Die Weichmacher: Harmonie macht süchtig
Was ist eigentlich los? Seit Wochen beschäftigt uns ein armseliger Bundespräsident. Wir kommentieren die Unzulänglichkeiten, zerreißen uns die Mäuler über die Fehltritte, echauffieren uns über die Verfehlungen. Jeder hat dazu etwas zu sagen. Doch Christian Wulff ist ein ungefährliches Opfer, ein Spiegelbild, an dem wir uns gerne reiben, weil wir vermutlich einiger seiner Schwächen auch in uns selbst tragen.
Süchtig nach dem süßen Gift
Der Bundespräsident ist ein Weichmacher, der sich über die Macht erhöht. Er hat kein Profil, vertritt keine Meinung und er meidet Kontroversen. Damit steht er nicht allein. Inzwischen sind Menschen nach einem süßen Gift süchtig: Viele sind freundlich, positiv gestimmt, immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Sie beschwichtigen, verstehen alles und jeden, verteilen Lob, glätten die Wogen, reden Dinge schön, lügen, um einer Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Früher oder später tappt man in die Harmoniefalle. Um nicht angegriffen und von allen geliebt zu werden, verbiegen sich Unternehmer, Politiker, Prominente, wir alle! Keine Frage: Die Harmoniesucht ist zutiefst menschlich und sozial, aber man ist verdächtig lieb, angepasst, nett.
Sprachlos: Bloß keine Meinung vertreten!
Vor kurzem habe ich einen Kongress besucht sind, an dem etwa 150 innovative Unternehmer aus unterschiedlichen Branchen angereist waren. Das Programm beinhaltete exzellente Vorträge von hochkarätigen Rednern. Trotz der kontroverseren Thesen der Referenten, die jede Menge Zündstoff lieferten, blieb es still im Saal. Bedrückend still. Kein Wortbeitrag, keine Frage, geschweige eine Diskussion. Die Angst vor der Zukunft stand in Raum, jetzt nichts sagen, den Mund halten…
Harmonie verblödet
Meinungen, Kontroversen, Standpunkte vertreten? Ist unbequem. Doch „Harmonie verblödet, macht träge, mutlos, unkreativ und schwach”. Und: „Aus einer Harmoniesucht entsteht selten etwas Neues. Fortschritt braucht Konflikte in der Wirtschaft.“ Sagt Thomas Vašek. Er war bis 2009 Chefredakteur des “P.M. Magazins und ist nun als Publizist tätig. Habe gerade sein Buch “Die Weichmacher – Das süße Gift der Harmoniekultur“ gelesen. Darin fließen seine Erfahrungen als Führungspersönlichkeit ein: Stundenlange Meetings, die ohne Ergebnis enden. Kuschelteams kritisieren nicht, verstehen sich prächtig, ergänzen sich, fühlen sich ein. Ein Teufelskreislauf: Entscheidungen werden vertagt und die unausgesprochenen Wahrheiten hinter dem Rücken anderer als Intrige verbreitet. “Die Harmoniesucht kann Unternehmen ruinieren“, konstatiert der Autor.
Querdenker sind gefährlich
Neue Ideen sind für Weichmacher gefährlich, denn sie verstoßen gegen die Regeln und stören damit die Harmonie. Um das trügerische Selbstbild zu wahren, zeigen sich diese Chefs offen für Veränderungen, um dann in stundenlangen Meetings die kreativen Ideen „auszutrocknen“. Aber wie erreichen Querdenker Veränderungen? Thomas Vašek beschreibt die Erkenntnisse des amerikanischen Neurobiologen Gregory Berns, der sich mit der Frage beschäftigt hat, was innovative Menschen erfolgreich macht. Das Gehirn der Ikonoklasten (Bilderstürmer), unterscheide sich von anderen, so Berns. Während vielen Menschen Veränderungen Angst mache, seien Ikonoklasten offen für Neues. Um die Veränderungen durchzusetzen, müssen sie Vertrauen erwerben, Meinungsmacher in Netzwerken sein. Querdenker müssen keine Revolution ausrufen, um Dinge zu verändern, aber sie müssen sich bekennen und ihren Standpunkt vertreten.
Kontrovers diskutieren?
Thomas Vašek fordert den Leser auf nachzudenken, sich zu hinterfragen, den Weichmacher in sich zu entdecken. Das Buch empfehle ich gerne, auch wenn sich vielleicht einige darüber empören, dass er die emotionale Intelligenz in Frage stellt.
Was sagt Ihr zu der Harmoniesucht? Bin gespannt auf Meinungen, Standpunkte – und auf eine kontroverse Diskussion?
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Mit dem Thema Harmoniesucht hatte ich gerade letztes Jahr so einiges an sehr aufschlussreichen Erfahrungen sammeln dürfen. Ich habe selbst erlebt, wie eingeschränkt ich mich fühlte, weil diese Sucht bei Personen eines Umkreises zu stark vorherrschte.
Ich habe sogar bei mir bemerkt, dass ich eine zeitlang aufgrund eines solchen Umfeldes immer mehr dazu übergegangen bin, ständig Verständnis zu haben und viel zu viele Zugeständnisse zu machen. Aber es war fürchterlich, weil sich auch nichts weiterbewegte. Wenn man in solch einem Loop gelandet ist, muss man es sich erst einmal bewusst machen und erkennen wie hinderlich so ein Verhalten ist.
Meine schlimmste Erfahrung damit habe ich in einer Firma gemacht, die mich einstellte, weil ich frischen Wind dort hineinbringen sollte. Als offener Mensch, der gerne über den Tellerrand hinausdenkt, hatte ich mich auf diese Aufgabe gefreut. Aber Theorie und Praxis sind zweierlei. Der Geschäftsführer hatte dabei vergessen, dass in der Firma die Kultur der Erhaltung – im Grunde Harmoniesucht – herrschte. Da ich mich nicht scheute, meine Meinung kundzutun, begann man mich allmählich austrocknen zu lassen. Ich arbeitete nur noch gegen Windmühlen, bis all meine Begeisterung und Energie verlosch und wir uns voneinander wieder verabschiedeten.
Ob man es Harmoniesucht, Konfliktvermeidung oder Ablehnung von Veränderungen bezeichnet. Es ist jedenfalls weder konstruktiv noch bringt es Dinge weiter. Für Quer- oder Andersdenker echt ermüdend.
Ihre Meinung!