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Karl Ludwig Schweisfurth:”Ich wurde als Spinner abgestempelt!”

Elita Wiegand 30 November 2010 5 Kommentare

Karl Ludwig Schweisfurth war Eigentümer von “Herta” und einer der größten industriellen Wurstfabrikanten Europas. Er verkaufte seine Firma an Nestlè, weil er die Masentierhaltung nicht mehr vertreten konnte und fing neu an. Er baute den Landwirtschaftsbetrieb  “Herrmannsdorfer Landwerkstätten” auf, der nach ökologischen Kriterien produziert und verarbeitet.

Ich habe Karl Ludwig Schweisfurth für unsere  Serie “Auf den Punkt” interviewt.

Sie kommen aus einer Metzgerfamilie und haben den ehemaligen Handwerksbetrieb Ihres Großvaters zum größten Wurstkonzern Europas ausgebaut. Welche Erinnernungen verbinden Sie mit dieser Zeit? 

Als ich 25 Jahre alt war, bin ich nach Amerika geflogen und dieses Land hat mich damals infiziert. Die amerikanische Fleischindustrie arbeitete effizient und erwirtschaftete hohe Erträge. Die Fließbänder und Automaten haben mich beeindruckt und nach meiner Rückkehr habe ich meinen Vater davon überzeugt, dass wir unseren Handwerksbetrieb in einen Industriebetrieb umwandeln.

Sie haben damals 1 Milliarde Mark umgesetzt gemacht und hatten 5.500 Mitarbeiter. Herta galt als ein Unternehmen, das durch technische Innovationen immer an der Spitze stand. War das Ihr Antrieb damals?

Ja, mich hat die Technik fasziniert. Immer, wenn etwas Neues auf dem Markt kam, haben wir es sofort angeschafft und jede innovative Maschine, die irgendwo auf der Welt produziert wurde, stand als Erstes bei Herta. Wir waren Pioniere, egal, ob es um die elektronische Datenverarbeitung ging oder um neuartige Verpackungen für Fleisch, Wurst oder Schinken – Herta stand immer an der Spitze der Entwicklungen und wir waren dadurch auch immer einen Schritt voraus.

„Herta, wenn’s  um die Wurst geht“. Das war Ihr Slogan und Sie galten als der Herrscher des Wurstimperiums. Vor 25 Jahren kam die große Wende in Ihrem Leben und Sie haben Ihr Unternehmen von heute auf morgen an Nestlé verkauft. Was ist damals passiert? 

In meiner Firma wurden damals 25.000 Schweine und 4.000 Rinder pro Woche geschlachtet. Ich habe mir irgendwann angesehen, wo die Tiere herkommen, habe mir die unwürdigen Ställe angeschaut.  5000 Tiere in einem Stall, die auf Spaltenböden dahin vegetierten, stickige Luft, dunkel, laut. Tiere, die wie technische Güter produziert und industriell getötet wurden. Furchtbar! Mir wurde schlagartig bewusst, dass die Würde und der Respekt vor Tieren verloren geht und damals fragte ich mich: „Was tue ich denn da eigentlich?“

Meine Kinder haben damals gebohrt, indem sie mir immer die gleichen Fragen stellten und mir den Unsinn meines Lebens aufzeigten. Stress, Hektik, vom Auto ins Flugzeug, um irgendwo auf der Welt die nächste Fabrik zu eröffnen, immer schneller, mehr Umsatz, höhere Renditen, noch billigeres Fleisch, um die Mitbewerber abzuhängen. Mein Kinder haben mir klar gesagt: “Papa, so wollen wir nicht leben!”  Sie hatten Recht, zumal ich wusste, dass es den Tieren in dieser furchtbaren Massenproduktion immer schlechter geht, das Fleisch immer wässriger wurde und überhaupt nicht mehr schmeckte und das eigentliche Handwerk auf der Strecke blieb.

Als ich 54 Jahre alt war, hat es dann Klick gemacht. Während des jährlichen Fastens, wo man ja nicht nur den Bauch leer macht, sondern auch den Kopf, war mir ganz klar, dass ich noch mal neu anfangen muss. Von heute auf morgen  habe ich Herta 1984 an  Nestlé verkauft und es ist viel, viel Geld in die Schweisfurth Stiftung geflossen und ich habe mit ökologischer Landwirtschaft und Lebens-Mittelverarbeitung einen Neustart gewagt. Seitdem sind meine Gedanken und mein Tun davon geprägt, dass mein Leben und meine Arbeit im Einklang mit der Natur stehen.

Nach Ihrem Ausstieg haben Sie die Hermannsdorfer Landwerkstätten gegründet. Was muss man sich darunter vorstellen?

Mit den Herrmannsdorfer Landwerkstätten haben wir Pionierarbeit geleistet und heute sind wir Leitbild. Damals wurde ich jedoch als Spinner abgestempelt und für verrückt erklärt. Dann kam Anfang der 90er Jahre die erste BSE Krise und da änderte sich die Einstellung. Die Menschen hatten Angst und das bewirkte ein kleines Umdenken und mehr ökologisches Bewusstsein auch für unsere Arbeit. Immer mehr Menschen fragen sich heute, wo unser Fleisch herkommt und wie die Tiere getötet werden. Viele wissen doch, wie schrecklich die Tötungsmaschinen für die Tiere sind und jetzt wird endlich auch über das Tabu geredet. So steigt auch das Interesse für die Herrmannsdorfer Landwerkstätten, wo wir natürliche, ökologische und nachhaltige Lebensmittel herstellen.

Bei uns gibt es Stallungen, eine Fleischerei, Bäckerei, Molkerei/Käserei, Brauerei, Hofladen, Biergarten und Gasthof und wir bilden junge Menschen aus.

Sie haben sich mit den Herrmannsdorfer Landwerkstätten auch auf die Fahnen geschrieben, Technik und Innovation zu verbinden. Was bedeuten für Sie heute Innovationen?

Bei Innovationen denken wir immer an technische Innovationen, aber wir brauchen heute viel mehr soziale Innovationen. Wie wollen wir in Zukunft leben? Diesen Fragen müssen wir nachgehen und gemeinsam Lösungen finden.  Es geht um ethische Grundwerte. Wie wollen wir miteinander umgehen und wie wollen wir  mit unseren Mitgeschöpfen, den Tieren umgehen? Und wir müssen uns die Frage stellen, wie wir künftig unsere kulturellen Innovationen erhalten wollen. Wir haben in Europa ein stolzes Erbe, denn es gibt eine Vielfalt und einen großen Reichtum an Lebensmitteln. Die Vielfalt der Weine, des Brotes, der Schinken, des Käse, das ist in Europa einzigartig. Darauf müssen wir uns verdammt noch mal besinnen, denn unser kulturelles Erbe sind nicht nur das der großen Dichter, Philosophen und Schriftsteller, ein wesentlicher Teil unserer europäischen Kultur beruht auch auf den Lebensmittel-Handwerkern. 

Steigende Weltbevölkerung, mehr Fleischkonsum – wo sehen Sie Lösungen für die Zukunft? 

Von der Politik kann man keine Lösungen erwarten. Der Einfluss der Lobbyisten auf die Politik ist zu groß und zu mächtig. Der Wandel kann nur von den Verbrauchern ausgehen. Ich sage immer:”Nicht jammern, sondern machen!” Jeder muss bei sich selbst anfangen. Wenn wir auf den industriellen Schund im Supermarkt und das billige Fließbandfleisch verzichten, ist ein erster Schritt getan. Und: Wir dürfen einfach nicht mehr so viel Fleisch essen, denn in Zukunft werden immer mehr Menschen und immer mehr Tiere die Erde kahl essen und es wird ein Chaos geben. Es sei denn, wir finden vorher Wege aus der Krise, sind einsichtig, gehen mit der Natur achtsam um, essen weniger Fleisch, dafür aber mehr Qualität. Und:  Qualität kan man nicht zu Billigpreisen bekommen, also lieber weniger, dafür aber gutes Fleisch essen! Ich bin optimistisch, weil das ökologische Bewusstsein steigt und immer mehr Menschen erkennen, dass wir für die Natur, für unsere Nachkommen und generell für diesen Planeten Verantwortung tragen müssen.


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5 Kommentare »

  • Doc Sarah Schons sagte:

    respekt, herr schweisfurth – ihr umdenken seinerzeit und die aktivität ihrer stiftung seither – einfach großartig !

  • Ludger Freese sagte:

    Liebe Elita, sehr geehrter Herr Schweisfurth.
    vor einiger Zeit war ich bei Prof. Dr .Gottwald in der “Schweisfurth-Stiftung”. (im wunderschönen Schloss!) Es ging zwar um das Thema Leitbild, aber eines wurde mir hier ganz deutlich. Die Gedanken um die Nachhaltigkeit von Lebensmittel und die ethischen Grundwerte waren deutlich zu spüren. Ihre Mitarbeiter leben Ihren Gedanken, Herr Schweisfurth.

    Anschließend waren wir noch in den Hermannsdorfer Landwerkstätten. Dort war ich schwerpunktmäßig in der Fleischerei. Die handwerkliche Kunst und die Liebe zum Produkt war selbst für mich als Fachmann beeindruckend. Kompliment. Die gesamte Hofanlage ist wirklich einen Besuch wert! (und von München aus schnell zu erreichen)

    Sogar mein Schwager (Richard Niemöller) leitet in München einen Basic-Bio-Supermarkt. Sie sehen also, der „Schweisfurthgedanke“ ist weiter gereicht worden.
    Ich würde gerne mehr von Ihnen übernehmen, aber in einer industriell geprägten landwirtschaftlichen Boomregion ist der Gedanke nur schwer umsetzbar.

  • Doc Sarah Schons sagte:

    @ ludger – mönsch, du bist doch ein super kreativer kopp, lusches ;-) – da wird dir bestimmt noch viel einfallen. und mit input von herrn schweisfurth bestimmt noch mehr.. ich könnt auch gern als vegetarische ärztin meinen permakultur senf dazu geben.
    vielleicht brainstormen wir mal? herr schweisfurth, elita, ludger, kirstin, wolff und wer auch immer sich hoffentlich heftig mit dem umweltbewussten nachhaltigkeits virus angesteckt hat oder anstecken wird? :-)

  • Elita Wiegand (author) sagte:

    @Sarah @Ludger
    Finde es erst mal ganz toll. Ludger, dass Du einen Kommentar zu dem Interview hinterlassen hast. Tatsächlich hatte ich in Deinem Blog gelesen und erinnerte mich auch noch daran, dass Du in diesem Jahr die Herrmannsdorfer Landwerkstätten besucht hast.

    Nun lebst Du gerade in einem Gebiet, dass sich nicht unbedingt durch ökologische Viehzucht auszeichnet.

    Aber vielleicht finden wir wirklich einen gemeinsamen Weg mit Sarah, Wolff, Kirstin und vielleicht auch vielen anderen, Dich mit dem Nachhaltigkeit-Virus (wie Sarah schön schreibt) anzustecken und Ideen zu entwickeln. Fände ich spannend und Spaß machen würde es allemal.

  • rolf tschochohei sagte:

    Erst mal meinen absoluten Respekt!
    Wenn ich versuche, etwas in der Welt zu bewegen, dann darf man mich ruhig Spinner nennen. Dies nehme ich gerne in Kauf.
    Ich bin Informatiker und habe noch ein paar andere Qualifikationen, arbeite aber als Tellerwäscher in einem Hotel.
    Warum?
    So bin ich täglich entspannt bei meiner Familie,
    kann mich um meinen Blog kümmern, der meine Herzensangelegenheiten ist und solche Menschen wie Sie vorstellt.
    Wie nennt man mich?
    Richtig! Spinner.
    Ich bin von tiefster Überzeugung ein Spinner.
    Gruß aus Wesel.

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