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Was uns bewegt: Gemeinsam Zukunft nachhaltig gestalten

2009-09-11, von Moritz Avenarius

Nach einer Woche des gemeinsamen Bloggens von Ole Wintermann und mir stellt sich vielleicht so mancher die Frage, welcher rote Faden die Texte miteinander verbindet? Es ist die Forderung nach der Erreichbarkeit der Souveränität der Bürger gegenüber den Organisationen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Unternehmen, wissenschaftliche Institutionen und als auch Parteien sind für die Menschen da. In unserem Alltag wird dies oft nicht eingelöst. Wer kennt nicht den Ärger mit Telekommunikationsunternehmen oder der örtliche Verwaltung bezüglich unnötiger kleiner Probleme? Mit den neuen webbasierten Kommunikationsmitteln hat nun der Einzelne gegenüber diesen großen Institutionen wieder die Möglichkeit, in seiner souveränen Rolle selbstbewusst aufzutreten und die weitere gesellschaftliche Entwicklung – abseits von tradierten Eliten – mitzubestimmen.

Wer besitzt die Entscheidungsmacht?

Eine zentrale Frage, die mir immer wieder bei der Vorbereitung eines BarCamps von den beteiligten Akteuren gestellt wird, ist nach dem Auswahlprozess für die Tagesordnung, bzw. “… wer denn auf solche einer Veranstaltung eine Session halten dürfe”. Meine Antwort: Eine Session kann jeder Teilnehmer vorschlagen, hierin sind alle Anwesenden gleichberechtigt. Die Entscheidung, welche Vorschläge relevant sind, fällen dann alle anwesenden Teilnehmer eines Camps gemeinsam. Das kann in der Praxis bedeuten, dass eine Session nur mit z.B. fünf Teilnehmern gehalten wird, während parallel an einer andere 95 Menschen teilnehmen.

Anders formuliert: Ein BarCamp gehört allen Campteilnehmern – und damit auch die Inhalte und das Wissen, welche dort geteilt und gefunden werden. Damit dies funktioniert, braucht es vor allem Vertrauen in die Souveränität jedes einzelnen wie auch in die “Weisheit der Vielen”. Diese Art des Vorgehens ist in unserer durch hierarchisch-geprägten Institutionen und Entscheidungsabläufen strukturierten Gesellschaft immer noch eher die Ausnahme. Das diese Form des im besten Sinne “Selbstregierens” heterogener Gruppe hervorragende Resultate, speziell im Bereich der Wissensproduktion, generiert, zeigt sich etwa im Erfolg der Wikipedia.

Was im Kleinen funktioniert, kann Vorbild sein für die Abläufe im Großen

Warum brauchen wir heute solche partizipativen Entscheidungsprozesse? Wir benötigen sie zur Bewältigung der wahrhaft großen Probleme, die uns z.B. mit dem Klimawandel, der Migration und der weltweiten Armut – nur um einige Themen des anstehenden GlobalFutureCamps zu nennen – gegenüber stehen. Aus unserer Sicht stellt daher ein solche Veranstaltung derzeit eine der spannensten Formate dar, um diese basisdemokratische Erarbeitung von Wissen und das Herbeiführen von Entscheidungen zu befördern.

Ole Wintermann hat in seinem vorangegangenen Beitrag sehr treffend über die aktuelle Vertrauenskrise in den tradierten Institutionen aus Wirtschaft und Politik gebloggt und die Frage ausgeworfen, auf welche Art und Weise diese überwunden werden könnten. Für mich bieten BarCamps eine Möglichkeit, konkret solch partizipative Gruppenentscheidungen zunächst “im Kleinen” auszuprobieren und darauf aufbauend weiter zu entwickeln, um sie in die “großen” gesellschaftlichen Abläufe, Institutionen und Organisationen zu transferieren. Dies ist auch der Kern des FutureCamps: Welche Fragen und Antworten bewegen uns als “gemeine” Mitglieder der Gesellschaft im Hinblick auf die globalen Zukunftsherausforderungen unser Zeit? Und wie können wir gemeinschaftlich unsere Entscheidungssouveränität ausüben, um das Leben in dieser einen Welt nachhaltig zu gestalten? Ich bin gespannt auf die gemeinsamen Findungen.

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Vom Glück der zweiten Chance

2009-09-09, von Moritz Avenarius

Aus Fehlern lernen gilt immer noch als eine der Königsdisziplinen auf dem schwerem Weg zu neuen Ideen und eigenen Verhaltensänderungen. Aber Hand aufs Herz: Wann – und mehr noch: wo – konnten Sie das letzte Mal wirklich so richtig einen Fehler machen, um dann im unmittelbaren Anschluss darüber lernorientiert zu reflektieren. Und im besten Fall gar die Chance zu haben, das so neu gelernte gleich auszuprobieren und anzuwenden. Solche Gelegenheiten sind leider rar gesät, vor allem in einer Geschäftswelt, die durch den Drang nach schnellen Erfolge und hohem Leistungsdruck geprägt ist.

BarCamps bieten Lernfreiräume

Eins meiner positivsten Erlebnis in Sachen Lernen aus Fehlern passierte im Oktober 2008 auf dem BarCamp Berlin3. Es war mein 2. Camp an dem ich mitmachte, und mit über 600 Teilnehmern war es eines der größten in Deutschland überhaupt. Gleich am ersten Tag faste ich mir ein Herz und bereitete meine erste Session vor, getreu dem Motto: „Erfahrung macht klug“. Ich wollte einen Vortrag halten über mein Spezialgebiet ‘Szenarioentwicklung und -anwendung für weitreichende strategische Entscheidungsprozesse’. Emsig bastelte ich PowerPoint-Slides zusammen, übersetzte gar noch schnell ins Englische, da viele internationale Teilnehmer vor Ort waren. Zu Beginn war meine Session ganz gut besucht mit etwa 30-40 Zuhörern. Mit vollem Elan trug ich vor, zeigte ein Slide nach dem anderen. Um dann nach gut 10min feststellen zu müssen, dass sich die Reihen vor mir deutlich lichteten … Abstimmung mit den Füßen, die campübliche unmittelbare Rückmeldung der eigenen Relevanz. Deutlich angespannt brachte ich schließlich meinen Vortrag zu Ende in der vorgesehen Sessionzeit von 45min.

Erst frustriert, dann motiviert

Es waren noch ein paar Interessenten im Raum geblieben – und ich deutlich frustriert über die recht zurückhaltende Resonanz. Doch dann nahm mich einer der alten BarCamp-Recken Stefan P. Roos zur Seite, klopft mir anerkennend auf die Schultern und sagte (sinngemäß): „Gut gemacht Junge, gleich eine eigene Session gegeben auf Deinem ersten großen Camp. So macht man das, weiter so. Nur, beim nächsten Mal kürzt Du Deinen Vortrag auf 10min und nutzt den Rest der Zeit, um die Anwesenden mitreden zu lassen. Du bist sicher nicht der einzige hier, der was zu dem Thema zu sagen hat.“ Das saß, denn ich war tatsächlich blind davon ausgegangen, dass ich der Experte im Raum auf dem Gebiet sei.

Nun hatte ich meine Lektion gelernt. Was aber noch viel besser war, ich konnte am 2. Tag des Camps mein neues Wissen anwenden. Ich gab eine Session, die ganz auf Interaktion angelegt war. Als begeisterter Improvisationtheaterspieler zeigte ich meinen Teilnehmern, wie wir gemeinsam mit nur sieben Sätzen eine einfache Geschichte erzählen mit Held, Helfer, Problem und Lösung. Alle hatten 45min lang viel Spaß – und ich diesmal deutlich mehr und positive Rückmeldungen als bei meinem ersten Versuch am Tag zuvor.

Und bei Ihnen?

Also, wann konnten Sie das letzte Mal in ihrem Berufsalltag so richtig etwas falsch machen, ohne dabei gleich in den Boden versinken zu müssen? Und wo hatten Sie die Chance zeitnah hieraus zu lernen und es anschließend besser zu machen?

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Das BarCamp-Format: Unterwegs von Irritationen zu Inspirationen

2009-09-07, von Moritz Avenarius

Wann waren Sie das letzte Mal auf einem Workshop, einer Konferenz oder Seminar mit jemanden im intensiven Dialog, der nicht zu Ihren „Peers“ gehört? Jemand aus einem ganz anderen sozialen Kontext. Und sicher kennen auch Sie das typische Party-Phänomen: man geht mit befreundeten Menschen auf ein Fest, unterhält sich meist mit Bekannten, und ab und an lernt man auch jemanden neuen kennen. Aber er oder sie ist dann meist aus vergleichbaren Kreisen und teilt ähnliche Interessen.

Bekanntes schafft Vertrauen und Sicherheit. Wir tendieren dazu uns in Begegnungen nicht zu viel Irritation auszusetzen. Aber genau das verhindert das Entstehen neuer Ideen. Neues tritt dort auf, wo bisher unverbundene, weit auseinander liegende Phänomene auf einmal in Beziehung zu einander kommen. Das gilt für Ideen und Konzepte. Und noch mehr für Menschen.

BarCamps – Eine offene Dialogplattform

Ein Format, dass dieses Prinzip sich zu eigen macht, sind die sogenannten BarCamps. Dies sind (meist) 2-tägige (Un)Konferenzen zu einem übergeordneten Themenfeld: Werbung, Webcommunities, Wissen, eCommerce, Politik, etc. Im Unterschied zu einer klassischen Konferenz funktionieren die Camps wie eine offene Plattform: Jeder kann mitmachen (die Teilnehmerzahl ist primär durch die Kapazität der Veranstaltungsräume begrenzt), der zu dem jeweiligen Themenfeld etwas beitragen will. Dadurch kommt eine sehr heterogene Mischung an Teilnehmenden zustande. Und es gibt keine vorab festgelegte Tagesordnung mit geladenen Referenten. Statt dessen organisieren zu Beginn eines Camps die Anwesenden gemeinsam nach der Open-Space-Methode ihre Agenda selbst. Jeder kann eine Session (45min Arbeitseinheit) vorschlagen zu dem Topic, in welchem er oder sie Expertise besitzt. Durch einfaches Handzeichen geben die anderen im Plenum Rückmeldung, wer hieran ebenfalls Interesse hat mit zu arbeiten. Dies bewirkt eine hohe Kommunikationsdynamik und aktive Partizipation der Campteilnehmer – wenig passive Zuschauer, viele motivierte Akteure.

Ein besonderer Moment – Politik trifft Web2.0

Mein persönliches BarCamp-Highlight war das PolitCamp Anfang Mai 2009 im Radialsystem V in Berlin. Hier trafen Blogger, Nerds und Web2.0-Experten auf Politikern und Wahlkämpfern aller im Bundestag vertretenen Parteien. Am ersten Veranstaltungstag war die wechselseitige Irritation der Anwesenden mit Händen zu greifen: völlig unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen, was Politik und (Web-)Kommunikation leisten soll und kann, prallten aufeinander. Doch am zweiten Tag, nach dem alle mit dem offenen Organisationsprinzip des Camps vertraut waren, entwickelten sich spannende und inspirierende Gespräche zwischen diversen Teilnehmern, die zuvor nur wenig inhaltliche Berührungspunkte miteinander hatten.

Entscheidend war jenes barcamp-typische Erlebnis bei den Teilnehmern, dass alle vor Ort Experten sind auf ihrem je eigenen Terrain. Und das jeder sich mit seinem Wissen aktiv einbringen kann und dem anderen auf Augenhöhe begegnet dank des Wegfallen der sonst konferenzüblichen Trennung von Rednern und Zuhörern. Optimale Bedingungen für offene Dialoge – etwas, das gerade in der politischen Arena eher selten passiert.

Und bei Ihnen?

Also, wann waren Sie das letzte Mal im intensiven Austausch mit jemanden weit außerhalb Ihres “normalen” sozialen Umfeldes? Und wo wurden Sie positiv irritiert durch eine Begegnung, so dass neue Ideen und Inspirationen für Ihre Arbeit entstanden?

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