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Erneuerbare Energie – für Menschen

Wolff Horbach 27 Juli 2010 2 Kommentare

Alex ist ein erfolgreicher Mann:

Alex ist nach seinem Studium als Maschinenbau-Ingenieur in die Automobilbranche eingestiegen. Heute arbeitet er als Abteilungsleiter bei einem großer Zulieferer für die Auto-Konzerne. Er ist für über 180 Mitarbeiter verantwortlich. Alex darf den Audi A8-Dienstwagen auch privat benutzen. Das Gehalt von Alex ist stattlich.

Alex ist ein armer Mann:

Jeden Tag hat Alex ca. 250 E-Mails im Posteingang. Ein paar Duzend davon sind als dringend markiert und erfordern sofortiges Handeln. Der Arbeitstag von Alex hat oft 12 Stunden. Abends und am Wochenende checkt er zusätzlich noch die E-Mails auf seinem Blackberry. Sein Chef erwartet selbstverständlich, dass Alex jederzeit erreichbar ist. Kürzlich hat Alex seinen Urlaub abbrechen müssen.

Seine Tochter, die letzte Woche wegen Magersucht in eine Klinik eingeliefert wurde, konnte er erst einmal besuchen. Und dass seine Frau in der letzten Zeit zunehmend mit dem Tennislehrer flirtet, bekommt er erst gar nicht mit. Wie auch: Er sitzt ja ständig in Meetings, im Zug, im Flugzeug, muss Kunden beschwichtigen oder den Feuermann spielen.

Und so wird es mit Alex (voraussichtlich) weitergehen:

Die Arbeit wird ihm immer weniger Spaß machen. Die Angst, nicht mehr mithalten zu können oder den Job zu verlieren, wird wachsen. Er wird krank werden. Möglicherweise droht ihm ein Burnout. Mit monatelangem Ausfall und eventueller Frühverrentung.

Die Schäden, die er jetzt schon anrichtet, merkt kaum jemand: Wegen des Stresses ist sein Ton in der letzten Zeit ruppig geworden. Mitarbeiter meiden ihn, sagen und tun nur noch das Nötigste. Gute Ideen hat Alex schon lange nicht mehr. Wie auch: er kommt ja nicht mehr zum nachdenken.

Ist Alex ein Einzelfall? Leider nicht!

Millionen von Arbeitnehmern leiden unter zunehmendem Arbeitsstress. Mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer in Deutschland fühlt sich aufgrund arbeitsbezogener und privater Probleme oder aufgrund psychischer oder gesundheitlicher Belastungen nicht voll leistungsfähig. Wirtschaftsforscher schätzen die Folgekosten auf 262 Milliarden Euro.

Dabei ist die Lösung zum größten Teil recht einfach:  Die Unternehmen müssten Abschied nehmen von dem veralteten Modell, dass die Arbeit nur mit mehr Stunden zu erledigen ist. Sie müssten völlig neu handeln und ihre Mitarbeiter in ihrem persönlichen Energie-Management unterstützen.

Der Mensch ist bekanntlich kein Roboter, der 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 52 Wochen im Jahr arbeiten kann. Wir brauchen für eine volle Leistungsfähigkeit unbedingt Phasen der Ruhe,  der Erholung und der Erneuerung. Dabei sind nach Tony Schwartz vier Energieformen zu unterscheiden:

Physische Energie bestimmt wie leistungsfähig und wach wir generell sind. Physische Energie wird gefördert durch ausreichenden, gesunden Schlaf, Stressreduktion durch kreislauffordernden Sport, kleinere Mahlzeiten zwischendurch und regelmäßig Pausen. Und wie sieht die Praxis meistens aus? Wenig Schlaf, endloses Sitzen in Meetings, ungesunde Getränke, Fastfood, keine Pausen. Kein Wunder, dass der Akku der meisten Menschen nur halb voll ist.

Emotionale Energie bestimmt, ob wir uns wohl fühlen und gut drauf sind. Anstatt Mitarbeitern Druck zu machen und sie mit dem Verlust des Arbeitsplatzes zu bedrohen, sollten Unternehmen lieber darauf achten, welche Sorgen und Nöte ihre Mitarbeiter haben. Wenn die Team-Stimmung im Keller ist, der Haussegen schief hängt, die Tochter krank ist oder der Sohn aus der Spur läuft, ist der Mitarbeiter neben nur sehr eingeschränkt leistungsfähig.

Mentale Energie bestimmt, wie konzentriert wir arbeiten können und ob wir unser Können und Wissen voll abzurufen vermögen. Mentale Energie wird gefördert, indem Unterbrechungen auf ein Minimum reduziert werden. Um kreativ zu sein, brauchen wir Zeit, Ruhe und Muße. Aus der Hirnforschung wissen wir heute, dass die guten Ideen gerade dann kommen, wenn wir nicht arbeiten. Wer permanent arbeitet, wird nur suboptimale Ergebnisse abliefern können.

Spirituelle Energie bestimmt, wie engagiert wir mit der Sache sind. Wir sind nur dann bereit uns voll einzubringen, wenn wir in der Tätigkeit und Anforderung Sinn erkennen. Unternehmen sollten großen Wert darauf legen, dass der Sinn und die Werte nicht nur in schönen Sonntagsreden beschworen, sondern tatsächlich gelebt werden. Um spirituelle Energie aufzutanken, bedarf es des offenen und ehrlichen Austausch mit allen Beteiligten und der regelmäßigen Reflexion.

Wenn Sie jetzt einmal für sich selbst schätzen: Wie hoch ist momentan Ihre physische, emotionale, mentale und spirituelle Energie? Ist Ihr Ph-Akku noch recht voll oder sind Sie schon im Tiefladebereich? Haben Sie noch genügend M-Energie, um neue Ideen zu generieren oder blinkt da schon lange die rote Lampe?

Vielleicht die wichtigste Frage: Um wie viel leistungsfähiger wäre Ihr Unternehmen, wenn alle Mitarbeiter mit vier vollen Akkus arbeiten würden?


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2 Kommentare »

  • Beatrice Legien-Flandergan sagte:

    Lieber Herr Horbach,

    ein sehr guter Artikel zu einem derzeit sehr aktuellen Thema.

    Mir ist aufgefallen, dass besonders Mitarbeiter mit Führungsverantwortung davon stark betroffen sind.

    Was ich selbst übrigens erlebt habe, ist eher das Gegenteil, als ich noch in der EDV tätig war. Ich hatte viele Jahre einen anspruchvollen Führungsposten als dann die Firma umstrukturiert wurde. Meine Abteilung wurde aufgelöst und ich erhielt keine neue anspruchsvolle Position. Ich hatte zwar immer noch eine Menge zu tun, aber ich fühlte mich total unterfordert und habe darunter ähnlich gelitten, wie jemand, der total überfordert ist. Mein Akku ging total leer und es gab schlimme körperliche und psychische Rückmeldungen.

    Die Balance zwischen Herausforderungen und Ruhephasen muss eben passen.

    Herzliche Grüße

    Beatrice Legien-Flandergan

  • Wolff Horbach (author) sagte:

    Liebe Frau Legien-Flandergan,

    danke für das Feedback.

    Das was Sie erwähnen hat sehr viel mit persönlicher Energie zu tun, geht aber über die vier Energieformen hinaus: Es geht um Flow.

    Eine der Voraussetzungen von Flow ist, dass persönliches Können und Anforderung in etwa übereinstimmen. Ist die Herausforderung größer als das Können, so wird Angst und Stress erzeugt. Dies führt auf Dauer zum Burnout. Ist das Können größer als die Herausforderung – das, was Sie von sich selbst berichten – dann führt das zu Langeweile und auf Dauer zum sogenannten Boreout. Boreout hat fast die gleichen negativen Folgen wie Burnout.

    Ich erzähle in meinen Vorträgen zum Thema Flow immer: Das ist eine gute Nachricht für Arbeitnehmer UND Arbeitgeber: Wenn jemand im Flow arbeitet, fühlt er sich sehr wohl und hat außerordentliche Glücksgefühle. Gleichzeitig vollbringt er Höchstleistungen. Davon profitieren beide Seiten gleichermaßen.

    Leider ist das bei den meisten Unternehmen noch nicht angekommen. Da werden die Talente und Stärken von Mitarbeitern selten genutzt. Die Positive Psychologie hat noch einige Erkenntnisse mehr auf Lager, die Unternehmen gewinnbringend einsetzen könnten.

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