Manchmal finden mich Büchern, die ich nicht mehr aus der Hand legen kann… An den letzten Wochenende hat mich wieder einmal eines richtig erwischt: Die Empathischen Zivilisation von Jeremy Rifkin. Ich hatte im Vorfeld so viele polemische Kommentare dazu gehört und gelesen (Süddeutsche.de, Tagesspiegel, SpiegelOnline), dass ich es einfach selber wissen wollte…
Dieses Buch liest sich wie ein spannender Krimi über unsere menschlichen Geschichte und hat mich zutiefst inspiriert. Jeremy Rifkin beschreibt, wie es durch neue technologischen Entwicklungen immer auch zu neuen Entwicklungsschüben der Empathie gekommen ist, und wodurch empathische Entwicklungen gesellschaftlich immer wieder unterbrochen worden sind. Damit folgt er (ohne sie direkt zu erwähnen) den Entwicklungstheorien von Ken Wilber und Don Beck, die Evolution als eine fortschreitende Entwicklung des Bewusstseins beschreiben.
Seiner Meinung nach befinden wir uns gerade im Übergang zu einem globalen Bewusstsein, dass ganz wesentlich auf Vernetzung, Kooperation und Empathie basiert.
Selbst Charles Darwin, dessen Forschungen in den letzten 100 Jahren immer wieder als Beweis für den Egoismus als Grundprinzip unserer Natur herhalten mußte, war am Ende seines Lebens ganz anderer Meinung. Er hat ab 1871 sein Augenmerk mehr und mehr auf das soziale, mitfühlende Wesen der höher entwickelten Spezien gerichtet. Für ihn wurden liebevolle Bindungen und unterschiedliche Formen der Kooperation schließlich wichtiger, als das Überleben des Stärkeren und der Konkurenzkampf des Einzelnen. Irgendwie ist dieser bemerkenswerte Schlußsatz im Laufe seines Lebens allerdings verloren gegangen…
Abraham Maslow hat bereits in den 60 Jahren des letzten Jahrhunderts mit seiner Motivationspyramide beschrieben, wie sich unsere Bedürfnisse mit den Lebensumständen entwickeln und verändern. Sobald die Grundversorgung unseres Lebens gewährleistet ist, entsteht eine völlig neue Ebene von Bedürfnissen, die sich zunehmend an der Qualität unserer Beziehungen und an der Frage nach dem persönlichen Lebenssinn orientieren. Empathie, Altruismus und Kooperation werden damit ab einem bestimmten Lebens- und Bildungsstandard zu den eigentlich sinnstiftenden Erfahrungen.
Vor zehn Jahren hat Giacomo Rizzolatti dann in der Großhirnrinde von Rhesusaffen die Spiegelneuronen entdeckt und damit eine Welle neuer Einsichten über unsere Beziehungsfähigkeit ausgelöst. Inzwischen wissen wir, dass für die Entwicklung von Empathie und Kooperation die Spiegelneuronen eine wichtige Rolle spielen. Nur ein paar Jahre später hat Joachim Bauer in seinem Buch Warum ich fühle, was du fühlst die neurobiologischen Forschungsergebnisse zu den Spiegelneuronen zusammengefasst und ihre Bedeutung für unser menschliches Bewusstsein und unsere gesellschaftliches Zusammenleben beschrieben. Die Folgen des Internets und der globalen Vernetzung wären ohne sie gar nicht zu erklären. Warum teilen Menschen ihr Wissen und ihre Fragen? Wie kommt es, dass sie sich so gerne mit anderen vernetzen?
In seinen Büchern Das Prinzip Menschlichkeit und Das kooperative Gen spricht Joachim Bauer davon, dass wir über so etwas wie ein kooperatives Gen verfügen, dass gewährleistet, dass wir aufeinander eingehen, uns verbinden und kooperieren können. Damit sind wir in der Lage, wahrzunehmen, dass jeder von uns in seinem eigenen Wohlbefinden und bei der Entfaltung seiner perönlichen Möglichkeiten auf das große Ganze angewiesen ist und von der Entwicklung anderer abhängt.
Allen, die die Dynamik von Gefühlen und Beziehungen in Beratungsprozessen mitbedenken, und sich für die emotionalen Aspekte unsere menschlichen Entwicklungsgeschichte interessieren, möchte ich diese Bücher sehr ans Herz legen. Integrative Führung beginnt mit unserer persönlicher Empathie und zielt ab auf unsere kollektive Intelligenz.
Wer dann richtig hungrig geworden ist, kann bei der Sozialen Intelligenz von Daniel Goleman und der Weisheit der Vielen von James Surowiecki und Gerhard Beckmann gleich weiterlesen.
Vielleicht erwischt es sie ja auch…
Und sie verschwinden einfach mal wieder für ein Wochenende in einem richtig inspirierenden Buch.
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