Weert Canzler, Mobilitätsexperte
Zukunft der Mobilität
Die deutsche Automobilindustrie jubelt, fährt satte Gewinne im Ausland ein und drückt aufs Gaspedal. Der Mobilitätsexperte Weert Canzler bremst die Euphorie. „Wenn die Hersteller nicht bald das Lenkrad herumreißen, sich bewegen und auf neue Geschäftsmodelle umsteigen, bläst ihnen ein rauher Wind ins Gesicht“, warnt er.
Während die Nachfrage in Deutschland stagniert, profitiert die deutsche Automobilindustrie derzeit stark vom Export. Vor allem die Premium-Hersteller legen im Ausland deutlich zu. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?
Weert Canzler: Der derzeitige Exportboom führt dazu, dass sich die deutsche Automobilindustrie zurücklehnt und da weitermacht, wo sie vor der Krise aufgehört hat. Durch die Finanzkrise und auch durch die radikale Erhöhung der Mineralölpreise sind gewaltige Irritationen aufgetreten, aber die werden gerade durch den Export, vor allem von den deutschen Premium-Hersteller, völlig verdeckt. Der augenblickliche Verkaufserfolg wirkt sich auf die längere Zukunftsperspektive problematisch aus.
Wie gehen die Hersteller mit der Flaute auf dem deutschen Markt um?
Weert Canzler: Der deutsche Automarkt leidet derzeit unter strukturellen Effekten. Durch die Abwrackprämie haben wir einen gesättigten Markt und wir verzeichnen insgesamt nur leichte Zuwächse. Die eigentliche Verkaufsdynamik spielt sich in Asien, Südamerika und Russland ab.
Wenn der Markt gesättigt ist, müssen sich die Hersteller etwas anderes einfallen lassen. Wie sieht es mit neuen Konzepten aus?
Weert Canzler: Es gibt kleine, zarte Pflanzen dieser neuen Konzepte. Das bekannteste ist das car2go Konzept, das Daimler in Ulm eineinhalb Jahre sehr erfolgreich ausprobiert hat. In Texas wird jetzt dieses Carsharing Konzept mit einer höheren Zahl aufgelegt, mit dem Argument, wenn es in den USA klappt, dann klappt es überall. Die Planung geht immerhin so weit, dass man ab 2011 das car2go Konzept auch in großen europäischen Städten umsetzen will. Das Geschäftskonzept für Westeuropa liegt vor und das ist eine völlig neue Qualität, weil es da in erster Linie nicht auf den Verkauf von Automobilen, sondern auf eine neue Nutzungsweise ankommt, mit der Geld verdient wird.
Das klingt schmerzhaft, zumal das Auto doch des Deutschen liebstes Kind und ein Statussymbol ist. Inwieweit sind die Hersteller auf die Entwicklung vorbereitet?
Weert Canzler: Die Branche ist nur begrenzt auf die Entwicklungen vorbereitet. Es gibt Firmen, wie das car2go Beispiel von Daimler zeigt, die eine gewisse Tradition von alternativen Konzepten haben. In anderen Unternehmen ist man da wesentlich unbedarfter und setzt immer noch voll auf Technik, die technische Kompetenz und auf das, was man seit Jahrzehnten erfolgreich gemacht hat. Wer gut vorbereitet ist, sind die Japaner, insbesondere Toyota. Durch die Enge und Raumnot waren die Japaner schon immer gezwungen, anders zu denken. Sie erleben frühzeitig, was wir in Zukunft in allen Metropolen erleben werden, nämlich nicht so sehr, dass die Fahrzeuge die Luft verschmutzen, das ist auch schlimm genug, sondern, dass sie schlichtweg nicht mehr in der großen Zahl, wie wir das gewohnt sind, bewegt werden können. Das war im Übrigen auch der entscheidende Punkt, warum es in London diese Veränderungen und die City-Maut gibt.
Wie beurteilen Sie die Möglichkeiten, dass Hersteller zu Mobilitätsdienstleistern werden und integrierte Mobilitätskonzepte anbieten?
Weert Canzler: In den gesättigten Märkten muss sich die Branche bereits in der nächsten Zeit umstellen und die Autohersteller müssen zu Mobilitätsdienstleistern werden. Die Motorisierung wird aber auch in Asien schnell an die Grenzen kommen. In Asien besteht ein großes Platzproblem, ein Ressourcenproblem und die Klimafolgen des Verbrennungsmotors werden dort völlig unbeherrschbar werden. Das heißt, dass dort schon sehr viel früher als bei uns integrierte Mobilitätskonzepte umgesetzt werden müssen. Mit dem Verkauf von Autos wird trotz allem Optimismus im Moment in fernerer Zukunft kein Geld mehr verdient werden.
Die Mobilität der Zukunft beinhaltet Elektromobilität. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen im Jahr 2020 über eine Million Elektroautos auf den Straßen fahren. Wie realistisch ist das Ziel?
Weert Canzler: Es ist ein ambitioniertes Ziel der Bundesregierung. Es wird vermutlich so sein, dass man es erreicht, aber nur, indem man auch die Hybridfahrzeuge dazu zählt. Es gibt nur eine Möglichkeit voranzukommen und das ist, wenn man Flotten mit Elektrofahrzeugen besetzt, also sowohl für Mietfahrzeuge als auch für Business Fleetcars. Da sehen wir die Möglichkeit, dass man in relativ kurzer Zeit die Fahrzeuge ersetzt und durch Elektrofahrzeuge austauscht und dann könnte man auch in die Nähe der politisch gewünschten Zahl von einer Million Elektroautos kommen. Flotten sind leichter beherrschbar, während der private Nutzer erst einmal ein Auto kaufen müsste, was doppelt so teuer ist und im Vergleich mit einem Fahrzeug mit einem Verbrennungsmotor nur die Hälfte kann. Private Autokäufer wird man nur mit großen finanziellen Anreizen dazu bringen und dann haben sie möglicherweise trotzdem ein Problem mit den Ladezeiten und fehlenden Lademöglichkeiten. Die Zukunft bis 2020 liegt im Flottenbetrieb. Auch dafür braucht es Anreize und gesetzliche Vorgaben..
Elektroautos machen nur dann Sinn, wenn sie mit regenerativem Strom betrieben werden. Wie sieht es damit aus?
Weert Canzler: Bei den Konzernen ist viel „Greenwashing“ dabei. Im Prinzip ist es richtig, dass wir Elektromobilität sinnvoll nur mit regenerativem Strom betreiben können, alles andere wäre Wahnsinn. Und das ist das entscheidende Argument für den Flottenbetrieb, weil wir da ganz gezielt die Fahrzeuge dann betanken können, wenn der regenerative Strom überschüssig zur Verfügung steht. Das ist besonders nachts und zu schwachen Nachfragezeiten am Wochenende der Fall. Nur über ein Flottenmanagement kann man den überschüssigen Strom, der jetzt an der Börse mit negativen Preisen gehandelt wird, aufnehmen. Deswegen glaube ich auch, dass die Koppelung gut klappen kann, auch bis 2020. Danach sowieso, weil wir bei einem steigenden Anteil regenerativer Energien immer mehr temporäre Überschüsse haben werden und da brauchen wir Puffer. Eine hohe Zahl von Batterien wie in Elektrofahrzeugen ist in der Summe ein idealer Puffer.
Wo sehen Sie als Mobilitätsexperte die Lösungen für eine zukunftsfähige Mobilität?
Weert Canzler: Die Vision ist eine Integration der Verkehrsmittel unter Einschluss des Autos. Ein Beispiel: Ich bin der Stadtbewohner XY, habe ein Abo auf Mobilität bei einem Anbieter und kann damit alle öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und habe damit auch ein Kontingent für Fahrräder und verschiedene Elektrostadtautos. Für den Fernverkehr habe ich günstige Optionen für Bahn- und Flugtickets und all das zusammen ist mein Mobilitätsbudget für einen Monat oder für ein Jahr. Auch das Auto ist mit drin, aber es ist nicht das beherrschende Verkehrsmittel. In der Stadt benötige ich ab und an ein Elektroauto, für längere Fahrten habe ich die Option auf ein Hybridfahrzeug oder auf längere Sicht auf ein wasserstoffbetriebenes Fahrzeug. Die Integration verschiedener Verkehrsmittel wäre der Traum. Das Elektroauto ist natürlich besonders interessant, weil es wie gesagt in der Stadt als Puffer für regenerative Energien steht und damit kann man auch ein interessantes Geschäftsmodell anbieten, weil man den Strom verkaufen könnte. Wir sind davon leider noch weit entfernt, aber die technischen Elemente sind im Prinzip vorhanden.
Was müsste passieren, damit Ihr Traum möglichst schnell Wirklichkeit wird?
Weert Canzler: Es muss jetzt erst mal einen Schub geben, damit wir überhaupt zu einer nennenswerten Anzahl von Elektroautos kommen. Vor allem muss die deutsche Produktion anziehen. Das, was wir in den nächsten Jahren kaufen können, sind japanische und französische Elektroautos. Und in ein paar Jahren werden wir auch mit chinesischen Elektroautos überschwemmt. Es ist wichtig, dass wir in Deutschland über die Nachfrage auch ein gewisses Volumen erzeugen. Das können wir nur, indem wir jetzt eine Förderung im Einsatz von Flotten auflegen. Die Hersteller müssen sich bereit erklären, dafür Autos zu bauen und es nicht ewig hinauszögern mit dem Argument, dass erst die Batterie weiter erforscht werde müsse. Das scheint mir im Moment eine Verzögerungsstrategie zu sein, alles auf die Erforschung der Batterie zu setzen. Diese Verzögerungen sind jedoch fatal. Die Asiaten sind viel pragmatischer und werden mit Macht in den Markt drängen und da müssen wir gewaltig aufpassen, nicht den Anschluss verpassen.
(Elita Wiegand)
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