Robert Bosch: “Die anständigste Art der Geschäftsführung ist auch die beständigste.”
Nicht allein der lesenswerte Beitrag von Marcel Klotz „Wo sind unsere Vorbilder geblieben” fordert mich heraus, ein eng verwandtes Thema anzuschneiden.
Seit einigen Jahren verstärkt sich nicht nur bei mir der Eindruck, dass der Anstand im Geschäftsleben abhanden gekommen ist.
Schon vor zwei Jahren forderte der Bundespräsident in einer Rede mehr Respekt, Rücksichtnahme und Anstand im Umgang miteinander, auch wenn sich diese Forderung nicht ausschließlich auf das Geschäftsleben bezog.
Hilfsbreitschaft, Toleranz, Respekt
In diesem Beitrag meine ich nicht den Anstand, der sich allein auf Umgangsformen beschränkt, sondern den moralischen Anstand im Business. Moralische Anständigkeit geht weit darüber hinaus, denn sie ist mit Hilfsbereitschaft, Toleranz und Respekt vor unseren Mitmenschen, somit auch vor unseren Geschäftspartnern und mit Mitmenschlichkeit (Humanität) verbunden.
Wie aber sieht die Wirklichkeit aus?
Nehmen wir das Beispiel Markenrecht “Querdenker“, wie es hier im Blog gerade erst diskutiert wurde. Natürlich hat der Besitzer einer Marke das Recht, dafür Sorge zu tragen, dass damit kein Mißbrauch geschieht. Aber muß man wirklich gleich einen Anwalt einschalten, der die Gegenseite mit einigen tausend Euros Abmahngebühr überzieht? Kann man nicht zunächst zum Telefonhörer greifen oder einen Brief schreiben und auf einen Fehler aufmerksam machen, statt sofort anwaltliche Hilfe nehmen? Wäre das nicht „anständig”?
Oder der Internethandel, wo versehentlich falsche Preisauszeichnungen, Fehler im Impressum oder in den AGBs von Wettbewerbern und Anwälten gnadenlos ausgenutzt, und sogar die Insolvenz kleiner Händler wird dabei in Kauf genommen wird. Oder kann mir jemand erklären, welchen Wettbewerbsvorteil sich ein Händler z.B. verschafft, der seinen Vornamen im Impressum abkürzt und nicht ausschreibt? Ist es anständig, hier gleich eine teuere Abmahnung zu schicken? Ist es anständig, sofort mit scharfer Munition zu schießen, statt erst einmal einen Warnschuß abzugeben?
Über den Umgang mit Menschen
Der Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge, wurde durch seine Aufklärungsschrift: „Über den Umgang mit Menschen” berühmt.
Ehrbarer Kaufmann
In diesem Buch, damals ein ungeheurer Erfolg, konzipierte er den „Vir Bonus”, als Idealfigur des bürgerlichen Anstands. Er schuf eine Synthese dieses Vir Bonus als Idealgestalt des Humanismus mit dem Werten des anständigen, ehrbaren Kaufmanns und Handwerkers. Was ist geblieben vom Vir Bonus?
Da sind zunächst die sog. „Großen Tiere”, von denen man Vorbildfunktion erwarten sollte, denn sie stehen im Fokus. Nur ein älteres Beispiel von vielen: Ackermann, Esser & Co. War deren Verhalten in der Mannesmannaffaire von Anstand geprägt, selbst wenn es vielleicht juristisch nicht zu beanstanden war? Ist es anständig, eine Kündigung für mehrere tausend Mitarbeiter zu unterschreiben, sich aber gleichzeitig eine satte Gehaltserhöhung gewähren zu lassen? Gilt nicht auch im Business „Schlechte Beispiele verderben die Sitten”? Vorbildfunktion Fehlanzeige.
Gesellschaftliche Verantwortung
Doch wir wundern uns, dass mache einer es für selbstverständlich ansieht, wenn „mal eben” ein paar Maultaschen und Klopapierrollen geklaut oder Frikadellen vom kalten Firmenbuffet gemopst werden. Ist Vorbildfunktion in Sachen Anstand nicht auch ein Stück gesellschaftlicher Verantwortung?
So ist es bei diesen Vorbildern kein Wunder, dass der Werbeslogan von JVM „Geiz ist geil” so erfolgreich wurde und „Eins, zwei, meins”, „ich bin doch nicht blöd” usw. Wasser auf den Mühlen der Schnäppchenjäger und der Menschen war, die rücksichtslos ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil fixiert sind. Die Werbung stellte einen Freibrief aus, kennen Sie einen Slogan, der Anstand propagiert?
Ich arbeite in einer konservativen Branche, der Baubranche. Hier im Norden gilt noch ein Wort. Die Aufträge, die ich mir von Kunden habe schriftlich erteilen lassen, kann ich an einer Hand abzählen. Aber je größer der Kunde, so umfangreicher werden neuerdings die Einkaufsbedingungen. Ich habe in 2009 einen 24-seitigen Bestellanhang zurückgeschickt. Wer sich so absichert, sucht möglicherweise schon jetzt Gründe, die Zahlung zu verweigern oder den Preis nachträglich zu reduzieren. Fehlerfrei ist niemand, jedes Geschäft birgt Risiken, aber ich bin mir sicher, mit Anstand bekommt man jeden Fall geregelt.
Warum bleibt der Anstand so häufig auf der Strecke?