Jens-Uwe Meyer: “Ich hasse Anzüge…”
… nicht generell, aber am frühen Morgen. Versuchen Sie einmal Kindern beizubringen, dass Papa heute einen ach so wichtigen Vortrag halten muss, nach spätestens zwei Minuten haben sie trotzdem irgendwo Nutella-Flecken kleben. Anzüge scheinen Flecken magisch anzuziehen. Das wäre mal etwas, was man erfinden müsste. Knitterfreie, abwischbare Anzüge, die trotzdem nicht aussehen als hätte man sich gerade eine Mülltüte übergestülpt.
Gewohnheit durch Monotonie versus Spaß durch Spontaneität
Der Vortrag, den ich heute halte, ist vor selbstständigen Unternehmern. Der Hauptverband der Branche hat eingeladen, vor mir spricht der Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern. Irgendwie klingen alle Politikerreden zum Thema Innovation gleich. Wie wichtig ist Innovation, bla bla bla… Wir müssten mehr… Sie als Unternehmer sollten doch… Und wir als Politiker sind fürchterlich erfolgreich darin…
Wenn jemand vor mir spricht, versuche ich die Stimmungen im Publikum aufzunehmen. Meine Vorträge gibt es in verschiedenen Varianten: Die Unterhaltungsvariante, wenn ich das Gefühl habe, dass die Zuhörer eigentlich nur Spaß haben möchten, die fachlich fundierte Variante für die etwas Interessierteren und die wirklich wissenschaftlich untermauerte Variante. Oft fragen Veranstalter, ob ich ihnen die Präsentation vorher zusenden kann. Ich mache es ungern, häufig entscheide ich mich erst fünf Minuten vor dem Vortrag, welche Variante ich wähle.
Während des Vortrags schaue ich den Zuhörern genau in die Augen: Worauf springen sie mehr an? Auf die Pointen, die zu jedem Vortrag natürlich dazu gehören? Oder auf das Fachliche? Es ist spannend zu lernen, wie man ein Publikum „lesen“ kann. Herausfordernd wird es nur, wenn ich mich verschätzt habe. Wenn ich – in der Annahme, das Publikum sei an Inhalten interessiert – die Folien genommen habe, die ein höheres sachliches Fundament haben, ich aber während des Vortrages merke, dass sie nur unterhalten werden möchten. Dann heißt es: Schnell durch die Folien durch und zwischendurch ein paar Pointen setzen. Schlimmer ist die andere Variante: Ein Publikum erweist sich mittendrin als stark wissbegierig, die Augen leuchten bei Verlaufsdiagrammen und wissenschaftlichen Definitionen. Leider habe ich die Entertainmentvariante gewählt.
Am Abend werde ich von meinen Kindern bestürmt. Jetzt bin ich toleranter: Salami-Flecken, Cola-Spritzer und Ähnliches sind willkommen. Auch auf dem Anzug. Dann eben ab damit in die Reinigung…
Mich würde interessieren, was Sie als Zuhörer eines Vortrags zum Mitschwingen, Staunen und Aufhorchen bringt. Sind Sie schon einmal aus einem Referat heraus gegangen voller Begeisterung und voller Ideen? Wissen Sie noch, was Sie an der Rede so fasziniert hat?









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