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05.05.2011  10:55 Uhr

Prof. Gunter Dueck
"Wir müssen aufhören zu jammern!"

Ein Querdenker in einem Konzern? Prof. Gunter Dueck ist Chief Technologist bei IBM. Er entwickelt neue Ideen und steht für Innovationen - und als Querdenker oder "Wild Duck" tanzt er aus der Reihe und er "ver-rückt" in seinen Vorträgen, Büchern und Kolumnen überholte Denkmuster.

re:publica 2011 Gunter Dueck - Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem

Elita Wiegand: Querdenker sind in den meisten Konzernen eher selten vertreten. Wie sind Sie zum "Wild Duck" bei IBM geworden?

Gunter Dueck: Bei IBM nennt man mich „Wild Duck“ und das passt wunderbar zu meinem Namen Dueck. Ich habe immer meine Meinung vertreten und dazu gestanden und wurde somit zum Querdenker. Vor etwa 15 Jahren hat mir mal ein Chef von IBM gesagt: „Sie stehen zu sehr auf dem harten philosophischen Boden der Wahrheit. Es wäre besser, wenn Sie sich in Rufweite aufstellen, damit wir Sie besser hören und verstehen können.“

Diese Bemerkung habe ich nie vergessen und inzwischen weiß ich, dass man als Querdenker seine Meinung gezielt und fundiert formulieren muss. Das heißt nicht unbedingt, dass man nur konstruktive Kritik üben muss, aber man muss es so rüberbringen, dass die Menschen verstehen, was man sagen will. Vieles ist in der Wirtschaft bekannt, zum Beispiel, dass die Festnetze verschwinden, immer mehr rationalisiert wird, Arbeitsplätze durch die IT verschwinden, die Automobilindustrie den Anschluss verpasst. Das sind banale Weisheiten und es hilft nichts, die immer wieder zu predigen. Das wäre auch kein Querdenken, sondern die Tatsachen basieren auf banaler Vernunft. Doch viele wollen die Wahrheit gar nicht hören und so dauert es, bevor es bei den Menschen ankommt. Das wiederum erfordert Geduld und man muss Verständnis aufbringen.

Elita Wiegand: Geduld ist also gefragt und ich frage mich ungeduldig: Warum gibt es nicht mehr Querköpfe in Unternehmen, wo sind die Manager, die anders denken, neu denken? 

Gunter Dueck: Tja, früher haben Manager Prozesse strukturiert, geordnet und organisiert. Das Web hat vieles verändert. IBM hat die Prozesse ins Intranet verlagert und dadurch hat der Manager jetzt viel Zeit. Heute sind Chefs gefragt, die sich um das Wohl der Mitarbeiter kümmern, die Personalentwicklung betreiben, Talente fördern oder zum Beispiel den Frauenanteil stärken. Die menschliche Seite hat mehr Gewicht, es geht um „soft skills“. Diese neuen Aufgaben verlangen jedoch eine andere Persönlichkeit der Führungskraft.

Elita Wiegand: Und wo kommen die neuen Führungskräfte her?

Gunter Dueck: Das ist schwierig. Jemand, der mit dem alten Denken Manager geworden ist und prozessorientiert arbeitet, wird sich nur schwer umstellen und da hilft auch kein zweitägiger Workshop, um Empathie oder Mitarbeiterpsychologie zu lernen. Bei IBM wird etwa alle sechs Jahre das Führungsbild verändert. In den 90er Jahren gehörte „Entschlossenheit“ dazu, heute steht „Vertrauen genießen“ ganz oben. Unternehmen müssen Ihren Mitarbeitern mehr vertrauen. Erst wenn die Mitarbeiter das Vertrauen des Managements und des Unternehmens bekommen, können sie sich mit neuen Technologien beschäftigen.
Hinzu kommt, dass sich die alten Managementstrukturen im Konzern auflösen und immer mehr Mitarbeiter zu „Mitunternehmern“ werden, weil einfach viele in mehrere Projekte eingebunden sind und der Chef nicht mehr das Sagen hat. Heißt, man agiert mal als Chef, mal als Gruppenmitglied oder als Projektleiter.

Elita Wiegand: Können Sie mir als Manager erklären, warum zum Beispiel immer noch ineffektive Meetings in Unternehmen abgehalten werden? 

Gunter Düeck: Bei IBM sind die Meetings auf eine Stunde begrenzt, weil wir über das Telefon konferieren. Ich glaube aber nicht, dass die Meetings heute effektiver geworden sind. Es gibt viele Firmen, da tragen die Mitarbeiter im 20 Minuten-Takt irgendwelche Präsentationen vor, die keinen interessieren und die bereits vorher per Mail rumgeschickt wurden. Meine Meetings habe ich geändert, in dem ich einen Mitarbeiter, der das Vertrauen der ganzen Abteilung genießt, zum Leiter erkläre. Er hat die Aufgabe, herauszufinden, ob ein Meeting überhaupt nötig ist. Dadurch wurden die Besprechungen weniger und effektiver, weil jeder ein Anliegen hat und nur noch Wichtiges besprochen wird.

Elita Wiegand: Und Ihr Führungsstil - was machen Sie anders?

Gunther Dueck: Ich habe einen anderen Führungsstil praktiziert, denn mir ist es wichtig, den Mitarbeitern viele Aufgaben zu übertragen und die Talente an der richtigen Stelle einzusetzen. Ich wollte nicht immer nur als Chef gesehen werden, der etwas vorgibt oder gar autoritär auftritt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Mitarbeiter hervorragend selbst organisieren können, wenn man sie lässt.

Elita Wiegand: Aber Manager des alten Stils kleben doch an der Macht…

Gunter Dueck: Oh ja. Bei Machiavelli steht, wie der Fürst seine Macht erhält. Ich versuche es mit meinen Worten zu sagen, weil mir das Zitat nicht mehr einfällt. Es gibt zwei Möglichkeiten der Macht: Entweder Du bist beliebt beim Volk und sie beten Dich an oder Du lehrst dem Volk das Fürchten. Das Erstere ist natürlich besser, nur ist es kaum einem gegeben. Also lautet die Frage: Guck in den Spiegel, ob Du wirklich vom Volk geliebt werden willst. Ich sage aber auch ketzerisch, dass die Gesetze der Ökonomie nicht die gleichen sind, wie die Gesetze der Macht.

Es geht Unternehmen nicht vorrangig darum, dass ich meine Macht erhalte, sondern es geht darum, dass ich vernünftige ökonomische Entscheidungen treffe. Trotzdem werden die Prinzipien der Macht in der Wirtschaft und Politik angewendet und da muss man sich fragen, ob die Machterhaltungsstrategien sinnvoll sind. Die Antwort ist eindeutig „Nein“ und ich bin froh, dass über das Web vieles transparenter wird und wir mitreden können. Durch den hohen Vernetzungsgrad sind wir informiert und in Unternehmen sind die Mitarbeiter in alle Prozesse oder in Projekte eingebunden. Das bedeutet aber auch, dass jeder die volle Bandbreite beherrschen muss. Auf der anderen Seite muss die Führungskraft auch vernünftige Beiträge in den Projektteams leisten können.

BUCHEMPFEHLUNG:

Elita Wiegand: Sind wir darauf eingestellt? Was müssen wir lernen? Wie weit sind wir von der „Exzellenzgesellschaft“ entfernt, die Sie in Ihrem Buch fordern?

Gunter Dueck: Die meisten Menschen glauben, dass wir genug gelernt haben. Und nun komme ich und sage, dass wir noch viel mehr lernen müssen. Da gehen viele auf die Barrikaden und beschimpfen mich. Das ist zum Teil Kritik, an dem was ich fordere, aber es ist auch ein Urteil über das Bildungssystem. Viele Menschen haben die Schule in schlechter Erinnerung, denn die Pädagogik, wie wir sie erleben, ist grottenschlecht, verstaubt und veraltet. Studenten gehen heute nicht mehr in die Uni, weil die Professoren und die Bücher so schlecht sind.

Elita Wiegand: Sie proklamieren das Ende der Kreidezeit. Wie schlucken  Lehrer Ihre Thesen?  

Gunter Dueck: Ich habe 1969 Abitur gemacht und damals haben wir uns schon darüber aufgeregt, dass wir Mittelhochdeutsch lernen mussten. Da wurde uns Walther von der Vogelweide eingetrichtert – wer braucht das? Oder Erdkundeunterricht: Da wird den Schülern ein dickes Buch mit ein paar Bildern in die Hand gedrückt und ein Jahr lang Deutschland, Europa oder Asien gelehrt. Dabei gibt es heute Google Earth – in einer Stunde habe ich das Pensum drin. Wir vergessen, dass die Digital Natives in einer anderen Welt aufwachsen und die brauchen eine andere Lehrmethode. In der Schule haben die immer noch Frontalunterricht, ne Tafel mit Kreide und Lehrer, die von oben herab lehren, während die jungen Leute zu Hause vernetzt sind und mit dem iPhone und dem iPad arbeiten. Die Lehrer brauchen dringend einen Führerschein für das Web, damit sie verstehen, wie die Welt inzwischen tickt.

Elita Wiegand: Von der Steinzeit zur Exzellenzgesellschaft – Aufbruch! Wo ist er denn? 

Gunter Dueck: Ich erlebe keinen Aufbruch und schon gar nicht auf dem Bildungssektor. Die Lehrer fühlen sich angegriffen, wenn man sagt, dass sich das Bildungssystem verbessern muss. Auf Twitter schreiben mir Lehrer, dass es ihnen graust, wenn sie mein Buch “Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen“ lesen oder einen Vortrag von mir hören. Manche haben mich in ihren Tweets als Vollidiot bezeichnet. Da kommen oft harte Kritiken, die mir auch zu Herzen gehen. Anders reagieren die „Digital Natives“, die schreiben, dass sie sofort meine Schule besuchen würden.

Elita Wiegand: Und wie würde Ihre Schule aussehen? 

Gunter Dueck: Ich würde die ganze Schule schöner machen, die Bildung effizienter gestalten - Lernen muss einfach Spaß machen. Durch eine gezielte Nutzung der Internettechnologien könnten wir Zeit gewinnen, Zeit, um in Schulen zu diskutieren und uns mit wichtigen Fragen beschäftigen. Es gibt aber immer noch genug Lehrer, die glauben, dass man Bildung über starre Lehrpläne oder über das Pauken erreicht.

Elita Wiegand: Wir sind doch nicht nur in der Schule starr und unbeweglich….

Gunter Dueck: Uns fehlt eine gesunde Streitkultur, Auseinandersetzungen, Diskussionen. In Konferenzen oder auf Kongressen hört man die ewig gleichen Vorträge, die stinklangweilig sind. Dieser Mainstream oder die Gleichförmigkeit ist einfach furchtbar. Es wäre so toll, wenn wir bei IBM zum Beispiel mal eine Stunde über Cloud Computing diskutieren und uns damit beschäftigen, wie es mit dem Thema weitergeht.

Elita Wiegand: Der Durchblick fehlt. Inzwischen ist Komplexität ein Zauberwort für alles, was wir nicht mehr begreifen können oder verändern wollen. Wie komplex ist denn unsere Arbeit? 

Gunter Dueck: Wer Komplexität heranzieht, zeigt eigentlich nur, dass er innerlich zerrissen ist. Meistens sind das Menschen, die nicht genau wissen, was sie eigentlich wollen. Die Komplexität ist kein Thema von heute, die war immer schon da. Ich muss für den Kunden arbeiten, für den Mitarbeiter und der Chef muss Geld verdienen. Wenn aber nun ein Chef zu stark kontrolliert, alles an sich reißt, dreht er sich im Hamsterrad und diese Überforderung nennt man dann Komplexität.

Elita Wiegand: Und wie wirft man die Kontrolle über den Haufen?

Gunter Dueck: Durch die IT wird vieles sichtbarer. Der Manager wird bombardiert mit dem Quartalsergebnis, er soll sich auf Nachhaltigkeit einstellen, die Mitarbeiter sind argwöhnisch, weil ihnen etwas weg genommen wird, die Kunden pochen auf Verträge - inzwischen gibt es zu viele Messfunktionen, die einzeln alle abgefragt werden und wo überall Druck entsteht.
Durch die IT-Systeme wird man kontrolliert und es wird nachgefragt. Von allen Seiten ist der Manager gefordert, weil alle sagen “Mach mehr für mich!“ und das ist eigentlich eine unnötige Komplexität. Wir müssen lernen, mit dem Druck besser umzugehen und müssen auch lernen, die Widersprüche auszuhalten. Man muss sich menschlich umstellen, um wieder mehr Zeit zu haben, um in einer gewissen Ruhe die notwendigen Entscheidungen zu treffen.

Elita Wiegand: Wie erfinden wir die Bildung, die Wirtschaft, die Unternehmen neu?

Gunter Dueck: Wir müssen aufhören zu jammern und Schuldige zu suchen. Wir müssen einfach anfangen. Machen! Wenn ich höre, dass jetzt die Automobilindustrie jammert und fordert, dass sie Staatshilfen braucht, um auf den Zug Elektromobilität aufzuspringen, fasse ich mir an Kopf oder die Energieversorger brauchen Staatshilfen für Erneuerbare Energien. Diese Einstellung ist höchstgefährlich, denn damit werden Entscheidungsprozesse unendlich verzögert und die Zeit läuft uns davon. IBM braucht auch keine Staatshilfen, sondern wir erfinden uns neu, weil wir uns in einem dauernden Wandel befinden. Ich hoffe und wünsche mir, dass die Open Source Jünger das Bildungssystem wie Wikipedia von unten aufrollen und demnächst alle Lehrinhalte in einen riesigen App Store digitalisiert und für jeden weltweit zugänglich sind.


 

(Elita Wiegand)

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Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © Gunter Dueck

 

 


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2 Kommentare »

25.08.11 11:03 Uhr
Rheinbote
Nit quake - make
schon immer ein Motto des Rheinländers: Nit quake - make (zu deutsch: nicht lange quatschen, sondern einfach tun)
11.09.11 17:55 Uhr
MacOkieh
Falsche Basisannahme
Herr Dueck geht davon aus, dass Unterricht immer noch so funktioniert wie 1969. Frontalunterricht ist mittlerweile ein absolutes No-Go in der Schule, zumindest bei der jüngeren Generation von Lehrern. Das System insgesamt ist allerdings finsterstes Mittelalter, inneffizient und tief verkrustet, in meinen Augen nicht reformierbar.
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