Zur Person:
Anne Koark kam am 21. Mai 1963 in Barking, England, zur Welt.
Nach dem Abitur studierte Anne Koark Germanistik und Italienisch an der Universität von Hull in Großbritannien. 1982 ging sie nach Italien. Im darauf folgenden Jahr kam sie nach Deutschland, wo sie ein Jahr als Sprachassistentin an einem Gymnasium in Cochem Englisch unterrichtete. Danach machte sie ihren Abschluss in England und kehrte 1985 wieder nach Deutschland zurück. Hier arbeitete sie zunächst in der Patentanwaltsbranche. 1989 wechselte sie in die Computerbranche und betreute bundesweit einige sehr namhafte internationale Unternehmen in deren Aufbauphase. Verwaltung, Personalwesen, Controlling und EDV zählten zu ihrem Aufgabenbereich.
1999 wird Anne Koark selbstständig – sie gründet ihr eigenes Unternehmen „Trust in Business“, das ausländische Firmen in Deutschland betreut. 2001 wurde das Unternehmen als das Beste aus über 100 Unternehmen bundesweit mit dem „Breakeven Award“ für Existenzgründer der Internetzeitschrift Breakeven.de ausgezeichnet.
Sie hat außerdem 2003 die Initiative namens BIG ins Leben gerufen. BIG steht für „Bleib’ im Geschäft“ und soll Insolventen den Weg zurück in die Wirtschaft ebnen.
Ein Interview von Elita Wiegand
Sie haben vor kurzem Insolvenz angemeldet, sprechen ehrlich über ein Tabu und gehen mit Ihrem Buch "Insolvent und trotzdem erfolgreich" in die Offensive. Ein mutiger Schritt, der aber auch gleichzeitig zeigt, dass dieses Thema mit Vorurteilen und Verurteilungen behaftet ist. Welche Erfahrungen stehen dahinter?
“Ich habe wirkliche Tiefen erlebt. Nachts bin ich durch die Wohnung gegeistert und habe geschrieben, mir neue Strategien überlegt, Zahlen addiert. Meine Gedanken drehten sich um eine Frage: Wie kann ich die Firma retten? Es ist so, als wenn sie einem rasenden Tempo auf einen harten Steinboden knallen.
Ich wusste, dass es ganz eng wird und ich die Gehälter im nächsten Monat nicht mehr zahlen kann. Man hat das Gefühl, dass alles aus ist, alles, was man sich jahrelang aufgebaut hat, ist zerstört. Den größten Horror habe ich erlebt, als mir bewusst wurde, dass an der Insolvenz kein Weg vorbei geht.“
Vor der Zahlungsunfähigkeit, steht die Firmenkrise. Was waren die Ursachen für die Umsatzeinbrüche Ihrer Firma "Trust in Business"?
“Die ersten Umsatzeinbrüche machten sich bei uns im zweiten Quartal 2002 bemerkbar. In dieser Zeit gingen die Auslandsinvestitionen stark zurück. Im Ausland erschienen sehr viele negative Presseberichte über die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Dadurch wurden die Investoren vorsichtiger. Hinzu kam natürlich auch die Wirtschaftsflaute im Ausland.“
Wenn der Umsatz stagniert oder gar rückläufig ist, ziehen viele Unternehmer die Notbremse, entlassen Personal, sparen und streichen. Was haben Sie unternommen, um das Minus auszugleichen?
“Im Laufe der Jahre habe ich gute Kontakte zu Journalisten aufgebaut. Ich habe damals die PR intensiviert und die Medien mit Pressemitteilungen gefüttert. Wir haben immer gute Aufträge über die ausländische Presse erhalten. Die Maßnahmen brauchen immer Vorlauf und es dauert, bevor sich die ersten Erfolge einstellen. Einige unserer Kunden meldeten zu diesem Zeitpunkt Konkurs an - ein Rattenschwanz, von dem wir natürlich auch betroffen waren. Das Ergebnis: Wir hatten einen neuen Kunden gewonnen und am nächsten Tag einen verloren.“
Bestand irgendeine Aussicht darauf, die Firma zu retten?
“Unsere Auftragslage war gut und wir leisteten sogar Überstunden. Mein Sorgenkind war der Office Service. Wir hatten 800 Quadratmeter, aber die Büroräume standen fast alle leer. Die Miete für die Räume war am Ende des Monats trotzdem fällig. Die Zahlungsmoral unserer Kunden verschlechterte sich zusehends. Als unsere Zahlen unaufhaltsam in den Keller gingen, habe ich mich um einen Investor bemüht. Als ich zahlungsunfähig wurde, handelte es sich um eine Summe von 30,000 Euro. Uns ist dann noch ein guter Kunde abgesprungen- und das bedeutete das Aus.“
Einen Investor haben Sie demnach nicht gefunden. Also blieb nur noch der Weg zum Anwalt?
“Der Investor ist abgesprungen. Die Suche nach einem Anwalt war schwierig, weil ich jemanden finden musste, der sich in Fällen von kombinierter Firmen- und Privatinsolvenz auskennt. Der Insolvenzverwalter wurde zügig bestellt und das Gericht reagierte schnell. Was passierte dann? Zunächst wurden sämtliche Konten gesperrt, auch mein Privatkonto. Meine Lebensversicherungen und meine Rentenversicherung lag in der Hand des Insolvenzverwalters. Er bestimmte, dass wir noch zwei Monate weiter arbeiten. In dieser Zeit habe ich gekämpft. Ich wollte viel Umsatz erwirtschaften. um den Gläubigern möglichst viel zurück zu zahlen."
Sie sind Mutter von zwei Kindern. Wenn Sie kein Geld zur Verfügung hatten, wovon haben Sie gelebt?
“Mir haben Freunde geholfen. Ich bin irgendwie mit dem Kindergeld und dem Kindesunterhalt ausgekommen. Um den Ertrag zu steigern, habe ich ein Jahr lang auf mein Gehalt verzichtet. Solange der Insolvenzverwalter da war, bekam ich auch kein Arbeitslosengeld. Das Sozialamt sagte mir, solange der Insolvenzverwalter die Eigentumswohnung noch nicht verkauft habe, könnten sie nicht helfen.“
Es dreht sich alles um das liebe Geld und damit sind wir bei dem Thema Banken und knüpfen an das traurige Kapitel für mittelständische Firmen an. Haben Sie von Ihrer Bank Unterstützung erfahren?
"Mark Twain sagte einmal: „Die Bank verleiht dir den Schirm, wenn dir Sonne scheint und will ihn wieder zurück, wenn es regnet." Das fasst alles zusammen, was ich über Banken zu sagen habe. Durch die verschärften Richtlinien wird es für den Mittelstand immer problematischer einen Kredit zu bekommen. Das führt dazu, dass die Firmen überall geschwächt werden. Die Banken vergessen derzeit die Pyramide der Wirtschaft, auf der sie stehen. Mittelständische und kleine Firmen sind der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands. Wenn diese Firmen wegbrechen, haben die Banken sehr bald auch wirtschaftliche Probleme."
Sie waren eine erfolgreiche „Vorzeige“- Unternehmerin, haben den „Breakeven Award“ für Existenzgründer gewonnen und gute Gewinne erzielt. Wie haben Sie den "Abstieg" psychisch verkraftet?
"Ich habe mich immer wieder aus dem Loch gezogen. Obwohl die Mitarbeiterinnen keinen Lohn erhielten, haben sie mich unterstützt - wir haben gemeinsam angepackt! Ich habe manchmal 18 Stunden am Tag gearbeitet und am Wochenende natürlich auch. Die Seele streikte: Ich habe mich minderwertig, wertlos und ohnmächtig gefühlt- als Versagerin, die es nicht geschafft hat. Das alles kostet Kraft und Energien und manchmal hätte ich am liebsten alles hingeschmissen. Dann kam der Punkt, an dem ich mir gesagt habe: Es ist passiert. Ich kann es nicht mehr rückgängig machen, nicht mehr ändern, aber ich kann in den Spiegel schauen, weil ich keiner Person wissentlich geschadet habe. Ich bin noch da - bin immer noch der gleiche Mensch und ich gebe mein Bestes, damit die Gläubiger ihr Geld bekommen, egal, ob ich nach sechs Jahren einen Schuldenerlass habe, oder nicht. In den Momenten bin ich aufgestanden und mit dem klaren Ziel vor Augen, habe ich den Umsatz sogar verdoppelt.“
Die Gläubiger waren Ihre Kunden. Vermutlich sind viele darunter, mit denen Sie lange Geschäftsbeziehungen hatten. Wie haben Sie die Insolvenz kommuniziert und wie haben Ihre Kunden darauf reagiert?
“Überraschenderweise haben viele Gläubiger wohlwollend reagiert. Viele haben mir sogar ihre Hilfe angeboten. Ich habe zum Beispiel von jemanden einen anonymen Brief erhalten, in dem 50 Euro steckten. Unser Kaffeelieferant hat uns angerufen und gefragt, ob wir genug Kaffee hätten. Mir hat ein Gläubiger eine Mail geschickt und geschrieben, dass er mich als Unternehmerin hoch geschätzt habe und dass die Insolvenz daran nichts ändere. Ich bin dann einen Schritt weiter gegangen und habe auch die Medien über meine Firmenpleite informiert. In Wall Street online habe ich einen Artikel dazu veröffentlicht und es haben sich unzählige Menschen bei mir bedankt, dass ich dieses Tabu-Thema aufgegriffen habe. Viele von ihnen leben in der Anonymität, weil sie sich schämen, dass sie pleite sind. Viele haben existenzielle Probleme, sind total verzweifelt und tragen sich mit Selbstmordgedanken. Offensichtlich besteht ein großes Bedürfnis, darüber zu sprechen oder zu schreiben. In mir haben sie eine Ansprechpartnerin gefunden und ich konnte ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind.“
In Deutschland wird eine Insolvenz damit gleich gesetzt, dass man versagt hat. Fehler sind bei uns nicht erlaubt und werden mit Missachtung bestraft. Die Folgen dieser mangelnden Fehlerkultur haben Sie als Reaktion auf Ihren Artikel beschrieben. Was ist für Sie das Schlimmste gewesen?
“Deutsche Unternehmer werden im Falle einer Insolvenz allein gelassen. Die Menschen haben eine Firma aufgebaut, haben hart gearbeitet und werden bestraft, wenn sie scheitern. Natürlich müssen die Gläubiger ihr Geld bekommen. Punkt. Daran will ich nicht rütteln. Ich stelle aber den Sinn der Gesetzte in Frage. Dazu ein Beispiel: Meine Rentenversicherung wurde gepfändet, um in den Rückkaufswert auf den Markt zu fließen. Was passiert? Ich bin jetzt 40 Jahre alt. In den nächsten sechs Jahren werde ich bis zum Existenzminimum gepfändet und habe keine Möglichkeit eine zusätzliche Altersvorsorge zu treffen. Wenn ich 46 Jahre alt bin, darf ich wieder von vorne anfangen. Wenn ich bis 65 nicht genug Geld für die Rente zusammen bekomme, muss das Sozialamt einspringen. Das macht keinen Sinn!"
Was müsste sich ändern?
"In Deutschland hat Insolenz einen bitteren Beigeschmack und ist mit Vorurteilen behaftet. Da heißt es, der Unternehmer habe sein Geld in Sicherheit gebracht, bevor er Insolvenz angemeldet hat, man ginge krumme Wege, damit man nicht zahlen müsse. Da wird behauptet, er sei ein schlechter Unternehmer, deshalb habe er die Firma in den Sand gesetzt. Ich bin der Meinung, dass überall Fehler gemacht werden. Fehler sind menschlich. In anderen Bereichen darf man 'sorry' sagen und weitermachen.
Für meine Begriffe müssten Unternehmer betreut werden, wenn die ersten Liquiditätsprobleme auftauchen. Denn genau an dem Punkt, beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn meine Umsätze zurückgehen, scheue ich Geld für einen Berater auszugeben. Das Insolvenzrecht hakt aber auch noch ein anderer Stelle: Sie müssen Geld aufbringen, um die Insolvenz zu finanzieren. Meine Bank zu Beispiel hat die Insolvenz als Kündigung der Hypothek verstanden und hat 10.000 Euro Fälligkeitszinsen einbehalten. Deshalb plädiere ich für eine Pflichtversicherung; eine Art Insolvenzschutzversicherung. Wenn jemand ein Gewerbe anmeldet, zahlt er monatliche Beiträge und hat damit die Möglichkeit in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den Anwalt zu zahlen. Diese Versicherung müsste selbstverständlich aus den Pfändungen heraus genommen werden. Denn: Anwälte arbeiten nur auf Vorkasse und wenn ihre Konten gesperrt sind, sehen sie alt aus, vor allem dann, wenn sie keine Freunde haben, die sie unterstützen und ihnen Geld leihen.“
Krisen sind immer auch eine Chance. Ihr Buch wird viele wach rütteln, andere werden bei Ihnen Hilfe suchen und sie werden viel bewegen. Eine Aufgabe?
“Meine Aufgabe ist es, Menschen Mut zu machen. In Deutschland gibt es viele Menschen, die helfen, wenn man sie um Hilfe bittet.
Meine Aufgabe sehe ich auch darin, mit dem BIG Projekt eine Möglichkeit zu bieten, dass Insolvenzler eine vernünftige Beratung bekommen und sich wieder eingliedern können. Ich hoffe, dass die Rahmenbedingungen einfacher werden. Und natürlich habe ich außerdem die große Aufgabe, wieder Geld zu verdienen, damit die Gläubiger ihr Geld zurückbekommen.“ |