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Jens-Uwe Meyer: “Ich liebe Leipzig.”

Jens-Uwe Meyer 24 April 2012 Kein Kommentar

 

Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass ich als gebürtiger Hamburger nach Hannover, Washington, Weimar, München, Jerusalem, nochmal Washington, Baden-Baden und Köln irgendwann meine Wahlheimat in Sachsen haben werde, ich hätte wahrscheinlich den Kopf geschüttelt. Ich hatte – wie viele übrigens, die noch nie im Osten waren – ein völlig falsches Bild. Wer sich Leipzig mit offenen Augen anschaut, merkt, dass das ganze Gerede von den „Ossis“ und „Wessis“ völliger Quatsch ist.

Leipzig – Ursprungsort einer radikalen gesellschaftlichen Innovation

In Leipzig steht heute noch mehr Altbausubstanz als in ganz Schleswig-Holstein, die Stadt lebte bis zum zweiten Weltkrieg in einem riesigen Wohlstand, der vor allem äußerst kreativen Unternehmern wie Karl Heine und den ersten großen Buchverlegern zu verdanken war. Ich denke oft, dass es schade ist, dass wir die Wiedervereinigung immer nur unter dem Gesichtspunkt einer „Übernahme“ der DDR sehen. Leipzig ist immerhin die Urzelle einer radikalen gesellschaftlichen Innovation gewesen, einer Veränderung für viele Menschen, wie sie grösser kaum hätte sein können. Klar geworden ist mir das, als ich vor kurzem ein sehr intensives Gespräch mit Hartmuth Kremmling, dem Technikgeschäftsführer von Vodafone Deutschland geführt habe. Er gehörte zum Gründungsteam von Vodafone in Ostdeutschland und berichtet noch heute mit leuchtenden Augen von der Aufbruchsstimmung der Jahre nach der Wende. Und er ist bis heute stolz auf sein Team von zumeist sächsischen Ingenieuren, die das Mobilfunknetz im Osten mit aufgebaut haben.

Systeme können Unternehmergeist verhindern oder fördern

Wir schauen heute viel zu wenig auf die vielen Menschen, die sich im Osten in den letzten Jahren komplett neu auf eigene Beine gestellt haben: Die die Chancen, die ihnen die Wende geboten hat, nutzten. Ich muss gar nicht soweit gucken: Mein Schwiegervater hat zu DDR Zeiten im Stahlwerk Brandenburg gearbeitet und dort sogar mehrere neue Erfindungen gemacht, die auf seinen Namen patentiert wurden. Ansehen hat ihm das leider nicht viel gebracht: Einen Ferienplatz in den FDGB-Heimen während der Urlaubszeiten gab es für ihn und seine Familie nicht.
Ich sehe heute meine Wahlheimat Ostdeutschland mit anderen Augen: Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie Kreativität und Unternehmergeist auf der Ebene eines System gefördert oder verhindert werden. Dieses System kann übrigens genauso ein Staat oder ein Unternehmen sein. Auch viele Unternehmen sind so organisiert und überbürokratisiert, dass sie jeden Anflug von Kreativität, Eigeninitiative und Unternehmergeist ersticken.

Jens-Uwe Meyer als Redner
Langsam werde ich zum Sachsen – auf jeden Fall im Herzen

 

Es lässt sich wohl nicht verhindern

Ich habe in der nächsten Woche einen zweitägigen Workshop mit der Führungsetage eines großen Konzerns hier in Leipzig. Was mich freut: Sie haben sich den Tagungsort selbst ausgesucht. Genau aus diesen Gründen. Leipzig als Symbol für radikale Veränderung und den Mut zum radikalen neuen Denken. Ich merke, wie mich das stolz macht. Langsam werde ich zum Sachsen…

Was denken Sie?

Kennen auch Sie Menschen, die die Chancen des Umbruchs in den 90er Jahren genutzt haben, um ihre Ideen zu verwirklichen? Oder sind Sie sogar einer dieser Kreativen mit Unternehmergeist, die sich die eigenen Träume verwirklicht haben? Welche Erfahrungen in den Jahren nach der Wende haben Sie gesammelt?


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