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Karl-Otto Kaiser:”Schulen können von Unternehmen lernen!”

Elita Wiegand 15 November 2010 7 Kommentare

Karl-Otto Kaiser ist Dipl.-Handelslehrer und Oberstudienrat an der Kaufmännischen Schule Göppingen. Er hält Vorträge, wie vor kurzem beim SchmidtKolleg zum Thema “Change Management in Schulen” und er besucht ständig Workshops und Seminare für Unternehmer, um das Wissen auf die Schule zu übertragen. Karl-Otto Kaiser  ist seit über 26 Jahren Prüfer bei der IHK, lizenzierter DISG-Trainer, lizenzierter Eltern-Trainer und er hat  über 30 innovative Projekte an Schulen realisiert.

Ich kenne Karl-Otto Kaiser schon sehr lange und bewundere sein Engagement. Höchste Zeit, ihn in unserer Interview-Serie “Auf den Punkt” vorzustellen.    

Schulen hinken oft hinterher  und scheinen nicht nur im Denken veraltet. Sie sind Lehrer an der Kaufmännischen Schule in Göppingen, einer Schule, die sich dadurch auszeichnet, besonders innovativ zu sein. Was machen Sie anders?

Karl-Otto Kaiser: Wir entwickeln ständig neue Ideen und setzen sie um und wir möchten einen Paradigmenwechsel anstoßen. Das haben wir von Prof. Muhammad Yunus gelernt. Auf der ganzen Welt werden junge Menschen ausgebildet, geschult, gelehrt damit sie irgendwann mal einen Job finden und als „Angestellte“ arbeiten können. Wir plädieren dafür, dass an Schulen gelehrt wird, wie man sich selbstständig macht, dass zu unternehmerischem Denken und Handeln geführt wird. Man muss nicht unbedingt gleich ein Unternehmen gründen, sondern es geht uns darum, dass junge Menschen lernen, selbstständig zu sein und sich entsprechend zu verhalten und für sich und andere Menschen Verantwortung  übernehmen. Junge Menschen sollen das lernen und selbst wenn sie dann später einmal irgendwo angestellt sind (unselbstständig beschäftigt – was für eine blöde Bezeichnung?!), ist es für alle Beteiligten von großem Vorteil, wenn sie sich wie ein Selbstständiger – einfach ausgedrückt als Mit-Unternehmer – verhalten.

Eigene Firma an der Schule gegründet
Um Selbstständigkeit zu lernen und vor allem zu praktizieren, haben wir u.a. auch eine eigene Firma an unserer Schule gegründet. Die Aufgabe der Schüler, die sich daran beteiligen: Sie führen hochwertiges Olivenöl aus Griechenland ein und verkaufen es – auf eigenes wirtschaftliches Risiko – halt wie im richtigen Leben. Inzwischen haben die Schüler das Sortiment ihres kleinen Unternehmens auch erweitert. Dabei lernen Schüler alles darüber, wie man eine Firma führt, Preise kalkuliert, verkauft oder Verluste vermeidet. Ein Teil des Gewinns haben unsere Schüler Prof. Muhammad Yunus beim Trendtag in Hamburg gestiftet.

     

Ihre Schule bietet Eltern auch Hilfe und Unterstützung an. Sie haben die Ausbildung für einen Elternführerschein gemacht. Was verbirgt sich dahinter?

Karl-Otto Kaiser: Wir vermitteln Eltern, wie Schule funktioniert, was sie bei der Erziehung beachten müssen, was Eltern tun müssen, damit sie mit ihren Kindern weniger Stress haben, ihre Kinder in der Schule erfolgreich sind und wir beteiligen sie.
Wenn Eltern nur 50 Prozent von dem umsetzen, was sie bei uns erfahren, können sie den Schulerfolg ihrer Kindern nicht mehr verhindern. Die Idee zum Elternführerschein stammt von dem Jugendforscher Klaus Prof. Hurrelmann und dem Schulleiter Adolf Timm. Es werden in Deutschland noch Lehrer gesucht, die sich für den Elternführerschein ausbilden lassen. Infos hier > www.elterntraining-schulerfolg.de. Ich habe die Ausbildung gemacht, bin begeistert und der Erfolg zeigt sich durch die besseren Leistungen der Schüler und den zufriedenen Eltern.

Lernen wird immer noch mit „Pauken“ verwechselt. Sie setzen vielmehr auf die weichen Faktoren, auf „soft skills“ für junge Menschen. Was machen Sie an Ihrer Schule, um die persönlichen Eigenschaften zu stärken?

Karl-Otto Kaiser: Viele Studien belegen, dass die weichen Faktoren bis 85 Prozent der Persönlichkeit ausmachen und Firmen achten bei der Einstellung immer mehr darauf. An unserer Schule müssen die Jugendlichen und die Eltern einen Vertrag unterschreiben, die Regeln wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, ein freundliches Miteinander beinhalten. Die Lehrer unterstützen die Schüler dabei, wir achten auch darauf, dass die Regeln eingehalten werden und umgekehrt dürfen die Schüler auch die Lehrer bewerten. Wenn sich die Jungendlich nicht an den Vertrag daran halten, müssen sie mit Konsequenzen rechnen.

Nun ist es doch ungewöhnlich, dass Lehrer für Neues offen sind und sich engagieren. Was treibt Sie an?

Karl-Otto Kaiser: Ich bin als Lehrer nicht mehr weitergekommen, war unzufrieden, habe vom Schulamt keine Fortbildung bekommen, die mir geholfen hätte und mein damaliger Schulleiter konnte mir auch nicht helfen. Dann habe ich die Wirtschaft entdeckt und Workshops und Seminare für Unternehmer besucht. Ich bin dort ganz freundlich und herzlich aufgenommen wurden, habe sehr davon profitiert und konnte 90 Prozent von den Inhalten der Workshops für die Wirtschaft auf die Schule übertragen. Vor allem habe ich gelernt, wie man mit Menschen umgeht.

Sie haben auch Seminare bei Klaus Kobjoll besucht. Von dem Chef des bekannten und mehrfach ausgezeichneten Hotel Schindlerhof, dem Autor und Redner haben Sie ein Modell auf die Kaufmännische Schule in Göppingen übertragen. Was genau ist das?

Karl-Otto Kaiser: Wir haben unseren Schülern auf freiwilliger Basis eingeräumt, dass sie sich selbst bewerten, quasi ihr Zeugnis selbst schreiben können – den Schüleraktienindex. Die Schüler setzen sich zu Beginn eines neuen Monats hin, reflektieren über den vergangenen Monat und benoten sich selbst. Sie beantworten Fragen: Wie war mein Umgangston, wie habe ich mich am Unterricht beteiligt, habe ich meine Termine eingehalten, was habe ich für meine Gesundheit getan, habe ich Sport getrieben? Dafür gibt es Pluspunkte und Minuspunkte. Die Schüler können sich über ein Passwort in eine Software einloggen und dann ihren persönlichen Bogen ausfüllen indem sie sich selbst in knapp 20 verschiedenen Kriterien bewerten und der Lehrer kann dann sehen, welche Punkte sie sich gegeben haben. Beim Start hat jeder Schüler einen Punktestand von 1000 – er kann seinen Wert steigern oder er sinkt wie bei einer Aktienkurve nach unten. Am Ende des Jahres bekommt er eine Bescheinigung seiner Softskills und wir haben festgestellt, das sich manche auch schlechter bewerten, als sie tatsächlich sind .Wir haben bisher nur gute Erfahrungen mit dem Schülerindex gemacht und wissen, dass einige Schüler ihr Soft Skill Zeugnis bei Bewerbungen abgeben und Personalchefs davon begeistert sind.

Sie haben vor kurzem beim SchmidtColleg einen Vortrag gehalten mit dem Titel „Change Management in Schulen.“ Was läuft falsch in der Bildung, was kann man tun, damit andere Schulen von dem innovativen Ansatz der Kaufmännischen Schule in Göppingen profitieren?

Karl-Otto Kaiser: Es gibt in Deutschland ungefähr 40.000 Schulen und davon sind 5000 Schulen Weltklasse. Doch bei uns macht jede Schule ihr eigenes Ding. Die Schulen müssten voneinander lernen, die Erfolgsmodelle übertragen und kooperieren, damit würde sich das Bildungsniveau enorm erhöhen. Es gibt darüber eine Untersuchung von Prof. Struck. Er ist Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg und er hat festgestellt, dass sich gute Schulen gegen bürokratische Regeln widersetzen, neue Wege gehen und sich etwas trauen. Und wenn etwas erfolgreich läuft, gibt es dann auch von den Schulbehörden Applaus.


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7 Kommentare »

  • Beatrice Legien-Flandergan sagte:

    Ich bin begeistert, dass es so ein innovatives Schulprojekt gibt. Sehr gut finde ich, dass man sich hier stark auf Soft Skills und das unternehmerische Denken konzentriert.

    Wenn ich mich heutzutage mit Eltern und auch Lehrern unterhalte, wenn ich sehe, wie es vielen Schülern geht, sehe ich im Schulsystem dringend Veränderungs- und Erneuerungsbedarf. Wenn ich dann noch die neuesten Erkenntnisse zum Thema Hirnforschung und wie Lernen funktioniert betrachte, gibt es mir weitere Klarheit und Bestätigung dazu, dass nur wenige von dem bestehenden Schulsystem profitieren können.

    Mit Sicht auf die Zukunft sehe ich dieses Projekt als einen sehr wichtigen Schritt und wünsche Herrn Kaiser und allen Aktivisten, dass es sich im ganzen Lande gut etabliert.

  • Wolff Horbach sagte:

    Sehr erfreulich zu lesen, dass es noch Lehrer gibt, die es wagen bürokratische Hemmnisse aufzubrechen und – oder gerade deswegen – erfolgreich sind.

    Schule könnte so erfolgreich sein, den Schülern UND den Lehrern erheblich mehr Spaß machen, wenn endlich der Nürnberger Trichter abgeschafft und statt dessen die Erkenntnisse der Hirnforschung Einzug halten würde. In Zeiten, in denen jeder Schüler in nullkommanix per Smartphone Fakten von Wikipedia abrufen kann, werden Kindern mühsam und äußerst langweilig Geschichtsdaten zum Auswendiglernen eingetrichtert. Nur weil es so in uralten und verstaubten Curricula steht.

    Anstatt jedes Kindes seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechend zu fördern, versuchen wir es, in ein überkommenes Kastensystem einzuordnen. Prof. Manfred Spitzer sagt: “Wir Deutschen sind Weltmeister im Trennen von Müll und Kindern”. Obwohl durch die PISA-Studien längst bekannt, wie erfolgreiche Schule funktioniert (Finnland, Schweden, …), setzt sich das in Deutschland nur äußerst zäh durch.

    Wir brauchen an jeder Schule mindestens einen Karl-Otto Kaiser.

  • Wolff Horbach sagte:

    Na, das passt doch wunderbar zum Thema (Spiegel Online heute): Erziehungsexperte Remo Largo:
    Bildungspolitiker sollten entmachtet werden“.

  • Karl-Otto Kaiser sagte:

    Liebe Frau Legien-Flandergan,
    vielen Dank für den positiven Kommentar und die unterstützenden Worte. Ic habe mich sehr darüber gefreut. Wenn Sie weitere Infos zu den Projekten unserer Schule möchten oder eine Schule bzw. Lehrer, Schüler oder Eltern kennen, die daran intressiert sein könnten – dann einfach bei mir melden. Ich bzw. wir freuen uns über jede Rückmeldung.
    Herzliche Grüße
    Karl-Otto Kaiser

    PS: Elita hat aus dem kurzen Telefongespräch ein super Interview gemacht. Eigentlich bräuchten alle professionelle Partner in den verschiedensten Bereichen. Unsere Schule hat Elita Wiegand sehr viel zu verdanken und wir – und unsere gesamte Region – haben auch scon viel von der Kooperation mit ihr profitiert – z.B. sind wir seit vielen Jahren die einzige Schule die jährlich einen Service Oscar verleiht. Das haben wir Elita zu verdanken.
    Eigentlich müsste es in jeder Region eine Schule geben, die einen Service Oscar verleiht.

  • Karl-Otto Kaiser sagte:

    Lieber Wolff Horbach,
    vielen Dank für die lobenden Worte. Es gibt das schöne Wort “Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun”. Vielleitcht müsste es so lauten: “Herr vergib ihnen, denn sie tun nicht was sie wissen”. Doch ich will keine Vorwürfe machen. Besser ist es andere zu ermuntern, sie zu bestärken, dass sie zu Veränderungen bereit sind, sich auf Neues einlassen und mit Mut und Begeisterung neue Wege versuchen. Exzellente Impulse dafür gibt z.B. die Dokumentation “Die stille Revolution” von Reinhard Kahl. Auf dieser DVD wird gezeigt wie Schulen jungen Menschen optimal auf die Anforderungen der Zukunft vorbereiten und das in einem sehr angenehmen und von höchster gegenseitiger Wertschätzung aller Beteiligten getragenen Klima. In die richtige richtung geht auch das Projekt “Talenteschmiede”. Infos dazu gibt´s auf http://www.naturtalent-stiftung.de. Wir haben bisher nur sehr gute Erfahrungen mit diesem Projekt gemacht.
    So kann es gehen!
    Herzliche Grüße
    Karl-Otto Kaiser

  • Christiane Windhausen sagte:

    Prof. Dr. Klaus Hurrelmann appelliert dafür, die Schulpflicht an eine Fortbildungspflicht für Eltern zu koppeln. Einige Schulen scheinen ja bereits beim Eintritt in die Schule ein verbindliches Training für die Eltern anzubieten (Chapeau! Was für eine mutiger Bruch mit alten Regeln). Davon bin ich völlig begeistert. Ich würde sehr gerne mehr darüber wissen und Menschen treffen, die das in die Hand genommen haben. Schließlich sind es gerade die Beziehungen, die uns entweder zum Lernen motivieren oder unser Lernen verhindern… Ich glaube, es ist eine geniale Idee, das Eltern-Kind-Team zu stärken – und damit zu entschärfen.

  • Karl-Otto Kaiser sagte:

    Liebe Frau Windhausen,
    vielen Dank für ihr Interesse an dem Thema “Elterntraining”. Im Februar habe ich bei Prof. Hurrelmann und Adolf Timm eine Ausbildung zum Elterntrainer gemacht und es war faszinierend. Das Konzept ist super und sehr überzeugend.
    Alle Infos dazu finden Sie unter http://www.elterntraining-schulerfolg.de.
    Ganz in der Nähe von Ihnen lebt und arbeitet
    Dr. Albert Wunsch. Seit Jahren vertritt er engagiert die These “Fortbildungspflicht für Eltern”. Vielleicht nehmen Sie mal Kontkat zu ihm auf. Er hat hat zwei exzellente Bücher zu diesem Bereich geschrieben, die allemal lesenswert sind. Hier sind die Kontaktdaten von Dr. Wunsch:
    URL: http://www.albert-wunsch.de; Im Hawisch 17, 41470 Neuss, Telefon: 02137 – 92 99 882, Fax: 02137 – 92 99 883, Email: info@albert-wunsch.de.
    Herzliche Grüße
    Karl-Otto Kaiser

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