anerkennung für unsere Leistung keine Auswirkungen auf unser inneres Selbstwertgefühl hat. Wir hungern nach Bestätigung und Anerkennung. Aber wenn wir sie bekommen, wirkt sie nicht bis dorthin, wo der Selbstzweifel beginnt.
Ich glaube, dass es um Gleichzeitigkeit geht. Wenn wir die Spaltung zwischen Stärken und Schwächen aufheben wollen, müssen wir das Vertrauen in unsere Fähigkeiten stärken. Aber gleichzeitig ist es auch wichtig zu erkennen, dass im das Eingestehen von Schwächen eine Stärke liegt. Ohne das Gefühl für unsere eigenen Schwächen und die Scham über unsere ‚Unzulänglichkeiten‘, ist wirkliches Mitgefühl nicht möglich.
Samstag 12. Dezember 2009 um 07:25
[...] Sie hat ihm am Selbstmord eines Fußballers deutlich gemacht, wie wichtig ein respektvoller Umgang mit Schwächen ist… Sie hat für diesen Jungen mal kurz die Welt auf den Kopf gestellt, indem sie ihm [...]