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Kooperation satt Egoismus. Bücher zur Zukunft der Empathie.

Christiane Windhausen 6 Juni 2010 3 Kommentare

Manchmal finden mich Büchern, die ich nicht mehr aus der Hand legen kann… An den letzten Wochenende hat mich wieder einmal eines richtig erwischt: Die Empathischen Zivilisation von Jeremy Rifkin. Ich hatte im Vorfeld so viele polemische Kommentare dazu gehört und gelesen (Süddeutsche.de, Tagesspiegel, SpiegelOnline), dass ich es einfach selber wissen wollte…

Dieses Buch liest sich wie ein spannender Krimi über unsere menschlichen Geschichte und hat mich zutiefst inspiriert. Jeremy Rifkin beschreibt, wie es durch neue technologischen Entwicklungen immer auch zu neuen Entwicklungsschüben der Empathie gekommen ist, und wodurch empathische Entwicklungen gesellschaftlich immer wieder unterbrochen worden sind. Damit folgt er (ohne sie direkt zu erwähnen) den Entwicklungstheorien von Ken Wilber und Don Beck, die Evolution als eine fortschreitende Entwicklung des Bewusstseins beschreiben.

Seiner Meinung nach befinden wir uns gerade im Übergang zu einem globalen Bewusstsein, dass ganz wesentlich auf Vernetzung, Kooperation und Empathie basiert.

Selbst Charles Darwin, dessen Forschungen in den letzten 100 Jahren immer wieder als Beweis für den Egoismus als Grundprinzip unserer Natur herhalten mußte, war am Ende seines Lebens ganz anderer Meinung. Er hat ab 1871 sein Augenmerk mehr und mehr auf das soziale, mitfühlende Wesen der höher entwickelten Spezien gerichtet. Für ihn wurden liebevolle Bindungen und unterschiedliche Formen der Kooperation schließlich wichtiger, als das Überleben des Stärkeren und der Konkurenzkampf des Einzelnen. Irgendwie ist dieser bemerkenswerte Schlußsatz im Laufe seines Lebens allerdings verloren gegangen…

Abraham Maslow hat bereits in den 60 Jahren des letzten Jahrhunderts mit seiner Motivationspyramide beschrieben, wie sich unsere Bedürfnisse mit den Lebensumständen entwickeln und verändern. Sobald die Grundversorgung unseres Lebens gewährleistet ist, entsteht eine völlig neue Ebene von Bedürfnissen, die sich zunehmend an der Qualität unserer Beziehungen und an der Frage nach dem persönlichen Lebenssinn orientieren. Empathie, Altruismus und Kooperation werden damit ab einem bestimmten Lebens- und Bildungsstandard zu den eigentlich sinnstiftenden Erfahrungen.

Vor zehn Jahren hat Giacomo Rizzolatti dann in der Großhirnrinde von Rhesusaffen die Spiegelneuronen entdeckt und damit eine Welle neuer Einsichten über unsere Beziehungsfähigkeit ausgelöst. Inzwischen wissen wir, dass für die Entwicklung von Empathie und Kooperation die Spiegelneuronen eine wichtige Rolle spielen. Nur ein paar Jahre später hat Joachim Bauer in seinem Buch Warum ich fühle, was du fühlst die neurobiologischen Forschungsergebnisse zu den Spiegelneuronen zusammengefasst und ihre Bedeutung für unser menschliches Bewusstsein und unsere gesellschaftliches Zusammenleben beschrieben. Die Folgen des Internets und der globalen Vernetzung wären ohne sie gar nicht zu erklären. Warum teilen Menschen ihr Wissen und ihre Fragen? Wie kommt es, dass sie sich so gerne mit anderen vernetzen?

In seinen Büchern Das Prinzip Menschlichkeit und Das kooperative Gen spricht Joachim Bauer davon, dass wir über so etwas wie ein kooperatives Gen verfügen, dass gewährleistet, dass wir aufeinander eingehen, uns verbinden und kooperieren können. Damit sind wir in der Lage, wahrzunehmen, dass jeder von uns in seinem eigenen Wohlbefinden und bei der Entfaltung seiner perönlichen Möglichkeiten auf das große Ganze angewiesen ist und von der Entwicklung anderer abhängt.

Allen, die die Dynamik von Gefühlen und Beziehungen in Beratungsprozessen mitbedenken, und  sich für die emotionalen Aspekte unsere menschlichen Entwicklungsgeschichte interessieren, möchte ich diese Bücher sehr ans Herz legen. Integrative Führung beginnt mit unserer persönlicher Empathie und zielt ab auf unsere kollektive Intelligenz.

Wer dann richtig hungrig geworden ist, kann bei der Sozialen Intelligenz von Daniel Goleman und der Weisheit der Vielen von James Surowiecki und Gerhard Beckmann gleich weiterlesen.

Vielleicht erwischt es sie ja auch…
Und sie verschwinden einfach mal wieder für ein Wochenende in einem richtig inspirierenden Buch.


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3 Kommentare »

  • Wolff Horbach sagte:

    Wow, das ist ja schon eine kleine Bibliothek an Fachliteratur! Die Erkenntnisse aus Neurobiologie, Sozialforschung etc. wachsen rapide zusammen.

    Evolutionsbiologisch ist Empathie und Kooperation ganz einfach zu erklären: Die Überlebenschancen einer Spezies und damit auch des Individuums innerhalb der Spezies wird einfach größer, wenn man Verständnis füreinander hat und sich gegenseitig unterstützt.

    Leider wird Darwin auch 150 Jahre nach seinen bahnbrechenden Erkenntnissen von den meisten Menschen immer noch nicht richtig verstanden und oft auch bewusst missverstanden. Darwin hat nie vom Überleben des Stärkeren gesprochen, sondern vom “Survival of the Fittest“. Fit sein heißt in diesem Sinne, am besten angepasst sein im jeweiligen Biotop.

    Diese Erkenntnisse sind in unseren Schulen und Unternehmen noch immer nicht angekommen. Statt Kooperation fordern und fördern wir Einzelkämpfer. In der Schule wird jeder einzelne geprüft. Wer mit dem Nachbarn kooperiert (abschreibt oder über die beste Lösung spricht), bekommt eine Sechs. In der Wirtschaft werden durchsetzungsfähige Manager gesucht. Was heißt denn durchsetzungsfähig? Die eigene Meinung oder die des Vorstandes gegen den Willen der Beteiligten erzwingen?

    Es ist höchste Zeit für eine Revolution an den Schulen und in der Ausbildung von Managern. Statt Kinder mit Wissen von gestern voll zu stopfen, sollten wir sie darin fördern, wie sie in Gemeinschaft sich selbst aktuelles Wissen erwerben können. Statt Führungskräfte auf Quartalsergebnisse zu trimmen, sollten wir ihnen beibringen, wie sie Teams darin fördern können, vielfältige Kooperation einzugehen und durch geschickten Wissensaustausch zum Gedeihen und langfristigen Überleben des Unternehmens beizutragen.

    Es gibt noch viel zu tun.

  • Christiane Windhausen sagte:

    Ich erlebe die neue Neurobiologie wie einen Segen für die Psychologie. Auf einmal werden Empathie, Kooperation, Mitgefühl und Bindung so konkret. Irgendwie ist die physiologische Logik für viele Menschen doch anschaulicher als die psychologische Logik. In der Kombination von beiden liegt für mich in meinem Beruf ein wichtiger Schlüssel, um mit dem anzufangen, was noch alles so zu tun ist.

  • silv. sagte:

    Danke für den Artikel.
    Das macht Hoffnung. Das Wissen für eine neue Weltanschauung ist längst da, un es wäre bitter nötig, dass das ins Bewusstsein von immer mehr Menschen tritt und umgesetzt wird.
    Ken Wilber ist da ein führender Vertreter der Menschen, die dieses Wissen zusammenfassen.
    Ich würde noch Hans-Peter Dürr: “Geist, Kosmos und Physik” empfehlen, Dawkins`s “Das egoistische Gen”(hier geht es um sinnvolle Strategien der Evolution).
    Ganz wichtig ist auch das Thema “Epigenetik”- die Wirkung von Umweltreizen jeglicher Art auf lebende Organismen und um zu erklären wieso es in unserer menschlichen Welt so aussieht, muss man sich unbedingt mit der Arbeit des Kriminalpsychologen Robert D. Hare: “Gewissenlos” und Traumaforschung(z.B. Peter A. Levine) befassen, “Bioenergetik”- von Alexander Lowen wäre auch eine gute Lektüre zum Thema, die einiges an biologischen Mechanismen erklärt.
    Ich glaube, das empfohlene Buch werd ich mir zulegen.
    Es tut sich viel, aber damit wächst auch unsere Verantwortung als Menschen.
    Beste Grüße und alles Gute für 2011!

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