Leitkultur der Verschwendung: Kaufen, wegwerfen, neu kaufen?
Ein Umzug bringt es an den Tag: In der Wohnung einer Bekannten hat sich über Jahre der Wohlstandsmüll angesammelt. Küchengeräte, die keiner braucht, Pfannen, unzählige Töpfe, Geschirr und überall verteilt stehen Staubfänger herum: Figürchen, Vasen, Deko. Das elektronische Unterhaltungsprogramm deckt ein Jahrzehnt ab: Ein alter Kassettenrekorder und die Stereoanlage, drei Fernsehgeräte, ein Radio im Bad und im Schlafzimmer, ein iPod, iPad, CD’s. Der überdimensionale Kleiderschrank ist bis in die letzte Ritze gefüllt mit Taschen, Schals und Modeschmuck, über 100 Paar Schuhe, Blusen in jeder erdenklichen Farbe, kurze und lange Jacken, Röcke, Hosen, Abendkleider – ÜBERFLUSS!
Wir haben von allem zuviel
Ein Einzelfall? Wir alle haben zu viel von allem. Das ist Teil unseres Wirtschaftssystems. Um unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen, brauchen wir Nahrung, Kleidung, ein Dach über den Kopf. Damit jedoch das viel gepriesene Wachstumswirtschaft funktioniert, muss der Konsum angekurbelt werden. Immer neue Produkte kommen auf den Markt, immer mehr haben, kaufen, wegwerfen, neu kaufen. Die Menge an gekaufter Kleidung hat sich in zehn Jahren verdoppelt. Seitdem Ikea die Welt vermöbelt, sind Möbel kurzlebige Konsumgüter und die C02 Debatte hat nicht etwa dazu geführt, dass wir kleinere Autos fahren, nein, im letzten Jahr wurden 30 Prozent mehr SUVs verkauft.
Leitkultur der Verschwendung
Klimawandel, Nachhaltigkeit, Ressourcenverbrauch? Alles weit weg. Dass unsere Leitkultur der Verschwendung dazu führt, dass wir die Ressourcen übernutzen, will kaum einer wahrhaben. Doch unsere Wirtschaft lebt auf Pump, wir ruinieren unsere Erde, schröpfen die Böden aus und fischen die Meere leer. Doch immer noch fordern die Wirtschaft und die Politik den Mehrverbrauch von Ressourcen, um die angeblich vitalen Bedürfnisse zu befriedigen.
Harald Welzer: “Fachmann für dramatische Zuspitzungen”
Denn: Als meistverbreitete Indikator für Fortschritt und Wachstum gilt das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es misst die Gesamtmenge an Gütern und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres produziert werden und ist der Maßstab für das Wohlergehen eines Landes. Prof. Harald Welzer, Sozialpsychologe und Autor des Buches „Das Ende der Welt, wir wie sie kannten“, nannte bei einem Vortrag in Düsseldorf zwei Beispiele:
Vor 50 Jahren transportierte der Mini mit 34 PS und 617 Kilogramm Gewicht vier Personen. Inzwischen gibt es den Mini als Kompaktwagen, Cabrio, Kombi, Coupé und SUV mit bis zu 211 PS und 1470 Kilogramm Gewicht.

Oder Nespresso: Nespresso wurde als cooles Luxusprodukt eingeführt. Für die Kaffee-Lifestyle-Variante zahlt der Kunde pro Kapsel zwischen 35 und 39 Cent, die es nur in ausgewählten Nespresso-Shops oder im Internet zu kaufen gibt. Der Lebensmittelkonzern Nestlé erzielte im vergangenen Jahr mit Nespresso einen Umsatz von mehr als 2,5 Milliarden Euro. „Nespresso ist eine Erfindung, um den Abfall drastisch zu erhöhen. Das eigentliche Produkt, das wir konsumieren, ist eine winzige Menge Kaffee und um den Kaffee gibt es zig verschiedene Kapseln und ebenso viele verschiedene Maschinen, die als kulturelles Modell Bedürfnisse wecken, die kein Mensch braucht,“ betonte Harald Welzer.
Haben wollen: Noch mehr Konsum?
Nicht nur diese Beispiele zeigen, dass der Konsum kontinuierlich ansteigt und mit ihm der Materialverbrauch und Mengen an Müll und Emissionen. Obwohl die Bundesbürger über den Klimawandel unendlich besorgt sind, passiert auf der Handlungsebene wenig. „Viele sind der Auffassung, dass wir die Zukunft bewältigen, wenn man nur den Müll ordentlich trennt”, sagte Welzer.
Was tun?
Es geht vielleicht einfach nur darum, dass wir unser Bewusstsein schärfen, uns klar machen, dass die Ressourcen endlich sind und das Wirtschaftswachstum in Frage stellen. Inzwischen gib es viele Projekte, die auf Nachhaltigkeit setzen, die wertvoll sind und eine intelligente Form des Konsums beinhalten. Car-Sharing, Nachbarschaftsgärten, fairer Konsum, um nur einige Beispiele zu nennen. Und Teilen statt besitzen. ”Die Share Economics wird sich in den kommenden Jahren auf viele Bereiche von Gesellschaft und Wirtschaft ausdehnen“, schreibt Eike Wenzel von Institut für Trend-und Zukunftsforschung. Das Wirtschaftsmagazin “Impulse” hat vor einigen Monaten dazu die Titelgeschichte veröffentlicht. Hier findet Ihr viele Links zu den Themen: Teilen, Tauschen und Leihen.
Feedback: Habt Ihr weitere Tipps oder Ideen? Wie steht Ihr zu dem Thema? Nutzt Ihr Tauschbörsen? Viele Fragen- Eure Antworten.
Das könnte Sie auch interessieren:








Ihre Meinung!