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Mein lieber Körper

Christian Seidel 20 März 2012 Kein Kommentar

Bin gestern zusammengerechnet wieder mal acht Stunden gesessen. Schreiben. Besprechungen. Essen. Telefonieren. Es kann nicht so sein, daß mein Körper nur zum Sitzen gemacht ist. Ich bin nun wieder einen ganzen Tag lang fast nur gesessen. Es ist fast so, als hantele ich mich von einer Sitzposition in die nächste. Alles findet im Sitzen statt. Das Computerschreiben. Das Essen, das Reden. Das Alles einfach. Beim Gehen beginnen die Gedanken übers Sitzen zu zirkulieren.

Wann kommt der nächste Sitz?
Wenn ich das alles wortwörtlich nehmen würde, dann würde einer schönen Querschnittslähmung ja nichts mehr im Wege stehen. Naja, eine Ausnahme muß sein: In der einen Stunde Bodytraining, die vermutlich sowieso nur dreimal pro Woche stattfindet, und das wohl nur bei manchen Menschen, in dieser einen Stunde Fitness kann ich meinem Körper notfalls ja auch ein paar Sondertrainings verpassen. Damit er fit bleibt. Die Erfindungen reichen bis hin zu ausgeklügelt dosierten Elektroschocks für diejenigen, die wirklich sitzen bleiben wollen. In den USA gibt es bereits wissenschaftlich erfasste Krankheiten bei Menschen, die Panikattacken und pathologische Symptome aufweisen, sobald sie ihren Körper in die Natur bewegen.

Körperliche Bewegung
Ich hasse Panikapostel und Weltuntergangspropheten. Eigentlich bin ich ein Optimist. Aber es ist nun mal so, daß ich mich ständig dabei ertappe, daß ich permanent sitze. Das finde ich ernüchternd. Denn die meisten meiner Wohlgefühle, an die ich mich zurückerinnere, verbinde ich mit körperlicher Bewegung.

Es ist grauenhaft, dieses Sitzen. Die Beine hängen herunter. Die Augen jagen ruckartig herum, meistens auf Bildschirmen, oder in den Gesichtern von Besprechungen, als tätigen diese Augen automatisierte Injektionen in mein Gehirn, so daß ich nur ja nicht zum Denken aufhören kann. Und meine Finger greifen ständig nach irgendwas. Meistens in die Tasten. Oder ins Telefon. Sie fassen Tassen, Gläser oder Besteck an. Wursteln in Papierseiten herum und schreiben Termine in Kalender. Und sie greifen in andere Hände, an denen wiederum abertausende von Buchstaben kleben, die sie an diesem Tag in die Tasten von i-phone Glasscheiben geklopft haben. Als wäre da einer hinter dieser Scheibe. Im Taxi, auf dem Clo. Während dem Gespräch bei einem Essen. In Besprechungen, all diesen Sitzbeschäftigungen eben. Doch da ist eben niemand hinter der Scheibe. Niemand mehr.

Deswegen stelle ich jetzt die Frage: Wofür habe ich diesen Körper, wenn ich nur mit ihm herumhocke? Und: gibt’s da noch mehr als Augen, Finger und den Hintern, auf dem ich sitze? Könnt Ihr mich hier beraten? Beispielsweise würde mich interessieren, warum man Meetings nicht beim Spaziergehen abhalten kann. Nur als Beispiel. Ich bitte um Hilfe.

Mehr über den Autor:
http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Seidel oder http://christianseidel.de


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