Fünf Uhr neunundvierzig, Gleis 11, Intercity 2254, von Leipzig nach Frankfurt
Ich liebe diesen Intercity. Drei Stunden und achtundvierzig Minuten ohne vernünftigen Telefonempfang. Meine Mitarbeiter und im Büro wissen die Kollegen: Bis zwanzig vor Zehn bin ich nicht zu erreichen.
Der Flow
Ich kann Bahn fahren ohne Telefonempfang als Kreativtechnik außerordentlich empfehlen. Die meisten meiner Artikel und Bücher sind in der Bahn entstanden. Dort kann man das erleben, was der Kreativitätswissenschaftler Mihály Csíkszentmihályi (bitte versuchen Sie gar nicht erst diesen Namen auszusprechen) einmal als „Flow“ bezeichnet hat: Das völlige Eintauchen in eine Materie bis man irgendwann mit sich und seinen Gedanken komplett alleine ist. In diesem Zustand werte ich Studien aus, arbeite an grafischen Entwürfen für Kunden und notiere neue Gedanken. „Flow“ bedeutet, so auf eine Sache konzentriert zu sein, dass man nicht merkt, wie die Zeit verfliegt und nebenbei äußerst produktiv ist.
Bitte nicht stören – Ich bin gerade kreativ!
Wenn ich meine Zeiten nicht regelmäßig einplanen würde, ich hätte keine Möglichkeit kreativ zu denken. Ich erinnere mich daran, dass ich bei meinem ersten Buch ein komplettes Kapitel von zehn Seiten durchgeschrieben habe ohne Aufzustehen, ohne Pause zu machen und ohne zu merken wie die Zeit verfliegt. Plötzlich war ich in Frankfurt.
Vom Standpunkt der Kreativität aus gesehen ist unser gesamtes Arbeitsleben komplett falsch organisiert. Die meisten Mitarbeiter in Unternehmen haben heute kaum noch die Möglichkeit ungestört zu arbeiten. Ständig funkt eine E-Mail dazwischen, klingelt das Telefon, wartet das nächste Meeting oder das nächste Thema. Ich habe mir angewöhnt, mindestens zwei Mal in der Woche vier Stunden komplette ungestörte Zeit zum kreativen Arbeiten einzuplanen, möglichst sogar noch mehr. Anja Hirschberg, die unser Büro in Leipzig leitet, hat es dabei mittlerweile aufgegeben, mich selbst bei dringendsten Fragen anzurufen. Ich bin so sehr konzentriert – man könnte fast sagen, weggetreten – dass ich mitunter selbst einfachste andere Fragen nicht beantworten kann. Und auch nicht will: Wenn ich es zulasse, dass mich ein anderer Gedanke ablenkt, bin ich raus. Übrigens kann man das auch hirnbiologisch gut nachweisen. Der Moment tiefer Konzentration bedeutet, dass dem Kopf alle notwendigen Fakten zur Verfügung stehen, die normalerweise tief im Unterbewusstsein des Gehirns „lagern“.
Bitte vergessen Sie nicht hier auszusteigen!
In Frankfurt habe ich zwei kurze Besprechungen, die ich vielleicht sogar per Telefon hätte erledigen können. Aber das macht nichts: Drei Stunden später fahre ich in der Bahn zurück nach Leipzig. Noch einmal drei Stunden und achtundvierzig Minuten „Flow“. Ein sehr produktiver Tag. Allerdings habe ich mir mittlerweile angewöhnt, fünf bis zehn Minuten vor Ankunft am Bahnhof den Computer zu zumachen. Mir ist es einmal passiert, dass ich so sehr in Gedanken versunken war, dass ich beim Aussteigen aus dem Zug abgerutscht bin und mich am Bein verletzt habe. Ein anderes Mal war ich so sehr vertieft, dass ich den Ausstieg verpasst habe. Ich habe mich immer dafür geschämt. Bis ich mich vor drei Wochen mit Paul, unserem Kreativdirektor, in Offenburg treffen wollte. Ich wunderte mich, wo er war. Bis ich einen Anruf von ihm erhielt: „Tut mir leid, ich bin kurz vor Freiburg.“ Er war gerade so sehr in eine kreative Konzeption vertieft… Ich hoffe, dass die Welt ein Nachsehen mit Kreativen im „Flow“ – Zustand hat.
Sie kennen bestimmt ähnliche Situationen
Was haben Sie schon erlebt, wenn Sie in einem „Flow“ eingetaucht waren?









Oh ja, Flow ist ein sehr wichtiges Thema. Übrigens: Csíkszentmihályi kam ursprünglich aus der Kreativitätsforschung und hat bei den Kreativen das sehr häufig entdeckt, was er später dann Flow genannt hat.
Ich halte in Kürze einige Vorträge zu dem Thema Flow – vor allem wie man es ihn bei der Arbeit einsetzen kann. Dazu habe ich gerade gestern noch etwas geschrieben: Redner zum Thema Flow. Flow ist eine wunderbare Nachricht für Unternehmen und Mitarbeiter: im Flow verbinden sich Spitzenleistungen UND hohe Zufriedenheit in idealer Weise.
Mit einem E-Learning-Unternehmen erstelle ich gerade einen Online-Kurs, mit dem man lernen kann, wie man öfter in Flow-Zustände kommt.
Ihre Meinung!