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Privatsphäre günstig abzugeben

Tim Adams 21 Februar 2012 2 Kommentare

Der erfolgreiche Protest gegen SOPA und zuletzt ACTA zeigt, wie schnell und scheinbar mühelos sich Millionen von Nutzer engagieren können, wenn das Feindbild stimmt, wenn etwa Industrie und Staat den (aus Sicht der Netzgemeinde) Weg zur ‘dunklen Seite der Macht’ einschlagen. Während sich hier also der Widerstand an einem (noch) theoretischen Szenario entflammt, ist die kommerziell motivierte Ausbeutung unserer persönlichen Daten längst und ohne nennenswerte Gegenwehr in der Praxis angekommen. Im Gegenteil: wir sorgen durch eine zunehmende Digitalisierung des Privaten für immer reichere Datenschätze, und haben, wie 850 Millionen andere Facebook-Nutzer, durch Annahme der Nutzungsbedingungen erklärt, dass uns egal ist, was hinter den Kulissen damit passiert.

Privatsphäre zu verkaufen

Die obligatorischen Datenpannen und Übertretungen kommerzieller Anbieter (z.B. Path) scheuchen uns nur noch kurz auf, dann wird fröhlich weiter gepostet, werden private Bilder mit immer weiteren Kreisen geteilt (z.B. Instagram, Flickr, Picasa, Pinterest). Die Empörungsphasen werden kürzer, der Umgang damit routinierter, der Drang zum Handeln schwächer.

‘Opt out’? Echte Konsequenzen sind dem Einzelnen zu teuer

Widerstand gegen den Staat und ferne Kartelle ist online irgendwie leichter zu bewerkstelligen, bei Facebook und Google wird es da schon schwieriger, denn sie sind längst ein Teil unseres Lebens geworden: Profil abschalten? Das kann durchaus schmerzhaft sein, ein kleiner persönlicher Verlust. Außerdem müsste man wenigstens rund 10 Mio. Facebook Nutzer zur simultanen Verzichtserklärung bewegen, um überhaupt bemerkt zu werden. Und diese Gemeinschaft will erst einmal organisiert werden! Vielleicht über eine Facebook Fanpage..?

Hier enden die Ungereimtheiten keineswegs: Wir erleben die Vernetzung und den Austausch ja durchaus als positive Errungenschaft, zugleich soll bitte niemand die Daten speichern, die wir bereitwillig veröffentlichen. Klingt nach Schizophrenie. Oder nach dem Anfang vom Ende der Datenschutzbedenken.

Interessiert sich denn keiner für die Absichten der Datenschützer?

Ich muss gestehen: auch mir fehlt vielleicht die Fantasie für mein persönliches Worst-Case-Szenario. Ich habe kein klares (Feind-)Bild, das mir die Kraft zum Handeln gibt, und die stereotypen Befürchtungen (‘US-Geheimdienst is watching you’) haben die vergleichbare Abschreckungskraft eines Grimm-Märchens. Datenschützer und EU-Parlament kümmern sich an unserer Statt und verschärfen die Regeln, fordern “Das Recht, vergessen zu werden” und nehmen uns damit gewissermaßen die Verantwortung ab. Dafür bin ich sogar dankbar. Doch was Facebook und Google mit meinen Daten anstellen, ist mir im Grunde genommen egal. Würde der Dienst morgen abgeschaltet, und alle Daten gingen verloren, würde mich das nicht ernsthaft stören. Es sind ja nur Daten.

‘Big Brother’ wird Realität, weil die Nutzer es so wollen

Sehr zur Freude der Mobile Marketer geben ‘nachwachsende’ Nutzer (18+) gerne ihren Standort und Vorlieben preis, begrüßen das Geo- und Social Targeting als Werbeform mit Mehrwert, und würden ihr digitales Bewegungsprofil – letztlich deutlich aussagekräftiger als der Name und die Anschrift – jedem offenlegen, der persönlich relevante Schnäppchen bietet (s. z.B. die Plattform “Where”). Diese wachsende Nutzergruppe begibt sich freiwillig in die vollkommene Überwachung á la ‘Big Brother’. Sie verkauft ihre Daten an Unbekannte – und bekommt dafür nicht einmal die Gagen der Insassen jener gleichnamigen TV-Show.

Klingt nicht, als hätte die ‘Privatsphäre’ online eine Zukunft.

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2 Kommentare »

  • Dr. Aly Sabri sagte:

    Aufklärung tut dringend Not – wie sich der Nutzer “nackt” ins Internet stellt. Diese muss in der Schule anfangen. Nicht nur einmal im Monat so ein bisschen – sondern von Profis mit Fakten und Beispiel-Szenarien. Jeder Schüler, der nur ein wenig im Kopf hat würde anschließend seine Privatsphäre sensibler behandeln.
    Schulen müssen Wissen vermitteln – Wissen, um kritische mündige Bürger zu formen.

  • Tim Adams (author) sagte:

    Das fänd’ ich gut. Ich vermute allerdings, dass Lehrer in der Regel für die Vermittlung des Wissens gar nicht geeignet – vor allem nicht von Schülern anerkannt – sind. Vielleicht als Moderatoren – Vermittler sind dann ältere Schüler (quasi ein peer-to-peer Lehrkonzept), die dann nämlich auch in den sozialen Netzen selbst eine Anlaufstelle darstellen könnten, wenn es Probleme oder Unsicherheiten gibt.

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