Zukunftsforscher Schroll: Ohne Innovations-Lawine ist der Planet verloren
Letzte Woche war ich auf der Utopia-Konferenz in Berlin. Ein zentrales Thema zog sich durch die ganze Konferenz: wie kriegen wir die wachsenden globalen Probleme in den Griff? Ich dachte bis dahin, ich wäre gut informiert. Aber mir ist klar geworden, dass die Probleme viel größer und komplexer sind, als sie gemeinhin dargestellt werden. Und vor allem: dass die Lösungen vielfältiger sein müssen, als bisher angedacht.
Nach der Konferenz erfuhr ich, dass durch den Live-Stream auch außerhalb viele Menschen an den Themen teilnahmen. Elita Wiegand erzählte mir, dass sie mit dem Zukunftsforscher Willi Schroll gesprochen habe, der auch den Live-Stream verfolgt habe. Daraus entwickelte sich die Idee, mit ihm ein Interview zu führen.
Willi Schroll (strategiclabs.de) ist Zukunftsforscher mit dem Schwerpunkt Technologieanalyse. Seit mehr als 15 Jahren beobachtet er Trends und Innovationen, interpretiert die Konsequenzen des technologischen Wandels für Wirtschaft und Gesellschaft. Seiner Ansicht nach muss der technologische Innovationsfokus dringend erweitert werden um kulturelle Neuerungsprozesse.
Herr Schroll, kürzlich hat der WWF mitgeteilt, dass wir mittlerweile 1,5 mal so viel Ressourcen verbrauchen, wie die Erde produziert. Stehen wir vor einem Kollaps?
Viele Zeichen und Parameter weisen dramatisch in die falsche Richtung. Die Lawine der globalen Probleme wächst und wächst. Angeheizt wird das durch neue Wirtschaftsmächte, die unseren Stand der Industrialisierung anstreben.
Die Politik reagiert völlig unzureichend. Die Wirtschaft auch. Mit grünen Märkten allein wird das Problem nicht zu lösen sein. Und die große Gefahr ist, wenn wir jetzt nicht ernsthafter anpacken bei den Lösungen, werden wir kaum noch genug Zeit und Ressourcen haben, diese Lösungen zu implementieren.
Aber es wird doch an vielen Ecken etwas unternommen. Immer mehr Menschen achten darauf, dass sie weniger Energie, Wasser usw. verbrauchen.
Ja, das ist sicher richtig. Wir müssen auf allen Ebenen und auf allen Sektoren vorankommen: bei der Effizienz, bei der Einsparung, bei den technologischen Innovationen. Wir müssen mehr forschen und schneller umsetzen.
Aber wir haben ein gewaltiges Grund-Problem: Wir haben eine wachstumsorientierte Marktwirtschaft. Die verlangt nach immer mehr und immer mehr. Das ist mit der Biosphäre schlicht nicht kompatibel.
Heißt das, wir brauchen einen total neuen Lebensstil?
Mittelfristig brauchen wir einen neuen Lebensstil jenseits einer Konsum-Orientierung, die zu stark Natur verbraucht. Das Problem ist, dass wir dafür weder Modelle noch Ansätze haben, die hinreichend erprobt sind.
Das große Experiment des 20. Jahrhunderts, der Sozialismus, ist gescheitert. Der Kapitalismus hat auch keine befriedigenden Lösungen. Wir bräuchten ein drittes System. Aber dieses dritte System gibt es noch nicht. Das System ist erst durch befähigte Experten zu entwickeln und zu prüfen. Es muss ein System sein, welches wirklich geeignet und lebbar ist – es soll schließlich auch als Realwirtschaft funktionieren, nicht nur als schöne Utopie.
Wie könnte eine Lösung aussehen?
Wir brauchen auf allen Ebenen Lösungen. Wir investieren ja heute Milliarden in technologische Innovationen. Das muss auf jeden Fall weitergetrieben werden. Denn ohne sehr wirkungskräftige technologische Innovationen werden wir die Wende zu einer nachhaltigen Weltwirtschaft nicht bewältigen.
Allerdings brauchen wir genauso soziale, ökologische und politische Innovationen. Wir sehen heute viele kleine keimhafte Versuche, anders zu wirtschaften, anders zu arbeiten, das Arbeiten anders zu organisieren usw. All das kann Teil des Lösungspotenzials werden. Aber es ist noch viel zu wenig.
Wir brauchen eine Lösungs-Lawine, die die wachsende Problem-Lawine wirklich einholt und bewältigt. Sonst wird es schlecht um uns und den Planeten bestellt sein.
[Hinweis: Auf dem (englischsprachigen) Blog von Willi Schroll gibt es zu dem Thema weitere Informationen.]
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Tolles Interview – Innovationen braucht das Land und die Erde. Interessanterweise gibt es massig gute Innovationen, die auch sehr viel umweltfreundlicher wären. Leider blockiert die Wirtschaft davon viele, weil sie dadurch befürchten, dass bestehende Produkte ihren Markt verlieren. Solche Maßnahmen sind aber manchmal überlebenswichtig. Die langfristigen Folgen unserer derzeitigen Lebensweise und argloser Ausnutzung der Ressourcen sehen die meisten nicht oder blenden sie lieber aus.
Eine Psychotherapeutin sagte mir einmal, wir leben in einer Zeit, die erfordert, dass man Bewährtes mit ganz Neuem verknüpfen muss, um daraus ganz neue Dinge entstehen zu lassen. Viele spüren immer mehr, dass wir mit unseren alten Pradigmen und Strategien nicht mehr weiter kommen und sind auch bereit, sie in Frage zu stellen.
Wenn wir Wachstum wollen, dann sollten wir anstatt uns um äußeres um inneres Wachstum kümmern. Wenn wir uns persönliche weiterentwickeln und öffnen für Neues, schaffen wir auch immer mehr tolle Innovationen, die unsere Erde gebraucht.
Herzliche Grüße, Beatrice Legien-Flandergan
[...] Zukunftsforscher Schroll: Ohne Innovations-Lawine ist der Planet verloren [...]
@Beatrice: Das Thema Wachstum wurde letzte Woche auf der Utopia-Konferenz natürlich heiß diskutiert. Das Wort “Wachstum” ist für uns so unverzichtbar geworden, dass jetzt auch alle Alternativen damit verziert werden: Null-Wachstum, nachhaltiges Wachstum, qualitatives Wachstum, inneres Wachstum, …
Warum immer Wachstum? Wachstum ist ein natürlicher Prozess, aber auch Stagnation und Absterben. Als Baby und Kind bin ich jedes Jahr gewachsen. Aber mit 17 Jahren war Schluss. Wäre ich so wie früher weitergewachsen, wäre ich jetzt 6m groß. Jedes Lebewesen und jede Pflanze hat eine natürliche Wachstumsgrenze. Nur in der Wirtschaft meinen wir, das ignorieren zu können. Ungehemmtes Wachstum im Körper ist bekanntlich Krebs.
Wir brauchen anstatt überall mehr Wachstum eher genaue Vorstellungen davon, was, wo und wie wachsen soll. Aber genau so Vorstellungen, was nicht mehr wachsen oder sogar schrumpfen soll. Der Leitfaden sollte eine Nachhaltigkeit sein, die es auch unseren Kindern und Enkeln ermöglicht, ein gutes Leben zu führen.
Ein nachdenkliches Interview. Danke Wolff, danke Herr Schroll.
“Wir brauchen auf allen Ebenen Lösungen – eine “Lösungslawine”, ist der entscheidende Satz.
Für meine Begriffe denken wir nicht nur zu kurzfristig, (in Legislaturperioden der Politiker)sondern reparieren hier ein bisschen, beruhigen da unser Gewissen, gehen kleine Schritte, die keinem weh tun. Doch in Anbetracht der Endlichkeit der Ressourcen, der Begrenztheit von Wasser, der Belastbarkeit der Luft und der künftigen Ernährungskrise muss der Kurswechsel drastischer ausfallen, um die “Megakrise” zu bewältigen, und den Wohlstand auf Pump zu stoppen.
Vieles hängt für mich damit zusammen, dass wir die Folgen des notwendigen Wandels als Verzicht sehen und das wollen wir doch dann mal lieber verdrängen. Weniger konsumieren, weniger Auto fahren, weniger Fleisch essen, weniger Flugreisen in den Urlaub, weniger (Schein)-Luxus – alles gefährdet, weil sich das Klima wandelt?(Wolff wir haben uns darüber bereits ausgetauscht)
Doch worauf verzichten wir inzwischen wirklich? Was hat uns der Kapitalismus gebracht?
Krankheiten, Depressionen, Stress, Verzicht auf Kinder der Karriere wegen, höhere Scheidungsraten- und wir sind leer, einsam, unzufrieden, ausgebrannt, kaputt.
Ich sehe eine Lösung in der Glücksökonomie. Lernen für sich selbst, für die Zukunft unseres Planetens, für unsere Kinder und das Allgemeinwohl verantwortlich zu sein, heißt, dass wir uns keine Liebe und Anerkennung in Form von “Ersatzbefriedigungen” kaufen müssten.
Herzlichen Dank für die Kommentare!
@ Beatrice Legien-Flandergan
Ja, auch das Bewährte mit dem Neuen verbinden, die eigenen geistigen und kulturellen Wurzeln nicht verleugnen, das gehört für mich zu einer gesunden und notwendigen Korrektur – oder sollte ich besser sagen “Umkehr”, denn mit einer sogenannten “kleinen Kurskorrektur” ist es möglicherweise nicht getan.
Der Begriff “Innovation” muss nicht nur als Denkwerkzeug und im Sprachgebrauch erweitert werden – jenseits des Technologischen und der Marktgängigkeit.
Für mich ist “Innovation”, nie ein Selbstzweck oder Fetisch, ja im Grenzfall ist auch De-novation einmal sinnvoll: Neuerungen rückgängig machen, deren Zweck und Wert sich nicht eingestellt haben. Verkorkste Neuerung gibt es ja eine Menge – seien es “innovative Produkte/Services”, die der Markt/Kunde nicht annimmt oder im staatlichen Bereich Reformen, die falsch aufgestellt werden oder in politischen Kompromissen verschlimmbessert werden.
Ob im individuellen oder betrieblichen Kontext: Auch Re-vision, d.h. Neubetrachtung und tätige Konsequenz erfordert Mut.
@ Wolff Horbach
Das ist ein wunderbarer Vergleich. Höhere Organismen verfügen in der Tat über ein “Wachstums-Management”, damit sie nicht “über’s Ziel hinausschießen”. Würden wir körperlich über die ca. 2 Meter hinaus immer weiter wachsen, so würden wir daran irgendwann sterben, da die anderen Organe, ja, der biologische Bauplan auf diese einhergehenden Belastungen nicht ausgelegt wäre. Ein größeres Herz, höherer Blutdruck, dickere Gefäße – das würde nur bis vielleicht 3 Metern so la la funktioneren.
Zwar funktionieren soziale und ökonomische Systeme in vielen Punkten komplett anders als ein biologisches System des Organismus, aber einen Begriff wie “Wachstums-Management” sollten Ökonomen einmal ernsthaft durchdenken, jenseits von Geldmengensteuerung. Alle drei Systeme tun gut daran sich auf begrenzte Umwelten, also begrenzte Ressourcen einzustellen. Heute (und eine ganze Weile schon) haben wir es mit einem “wildgewordenen Wachstumsbegriff” zu tun, einer Verselbständigung, die psychologisch verständlich ist, aber volkswirtschaftlich auf ihre Prämissen hin überprüft werden muss.
@ ElIta Wiegand
> Ein nachdenkliches Interview.
Meine Nachdenklichkeit ist in den letzten Jahren vor allem gewachsen, weil ich mich neben Innovationsprozessen und Trendanalysen auch mit den globalen Szenarien befasse. Die Trend- und Zukunftsforschung verbindet zwar all diese Teilbilder immer wieder, aber der “Game Change” bleibt dann gemessen an der Globalität der Probleme oft zu lokal. Dagegen gefallen sich NGOs oder supranationale Organisationen irgendwie auch im “Business as usual”: Campaigning, Mobilisierung und Reporting … wir brauchen das, aber wir brauchen viel mehr als das.
> “Wir brauchen auf allen Ebenen Lösungen – eine “Lösungslawine”, ist der entscheidende Satz.
…
> … muss der Kurswechsel drastischer ausfallen, um die “Megakrise” zu bewältigen
Genau das!
Zudem haben wir an uns selbst den Kollateral-Schaden solchen Wirtschaftens zu beklagen, wie Sie schreiben:
> Krankheiten, Depressionen, Stress, Verzicht auf Kinder der Karriere wegen, höhere Scheidungsraten- und wir sind leer, einsam, unzufrieden, ausgebrannt, kaputt.
Wir kennen ja alle die Geschichte von dem Frosch, der nicht den rettenden Sprung aus dem Wasser macht, wenn das Wasser nur langsam genug erhitzt wird. (http://en.wikipedia.org/wiki/Boiling_frog).
Ok, wir müssen dem Frosch die Temperatur anzeigen – d.h. Monitoring der Erde und Forecasts. (Heute stecken im (Echtzeit-)Monitoring der Erde inkl. Satelliten und Forschungsstationen wirklich Milliarden, IPCC und Co. sind nicht schlecht ausgestattet, vermute ich. Und die Forschung am CERN dürfte ein Vielfaches der Weltklimaforschung kosten.).
Vor allem aber müssen wir dem Frosch zeigen, wo es sich lohnt hin zu springen, wo “rettendes Ufer” ist, welche Alternativen es gibt.
Die Rahmenbedingungen, der “Spielplan”, macht es vielen individuell zu unattraktiv, die Wende im Lebensstil zu vollziehen. Irgendwie müssen wir also auch an den Rahmenbedingungen innovieren – und die kleinen aber sich verbreitenden Inselchen des Anders-Machens und -Lebens zeigen. Der kollektive Themenwechsel von Wachstum zu “Happiness” in den letzten Jahren stimmt da durchaus hoffnungsvoll.
@Herr Horbach, ich bin ganz bei Ihnen, dass es sehr wichtig ist, mit Wachstum anders umzugehen. Es gibt überall Grenzen ganz besonders im äußeren Wachstum.
Aber was ist gegen inneres Wachstum einzuwenden? Damit können wir niemanden schaden. Und gegen das persönliche Wachstum können wir auch nicht viel machen. Das ist auch ein natürlicher Prozess, der aufgrund unserer Schnelllebigkeit schon fast zum Überleben nötig ist. Ich sehe es als wichtig an, dass wir lernen, mit uns besser verbunden zu sein, uns selbst besser zu verstehen und so anzunehmen, wie wir sind, so dass wir auch ein gesünderes Verhältnis zum Wachstum bekommen.
@Willi Schroll: Funktionieren soziale und ökonomische System wirklich “komplett anders” als biologische Systeme? Nach meinem Kenntnisstand finden wir in allen Systemen die gleichen Wirkmechanismen: komplexe Systeme bestehen aus diversen Systemkomponenten, die miteinander vernetzt sind. Diese Komponenten wirken jetzt aufeinander: positiv oder negativ, direkt oder verzögert. Daraus ergibt sich die Gesamtdynamik des Systems. Frederic Vester hat die Wirkmechanismen sehr gut mit den biokybernetischen Grundregeln beschrieben, die m.E. für alle Systeme wie Unternehmen, Branchen, Gesellschaften gelten.
@Beatrice Legien-Flandergan: Ich habe nichts gegen “inneres Wachstum” einzuwenden. Aber mich stört die inflationsartige Verwendung des Begriffs “Wachstum” für alles und jedes. Beim “inneren Wachstum” geht es ja darum, positive Charakter-Eigenschaften zu entwickeln und negative Charakter-Eigenschaften weniger häufig zum Zuge kommen zu lassen.
Ich kann doch sagen: “Ich bin gelassener geworden” anstatt “Meine Gelassenheit ist gewachsen”. Wenn ich besser zuhöre, was mein Gegenüber sagt, ist da meine Zuhöre-Bereitschaft gewachsen? Wenn ich es schaffe, weniger neidisch zu sein, ist da mein Anti-Neid gewachsen?
Ich würde eher davon sprechen, dass wir unsere positiven Eigenschaften entwickeln und kultivieren. Das hat eher etwas mit ständiger Übung und Anwendung zu tun, als mit immer größer machen. Ich mag in diesem Zusammenhang den Begriff “Persönliche Meisterschaft” oder Neudeutsch: “Personal Mastery“.
Kultivierung ist vielleicht der Schlüsselbegriff für eine neue Art zu handeln. Kein Mensch braucht einen ständig wachsenden Freundeskreis (auch wenn Facebook etwas anderes suggeriert), aber jede und jeder sollte seinen Freundeskreis ständig pflegen. Das sollte auch für andere Systeme gelten: entwickeln bis zu einer sinnvollen Größe und dann pflegen und optimieren. Weiteres Wachstum ist dann weder notwendig noch sinnvoll.
@Wolff Horbach: Persönliche Meisterschaft – das hört sich sehr schön an. Man kann einfach andere Worte verwenden. Es ist ja auch alles in uns. Wir haben schlummernde wertvolle Potenziale in uns. Und so ist es an sich gar nicht Wachstum, sondern Entfaltung oder wie Sie sagen eine Entwicklung zur persönlichen Meisterschaft.
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