Paradigmenwechsel: Hat uns der Konsum glücklich gemacht?
Konsum, Konsum, Konsum! Immer wieder wurde uns eingebläut, dass unser Lebenssinn darin besteht immer mehr zu besitzen. “Die Party ist vorbei”, sagt Jakob von Uexküll, Erfinder des Alternativen Nobelpreises und Mitbegründer des Weltzukunftsrates. Wird der Verzicht aufgrund des Klimawandels das neue gesellschaftliche Paradigma? Jakob von Uexküll im Interview mit ENERGLOBE.DE:
Wir müssen also lernen zu verzichten, aber was daran eigentlich so schlimm?
Bloß keine Veränderungen!
Das Wort “Verzicht” spielt in der öffentlichen Diskussion eine große Rolle und hängt wie ein Damoklesschwert über uns, wenn wir über die wichtigen Veränderungen in der Gesellschaft sprechen, wird gerne als Ausrede genutzt, um es sich im Sicherheitscontainer weiter bequem zu machen und jeden Wandel zu vermeiden.
Irrtum Verzicht
Harald Welzer, Kulturwissenschaftler, FAS- und Spiegel-Autor in einem Interview auf Utopia: ”Wo findet denn Verzicht statt? Klopfen Sie doch mal die ganzen Parameter ab, die den Kern unserer Lebenspraxis ausmachen und bei denen jeder gleich brüllen würde: „Verzicht!“. Sie müssen die Perspektive umdrehen. Wenn – wie uns die Statistiker versichern – jeder ungefähr 20 Wochen seines Lebens im Auto im Stau verbringt und ich verzichte darauf, dann habe ich zwanzig Wochen Lebenszeit gewonnen. Das ist ja kein Verzicht. Wenn ich diesen Dreck nicht mehr esse, der über die Massentierhaltung produziert wird, ist das auch kein Verzicht. Die Leute halten nur Dinge für Bestandteile ihrer Lebensqualität, obwohl es sie krank macht, obwohl es sie nervös macht, obwohl es ihnen die Zeit stiehlt und so weiter. Das sind entfremdete Bedürfnisse und man befindet sich im Irrtum, wenn man glaubt, man müsse sie befriedigen.”
Also: Auf was müssen wir eigentlich verzichten? Bedeutet „Verzicht“ zwangsläufig einen Verlust an Lebensqualität? Kann „Verzicht“ nicht auch das Gegenteil bedeuten? Glücklicher sein, mehr Zeit für das Wesentliche haben, eine Aufgabe finden, Sinn stiften?
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Statt ein “Verzicht” könnte man auch sagen “sich für etwas anderes Entscheiden”. Wenn ich zum Beispiel kein Fleisch essen möchte, bedeutet das ja nicht, dass ich dann gar nichts mehr esse, sondern statt dessen vegetarische Nahrung bevorzuge.
Mit der Verwendung des Wortes “Verzicht” wird in der Diskussion um einen nachhaltigen, konsumbewussten Lebensstil ganz klar ein (negative) Wertigkeit transportiert.
@Finn
Klar, der Begriff “Verzicht” ist bei uns negativ besetzt. Deshalb finde ich die Beispiele von Harald Welzer so gut, weil die verdeutlichen, worauf wir tatsächlich durch Wachstum verzichten. Ist also nur ein Umdenken im Kopf und schon bekommt es eine andere Bedeutung. Wie Du schreibst: “Statt “Verzicht” könnte man auch sagen “sich für etwas anderes entscheiden” – das klingt viel besser.
@finn, @elita – das sehe ich genauso. ich “verzichte” auf nichts ( das, worauf ich “verzichte” ist eh nur schädlich ).
ich habe mich entschieden:
für gesunden ököstrom, für permakultur, für vegatarisches / veganes leben, für gesundheit, für nachhaltigkeit, für ein gutes ökologisches gewissen, für lebenswürdige und artgerechte tierhaltung, für natur, für unsere kinder und kindeskinder, für unseren ursprünglich wunderschönen planeten.
alles in allem: der vermeintliche verzicht ist eine grosse bereicherung für mich.
@Sarah Du lieferst den Beweis, dass der angebebliche Verzicht eine Bereicherung ist.
Harald Welzer hat recht: Man sollte den angeblichen Verzicht anders betrachten.
Es ist doch kein Verzicht, wenn ich mir verblödende Sendungen im Fernsehen nicht anschaue, sondern ein Gewinn an wertvoller Lebenszeit. Es ist doch kein Verzicht, wenn ich mein Auto für die Besorgungen vor Ort in der Garage lasse, sondern ein Gewinn an gesunder Bewegung, wenn ich statt dessen zu Fuß gehe.
Wir merken schon gar nicht mehr, auf was wir mit unserer hektischen, konsumorientierten Lebensweise wirklich verzichten: Wir verzichten auf Vertrauen und die damit verbundene Einfachheit, nur weil wir aus Sicherheitsgründen meinen, alles und jedes durch Anwälte “wasserdicht” vertraglich regeln zu müssen. Wir verzichten auf wohltuende Natur, weil wir aus Bequemlichkeit die Landschaft mit Straßen zubauen. Wir verzichten auf das Glück, eine Mahlzeit selbst zuzubereiten, weil wir angeblich keine Zeit haben und daher ungesunde und dick machende Industrie-Nahrung konsumieren.
Die Ergebnisse der Glücksforschung belegen: persönliches Glück wird nicht dadurch bereichert, möglichst viel zu besitzen und zu konsumieren, sondern durch eine geschickte Wahl für das, was wirklich unser Wohlbefinden, das unserer Mitmenschen und des ganzen Planeten fördert.
@Wolff
Es wird höchste Zeit, dass wir dieses ewige Verzicht-Argument gegen Veränderungen aus einem anderen Blickwinkel sehen.
Deine Beispiele verdeutlichen zusätzlich, worauf wir wirklich verzichten und die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.
Ich erinne mch an ein Interview mit Roncalli-Chef Bernard Paul, passt so gut:
“Die meisten Menschen arbeiten wie die Geisteskranken, damit sie sich Luxus leisten können. Menschen erfüllen sich ihre Träume nicht und wundern sich, dass sie ein unerfülltes Leben führen und dem Geld hinterher jagen. Dann haben sie endlich das teuere Luxusauto, bewegen sich aber nicht mehr und werden immer dicker. Die gehen dann in ein Fitnessstudio. Dort treten sie in einem schlecht belüfteten Raum auf einem Fahrrad auf der Stelle und zahlen dafür auch noch die Gebühren für das Fitness-Studio. Ist doch unsinnig, warum fahren die nicht direkt mit dem Fahrrad zur Arbeit?”
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