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10.05.2012  10:01 Uhr

Champions-League-Finale 2012
Eine Ablenkung die sich lohnt!

Im Vorspiel trifft Messi nur die Latte, Ronaldo verschiesst, Mourinho verliert und Guardiola geht. Im wichtigsten (inter-)kulturellen Bezugssystems unserer Zeit – dem Fussball – spielt sich Ausserordentliches ab. Vermutlich gewinnt sogar der einzige Spitzenclub, der Geld nicht nur verbrennt, sondern auch verdient! Was wenn Fussball mehr mit unserem Weltbild gemein hat, als Sie wahrhaben?

Bringen Sie Ihren Chef zum schwitzen und fragen Ihn einfach einmal beim Mittagstisch, wie Ihr Team von den neuesten Trends im Profifussball profitieren könnte. Und nutzen Sie den CL-Input für ein Update ihrer mentalen Landkarten zu Führung- und Organisationsgestaltung. Wir zeigen, worauf es sich zu achten lohnt.

Ab durch die NEUE MITTE

Die Entdeckung der neuen Mitte war die Entdeckung an der WM 2010 für Organisationen. Stellen Sie sich für einen Moment die Wertschöpfungskette Ihres Unternehmens als Fussballteam vor. Im ersten Fall werden Inputs in begehrenswerte Outputs für Kunden übersetzt. Der Einkauf versorgt die Produktion mit exquisiten Zutaten, die vom Marketing abgesetzt werden. Im Fussball überbrückt das Team einen ganz ähnlichen den Raum von Box to Box. Die Intelligenz spielt im Raum dazwischen, sprich der Verbindung der Mannschaftsteile. Beim Weltranglistenzweiten Deutschland gab es früher einen Ballack, dann Schweinsteiger und Kedhira als Verbindungsglieder zwischen Angriff und Verteidigung. Bei Weltmeister Spanien hielten 6 Spieler mit annähernd gleich hohen Passzahlen die Mannschaft zusammen, nein, sie bilden eine neue Art von Mannschaftsteil. Die permanent arbeitende Mehrheit, die kritische Masse im Zentrum. Wer mochte sich nicht mit ihr Identifizieren, wer nicht aus der Box im kreativen Zwischenraum mittun? Der Schlüssel zum Erfolgsrezept des neuen Fußballs mundete wohl: das Zentrum ist da, wo der Ball schnell durchkommt.

Geld oder Gloria?

Bis zum CL-Halbfinale schien die Welt noch in Ordnung. Allgemein wurde der spanische Final erwartet: Geld oder Gloria. Die dominante Logik des Weltmeisters warf Ihre Schatten voraus. Mit ruhig fliessenden Handbewegungen wies Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque 2010 den Weg an die Spitze: stete Rotation, Variation, Transformation des Spiels signalisierend. Der ‘Flow’ war das Ziel. Genauso wie beim zweieiigen Zwillingsbruder Barcelona schien Erfolg ein scheinbar unvermeidliches Nebenprodukt der Wucht des kollektiven Gestaltungswillens. Plötzlich scheitert Barcelona in der Liga an Madrid und in der Champions-League an Chelsea.

SCHWARM hat ausgeschwärmt?

Beim letzten CL-Finale 2011 besiegte Barcelona ManU noch magistral. Xavi spielt in dieser Partie mehr erfolgreiche Pässe, als die 4 passstärksten ManU-Spieler zusammen (141 zu 132) – total gab es 8 Barcelona-Spieler, von denen mehr Pässe angekommen sind, wie von erfolgreichsten ManU-Passer Rio Ferdinand.

Dynamik des Spiels

Die Überlegung dahinter war einfach: vom Gegner ohne Ball geht weniger Gefahr aus. Weil ein scharf abgespielter Ball sich schneller bewegt als jeder Gegenspieler, ist eine hohe Passfrequenz für die permanente Spielverlagerung, den Flow im Spiels wichtig. In Videoaufnahmen erschliesst sich die Mechanik ihres Tiki-Taka-Spiels: man sieht jeweils sehr gut die Dreiecksbildung der Mitspieler um den jeweils ballführenden Mann. Kopf hoch bei der Ballannahme, damit wenigstens immer 3 Anspielstationen in Kurzpassdistanz erreichbar sind – wer kennt diese Regeln nicht aus dem Schwarmexperiement im vorletzten Kreativworkshop. Anspielbarkeit war die Grundlage für die sehr hohe Passfrequenz im spanischen Mittelfeld. Xavi & Co führen den Ball weniger als 0.9 Sekunden vor dem nächsten Abspiel. Das gibt 11 Pässe in 10 Sekunden; bei jeder Station 3 Anspielpartner mit einbeziehend. Die entstehenden Spielzüge sind nicht mehr plan- oder vorhersehbar; sie ergeben sich einfach aus der Dynamik des Spiels. Strategieexperten beschwören die sich wie von selbst ergebende Emergenz. Xavi sagt dazu: «Bei Barcelona habe ich das Selbstvertrauen bekommen, um nicht unbedingt verstehen zu müssen, warum ich die Pässe so spiele, wie ich sie spiele.» Hauptsache die Pässe kommen an und halten das Spiel im Fluss. Der Weg war das Ziel, nur der Ball muss ins Tor und nicht ins Eigene! Gegen Chelsea war dann nach 14 Titeln in 4 Jahren Schluss. Trotz 78% Ballbesitzt und einem Mann Überzahl.

MESSBARKEIT?

Die WM 2010 in Südafrika endete mit der für Betriebswirte guten Nachricht, dass erfolgreicher Fußball gemessen werden kann. Ein Blick auf die FIFA-Statistik genügte. Gewonnen haben die Teams mit den meisten Ballkontakten, der höchsten Laufbereitschaft und Ballbesitzrate, den direktesten, schnellsten Zuspielen – die Mannschaften, welche den Ball am besten laufen liessen. Nun war Luis van Gaal – der Nietzsche im Philosophiegebäude des neuen guten Fussballdenkens – bekanntlich nicht im Operativen, sondern in der Disziplin ,Beziehung zum Aufsichtsgremium‘ gescheitert. Van Gaal legte als Trainer nicht nur den Grundstein für Barcelona‘s und Bayern‘s Erfolg, sondern war auch Spiritus Rector von José Mourinho, der Chelsea und Madrid formte. Der Kreis schliesst sich: Van Gall forderte Ballbesitz, totale Kontrolle des Zentrums und ein ruhiges warten auf die Möglichkeit zum diagonalen Pass in die Tiefe. Auf den Autoritären Holländer übernahm Jupp Heynckes das Gross des Bayern Kaders. Ausgehend von der Prämisse ,die CL gewinnt man mit einer soliden Abwehr‘, wurde die Risiko-Balance zwischen Abwehr und Angriff gesucht. Heynckes ergänzt die gut eingespielten offensiven Routinen um einen konstant agierenden Torhüter und legt besonderes Augenmerk auf eine kompakte Defensive, mit der beim Rekordmeister auch der Erfolg zurückkehren sollte. Die Pointen der CL-Kampagne 2012 sind gerade für Betriebswirte noch bemerkenswert: In der CL gewinnt mit einiger Wahrscheinlichkeit die einzige Mannschaft im Spitzenfeld, die nicht nur Geld verbrennen, sondern auch verdienen. Chelsea hat alleine letztes Jahr 97 Millionen Euro Verlust gemacht, Madrid in den letzten 3 Jahren Spieler auf Pump für 300 Millionen Euro gekauft und Barcelona wies trotz spektakulärer sportlicher Erfolge 2011 einen Nettoschuldenstand von 364 Millionen Euro auf. Der sportliche Vater des Erfolges bleibt so-oder-so unerwähnt und hat für die kommende Spielzeit noch keinen neuen Trainervertrag in der Tasche.


 

(Dr. Joachim Maier)

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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Joachim Maier
Bild Nr. 2 © Jo Maier

 

 


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